{"id":10597,"date":"2020-03-11T14:47:13","date_gmt":"2020-03-11T13:47:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=10597"},"modified":"2020-07-09T08:25:25","modified_gmt":"2020-07-09T07:25:25","slug":"wir-haben-eine-leber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2020\/wir-haben-eine-leber","title":{"rendered":"\u00abWir haben eine Leber\u00bb"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Organspenden werden kontrovers diskutiert. Deshalb haben Studierende zwei Expertinnen eingeladen.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>Das Telefon klingelte in der Werbepause. Es war ein Sonntagabend im Oktober 2013 und Lara Beekman sass gerade mit ihrer Familie vor dem Fernseher, als die Nachricht aus dem Inselspital eintraf: \u00abWir haben eine Leber f\u00fcr Sie\u00bb.<\/p>\n<p>Freiburg, Ende Februar 2020. Gemeinsam mit Lucienne Christen \u2013 Koordinatorin f\u00fcr Organspende und Transplantation am Berner Inselspital \u2013 ist Lara Beekman Gast von \u00abDoctors &amp; Death\u00bb, einer Gruppe der Fachschaft Medizin. Die Studierenden haben es sich zu Ziel gesetzt, Dinge zu thematisieren, die im Studium zu kurz kommen. Deshalb haben sie die zwei Frauen zu einem Themenabend \u00fcber Organspenden eingeladen. Der Saal ist gut gef\u00fcllt.<\/p>\n<p>\u00abMeine Krankheit begann unscheinbar\u00bb erz\u00e4hlt Beekman. \u00abAls junge Frau hustete ich Blut. Hauptsache, die Leber ist in Ordnung, hiess es damals.\u00bb Knapp drei Jahrzehnte sp\u00e4ter \u00fcberkamen sie heftige Schmerzen im Bauch. Jetzt war der Befund schlimmer: ein Lebertumor. Beziehungsweise: sehr viele gutartige Lebertumore. Das Organ war in einem desolaten Zustand. Und nicht operierbar.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-10594\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/IMG_2334-1024x660.jpg\" alt=\"\" width=\"680\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/IMG_2334-1024x660.jpg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/IMG_2334-300x193.jpg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/IMG_2334-768x495.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/p>\n<p><strong>Ein Jahr warten auf die neue Leber<br \/>\n<\/strong>Beekman erz\u00e4hlt einfach, unaufgeregt und authentisch, erz\u00e4hlt ihre sehr private Geschichte. \u00dcber ein ziemlich gew\u00f6hnliches Leben mit einer ziemlich kaputten Leber. Einem Leben, das jedermanns Leben sein k\u00f6nnte. Genau deshalb h\u00e4ngen Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rer an ihren Lippen. \u00abIch wusste, dass ich an den Tumoren verbluten kann. Trotzdem entschied ich mich, m\u00f6glichst normal weiterzuleben\u00bb. Sie arbeitete und zog ihre Kinder gross. \u00abUnd ich merkte: Wenn\u2019s das pl\u00f6tzlich war, dann habe ich ein gutes Leben gehabt\u00bb.<\/p>\n<p>\u00abNat\u00fcrlich habe ich mir in dem Jahr, in dem ich auf eine Spenderleber gewartet habe, oft vorgestellt, wie es sein wird, wenn eines Tages das Telefon klingelt. Als es dann soweit war, war es aber recht unspektakul\u00e4r\u00bb. Sie packte ihren l\u00e4ngst gepackten Koffer, sagte ihren Kindern Gute Nacht und ihr Mann fuhr sie ins Spital.<\/p>\n<p><strong>Lange Listen, professionelle Prozesse<\/strong><br \/>\nAn der Berner Insel ist Lucienne Christen als Koordinatorin f\u00fcr die Organspenden zust\u00e4ndig. Als zweite Referentin erg\u00e4nzt sie Beekmanns Bericht mit Einblicken hinter die Kulissen. Dort geschieht viel: Potenzielle Empf\u00e4nger werden nach Dringlichkeit, Alter und weiteren Faktoren gelistet. Via die Stiftung \u00abSwisstransplant\u00bb werden schweizweit f\u00fcr passende Organe passende Empf\u00e4nger gesucht. Und selbstverst\u00e4ndlich wird minuti\u00f6s festgestellt, dass die Spender tats\u00e4chlich tot sind. An sechs Schweizer Spit\u00e4lern werden derzeit Organe transplantiert. Und um das beste Resultat zu erzielen, werden sie auch zwischen den Standorten getauscht.<\/p>\n<p>\u00abWas passiert eigentlich, wenn jemand einen Organspenderausweis hat, aber seine Familie ist gegen die Organentnahme?\u00bb meldete sich pl\u00f6tzlich jemand aus dem Saal. \u00abRein juristisch betrachtet, h\u00e4tte der Wille des Verstorbenen Vorrang\u00bb, erkl\u00e4rt Christen. \u00abDe facto aber k\u00f6nnen und wollen wir uns nicht \u00fcber den Willen einer Familie hinwegsetzen, die gerade jemanden verloren hat.\u00bb<\/p>\n<p>Christen spricht differenziert, eindringlich und gut dokumentiert. F\u00fcr jeden Schritt gibt es ein pr\u00e4zis definiertes Vorgehen. Die Abl\u00e4ufe sind hoch professionell. Was aber fast noch wichtiger ist: Christen verwendet Worte wie \u00abDemut\u00bb oder erz\u00e4hlt, wie ruhig, respektvoll und konzentriert eine Organentnahme geschieht. Oder wie wichtig es ihr ist, die Anonymit\u00e4t der Beteiligten zu wahren.