> universitas friburgensis juin 2002

 
 

 


die sexualität: fatum oder wahl?

Wie kommt es zur Diversität des Begehrens, welche in allen Kulturen zu beobachten ist? Die erotische Attraktion ist keine Frage der Wahl: Die Forschung geht heute von einer Kombination aus genetischen und frühkindlichen Dispositionen aus.

Von Michael Groneberg

Die Hirnforschung lokalisierte anhand von Obduktionen und Tierversuchen die erotische Orientierung im Hypothalamus. In den 60er Jahren wurde die androphile Zone im Gehirn pädophiler Sexualstraftäter operativ zerstört und damit deren Sexualtrieb annähernd ausgelöscht, ohne dass die Betroffenen heterosexuell geworden wären2. Was die Hirnforschung mit derartigen Experimenten deutlich macht, ist der Bedarf an Forschungsethik und an kritischer Analyse, um reduktionistische Deutungen zu vermeiden. Denn die Beziehung zwischen Gehirn und Verhalten ist keine Einbahnstrasse. Unterschiede im Gehirn können durch den individuellen Lebensstil erzeugt worden sein.

"Born that way"?
Falls die Erotik jedoch durch ein Gen determiniert wäre, hätten das Individuum und sein Lebensstil keinen Einfluss darauf. Nun scheint die Disposition zu männlicher Homosexualität über die weibliche Linie vererbt, womit das X-Chromosom in Verdacht geriet. Die Molekulargenetik grenzte das Gen ein und versah es mit dem Namen Xq28. Entsprechende Erkenntnisse zur weiblichen Homosexualität liegen nicht vor. Die Genforschung im allgemeinen zeigt jedoch, dass die Gene Verhalten nicht determinieren, sondern nur zu einer bestimmten Interaktion mit der Umwelt disponieren, so dass die resultierenden Eigenschaften von der individuellen Umgebung, vor allem der ersten Lebensjahre, abhängen.

Die einflussreichste und am weitesten popularisierte Theorie der frühkindlichen Prägung ist die Psychoanalyse. Freud lieferte verschiedene Erklärungen der Homosexualität; die bekannteste ist die starke Mutterbindung. Gemäss seiner Sublimationstheorie wird der jedem Menschen eigene homosexuelle Begehrensanteil im glücklichen Fall in sozialen Leistungen sublimiert und bildet gar die Grundlage unserer Kultur. Im unglücklichen Fall wird er verdrängt; die Abwehr der aufsteigenden Impulse kann zu Homophobie und Paranoia führen. Leider sind die Bestätigungsmethoden der Psychoanalyse fragwürdig, so dass ihre Thesen nicht verlässlich sind. Die genauen Mechanismen und das Ausmass der Festlegung des erotischen Geschmacks sind nicht bekannt.

Widernatürliche Tiere?
Die in Recht und Theologie lange gepflegte Rede von “widernatürlicher Unzucht“ ist zoologischen Erkenntnissen zufolge verfehlt. Homoerotisches und homosoziales Verhalten sind bei den meisten Säugetier- und Vogelarten zu finden, von einmaliger “Unzucht“ bis zu lebenslangen Partnerschaften mit oder ohne Aufzucht von Nachwuchs. Für die menschliche Gattung spezifisch ist dagegen Homophobie. Die Befürchtung, durch Homosexualität vom Aussterben bedroht zu sein, ist grundlos, wie auch ein Blick in andere Kulturen oder die Geschichte zeigt.

Tierische Sexualität ist so divers wie menschliche, aber nicht von Normen und Identitäten wie homo oder hetero geprägt. Das Erstaunliche der Kinsey- Studien war weniger die Feststellung, dass 4 bis 5 Prozent der Bevölkerung ausschliesslich homosexuell begehrt, sondern dass sich nur die Hälfte Zeit ihres Lebens auf Heterosexualität beschränkt. Wir müssen daher von einem “Kontinuum des Begehrens“ ausgehen, davon, dass jeder Mensch beide Geschlechter - in je verschiedenem Grad - begehren kann.

