Weltweite Verflechtungen kennzeichnen die Globalisierung: wirtschaftlich,
gesellschaftlich, politisch und kulturell. Sie eröffnen ein sozialräumliches
Gesellschaftsbild, das weder territorial, noch national gebunden ist.
Zivilgesellschaftliche Ansätze postulieren eine sozial verträgliche
Globalität, die Ausgrenzung und Isolation verhindert.
Von Ueli Mäder
Die Globalisierung ist ein altes Phänomen. Rund drei Viertel der Erdoberfläche
wurden während den letzten fünfhundert Jahren europäisch kolonisiert.
Neu sind der rasante Anstieg des Welthandels und der Finanzströme. Die
Bedeutung der Wirtschaft nimmt zu. Wie steht es aber mit dem politischen
Einfluss? Weichen sich soziale Verbindlichkeiten und institutionelle
Kontrollen auf? Dies könnte zu Verunsicherungen führen, die autoritäre
Kräfte stärken.
Verschärfte Konkurrenz
Der Welthandel und die Finanzströme sind zentrumsorientiert. Sie klammern
weite Teile der Bevölkerung aus. Während die Preise für industriell
gefertigte Güter tendenziell steigen, sinken im Vergleich jene für Rohstoffe
und Primärgüter. Weil sich die Austauschbedingungen verschlechtern,
erzielen viele “Entwicklungsländer“ mit mehr Exporten weniger Erlös.
Die verschärfte Standortkonkurrenz zwischen den reichen Zentren erhöht
den Rationalisierungsdruck und die Erwerbslosigkeit. Das wirtschaftliche
Wachstum belastet auch die Umwelt. Ein Fünftel der Menschen verbrauchen
in Industrieländern vier Fünftel der Weltenergie. Der Treibhauseffekt
und die Erwärmung der Erdoberfläche lassen den Meeresspiegel ansteigen.
Sie zwingen Millionen von Menschen zur Migration. Theorien der Modernisierung
nehmen an, dass der Wohlstand allmählich ins “Hinterland“ sickert. Doch
der erhoffte Effekt lässt auf sich warten; drei Milliarden Menschen
leben mit weniger als zwei Dollar pro Tag.
500 Unternehmen kontrollieren zwei Drittel des weltweiten Handels.
Die Zentralisierung der Wirtschaft berührt politische Grundlagen wie
das Territorialprinzip (feste Grenzen), das Souveränitätsprinzip (staatliches
Gewaltmonopol) und das Legalitätsprinzip (verbindliches Vertragswesen).
Die Aufweichung bestandener Prinzipien erhöht die Verunsicherung und
den Ruf nach einer starken Hand, die für Ordnung sorgen soll. Rasche
Veränderungen und komplexe gesellschaftliche Strukturen verlocken dazu,
Halt in Vereinfachungen zu suchen. Mit der Globalisierung formieren
sich neue fundamentalistische Strömungen, aber auch zivilgesellschaftliche
Bewegungen, die sich vernetzen und für den sozialen Zusammenhalt engagieren.
“Sozialer Kitt“
Nach dem zweiten Weltkrieg erlebten in der Schweiz breite Bevölkerungskreise
einen materiellen Aufschwung, der den “sozialen Kitt“ zu fördern schien.
Seit den rezessiven Einbrüchen der siebziger Jahre steigen jedoch die
Lebenshaltungskosten für Nahrung, Mieten, Gesundheit stärker als Teile
der unteren Einkommen. Das System der sozialen Sicherheit, das zwar
relativ gut ausgebaut ist, hält mit dem Wandel der Lebensformen nicht
Schritt; die Zahl der Alleinlebenden und Alleinerziehenden nimmt zu.
Das Schweizer System geht also von Voraussetzungen aus, die nur beschränkt
zutreffen. Wir haben weder Vollbeschäftigung mit kontinuierlichen Erwerbsbiographien,
noch mehrheitlich traditionelle Familien, bei denen ein Einkommen für
einen Haushalt ausreicht.
