Fünf Jahre nach der Verabschiedung des Kyoto-Protokolls stellt sich
die Frage nach dessen praktischen Nutzen im Kampf gegen die globale
Erwärmung. Experten aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Publizistik
zeigten sich an der Tagung "10 Jahre nach Rio: Kyoto - Utopie oder Programm?"
der Koordinationsstelle Umweltwissenschaften zuversichtlich und skeptisch
zugleich.
Von Markus Züger
Die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts waren das wärmste Jahrzehnt
seit 1861. Für die kommenden 100 Jahre sagen Klimasimulationen einen
weiteren Temperaturanstieg zwischen 1,4 und 5,8 Grad voraus. Die globale
Erwärmung wird als Folge des ansteigenden CO2-Gehalts gedeutet. Diese
klimatischen Veränderungen beeinflussen die empfindlichen Land- und
Meeresökosysteme der Erde.
Das Kyoto-Protokoll (s. Kasten) gilt nun als erste Grundlage einer
international verbindlichen Emissionsreduktionspolitik – und damit als
ein erstes Werkzeug zur Bekämpfung der globalen Klimaerwärmung. Die
Möglichkeiten und Grenzen dieses Abkommens standen an der Weiterbildungsveranstaltung
“10 Jahre nach Rio: Kyoto – Utopie oder Programm“ der Koordinationsstelle
Umweltwissenschaften im Zentrum. Grundlage der Tagung war der Synthesereport
2001 des IPCC, des “Intergovernmental Panel on Climate Change“ – ein
zwischenstaatlicher Sachverständigenausschuss, der sich wissenschaftlich
und sozio-ökonomisch mit den Ursachen und Folgen der globalen Klimaveränderungen
auseinandersetzt. Dieser Report hält unter anderem fest, dass die globale
Erwärmung seit den 70er Jahren nicht mehr allein durch die natürlichen
Schwankungen des Klimas erklärt werden kann.
Härtere Massnahmen vonnöten
Martin Beniston, Professor am Institut für Geographie der Universität
Freiburg, ist Mitglied des IPCC. Dem Kyoto-Abkommen steht er hoffnungsvoll,
aber auch skeptisch gegenüber: “Die Massnahmen sind vielleicht zu schwach
und kommen zu spät. Dennoch sind sie ein richtungsweisender Schritt
im Kampf gegen die Ursachen des Klimawechsels.“ Es seien aber strengere
Massnahmen nötig, um die Klimaerwärmung in den Griff zu bekommen.
Botschafter Beat Nobs, Chef der schweizerischen Verhandlungsdelegation
im Kyoto-Prozess, bestätigt dies: “Als der Entwurftext des Abkommens
vorgelegt wurde, waren Wissenschaftler und Juristen gleichermassen geschockt.
Dennoch ist das Abkommen ein Erfolg, weil es die bestmögliche Basis
zur weltweiten Bekämpfung des Klimaproblems bietet.“
Als nächsten, wichtigen Schritt sieht Nobs nun die Inkraftsetzung
des Abkommens. Die Ratifizierung durch die Schweiz wird frühestens im
Winter 2002/2003 erfolgen. Praktische Auswirkungen wird die Klimakonvention
jedoch nur begrenzt haben, da die jetzi- gen Ziele der schweizerischen
Energiepolitik ambitionierter sind als die milden Kyoto-Bestimmungen.
Das CO2-Gesetz, das Energiesparprogramm “Energie Schweiz“ und die leistungsabhängige
Schwerverkehrsabgabe LSVA bilden den straffen Rahmen für eine nachhaltige
Energiewirtschaft. Kyoto könnte sich gar nachteilig herausstellen, wenn
etwa die in einem Positionspapier der SVP geforderte Ersetzung des CO2-Gesetzes
durch die largeren Kyoto-Vorschriften Gehör findet.
