{"id":11005,"date":"2020-05-11T12:11:50","date_gmt":"2020-05-11T11:11:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=11005"},"modified":"2020-05-11T12:25:58","modified_gmt":"2020-05-11T11:25:58","slug":"eine-wunschenswerte-welt-ermoglicht-die-coronaviruskrise-ein-umdenken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2020\/eine-wunschenswerte-welt-ermoglicht-die-coronaviruskrise-ein-umdenken","title":{"rendered":"Eine w\u00fcnschenswerte Welt &#8211; Erm\u00f6glicht die Coronaviruskrise ein Umdenken?"},"content":{"rendered":"<h4><strong>\u00abDas Leben wird, selbst wenn es am Ende wieder zur Normalit\u00e4t zur\u00fcckkehrt, auf andere Weise normal sein, als wir es vor dem Ausbruch gewohnt waren\u00bb, so der slowenische Philosoph Slavoj \u017di\u017eek. Was w\u00e4re, wenn diese \u00abandere und neue Normalit\u00e4t\u00bb dem Leben besser diente als jene davor? Muss man sich das fatalste Szenario ausmalen, oder g\u00e4be es eine M\u00f6glichkeit, den Ausnahmezustand als Chance zu sehen, wie man global etwas positiv ver\u00e4ndern k\u00f6nnte? Ist die \u00abnormale Normalit\u00e4t\u00bb, zu der wir zur\u00fcckkehren w\u00fcrden, wirklich erstrebenswert? &#8211; Ein Gastbeitrag von Dario Colombo, Diplomassistent am Departement f\u00fcr Glaubens- und Religionswissenschaft<\/strong><\/h4>\n<p>Der Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa w\u00fcrde diese letzte Frage verneinen. Denn die moderne westliche Gesellschaft hat ein fundamentales Problem, das sie zu l\u00f6sen hat: die <em>dynamische Stabilisierung<\/em>. Es handelt sich dabei um eine gesellschaftliche Beschleunigung mit Eskalationstendenz, eine Beschleunigung, die nicht dazu dient, vorw\u00e4rts zu kommen, sondern notwendig ist, um an demselben Ort zu bleiben, an dem man bereits ist. Die Folge dieser eskalativen Beschleunigung ist, dass jene, die nicht mehr f\u00e4hig sind zu beschleunigen, gezwungen sind, aus dem \u00abRennen\u00bb auszusteigen. Dies zeigt sich besonders in der wachsenden Zahl von Burnouts und Depressionen. Auch der moderne Begriff der <em>Working-Poor<\/em> \u2013 Menschen, die trotz mehreren Arbeitsstellen und enormem Zeitaufwand arm bleiben \u2013 geh\u00f6rt zu derselben Schlagseite.<\/p>\n<p><strong>Eine neue Mentalit\u00e4t<\/strong><br \/>\nWill man zu dieser Normalit\u00e4t wirklich zur\u00fcck?! Was aber w\u00e4re eine alternative Lebensweise, wie liesse sich die Gesellschaft umdenken? Der Wirtschaftswissenschaftler Peter Ulrich hat in seinem Buch <em>Integrative Wirtschaftsethik<\/em> einen herausragenden Entwurf dazu verfasst. So betont er die Notwendigkeit einer \u00d6konomie der Lebensf\u00fclle in einer Mentalit\u00e4t des Genug-Haben-K\u00f6nnens anstelle einer endlosen Steigerung der Quantit\u00e4t verf\u00fcgbarer G\u00fcter. Denn die endlose Steigerung von Konsumg\u00fctern, etc. f\u00fchrt nach Ulrich nie dazu, dass man \u00abgenug\u00bb hat, sondern f\u00f6rdert jeweils das Gegenteil: <em>Modernisierung der Knappheit<\/em>. Damit bezeichnet er die merkw\u00fcrdige Beobachtung, dass mit dem Wirtschaftswachstum das Gef\u00fchl der Knappheit eher zu- statt abnimmt. Es entsteht ein objektiv feststellbarer defensiver Konsum, der die Lebensqualit\u00e4t zu verteidigen sucht, indem h\u00f6here Vorleistungen f\u00fcr die Erf\u00fcllung der Bed\u00fcrfnisse erbracht werden. Z.B. muss man aus der h\u00e4rteren Arbeitswelt in die sch\u00f6nen Ferien fliehen oder braucht eine teure abgelegene Wohnung zur Erhaltung von Ruhe, etc. Dieser hat seine Begr\u00fcndung in einem subjektiv kompensatorischen Konsum: Die fehlende F\u00fclle in der get\u00e4tigten Arbeit wird durch Konsumgenuss zu kompensieren versucht.<\/p>\n<p><strong>Eine \u00d6konomie der Lebensf\u00fclle<\/strong><br \/>\nEine \u00d6konomie der Lebensf\u00fclle hingegen begrenzt sich auf das, was zum Leben notwendig ist. Nicht \u00abWie <em>viel<\/em> brauche ich zum Leben?\u00bb, sondern \u00abWie <em>wenig<\/em> brauche ich zum Leben?