{"id":11072,"date":"2020-05-26T10:03:24","date_gmt":"2020-05-26T09:03:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=11072"},"modified":"2020-05-26T13:05:05","modified_gmt":"2020-05-26T12:05:05","slug":"covid-19-familien-mit-besonderen-beduerfnissen-am-anschlag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2020\/covid-19-familien-mit-besonderen-beduerfnissen-am-anschlag?lang=de","title":{"rendered":"COVID-19: Familien mit besonderen Bed\u00fcrfnissen am Anschlag?"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Familien mit Kindern mit besonderen Bed\u00fcrfnissen werden in einem Lockdown hart auf die Probe gestellt. Professorin Andrea Samson geht mit ihrem Team in einer internationalen Studie der Frage nach, welche Auswirkungen die COVID-19-Pandemie auf betroffene Kinder und Eltern hat. Die Ergebnisse sollen unter anderem Anhaltspunkte bieten, worauf in zuk\u00fcnftigen Krisensituationen geachtet werden muss. Deshalb interessiert sich auch die Politik daf\u00fcr.<br \/>\n<\/strong><\/h4>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Samson.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-11077 alignleft\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Samson.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Andrea Samson, in Ihrer aktuellen Studie steht die Frage im Vordergrund, wie Familien mit Kindern mit Behinderungen und Entwicklungsst\u00f6rungen mit den Folgen der COVID-19-Pandemie zurechtkommen. Was erhoffen Sie sich davon?<\/strong><br \/>\nIm chEERS Lab erforschen wir sozioemotionale Prozesse bei Personen mit verschiedenen Entwicklungsst\u00f6rungen und geistigen Behinderungen. Wir wissen, dass Familien mit Kindern mit besonderen Bed\u00fcrfnissen im Alltag mit vielen Dingen zu k\u00e4mpfen haben. Als es zum Lockdown kam, fragten wir uns: Wie ergeht es nun wohl jenen Familien, die eines oder gar mehrere Kinder mit besonderen Bed\u00fcrfnissen haben und auf besonders viel Hilfe, Begleitung und Unterst\u00fctzung angewiesen sind? Wie ist das, wenn pl\u00f6tzlich jegliche Unterst\u00fctzung wegf\u00e4llt und sogar Institutionen schliessen? Welches sind die \u00c4ngste und Sorgen der Eltern, welches diejenigen der Betroffenen? Mit welchen Strategien versuchen sie mit m\u00f6glichen negativen Emotionen umzugehen? Es ist wichtig, diese Fragen zu beantworten, auch, um bei einer m\u00f6glichen zuk\u00fcnftigen Krisensituation vorbereitet zu sein.<\/p>\n<p><strong>Ist ein Lockdown f\u00fcr Kinder mit speziellen Bed\u00fcrfnissen besonders schwierig?<br \/>\n<\/strong>Das gilt es nun zu untersuchen. Es d\u00fcrfte auf verschiedene Faktoren ankommen, etwa auf die Art der Beeintr\u00e4chtigung, die Art der Unterst\u00fctzung, darauf, wie stark die Familie abfedern kann, was pl\u00f6tzlich an Unterst\u00fctzung wegf\u00e4llt, etc. F\u00fcr die Kinder selbst kann es tats\u00e4chlich sogar in beide Richtungen gehen. Ich habe mich mit einigen Familien unterhalten, deren allt\u00e4glichen Herausforderungen sich nun extrem gewandelt haben. Konnte man sich vor der Krise auf Unterst\u00fctzung von anderen und wom\u00f6glich sogar von mehreren Personen verlassen, ist es besonders einschneidend, wenn diese Hilfe von einem Tag auf den anderen wegf\u00e4llt. Gleichzeitig kann eine m\u00f6gliche reduzierte berufliche Belastung der Eltern zusammen mit anderen im Lockdown wegfallenden Stressfaktoren, zum Beispiel durch die Schule, f\u00fcr ein Kind selbst sogar entlastend sein. Mit unserer Studie m\u00f6chten wir uns intensiver mit solchen Unterschieden besch\u00e4ftigen und herausfinden, welche Hintergr\u00fcnde sie haben.