{"id":10575,"date":"2020-03-09T11:33:07","date_gmt":"2020-03-09T10:33:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=10575"},"modified":"2020-03-10T10:09:56","modified_gmt":"2020-03-10T09:09:56","slug":"wir-sollten-unserem-gehirn-etwas-skeptischer-gegenuberstehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2020\/wir-sollten-unserem-gehirn-etwas-skeptischer-gegenuberstehen","title":{"rendered":"\u00abWir sollten unserem Gehirn etwas skeptischer gegen\u00fcberstehen\u00bb"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Die Evolution hat das Sehen als unseren wichtigsten Sinn hervorgebracht. Doch wie genau funktioniert eigentlich unser Auge und welche Rolle spielt das Gehirn? Im Rahmen der \u00abSemaine du cerveau\u00bb vom 16.-20. M\u00e4rz 2020 haben wir Prof. Michael Schmid aus der Abteilung Medizin von der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Fakult\u00e4t ausgefragt und erstaunliche Antworten erhalten.\u00a0<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>\u00abIch glaube nur, was ich sehe!\u00bb &#8211; Wie sehr k\u00f6nnen wir uns auf unsere Augen verlassen?<br \/>\n<\/strong>Wir k\u00f6nnen uns tats\u00e4chlich ziemlich gut auf unsere Augen verlassen, allerdings sollten wir unserem Gehirn etwas skeptischer gegen\u00fcberstehen. Ich m\u00f6chte das so erkl\u00e4ren: Unsere Augen verf\u00fcgen \u00fcber eine unglaubliche Pr\u00e4zision, die es uns erm\u00f6glicht, einzelne Photonen, die auf unsere Netzhaut treffen, zu erkennen. Andererseits ist die Information, die unsere Augen sehen, nicht immer eindeutig. Zum Beispiel wird unsere Umgebung in den beiden Augen leicht unterschiedlich abgebildet. Das Gehirn l\u00e4sst dann nur eine der beiden Abbildungen ins Bewusstsein gelangen und unterdr\u00fcckt die andere M\u00f6glichkeit. Aber auch unsere Aufmerksamkeit gaukelt uns h\u00e4ufig eine \u00abWahrheit\u00bb vor, die so nicht mit der Realit\u00e4t \u00fcbereinstimmen muss. Mit diesem Prinzip spielen etwa Zauberk\u00fcnstler, die unsere Aufmerksamkeit so geschickt lenken, dass die Realit\u00e4t zwar nicht unserem Auge jedoch aber unserem Bewusstsein verborgen bleibt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-10576\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/MichaelSchmid-1.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"428\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/MichaelSchmid-1.jpg 640w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/MichaelSchmid-1-300x201.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p><strong>Liegen Farben wortw\u00f6rtlich im Auge des Betrachters? Ist Ihr Blau mein Blau?<br \/>\n<\/strong>Farben setzen sich aus verschiedenen Wellenl\u00e4ngen zusammen, f\u00fcr die unsere Photorezeptoren im Auge sensitiv sind. Die Interpretation dieser Wellenl\u00e4ngeninformation im Gehirn ist wiederum stark vom Kontext abh\u00e4ngig. Vor einigen Jahren erregte das Bild #thedress in den sozialen Medien gro\u00dfe Aufmerksamkeit. Die Betrachter stritten \u00fcber die Farbe eines Kleides. F\u00fcr die einen war es schwarz-blau, w\u00e4hrend es die anderen als gold-wei\u00df beschrieben. Es zeigte sich, dass die wahrgenommene Farbe des Bildes davon abh\u00e4ngen kann, ob das Umgebungslicht eher gelblich oder bl\u00e4ulich ist und damit eher den Lichtbedingungen am Morgen oder am Abend entspricht. Solche situativen Faktoren k\u00f6nnen langfristig einen tiefgreifenden Eindruck auf unsere Wahrnehmung aus\u00fcben. So zeigte mein Kollege Pascal Wallisch von der New York University, dass Fr\u00fchaufsteher #thedress eher als weiss-gelb im Sinne einer nat\u00fcrlichen morgendlichen Beleuchtung wahrnehmen, w\u00e4hrend Nachteulen bedingt durch starke k\u00fcnstliche Beleuchtung das Bild eher als schwarz-blau angeben.