Lösungsansätze zum sozialen Ausgleich
Konzepte einer sozialen Globalität plädieren für eine gerechtere
Weltwirtschaftsordnung. Sie schlagen vor, die Preise für Rohstoffe an
jene für industriell gefertigte Güter anzupassen. Gemäss Berechnungen
der Vereinten Nationen (UN) genügte den “Entwicklungsländern“ die Hälfte
des Mehrerlöses, um ihre existenziellen Bedürfnisse zu befriedigen.
Stabile Abnahmequoten und Preise könnten helfen, die Produktion aufzufächern
und die Abhängigkeit von einzelnen Exportgütern zu mindern. Diese Vorschläge
gehen davon aus, dass die Zentralisierung der Wirtschaft ein politisches
Korrektiv braucht. Typologien einer „Transnationalen Demokratie“ unterscheiden
Ansätze einer zentraldemokratischen Weltordnung mit universalen Beschlüssen
von einem liberaldemokratischen Pluralismus, der an bestehende staatliche
Vereinbarungen anknüpfen will. Kommunitäre Ansätze zielen darauf ab,
zivilgesellschaftliche Einrichtungen zu stärken.
Soziologe Ralf Dahrendorf will keine Weltregierung, sondern eine bessere
Kooperation staatlicher und zivilgesellschaftlicher Institutionen. Er
plädiert für eine “Bürgergesellschaft“, in der die Assoziationen der
Menschen wichtiger sind als der Staat, der ein Grundeinkommen mit verbindlichem
Minimallohn garantieren müsse, was kontrovers diskutiert wird. Die einen
befürchten einen demotivierenden Einfluss auf die Erwerbsarbeit, andere
erhoffen sich eine Entlastung sozial Benachteiligter. Wenn es nicht
gelingt, der ausgeprägten Wettbewerbsfähigkeit ein starkes Element des
sozialen Zusammenhalts hinzuzufügen, befinden wir uns laut Dahrendorf
auf dem Weg in ein autoritäres 21. Jahrhundert. Die Globalisierung stärke
sowohl borniert nationalistische und provinzialistische Kräfte als auch
viel versprechende gemeinschaftliche und regionale Zusammenschlüsse.
Menschen, die sich bedrängt fühlen, ziehen sich oft zurück oder flüchten
nach vorn. Wer über genügend Ressourcen verfügt, ist eher in der Lage,
seine Kräfte gezielt einzusetzen. Eine gute Ausstattung mit sozialem
und kulturellem Kapital (Ausbildung und Beziehungen) kann dazu beitragen,
Horizonte zu erweitern. Eine sozial verträgliche Globalität strebt den
sozialen Ausgleich an. Ohne internationale Vereinbarungen im Sinne der
Menschenrechte besteht die Gefahr, dass soziale Not und Spannungen zunehmen.
Gelingt es, soziale Desintegration zu vermindern, dürften sich auch
die wirtschaftliche und politische Stabilität festigen. “Eine ideale
Gesellschaft ist“, so Dahrendorf, “die nicht-ideale Gesellschaft, die
offen ist für Veränderung.“
Professor Ueli Mäder ist Soziologe und stv. Lehrstuhlinhaber
am deutschsprachigen Lehrstuhl für Sozialarbeit und Sozialpolitik. www.unifr.ch/travsoc/

Vortragszyklus “Soziale Folgen der Globalisierung“
Der Lehrstuhl für Sozialarbeit und Sozialpolitik führte
im Sommersemester 2002 an der Universität Freiburg eine Vortragsreihe
über “Soziale Folgen der Globalisierung“ durch. Dieser Artikel basiert
auf dem Eröffnungsvortrag von Professor Ueli Mäder.

Les conséquences sociales de la mondialisation
La mondialisation est un phénomène ancien qui se caractérise
actuellement par une croissance massive du commerce mondial et des flux
financiers. Orientée vers les centres, elle exclut des minorités fragiles
de la population pour lesquelles les conséquences sociales sont dramatiques
: chômage, insatisfaction des besoins primaires, désastres écologiques.
Il convient donc de chercher des moyens pour rétablir l’équilibre. Selon
l’ONU, la moitié de l’excédent des recettes suffirait à couvrir les
besoins des pays en voie de développement. Une globalité socialement
acceptable doit tendre à l’égalité sociale, et le renforcement de la
stabilité économique et politique devrait diminuer la désintégration
sociale.