> universitas friburgensis juin 2002

 
 

 


soziale folgen der globalisierung

Weltweite Verflechtungen kennzeichnen die Globalisierung: wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch und kulturell. Sie eröffnen ein sozialräumliches Gesellschaftsbild, das weder territorial, noch national gebunden ist. Zivilgesellschaftliche Ansätze postulieren eine sozial verträgliche Globalität, die Ausgrenzung und Isolation verhindert.

Von Ueli Mäder

Die Globalisierung ist ein altes Phänomen. Rund drei Viertel der Erdoberfläche wurden während den letzten fünfhundert Jahren europäisch kolonisiert. Neu sind der rasante Anstieg des Welthandels und der Finanzströme. Die Bedeutung der Wirtschaft nimmt zu. Wie steht es aber mit dem politischen Einfluss? Weichen sich soziale Verbindlichkeiten und institutionelle Kontrollen auf? Dies könnte zu Verunsicherungen führen, die autoritäre Kräfte stärken.

Verschärfte Konkurrenz
Der Welthandel und die Finanzströme sind zentrumsorientiert. Sie klammern weite Teile der Bevölkerung aus. Während die Preise für industriell gefertigte Güter tendenziell steigen, sinken im Vergleich jene für Rohstoffe und Primärgüter. Weil sich die Austauschbedingungen verschlechtern, erzielen viele “Entwicklungsländer“ mit mehr Exporten weniger Erlös. Die verschärfte Standortkonkurrenz zwischen den reichen Zentren erhöht den Rationalisierungsdruck und die Erwerbslosigkeit. Das wirtschaftliche Wachstum belastet auch die Umwelt. Ein Fünftel der Menschen verbrauchen in Industrieländern vier Fünftel der Weltenergie. Der Treibhauseffekt und die Erwärmung der Erdoberfläche lassen den Meeresspiegel ansteigen. Sie zwingen Millionen von Menschen zur Migration. Theorien der Modernisierung nehmen an, dass der Wohlstand allmählich ins “Hinterland“ sickert. Doch der erhoffte Effekt lässt auf sich warten; drei Milliarden Menschen leben mit weniger als zwei Dollar pro Tag.

500 Unternehmen kontrollieren zwei Drittel des weltweiten Handels. Die Zentralisierung der Wirtschaft berührt politische Grundlagen wie das Territorialprinzip (feste Grenzen), das Souveränitätsprinzip (staatliches Gewaltmonopol) und das Legalitätsprinzip (verbindliches Vertragswesen). Die Aufweichung bestandener Prinzipien erhöht die Verunsicherung und den Ruf nach einer starken Hand, die für Ordnung sorgen soll. Rasche Veränderungen und komplexe gesellschaftliche Strukturen verlocken dazu, Halt in Vereinfachungen zu suchen. Mit der Globalisierung formieren sich neue fundamentalistische Strömungen, aber auch zivilgesellschaftliche Bewegungen, die sich vernetzen und für den sozialen Zusammenhalt engagieren.

“Sozialer Kitt“
Nach dem zweiten Weltkrieg erlebten in der Schweiz breite Bevölkerungskreise einen materiellen Aufschwung, der den “sozialen Kitt“ zu fördern schien. Seit den rezessiven Einbrüchen der siebziger Jahre steigen jedoch die Lebenshaltungskosten für Nahrung, Mieten, Gesundheit stärker als Teile der unteren Einkommen. Das System der sozialen Sicherheit, das zwar relativ gut ausgebaut ist, hält mit dem Wandel der Lebensformen nicht Schritt; die Zahl der Alleinlebenden und Alleinerziehenden nimmt zu. Das Schweizer System geht also von Voraussetzungen aus, die nur beschränkt zutreffen. Wir haben weder Vollbeschäftigung mit kontinuierlichen Erwerbsbiographien, noch mehrheitlich traditionelle Familien, bei denen ein Einkommen für einen Haushalt ausreicht.