<\/p>\n<p><strong>Social Media als Problem<br \/>\n<\/strong>\u00abSocial Media ist f\u00fcr uns ein grosses Problem\u00bb f\u00fchrt die Koordinatorin aus. \u00abUnd da m\u00fcssen wir unsere Empf\u00e4nger in die Pflicht nehmen. Ich verstehe, dass sie sofort allen erz\u00e4hlen wollen: Heute habe ich meine neue Niere bekommen!. Aber in der Schweiz kennen wir uns alle \u00fcber zwei Ecken. Und f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen, die gerade jemanden verloren haben, kann es extrem belastend sein, solche Dinge zu lesen und nicht zu wissen: War diese Niere etwa von unserer Tochter?\u00bb<\/p>\n<p>157 Personen haben in der Schweiz 2019 Organe gespendet. 1\u2019415 waren auf der Warteliste f\u00fcr ein Organ. 582 haben eines erhalten. Und f\u00fcnf Jahre nach der Operation sind im Schnitt 85% der Empf\u00e4ngerinnen und Empf\u00e4nger noch immer am Leben.<\/p>\n<p>\u00abHabe ich eigentlich dieselben Chancen auf ein Organ wie ein gleichaltriger Raucher?\u00bb, meldet sich eine weitere Stimme aus dem Saal \u00abJa.\u00bb \u00abUnd welche Kriterien m\u00fcssen erf\u00fcllt sein, damit eine Transplantation gelingt?\u00bb \u00abGute Frage! Das wissen wir auch nicht immer. Manchmal scheint alles zu stimmen und es klappt trotzdem nicht\u00bb.<\/p>\n<p>Bei Lara Beekman hat alles geklappt. Von der Operation erholte sie sich gut, die Zahl der Tabletten konnte sie bald auf eine pro Tag reduzieren. Ihre neue Leber funktioniert. In den letzten Jahren hat Beekman neue Menschen kennengelernt, sie tauscht sich mit anderen Betroffenen aus, ist Ansprechpartnerin f\u00fcr Wartende und Spenderfamilien. Sogar an einer Art \u00abParalympics\u00bb der Transplantierten hat sie mitgemacht &#8211; einem Event, bei dem dabei sein tats\u00e4chlich fast schon gewinnen ist.<\/p>\n<p><strong>Fakten gegen Fakes<br \/>\n<\/strong>Noch lang nicht gewonnen ist hingegen der Kampf um die \u00d6ffentlichkeit. \u00abEs ist wirklich unglaublich, was alles an L\u00fcgen kursiert\u00bb, \u00e4rgert sich Christen. \u00abDass die Leute noch gar nicht richtig tot seien. Dass wir um das Leben von jemandem mit Organspendeausweis gar nicht richtig k\u00e4mpfen w\u00fcrden, weil wir ja die Organe wollten. Alles haneb\u00fcchener Unfug.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abNat\u00fcrlich kann man gegen die Spende sein\u00bb, sagt die Koordinatorin der Insel. \u00abAber das ist sehr viel leichter, wenn man kein Organ braucht. Steckt man in Frau Beekmanns Schuhen, sieht die Sache pl\u00f6tzlich ganz anders aus. Sehen Sie, ich bin jetzt seit 12 Jahren dabei \u2013 und ich kann an einer Hand abz\u00e4hlen, wie oft jemand, der ein Organ gebraucht h\u00e4tte, keines wollte. Alle andern wollen auf die Warteliste. Sogar die grossen Weltreligionen bef\u00fcrworten alle die Organspende! Denn wenn\u2019s ernst wird, wollen wir alle auf die Liste.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Dankbarkeit und ein neuer Alltag<br \/>\n<\/strong>Lara Beekman hat der Familie ihrer Spenderin einen Brief geschrieben. Das ist m\u00f6glich \u2013 anonym. \u00abIch war froh, meine Gef\u00fchle zu Papier bringen zu k\u00f6nnen\u00bb sagt sie, \u00abauch wenn man es nie so richtig in Worte fassen kann\u00bb. Ein Jahr lang h\u00f6rte sie nichts, dann meldete sich eine Tochter der Spenderin. Sie war \u2013 wie Beekmann selbst \u2013 Mutter dreier Kinder gewesen.<\/p>\n<p>Heute hat Beekman wieder einen normalen Alltag. Sie sch\u00fctzt sich besser vor der Sonne (die Immunsuppression erh\u00f6ht das Hautkrebsrisiko) und sie macht Home-Office, wenn im B\u00fcro alle husten. Und manchmal vergisst sie auch ganz einfach, dass sie transplantiert ist. \u00abMeine Leber ist ein unglaubliches Geschenk\u00bb strahlt sie. Seit sieben Jahren geht alles gut. Garantien gibt es nicht, aber Beekman hat gelernt, damit umzugehen. \u00abDas Leben findet jetzt statt\u00bb.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.swisstransplant.org\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Organspende-Infos<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/register.swisstransplant.org\/pages\/login\/login.jsf?lang=de\">Ja- oder Nein-Entscheid online registrieren<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/student.unifr.ch\/med\">Fachschaft Medizin<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/student.unifr.ch\/med\/de\/projects\/dandd\">Doctors and Death<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Organspenden werden kontrovers diskutiert. Deshalb haben Studierende zwei Expertinnen eingeladen. Das Telefon klingelte in der Werbepause. 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