\u00bb ist das Motto. Dies aber nicht in einem naiven Minimalismus, der postuliert, weniger sei mehr. In einer \u00d6konomie der Lebensf\u00fclle entsteht die Erkenntnis, dass die endlose Steigerung der G\u00fcter das Gegenteil hervorbringt: Immer mehr zu produzieren, zu konsumieren, zu beherrschen, f\u00fchrt nicht dazu, dass man genug hat, sondern dass noch mehr produziert wird. An dieser Stelle ber\u00fchrt sich die Analyse von Ulrich mit der von Rosa: die Welt wird beschleunigt, um zu beschleunigen. Auf der Strecke bleiben die Lebensf\u00fclle \u2013 und offensichtlich ganz existenziell die modern-wirtschaftlich Unzul\u00e4nglichen. Was man zu erreichen suchte, ger\u00e4t in unerreichbare Ferne, nicht weil es weit weg w\u00e4re, sondern weil es durch die Beschleunigung nicht mehr gehalten werden kann.<\/p>\n<p><strong>Den Teufelskreis verlassen<\/strong><br \/>\nEine \u00d6konomie der Lebensf\u00fclle erkennt diesen Teufelskreis und will aussteigen. Die Unm\u00f6glichkeit einer solchen \u00d6konomie der Lebensf\u00fclle liegt jedoch gerade in der normalen Normalit\u00e4t. Wollte eine Gruppe in unserer normalen Normalit\u00e4t eine \u00d6konomie der Lebensf\u00fclle leben, w\u00e4re sie der geltenden Wirtschaftslogik jeweils und notwendig unterlegen. Wer langsamer geht und seine Leistung nicht steigert, ist zum Ausstieg gezwungen. Die normale Normalit\u00e4t verunm\u00f6glicht eine \u00d6konomie der Lebensf\u00fclle, nicht weil sie nicht zu erreichen w\u00e4re, sondern weil sie kategorisch und methodisch durch dynamische Stabilisierung verunm\u00f6glicht wird.<\/p>\n<p><strong>Die Welt entschleunigen?<\/strong><br \/>\nNun hat der Ausbruch des Coronavirus offensichtlich die ganze Welt entschleunigt und auch die Steigerung massiv ged\u00e4mpft. Es w\u00e4re also global m\u00f6glich, sich dar\u00fcber Gedanken zu machen, ob man alles wieder beschleunigt und steigert und so zu dieser normalen Normalit\u00e4t zur\u00fcckkehren will. Wieso nicht jetzt eine <em>neue Normalit\u00e4t<\/em> gestalten? Man stelle sich eine Welt vor, in der nicht die Steigerung der Produktion das oberste handlungsleitende Prinzip, sondern die Freude an der Arbeit daf\u00fcr ma\u00dfgebend ist. Ist das utopisch? Ja nat\u00fcrlich, aber nicht, weil es keinen Ort f\u00fcr eine solches Verst\u00e4ndnis gibt, sondern weil die Wirtschaft und die Konsumenten, diesen Ort nicht gew\u00e4hren \u2013 und die Betroffenen ihn sich nicht nehmen. Stell Dir vor, es ist \u00abnormale Normalit\u00e4t\u00bb, und keiner macht mit \u2026<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte eine solche \u00d6konomie der Lebensf\u00fclle aussehen? Dies auszuarbeiten braucht selbstverst\u00e4ndlich viel mehr als einen kurzen Artikel \u00fcber ein m\u00f6gliches Umdenken w\u00e4hrend der Coronakrise. Dieser potenzielle Ver\u00e4nderungsprozess betrifft uns alle, denn er beginnt hier an diesem Ort, bei allen Konsument_innen, bei allen Gesch\u00e4ften, in der Wirtschaft, in der Politik, bei den Arbeitgeber_innen und Arbeitnehmer_innen. Eine Welt, in der nicht beschleunigt wird, um zu beschleunigen, in der nicht gesteigert wird, um zu steigern, eine Welt, die nicht nach dem Motto \u00ab<em>Wie viel?<\/em>\u00bb, sondern nach dem Motto \u00ab<em>Wie viel ist genug?<\/em>\u00bb lebt: Eine solche Welt ist m\u00f6glich, und nur wenn sie real wird, ist das Leben auf eine w\u00fcnschenswerte Weise wieder <em>normal<\/em> \u2026<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/theo\/de\/fak\/pers\/ass\/people\/58236\/45a01\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Webseite<\/a> von Dario Colombo<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/theo\/de\/fak\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Webseite<\/a> der Theologischen Fakult\u00e4t<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abDas Leben wird, selbst wenn es am Ende wieder zur Normalit\u00e4t zur\u00fcckkehrt, auf andere Weise normal sein, als wir es vor dem Ausbruch gewohnt waren\u00bb, so der slowenische Philosoph Slavoj \u017di\u017eek. 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