<\/p>\n<p><strong>Eine der Hauptfolgen eines Lockdowns ist, dass soziale Kontakte stark reduziert werden. Kann das f\u00fcr Kinder mit besonderen Bed\u00fcrfnissen problematisch sein?<br \/>\n<\/strong>Absolut, das ist ja auch f\u00fcr Kinder, die keine besonderen Bed\u00fcrfnisse haben, schwierig. Allerdings kommt es m\u00f6glicherweise auch hier auf die Art der Beeintr\u00e4chtigung an. Kinder mit Autismus-Spektrum-St\u00f6rungen zum Beispiel haben eher M\u00fche mit der sozialen Kommunikation. F\u00fcr sie ist es wom\u00f6glich sogar entlastend, nicht viele Leute zu sehen. Bei Kindern mit dem Williams-Beuren-Syndrom \u2013 einer seltenen genetischen St\u00f6rung, die unter anderem mit sich bringt, dass die Kinder und Erwachsenen ein sehr ausgepr\u00e4gtes Bed\u00fcrfnis nach sozialen Kontakten haben \u2013 mag es ganz anders sein. M\u00f6glicherweise leiden sie st\u00e4rker unter dem eingeschr\u00e4nkten Sozialkontakt. Wir m\u00f6chten nicht nur zwischen verschiedenen Syndromen unterscheiden, sondern auch verstehen, wie der Lockdown oder andere Massnahmen sich auf Kinder mit und ohne besondere Bed\u00fcrfnisse auswirken. Deshalb befragen wir in der Studie die Eltern auch zu Geschwisterkindern ohne besondere Bed\u00fcrfnisse.<\/p>\n<p><strong>Denken Sie, dass der Lockdown Sp\u00e4tfolgen nach sich ziehen k\u00f6nnte?<br \/>\n<\/strong>Das ist nicht auszuschliessen. Wir wissen derzeit wenig dar\u00fcber, selbst f\u00fcr Kinder ohne Beeintr\u00e4chtigung. Was bedeutet es, zwei Monate in einer solchen Extremsituation zu leben? Unsere bisher gesammelten Daten zeigen, dass bestimmte \u00c4ngste am Anfang sehr gross waren, w\u00e4hrend andere Belastungen eher mit der Zeit zunahmen. Auch wenn viele Eltern nat\u00fcrlich versucht haben ihre Kinder m\u00f6glichst wenig zu belasten, haben diese vieles auf irgendeine Art mitbekommen. Wir werden in unserer Studie versuchen, auch m\u00f6gliche Sp\u00e4tfolgen zu untersuchen. Es ist ein Folgefragebogen geplant, der die Frage beantworten wird: Wie geht es der Familie ein halbes Jahr oder ein Jahr sp\u00e4ter?<\/p>\n<p><strong>Tats\u00e4chlich geht es in Ihrer Studie nicht bloss um die Kinder, sondern um die ganze Familie. Wo liegen f\u00fcr Eltern von Kindern mit besonderen Bed\u00fcrfnissen die gr\u00f6ssten Herausforderungen bei einem Lockdown?<br \/>\n<\/strong>Da w\u00e4ren zun\u00e4chst einmal die Betreuungsstrukturen, die wegfallen. Oder Spezialisten, die sich nicht mehr in gleichem Masse um die Bed\u00fcrfnisse des Kindes k\u00fcmmern k\u00f6nnen. Das kann f\u00fcr die Eltern eine enorme zus\u00e4tzliche Belastung bedeuten. Auch das ist eine zentrale Frage unserer Studie: Was fiel in den letzten Wochen alles weg? Was fehlte den Eltern am meisten? Dar\u00fcber hinaus gibt es noch andere Faktoren, die wir uns anschauen, zum Beispiel finanzielle Sorgen.<\/p>\n<p><strong>Ihre Studie ist weltweit angelegt, der Fragebogen ist derzeit in elf Sprachen verf\u00fcgbar, unter anderem auf Chinesisch. Wie kam es dazu?<br \/>\n<\/strong>Initiiert hat die Studie das chEERS Lab. Gemeinsam mit vor allem englischsprachigen Kollegen wollten wir zun\u00e4chst die Situation von Personen mit bestimmten Syndromen verstehen. Es wurde aber schnell klar, dass es wichtig ist, die Situation von Familien mit besonderen Bed\u00fcrfnissen unabh\u00e4ngig von Diagnosen zu verstehen. Durch den Vergleich verschiedener Massnahmen in verschiedenen L\u00e4ndern werden wir bessere Aussagen machen k\u00f6nnen, was Familien besonders belastet hat und mit welchen Massnahmen Familien besser zurechtgekommen sind. Mittlerweile haben wir etliche Forschungspartner auf der ganzen Welt, die uns helfen, in ihren L\u00e4ndern Familien zu erreichen.