<\/p>\n<p><strong>Das Auge ist ein Wunderwerk der Natur. Gleichzeitig w\u00e4ren so viele Menschen ohne Brille aufgeschmissen. Sortiert die Evolution Kurzsichtige eigentlich aus?<br \/>\n<\/strong>Die Evolution scheint das Sehen als den vorrangingen Sinn hervorgebracht zu haben. Wenn man sich das visuelle System in verschiedenen Spezies anschaut, so ist es immer gr\u00f6\u00dfer und komplexer geworden. Damit l\u00e4sst sich erkl\u00e4ren, warum das Sehen eine solch wichtige Funktion f\u00fcr uns Menschen hat. Wer eine Brille nutzt, der gleicht damit einen Abbildungsfehler auf der Netzhaut aus, der vermutlich durch genetische und Umweltfaktoren entweder die Brechkraft der Linse oder die L\u00e4nge des Augapfels ver\u00e4ndert hat. Brillen wurden vermutlich erst ab dem 13. Jahrhundert erfunden. Im Zeitrahmen der Evolution handelt es sich also um eine sehr moderne Erfindung.<\/p>\n<p><strong>Neue Technologien und Gewohnheiten bedeuten neue Reize f\u00fcr unsere Augen. Hat das einen Einfluss auf unser Gehirn?<br \/>\n<\/strong>In der Tat nahm die Kurzsichtigkeit vermutlich durch die Verbreitung des Buchdrucks zu. Auch in unserer modernen Zeit erleben wir eine Zunahme an Kurzsichtigkeit, die sich durch unsere vielen Arbeiten vor dem Computer unter k\u00fcnstlichen Lichtbedingungen zumindest teilweise erkl\u00e4ren l\u00e4sst. Welche Auswirkungen das langfristig auf unser Gehirn haben wird, l\u00e4sst sich noch nicht ganz absch\u00e4tzen. Wir wissen aber, dass das Gehirn oft plastisch auf neue Umweltbedingungen reagieren kann. So hat die F\u00e4higkeit zu Lesen im Gehirn ein spezielles Leseareal in der Gro\u00dfhirnrinde hervorgebracht, das so bei anderen Spezies vermutlich nicht existiert und bei bestimmten Patienten, die keine W\u00f6rter erkennen k\u00f6nnen, unzureichend funktioniert. Seit einiger Zeit ist auch zu beobachten, dass die Hersteller von Smartphones und Tablets einen NightMode etablieren, weil die Bef\u00fcrchtung besteht, dass k\u00fcnstliche Beleuchtung von diesen Ger\u00e4ten zur Nachtzeit einen Einfluss auf die Gehirnstrukturen haben kann, die den Schlaf-Wach Zyklus regulieren.<\/p>\n<p><strong>Die meisten, die \u00abBlindheit\u00bb h\u00f6ren, denken an absolute Dunkelheit. Wie nehmen Blinde die Welt wahr?<\/strong><br \/>\nDass Blinde sich in absoluter Dunkelheit befinden, ist eine weit verbreitete Annahme, da wir Sehenden Dunkelheit wahrnehmen, wenn wir unsere Augen schlie\u00dfen. In der Regel k\u00f6nnen Blinde oder Menschen mit starken Sehst\u00f6rungen allerdings Licht erkennen. Es fehlt Ihnen aber die F\u00e4higkeit zu genaueren Sehleistungen, wie das Erkennen von Farben oder Formen. Letztendlich h\u00e4ngt die Qualit\u00e4t der Sehleistung vom Ort der Sehst\u00f6rung und der Art der Blindheit ab. So gibt es das Ph\u00e4nomen der Gesichterblindheit, bei dem die betroffenen Individuen ein voll funktionierendes Sehsystem haben, jedoch keine Gesichter erkennen k\u00f6nnen, weil das daf\u00fcr verantwortliche Areal im Schl\u00e4fenlappen des Gehirns bei ihnen nicht funktioniert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wird man eines Tages alle blinden Menschen heilen k\u00f6nnen? Wo steht die Wissenschaft?