Lösungsansätze zum sozialen Ausgleich
Konzepte einer sozialen Globalität plädieren für eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung. Sie schlagen vor, die Preise für Rohstoffe an jene für industriell gefertigte Güter anzupassen. Gemäss Berechnungen der Vereinten Nationen (UN) genügte den “Entwicklungsländern“ die Hälfte des Mehrerlöses, um ihre existenziellen Bedürfnisse zu befriedigen. Stabile Abnahmequoten und Preise könnten helfen, die Produktion aufzufächern und die Abhängigkeit von einzelnen Exportgütern zu mindern. Diese Vorschläge gehen davon aus, dass die Zentralisierung der Wirtschaft ein politisches Korrektiv braucht. Typologien einer „Transnationalen Demokratie“ unterscheiden Ansätze einer zentraldemokratischen Weltordnung mit universalen Beschlüssen von einem liberaldemokratischen Pluralismus, der an bestehende staatliche Vereinbarungen anknüpfen will. Kommunitäre Ansätze zielen darauf ab, zivilgesellschaftliche Einrichtungen zu stärken.

Soziologe Ralf Dahrendorf will keine Weltregierung, sondern eine bessere Kooperation staatlicher und zivilgesellschaftlicher Institutionen. Er plädiert für eine “Bürgergesellschaft“, in der die Assoziationen der Menschen wichtiger sind als der Staat, der ein Grundeinkommen mit verbindlichem Minimallohn garantieren müsse, was kontrovers diskutiert wird. Die einen befürchten einen demotivierenden Einfluss auf die Erwerbsarbeit, andere erhoffen sich eine Entlastung sozial Benachteiligter. Wenn es nicht gelingt, der ausgeprägten Wettbewerbsfähigkeit ein starkes Element des sozialen Zusammenhalts hinzuzufügen, befinden wir uns laut Dahrendorf auf dem Weg in ein autoritäres 21. Jahrhundert. Die Globalisierung stärke sowohl borniert nationalistische und provinzialistische Kräfte als auch viel versprechende gemeinschaftliche und regionale Zusammenschlüsse.

Menschen, die sich bedrängt fühlen, ziehen sich oft zurück oder flüchten nach vorn. Wer über genügend Ressourcen verfügt, ist eher in der Lage, seine Kräfte gezielt einzusetzen. Eine gute Ausstattung mit sozialem und kulturellem Kapital (Ausbildung und Beziehungen) kann dazu beitragen, Horizonte zu erweitern. Eine sozial verträgliche Globalität strebt den sozialen Ausgleich an. Ohne internationale Vereinbarungen im Sinne der Menschenrechte besteht die Gefahr, dass soziale Not und Spannungen zunehmen. Gelingt es, soziale Desintegration zu vermindern, dürften sich auch die wirtschaftliche und politische Stabilität festigen. “Eine ideale Gesellschaft ist“, so Dahrendorf, “die nicht-ideale Gesellschaft, die offen ist für Veränderung.“

Professor Ueli Mäder ist Soziologe und stv. Lehrstuhlinhaber am deutschsprachigen Lehrstuhl für Sozialarbeit und Sozialpolitik. www.unifr.ch/travsoc/


Vortragszyklus “Soziale Folgen der Globalisierung“

Der Lehrstuhl für Sozialarbeit und Sozialpolitik führte im Sommersemester 2002 an der Universität Freiburg eine Vortragsreihe über “Soziale Folgen der Globalisierung“ durch. Dieser Artikel basiert auf dem Eröffnungsvortrag von Professor Ueli Mäder.

 


Les conséquences sociales de la mondialisation

La mondialisation est un phénomène ancien qui se caractérise actuellement par une croissance massive du commerce mondial et des flux financiers. Orientée vers les centres, elle exclut des minorités fragiles de la population pour lesquelles les conséquences sociales sont dramatiques : chômage, insatisfaction des besoins primaires, désastres écologiques. Il convient donc de chercher des moyens pour rétablir l’équilibre. Selon l’ONU, la moitié de l’excédent des recettes suffirait à couvrir les besoins des pays en voie de développement. Une globalité socialement acceptable doit tendre à l’égalité sociale, et le renforcement de la stabilité économique et politique devrait diminuer la désintégration sociale.

 


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Mise à jour: juin 2002 par nf
 
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