Wie kommt es zur Diversität des Begehrens, welche in allen Kulturen
zu beobachten ist? Die erotische Attraktion ist keine Frage der Wahl:
Die Forschung geht heute von einer Kombination aus genetischen und frühkindlichen
Dispositionen aus.
Von Michael Groneberg
Die Hirnforschung lokalisierte anhand von Obduktionen und Tierversuchen
die erotische Orientierung im Hypothalamus. In den 60er Jahren wurde
die androphile Zone im Gehirn pädophiler Sexualstraftäter operativ zerstört
und damit deren Sexualtrieb annähernd ausgelöscht, ohne dass die Betroffenen
heterosexuell geworden wären2. Was die Hirnforschung mit derartigen
Experimenten deutlich macht, ist der Bedarf an Forschungsethik und an
kritischer Analyse, um reduktionistische Deutungen zu vermeiden. Denn
die Beziehung zwischen Gehirn und Verhalten ist keine Einbahnstrasse.
Unterschiede im Gehirn können durch den individuellen Lebensstil erzeugt
worden sein.
"Born that way"?
Falls die Erotik jedoch durch ein Gen determiniert wäre, hätten
das Individuum und sein Lebensstil keinen Einfluss darauf. Nun scheint
die Disposition zu männlicher Homosexualität über die weibliche Linie
vererbt, womit das X-Chromosom in Verdacht geriet. Die Molekulargenetik
grenzte das Gen ein und versah es mit dem Namen Xq28. Entsprechende
Erkenntnisse zur weiblichen Homosexualität liegen nicht vor. Die Genforschung
im allgemeinen zeigt jedoch, dass die Gene Verhalten nicht determinieren,
sondern nur zu einer bestimmten Interaktion mit der Umwelt disponieren,
so dass die resultierenden Eigenschaften von der individuellen Umgebung,
vor allem der ersten Lebensjahre, abhängen.
Die einflussreichste und am weitesten popularisierte Theorie der frühkindlichen
Prägung ist die Psychoanalyse. Freud lieferte verschiedene Erklärungen
der Homosexualität; die bekannteste ist die starke Mutterbindung. Gemäss
seiner Sublimationstheorie wird der jedem Menschen eigene homosexuelle
Begehrensanteil im glücklichen Fall in sozialen Leistungen sublimiert
und bildet gar die Grundlage unserer Kultur. Im unglücklichen Fall wird
er verdrängt; die Abwehr der aufsteigenden Impulse kann zu Homophobie
und Paranoia führen. Leider sind die Bestätigungsmethoden der Psychoanalyse
fragwürdig, so dass ihre Thesen nicht verlässlich sind. Die genauen
Mechanismen und das Ausmass der Festlegung des erotischen Geschmacks
sind nicht bekannt.
Widernatürliche Tiere?
Die in Recht und Theologie lange gepflegte Rede von “widernatürlicher
Unzucht“ ist zoologischen Erkenntnissen zufolge verfehlt. Homoerotisches
und homosoziales Verhalten sind bei den meisten Säugetier- und Vogelarten
zu finden, von einmaliger “Unzucht“ bis zu lebenslangen Partnerschaften
mit oder ohne Aufzucht von Nachwuchs. Für die menschliche Gattung spezifisch
ist dagegen Homophobie. Die Befürchtung, durch Homosexualität vom Aussterben
bedroht zu sein, ist grundlos, wie auch ein Blick in andere Kulturen
oder die Geschichte zeigt.
Tierische Sexualität ist so divers wie menschliche, aber nicht von
Normen und Identitäten wie homo oder hetero geprägt. Das Erstaunliche
der Kinsey- Studien war weniger die Feststellung, dass 4 bis 5 Prozent
der Bevölkerung ausschliesslich homosexuell begehrt, sondern dass sich
nur die Hälfte Zeit ihres Lebens auf Heterosexualität beschränkt. Wir
müssen daher von einem “Kontinuum des Begehrens“ ausgehen, davon, dass
jeder Mensch beide Geschlechter - in je verschiedenem Grad - begehren
kann.