<br \/>\n<\/strong>Es gibt verschiedene Vorstellungen wie man Menschen mit Blindheit irgendwann helfen k\u00f6nnte. Man muss allerdings eingestehen, dass therapeutische Ans\u00e4tze schon seit Langem verfolgt werden, die Ergebnisse jedoch bislang noch immer in den Kinderschuhen stecken. Verschiedene Forschergruppen versuchen an der erkrankten Netzhaut anzusetzen, etwa eine Netzhautprothese zu entwickeln, bei der die Ganglionzellen, welche die Sehsignale zum Gehirn senden, elektrisch oder optisch stimuliert werden. Ein neuerer Ansatz nutzt die Stammzelltherapie um neue Photorezeptoren zu bilden und diese in eine erkrankte Netzhaut zu integrieren. Andere Gruppen und auch wir selbst erforschen die M\u00f6glichkeit, das visuelle Gehirn optisch oder elektrisch zu stimulieren, da bei Blinden h\u00e4ufig der Sehnerv vom Auge zum Gehirn in Mitleidenschaft gezogen ist. Wir m\u00fcssen hierbei aber zun\u00e4chst kl\u00e4ren, welche Art von visueller Wahrnehmung sich durch solch eine k\u00fcnstliche Stimulation des visuellen Kortex \u00fcberhaupt erzeugen l\u00e4sst. Hier ist Grundlagenforschung also unerl\u00e4sslich und man ist noch weit davon entfernt, bei Blinden eine solche Sehleistung zur\u00fcckzuholen, wie sie sie fr\u00fcher einmal hatten.<\/p>\n<p><strong>Es gibt ja viele Arten von Hirnverletzungen, u.a. sehen Betroffene dann doppelt. K\u00f6nnen Sie dazu etwas sagen? Kann unser Gehirn das mit anderen, intakten Hirnregionen z.B. kompensieren?<br \/>\n<\/strong>Wenn man doppelt sieht, kann der Grund daf\u00fcr in den Augen oder im Gehirn liegen. Weniger problematisch ist, wenn Alkoholkonsum oder M\u00fcdigkeit die Augenmuskeln erschlaffen lassen und es so nur tempor\u00e4r zu Doppelsehen kommt. F\u00e4llt diese Erkl\u00e4rung allerdings weg, ist es wichtig herauszufinden, ob das Doppelsehen nur mit einem Auge oder mit beiden auftritt. Betroffene sollten in jedem Fall einen Arzt zur genaueren Diagnostik aufsuchen. Bei Strabismus, landl\u00e4ufig h\u00e4ufig als \u201aSchielen\u2018 bezeichnet, kann es durch die fehlende Gleichrichtung der beiden Augen zum Doppelsehen kommen. Vor allem bei Kindern reagiert das Gehirn und unterdr\u00fcckt die \u201a\u00fcberfl\u00fcssige\u2018 Nervenaktivit\u00e4t eines Auges. Was sich erst mal sinnvoll anh\u00f6rt, kann langfristig aber negative Auswirkungen auf die Sehleistung haben. Deshalb ist es auch hier wichtig, den urs\u00e4chlichen Strabismus zu behandeln.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Informationen zur Veranstaltung <a href=\"https:\/\/agenda.unifr.ch\/e\/de\/\">\u00abIch sehe was, was Du nicht siehst \u2013 wie im Gehirn visuelle Wahrnehmung entsteht\u00bb<\/a> vom 19. M\u00e4rz 2020. Bitte informieren Sie sich rechtzeitig, ob die Veranstaltung aufgrund des Coronavirus annulliert wird oder nicht.\u00a0<a href=\"https:\/\/agenda.unifr.ch\/e\/de\/6075\/\"><br \/>\n<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/directory\/fr\/people\/304767\/ec6b6\">Webseite<\/a> von Prof. Michael Schmid<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.semaineducerveau.ch\/\">Webseite<\/a> der \u00abSemaine du cerveau\u00bb<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Evolution hat das Sehen als unseren wichtigsten Sinn hervorgebracht. Doch wie genau funktioniert eigentlich unser Auge und welche Rolle spielt das Gehirn? Im Rahmen der \u00abSemaine du cerveau\u00bb vom 16.-20. 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