{"id":10841,"date":"2020-04-22T08:00:05","date_gmt":"2020-04-22T07:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=10841"},"modified":"2020-04-22T08:42:17","modified_gmt":"2020-04-22T07:42:17","slug":"experiment-lockdown-auch-in-sachen-schlaf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2020\/experiment-lockdown-auch-in-sachen-schlaf","title":{"rendered":"Experiment Lockdown: Auch in Sachen Schlaf"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie beeinflusst die COVID-19-Pandemie den Schlaf von Kindern? Dieser Frage geht das Baby-Schlaflabor am Departement f\u00fcr Psychologie in einer neu lancierten Onlinestudie nach. Im Interview erkl\u00e4rt Professorin Salome Kurth, warum der Lockdown spannende Einblicke erm\u00f6glicht \u2013 und wie sich der ver\u00e4nderte Alltag auf das Schlafverhalten der Kinder auswirken k\u00f6nnte.<\/strong><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Unknown-1.jpeg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10827 alignleft\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Unknown-1.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"171\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Unknown-1.jpeg 480w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Unknown-1-150x150.jpeg 150w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Unknown-1-300x300.jpeg 300w\" sizes=\"(max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/a>Durch den Lockdown verbringen Eltern und Kinder momentan sehr viel Zeit zu Hause. Was macht diese Konstellation so interessant f\u00fcr Sie?<br \/>\n<\/strong>Der Lockdown ist eine Art riesiges Experiment, in dem wir alle stecken. Ohne dass wir eine Wahl haben, sind wir jetzt mehr oder weniger eingesperrt. W\u00e4hrend einige weiterhin einen strukturierten Alltag haben, sind andere v\u00f6llig sich selbst \u00fcberlassen. Viele Herausforderungen drehen sich um das Thema Rhythmus \u2013 und Rhythmus ist etwas, das uns in der Kinder-Schlafforschung auch sehr interessiert. Wie entsteht Rhythmus? Welche Faktoren sind f\u00f6rderlich, welche hinderlich? Momentan erleben wir alle, wie sich verschiedene Einfl\u00fcsse in unserem Leben ver\u00e4ndern, das macht es f\u00fcr die Forschung so spannend.<\/p>\n<p><strong>Eine vielleicht einmalige Chance, um leichter zu wichtigen Erkenntnissen zu gelangen?<br \/>\n<\/strong>Ja, ich denke, dass wir zu wichtigen Erkenntnissen kommen k\u00f6nnen, die \u00fcber unsere regul\u00e4ren Forschungsmethoden hinausgehen. Bei unseren Studien ist der Faktor der Familienkonstruktion wichtig. Viele Eltern sind jetzt \u00f6fter zu Hause als sonst, haben wahrscheinlich auch n\u00e4heren Kontakt zu den Kindern. Das ist eine grosse Dimension, die anders ist als \u00fcblich. Was ver\u00e4ndert sich dadurch? Und wie wirkt sich das auf den Schlaf und auf den Rhythmus des Kindes aus? Ist es f\u00f6rderlich, oder bekommt das Kind stattdessen M\u00fche? Wir wissen es noch nicht. Gut m\u00f6glich, dass dabei auch kulturelle Unterschiede im Umgang mit der neuen Situation offengelegt werden.<\/p>\n<p><strong>Inwiefern?<br \/>\n<\/strong>Die Studie ist international angelegt. Durch die unterschiedlichen Weisungen der Regierungen fallen vielleicht auch die Resultate anders aus. Sind die Einschr\u00e4nkungen beispielsweise strenger, bedeutet das vielleicht generell mehr Stress f\u00fcr die Eltern, w\u00e4hrend bei lockereren Regulationen die Stimmung entspannter sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Schlafen Kinder Ihrer Meinung nach momentan besser oder schlechter als vor dem Lockdown?<br \/>\n<\/strong>Aus meinem privaten Umfeld habe ich von mehreren Seiten geh\u00f6rt, dass mehr Familienzeit bleibt, die Kinder also mehr von ihren Eltern haben \u2013 und dadurch besser schlafen. Viel h\u00e4ngt jedoch vom Alter der Kinder ab. Wir haben f\u00fcr unsere Studie Kinder im Alter von 0 bis 6 Jahren gew\u00e4hlt, und innerhalb dieses Altersbereiches wird es wahrscheinlich Unterschiede geben. Zudem kommt es ebenfalls darauf an, wie stark sich die Situation individuell ver\u00e4ndert hat. Ob die Eltern schon vorher f\u00fcr die Kinder stark verf\u00fcgbar waren, welche Rituale die Eltern beibehalten oder neu einf\u00fchren, wie regelm\u00e4ssig etwa Mahlzeiten eingenommen werden \u2013 also letztlich auch wie der Rhythmus in den Familien umgesetzt wird.<\/p>\n<p><strong>W\u00fcrden Sie Eltern also raten, momentan m\u00f6glichst den normalen Rhythmus beizubehalten?