Macht oder Gleichheit?
In den Anfängen unserer Kultur war weniger der Sex des freien Mannes
mit Frauen, Sklaven oder Knaben das Problem, als dass ein Mann die passive
Rolle einnimmt (oder die Frau eines anderen stiehlt). In diesem Licht
deuten Theologen gegenwärtig die Anweisung
"Du sollst nicht bei einem Manne liegen wie bei einem Weibe".
Der Geschlechtsakt war asymmetrisch konzipiert: die Frau war dominiert,
sogar Eigentum; die Beziehung zwischen Männern folgte der Rollenverteilung
in Liebhaber und Geliebten, in aktiv und passiv, meist verbunden mit
Status- und Altersunterschieden. Damit wurde für die damaligen Autoren
die Beziehung zwischen zwei freien Männern problematisch und die zwischen
Frauen uninteressant. Die Gleichstellung der Frau und das moderne homosexuelle
Paradigma von Gleichaltrigkeit und Gleichberechtigung erzwingen eine
fundamental andere Konzeption. Sex innerhalb von Abhängigkeitsverhältnissen
wird zunehmend als Missbrauch sanktioniert. Die Rollenverteilung in
aktiv und passiv löst sich entweder auf, wird geschlechtsunabhängig
oder zum Spiel.
Die revolutionäre Hoffnung, dass mit einer Befreiung der Sexualität
alles anders würde9, ist dennoch enttäuscht worden. Schwule und lesbische
Lebenswelten sind zwar Träger einer anderen Sexualmoral, nicht aber
einer anderen Gesellschaftsordnung, vielmehr replizieren sie die bürgerlichen
Strukturen, inklusive Ehe und Sportverein. Die Assoziation des Ausstiegs
gerade der Homosexuellen aus der Norm lebenslanger monogamer Ehe mit
Kindern wird widerlegt von einer steigenden Zahl heterosexuell lebender
Singles, schwuler Ehen und lesbischer Mutterpaare.
Die richtigen Fragen
Für alle gewinnt irgendwann die Frage nach einem guten Leben Priorität.
So zeigt sich am Umgang mit AIDS die Wichtigkeit einer ehrlichen und
offenen Kommunikation über Sexualität. Als Effekt der vormals ausgezeichneten
schweizerischen Präventionsarbeit ist das Ansteckungsrisiko in den 90er
Jahren drastisch gesunken. Die erneute Zunahme von HIV-Infektionen und
das Wiederaufleben resistenter Erreger anderer gefährlicher Krankheiten
sollte Motiv genug sein, diese Linie weiter zu verfolgen. Laut Dezemberbericht
2001 der WHO ist derzeit in den wohlhabenden Ländern dringend mehr Aufklärung
erforderlich.
Fazit: Unsere Sexualität befreit sich von Abhängigkeitsverhältnissen
und gestaltet sich neu. Die Gleichstellung der Frau und die Anerkennung
der Homosexualität als wählbarer und unschädlicher Lebens- und Liebesform
ermöglichen den Betroffenen endlich ein menschenwürdiges Dasein. Personen,
die nicht auf ein Geschlecht fixiert sind, haben eine gewisse Freiheit
in der Partnerwahl, doch die Auflösung des Denkmusters Homo-Hetero erfolgt
nur langsam.
Michael Groneberg ist Doktorassistent am Departement
für Philosophie.

La sexualité : fatalité ou choix ?
Lattraction érotique nest pas une
question de choix, mais résulte de la combinaison de dispositions
génétiques et dexpériences effectuées
au cours de la vie. A notre époque, la sexualité se libère
de rapports de dépendance et se réorganise. Lémancipation
de la femme et la reconnaissance dautres formes de sexualité
en tant que style de vie librement choisi permettent une existence plus
humaine aux personnes concernées. Pourtant les préjugés
névoluent que lentement.