In der Schweiz verfügen drei Prozent der privaten Steuerpflichtigen
über gleich viel Vermögen wie die übrigen 97 Prozent. Doch wie äussert
sich die Bedeutung des Reichtums für Wirtschaft und Gesellschaft? Das
Buch “Reichtum in der Schweiz” liefert Porträts von Reichen, Fakten
und Hintergründe.
Von Sonja Spreitzer
Wie vertragen sich Reichtum und soziale Verantwortung? Dieser Frage
gehen Elisa Streuli und Ueli Mäder in ihrem kürzlich erschienenen Buch
“Reichtum in der Schweiz” nach. Die Autoren haben dreissig reiche Menschen
über ihr Privileg befragt, über mehrere Millionen Franken zu verfügen,
und ihre Bereitschaft, Mittel für soziale Zwecke zu spenden. Denn während
der Graben zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander klafft, geht
es den Reichen immer besser. Das Vermögen der 100 Reichsten hat sich
in den letzten zehn Jahren mehr als vervierfacht. Ende 2001 besassen
die 300 Reichsten in der Schweiz ein Vermögen von 390 Milliarden Franken.
Reichtum als Last
Doch reich sein, ist nicht einfach. Während viele reiche Menschen sehr
selbstbewusst auftreten, geraten viele andere in konfliktive Situationen,
die mit der Verwaltung des Reichtums zusammenhängen, wie die Autoren
feststellten. Darüber hinaus fühlen sich Kinder von Reichen oft einsam,
und Reiche stellen sich vielfach die Frage nach dem Sinn des Lebens.
Dadurch, dass sie fast alles haben (können), erhält diese Frage ein
besonderes Gewicht. Dennoch sind sie in vielen Lebensfragen aufgeschlossen
und geben Ausbildung, Kultur und Ökologie einen grossen Wert. Auch die
soziale Verantwortung liegt vielen Reichen am Herzen. So sollen Menschen,
die unverschuldet in Not geraten sind, unterstützt werden, während die
staat- lich verordnete Umverteilung innerhalb der Gesellschaft eher
auf Ablehnung stösst. Nicht zuletzt schreiben sich die reichen Menschen
aussergewöhnliche Fähigkeiten zu, wobei auch die Vermehrung ihres Reichtums
als persönliches Verdienst gilt.
Immaterielle Werte
Den Autoren sind insbesondere die immateriellen Werte aufgefallen, die
als Teil des Reichtums zu verstehen sind. Viele Reiche investieren in
Gegenstände, oftmals in Kunst, oder spenden Legate an gemeinnützige
Organisationen, von denen sie eine grosse symbolische Rendite - wie
gesellschaftliche Anerkennung - erwarten. Dennoch sind gerade reiche
Unternehmer davon überzeugt, die wirtschaftliche Entwicklung kaum beeinflussen
zu können, obwohl sie über Kapital, Produktionsmittel und Menschen verfügen.
Daraus stellt sich für die Autoren die zentrale soziale Frage der Verteilung
in der heutigen Gesellschaft. Trotz den zahlreichen Spenden ist die
Auswirkung auf eine gerechtere Verteilung äusserst gering. Ein Beispiel
ist die im Herbst 2001 debattierte Steuerreform. Der Nationalrat beschloss
eine Steuererleichterung für die unteren Einkommen, und gleichzeitg
wurden massive Steuergeschenke für höhere Einkommen gewährt. Deshalb,
so das Fazit, müsse in der Analyse des Reichtums in der Schweiz nebst
den Spenden der Reichen auch die Spenden an die Reichen berücksichtigt
werden.
Ueli Mäder, Elisa Streuli: "Reichtum in der Schweiz: Porträts - Fakten
- Hintergründe", Rotpunktverlag, Zürich, 2002 ISBN 3-85869- 234-4