<\/p>\n<p><strong>Wie viele ausgef\u00fcllte Fragebogen erhoffen Sie sich?<br \/>\n<\/strong>Weltweit konnten wir bis jetzt \u00fcber 2000 Familien f\u00fcr unsere Studie gewinnen, wir haben mit bestimmten Sprachen aber erst vor Kurzem angefangen, das heisst, diese Zahl wird steigen. Wichtig ist, dass wir in der Schweiz repr\u00e4sentative Stichproben f\u00fcr Familien mit Kindern mit besonderen Bed\u00fcrfnissen erhalten.<\/p>\n<p><strong>Wieso<\/strong>?<br \/>\nWeil sich in der Schweiz immer mehr Vereinigungen und Institutionen f\u00fcr unsere Daten interessieren. Sie alle m\u00fcssen allm\u00e4hlich ihre R\u00fcckschl\u00fcsse ziehen und sich Fragen stellen wie: War das, was wir anbieten konnten, genug? Sollte es wieder einmal eine vergleichbare Krise geben oder eine zweite Corona-Welle: Wie w\u00fcrden wir reagieren? Was sind wichtige Stressfaktoren f\u00fcr Familien? Wo h\u00e4tten wir Kinder und Eltern besser auffangen k\u00f6nnen? Wir hoffen, dass wir m\u00f6glichst viele Entscheidungstr\u00e4ger \u00fcber unsere Ergebnisse informieren k\u00f6nnen. Wie auch in Grossbritannien interessieren sich in der Schweiz politische Instanzen f\u00fcr unsere Ergebnisse. Das B\u00fcro f\u00fcr die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung freut sich \u00fcber die kommenden Studienergebnisse dazu, wie es den betroffenen Familien ergangen ist. So k\u00f6nnen wir mit dem, was wir machen, wirklich etwas bewirken. Auch wenn in der Schweiz auf den ersten Blick das Gr\u00f6bste vorbei zu sein scheint, wir werden mindestens noch bis Ende Juni weitere Daten sammeln. Unser Fragebogen erkundigt sich nach der Situation der Familien vor der Pandemie, am Anfang des Lockdowns und heute. Deshalb k\u00f6nnen uns Familien in der Schweiz auch jetzt noch wertvolle Informationen liefern.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/spedu\/de\/departement\/equipe\/andrea-samson.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Andrea Samson<\/a>\u00a0hat eine SNF-F\u00f6rderungsprofessur am <a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/spedu\/de\/institut\/vhn.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Heilp\u00e4dagogischen Institut<\/a> der Universit\u00e4t Freiburg und ist ausserordentliche Professorin an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Psychologie an der FernUni Schweiz. Sie leitet zudem das <a href=\"https:\/\/www.unige.ch\/cisa\/index.php?cID=1019\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">chEERS Lab<\/a> (Swiss Emotion Experience, Regulation and Support). In ihrer Forschung besch\u00e4ftigt sie sich mit Emotionen und deren Regulation bei Menschen mit und ohne Entwicklungsst\u00f6rungen.<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.specialneedscovid.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Die Umfrage<\/a> richtet sich an Eltern oder Betreuungspersonen von Kindern mit besonderen Bed\u00fcrfnissen. Sie ist anonym und dauert rund 30 Minuten. In der Schweiz kann der Fragebogen mindestens noch bis Ende Juni ausgef\u00fcllt werden. Der Link: www.specialneedscovid.org<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Familien mit Kindern mit besonderen Bed\u00fcrfnissen werden in einem Lockdown hart auf die Probe gestellt. Professorin Andrea Samson geht mit ihrem Team in einer internationalen Studie der Frage nach, welche Auswirkungen die COVID-19-Pandemie auf betroffene Kinder und Eltern hat. 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