<br \/>\n<\/strong>Ich rate ihnen, eine Balance zu finden und f\u00fcr die Familie einen realisierbaren Tagesablauf zu definieren \u2013 auch unter Einbezug des Faktors Tageslicht, der unter diesen erschwerten Bedingungen auch eine Rolle spielt.<\/p>\n<p><strong>Ist es ein Problem, wenn Kinder derzeit zwei Stunden sp\u00e4ter ins Bett gehen als \u00fcblich?<br \/>\n<\/strong>Nicht unbedingt. Wenn man die Schlafzeiten innerhalb dieser Lockdown-Zeit wiederum konsistent halten kann, ist das ebenfalls okay. Immer vorausgesetzt, die Eltern betrachten das nicht selbst als Problem.<\/p>\n<p><strong>Was versteht man aus wissenschaftlicher Sicht \u00fcberhaupt unter gutem und gesundem Schlaf?<br \/>\n<\/strong>Es kommt sehr auf die Altersgruppe an; der Schlaf ver\u00e4ndert sich insbesondere in den ersten Lebensjahren enorm. Es gibt <a href=\"https:\/\/www.sleepfoundation.org\/press-release\/national-sleep-foundation-recommends-new-sleep-times\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">internationale Richtlinien<\/a>, wie lange der Schlaf im jeweiligen Alter ungef\u00e4hr sein sollte. Dabei ist jeweils eine Bandbreite vorgegeben, innerhalb der sich ein Kind bewegen kann, denn nicht alle Menschen ben\u00f6tigen gleich viel Schlaf. Die Dauer alleine ist also nicht unbedingt entscheidend. Als \u201eschlechter\u201c Schlaf bei Kindern gilt dieser oftmals dann, wenn er f\u00fcr die Eltern ein Problem darstellt. Wenn zum Beispiel der Moment, in dem sich Eltern w\u00fcnschen, dass das Kind schl\u00e4ft und der Moment, in dem es wirklich einschl\u00e4ft, weit auseinander liegen. Oder dann, wenn Kinder vermehrt aufwachen und etwas verlangen. Es geht also oft auch darum, was die Eltern erwarten, wozu das Kind f\u00e4hig sein sollte. Und ob das mit den Bed\u00fcrfnissen des Kindes \u00fcbereinstimmt \u2013 und dadurch allenfalls ein Mismatch entsteht.<\/p>\n<p><strong>In der Umfrage ist von Zeitgebern die Rede, die wir derzeit m\u00f6glicherweise verlieren. Was muss man sich darunter vorstellen?<br \/>\n<\/strong>Zeitgeber sind all die Dinge, die uns helfen, einen Rhythmus zu finden: Regelm\u00e4ssige Nahrungsaufnahme, Bettrituale, geregelte Arbeitszeiten oder auch regelm\u00e4ssige Telefonate mit Angeh\u00f6rigen. Es sind zeitliche Ankerpunkte, die dem K\u00f6rper die physiologischen Abl\u00e4ufe erleichtern. Im Lockdown sind diese oftmals weniger vordefiniert als sonst, es braucht mehr Selbstverantwortung.<\/p>\n<p><strong>Bei M\u00e4usen haben Forschende herausgefunden, dass die Entwicklung des Gehirns gehemmt wird, wenn ihnen in jungen Jahren der Schlaf entzogen wird. Ist das m\u00f6glicherweise bei Menschen \u00e4hnlich?<br \/>\n<\/strong>Wenn bei M\u00e4usen oder auch Fruchtfliegen ein extremer Schlafentzug \u00fcber l\u00e4ngere Zeit stattfindet, hat das tats\u00e4chlich langfristige Konsequenzen. Die Tiere zeigen Entwicklungsst\u00f6rungen \u2013 im Verhalten, aber auch die Hirnverbindungen weisen ein anderes Muster auf, im Vergleich zu denjenigen Tieren, die ungest\u00f6rt schlafen konnten. Inwiefern das f\u00fcr Menschen gilt, ist schwierig zu sagen, weil keine solchen Tests m\u00f6glich sind, aus denen wir schliessen k\u00f6nnten, dass genau nur der Faktor \u201ezu wenig Schlaf\u201c f\u00fcr solche Resultate entscheidend ist. Wir k\u00f6nnen Menschen nicht isoliert aufwachsen lassen. Wir k\u00f6nnen deshalb jeweils nicht explizit sagen: Es ist sicher der fehlende Schlaf, der zu einer gewissen Entwicklung gef\u00fchrt hat. Aber m\u00f6glich ist es nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p><strong>Warum ist Schlaf \u00fcberhaupt so wichtig f\u00fcr Kinder?<br \/>\n<\/strong>Der Schlaf unterst\u00fctzt die Entwicklungsprozesse des Gehirns. Der aktuelle Forschungsstand zeigt, dass der Schlaf, genau in den Hirnregionen, die je nach Alter besonders beansprucht werden, Erholung bietet. Dadurch wird diese Entwicklung, dieser Lernprozess, unterst\u00fctzt. Der Schlaf hilft, am Tag gelernte Dinge aufzur\u00e4umen und zu verankern. \u00dcberhaupt ist es also wichtig, dass man zu seinem Schlaf Sorge tr\u00e4gt \u2013 und zwar in jedem Alter. Das ist nicht immer einfach, aber der Schlaf ist essenziell f\u00fcr unsere Gesundheit.<\/p>\n<p><strong>Der Lockdown in der Schweiz begann erst vor gut einem Monat \u2013 und schon haben Sie eine Onlinestudie lanciert. Wie kam es zu diesem spontanen Projekt?