Macht oder Gleichheit?
In den Anfängen unserer Kultur war weniger der Sex des freien Mannes mit Frauen, Sklaven oder Knaben das Problem, als dass ein Mann die passive Rolle einnimmt (oder die Frau eines anderen stiehlt). In diesem Licht deuten Theologen gegenwärtig die Anweisung

"Du sollst nicht bei einem Manne liegen wie bei einem Weibe". Der Geschlechtsakt war asymmetrisch konzipiert: die Frau war dominiert, sogar Eigentum; die Beziehung zwischen Männern folgte der Rollenverteilung in Liebhaber und Geliebten, in aktiv und passiv, meist verbunden mit Status- und Altersunterschieden. Damit wurde für die damaligen Autoren die Beziehung zwischen zwei freien Männern problematisch und die zwischen Frauen uninteressant. Die Gleichstellung der Frau und das moderne homosexuelle Paradigma von Gleichaltrigkeit und Gleichberechtigung erzwingen eine fundamental andere Konzeption. Sex innerhalb von Abhängigkeitsverhältnissen wird zunehmend als Missbrauch sanktioniert. Die Rollenverteilung in aktiv und passiv löst sich entweder auf, wird geschlechtsunabhängig oder zum Spiel.

Die revolutionäre Hoffnung, dass mit einer Befreiung der Sexualität alles anders würde9, ist dennoch enttäuscht worden. Schwule und lesbische Lebenswelten sind zwar Träger einer anderen Sexualmoral, nicht aber einer anderen Gesellschaftsordnung, vielmehr replizieren sie die bürgerlichen Strukturen, inklusive Ehe und Sportverein. Die Assoziation des Ausstiegs gerade der Homosexuellen aus der Norm lebenslanger monogamer Ehe mit Kindern wird widerlegt von einer steigenden Zahl heterosexuell lebender Singles, schwuler Ehen und lesbischer Mutterpaare.

Die richtigen Fragen
Für alle gewinnt irgendwann die Frage nach einem guten Leben Priorität. So zeigt sich am Umgang mit AIDS die Wichtigkeit einer ehrlichen und offenen Kommunikation über Sexualität. Als Effekt der vormals ausgezeichneten schweizerischen Präventionsarbeit ist das Ansteckungsrisiko in den 90er Jahren drastisch gesunken. Die erneute Zunahme von HIV-Infektionen und das Wiederaufleben resistenter Erreger anderer gefährlicher Krankheiten sollte Motiv genug sein, diese Linie weiter zu verfolgen. Laut Dezemberbericht 2001 der WHO ist derzeit in den wohlhabenden Ländern dringend mehr Aufklärung erforderlich.

Fazit: Unsere Sexualität befreit sich von Abhängigkeitsverhältnissen und gestaltet sich neu. Die Gleichstellung der Frau und die Anerkennung der Homosexualität als wählbarer und unschädlicher Lebens- und Liebesform ermöglichen den Betroffenen endlich ein menschenwürdiges Dasein. Personen, die nicht auf ein Geschlecht fixiert sind, haben eine gewisse Freiheit in der Partnerwahl, doch die Auflösung des Denkmusters Homo-Hetero erfolgt nur langsam.

Michael Groneberg ist Doktorassistent am Departement für Philosophie.

 


La sexualité : fatalité ou choix ?

L’attraction érotique n’est pas une question de choix, mais résulte de la combinaison de dispositions génétiques et d’expériences effectuées au cours de la vie. A notre époque, la sexualité se libère de rapports de dépendance et se réorganise. L’émancipation de la femme et la reconnaissance d’autres formes de sexualité en tant que style de vie librement choisi permettent une existence plus humaine aux personnes concernées. Pourtant les préjugés n’évoluent que lentement.

 


Service Presse + Communication  
Mise à jour: juin 2002 par nf
 
www.unifr.ch/spc
Email: press@unifr.ch
tél. ++41(26) 300 70 34  -  fax ++41(26) 300 97 03
 Université de Fribourg  Miséricorde  CH-1700 Fribourg