<br \/>\n<\/strong>Ich war in den Ferien, als es zum Lockdown kam und geriet somit erst ein bisschen verz\u00f6gert in diese Situation. Das half vielleicht, aus einer Aussenperspektive zu sehen, was die Situation mit den Menschen anstellt, und wie gross die Ver\u00e4nderung ist. Wir haben uns dann im Team zusammengesetzt und ein Brainstorming gemacht. Eigentlich h\u00e4tten wir in diesen Wochen mit einer Studie begonnen, bei denen wir jeweils bei vielen Familien zu Hause w\u00e4ren, viel interagieren und etwa auch bei Babys die elektrische Aktivit\u00e4t im Gehirn messen w\u00fcrden. Aber das geht ja momentan nicht. So kamen wir auf die Idee mit der Onlinestudie, die wir dann mit grossem Effort und einigen Nachtschichten zusammengestellt haben.<\/p>\n<p><strong>Lassen sich die Ergebnisse aus der Umfrage sp\u00e4ter mit den Messungen zu einem grossen Ganzen verbinden?<br \/>\n<\/strong>Auf jeden Fall werden die Daten der Onlinestudie einen Nutzen bringen. Diese Daten erm\u00f6glichen eine gr\u00f6ssere Stichprobe an Teilnehmenden einzuschliessen. Unter den \u201enormalen\u201c Umst\u00e4nden mit unseren Hausbesuchen w\u00e4re das nicht m\u00f6glich. Die Sicht auf den Schlaf wird verbreitert, indem wir Familien erreichen, die f\u00fcr die aufw\u00e4ndigeren Messungen keine Kapazit\u00e4t h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Wir bieten zudem in der Umfrage den Teilnehmenden die M\u00f6glichkeit, dass sie \u00fcber weitere Folgestudien informiert werden. Wenn sie f\u00fcr diese Forschung ein wachsendes Interesse entwickeln, k\u00f6nnen wir sie sp\u00e4ter vielleicht noch einmal in einer anderen Form von Studie miteinschliessen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\"><span style=\"color: #000000;\"><div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<\/span><\/span><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.soscisurvey.de\/SLOOP\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a> zur Studie \u2013 Die Umfrage kann in Deutsch, Franz\u00f6sisch, Englisch oder Italienisch durchgef\u00fchrt werden.<\/li>\n<li>Assistenzprofessorin <a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/psycho\/fr\/departement\/personnel\/dept\/people\/303782\/c147b\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Salome Kurth<\/a> hat sich nach ihrem Masterstudium in Biologie unter anderem intensiv mit der Neurophysiologie und Neurobiologie des Schlafs besch\u00e4ftigt. Heute arbeitet und forscht die 38-J\u00e4hrige aus Luzern am Universit\u00e4tsspital Z\u00fcrich sowie am Departement f\u00fcr Psychologie der Universit\u00e4t Freiburg, wo sie das 2019 lancierte Baby-Schlaflabor leitet. Salome Kurth ist Teil des F\u00f6rderprogramms Eccellenza, mit dem der Schweizerische Nationalfonds herausragende junge Forschende unterst\u00fctzt, die eine permanente Professur anstreben.<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie beeinflusst die COVID-19-Pandemie den Schlaf von Kindern? Dieser Frage geht das Baby-Schlaflabor am Departement f\u00fcr Psychologie in einer neu lancierten Onlinestudie nach. Im Interview erkl\u00e4rt Professorin Salome Kurth, warum der Lockdown spannende Einblicke erm\u00f6glicht \u2013 und wie sich der ver\u00e4nderte Alltag auf das Schlafverhalten der Kinder auswirken k\u00f6nnte. Durch den Lockdown verbringen Eltern und Kinder momentan sehr viel Zeit zu Hause. Was macht diese Konstellation so interessant f\u00fcr Sie? Der Lockdown ist eine Art riesiges Experiment, in dem wir alle stecken. Ohne dass wir eine Wahl haben, sind wir jetzt mehr oder weniger eingesperrt. W\u00e4hrend einige weiterhin einen strukturierten<\/p>\n","protected":false},"author":63,"featured_media":10830,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[80,75],"tags":[242,423,238],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10841"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/users\/63"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10841"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10841\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10842,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10841\/revisions\/10842"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10830"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10841"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10841"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10841"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}