Allein ein symbolischer Wert
Zweifel an der praktischen Wirkung der Kyoto-Bestimmungen zeigen
sich auch beim Umweltpublizisten Dirk Maxeiner. Er bedauert, dass die
umfassende, wissenschaftliche Arbeit des IPCC im Protokoll auf eine
politische Botschaft reduziert wurde, die von Kompromissen geschwächt
und wenig effizient ist. Die Umsetzung des Abkommens wird nach Maxeiner
so gut wie keinen Einfluss auf das Klimageschehen haben. Das Protokoll
habe einzig einen wichtigen symbolischen Wert. Scharfe Kritik äussert
Maxeiner an den Kosten für die Umsetzung der Bestimmungen, welche jährlich
bis 350 Milliarden Dollar verschlingen. Dies entspricht dem siebenfachen
der weltweiten Entwicklungshilfe. So empfindet es Maxeiner als “Perversion,
Menschen aus Entwicklungsländer als tragische Klimaopfer von morgen
zu betrachten und nicht als Hilfsbedürftige von heute.“
Nachhaltige Wirtschaftsstrategien als Ziel
Durch Umweltkatastrophen und Unwetter, welche unmittelbar von Klimaänderungen
abhängen, entstehen enorme sozio-ökonomische Kosten. Philip Cottle,
Versicherungsspezialist der Rückversicherungsgesellschaft “PartnerRe“,
fordert angesichts der nur schwer vorhersagbaren Versicherungsrisiken
von solchen Umweltereignissen ein Umdenken im ökonomischen Handeln.
Die Wirtschaft muss dem Klimawechsel notwendigerweise mit langfristigen
Wirtschaftsstrategien und innovativen Technologien begegnen, betont
David Hone, Climate Change Advisor der “Shell International Ltd.“. Nicht
mehr allein dicke Profite dürfen im Vordergrund stehen. Ziel ist eine
nachhaltige Entwicklung, welche auf lange Zeit auch der wirtschaftlichen
Prosperität zugute kommt. Deshalb investiere der Shell-Konzern zunehmend
in die Entwicklung alternativer Energietechnologien und erneuerbarer
Energien – wobei dies keinesfalls als PRKampagne zu verstehen ist, wie
Hone beteuert.

Das Kyoto-Protokoll
Umweltprobleme sind nicht an nationale Grenzen gebunden.
Klimatische Veränderungen zeigen sich nicht unmittelbar dort, wo ihre
Ursachen liegen. Zu ihrer langfristigen Lösung bedarf es der international
koordinierten Zusammenarbeit. Aufgrund dieser Erkenntnis wurden 1979
die Regierungen an der ersten Weltklimakonferenz aufgefordert, "potentielle,
von Menschen verursachte Änderungen im Klima, die sich nachteilig auf
das Wohl der Menschheit auswirken können, zu verhindern". 1992 wurde
am Umweltgipfel von Rio de Janeiro das "Rahmenabkommen der Vereinten
Nationen über Klimaände- rungen" verabschiedet, zu dem an der Konferenz
von Kyoto 1997 konkrete Emissionsreduktionen formuliert wurden (Kyoto-Protokoll).
Grundlegendes Ziel ist die Stabilisierung der Treibhaus- gaskonzentrationen
in der Atmosphäre. Angepeilter Richtwert ist ein Konzentrationsniveau,
bei welchem sich die Ökosysteme auf natürliche Weise den Klimaänderungen
anpassen können. Für die Industriestaaten bedeutet dies, dass sie ihre
durchschnittlichen Treibhausgasemissionen der Jahre 2008-2012 (sog.
"erste Verpflichtungs- periode") um 5,2% unter den Wert von 1990 zu
reduzieren haben. Die Reduktionsvorgabe für die Schweiz wie für die
Europäische Union sieht indes eine Verringerung um 8% gegenüber 1990
vor.

Kyoto - Utopie ou programme ?
Cinq ans après l’élaboration du Protocole de Kyoto,
qui s’inscrit dans le prolongement du Sommet de la Terre tenu à Rio
en 1992, on peut se demander quelle est son utilité pratique dans la
lutte contre le réchauffement de la planète. Cet accord international,
ratifié par de nombreux pays industriels, impose des réductions d’émissions
de gaz à effet de serre soupçonnés de réchauffer l’atmosphère, mais
il suscite tout à la fois confiance et scepticisme. La tiédeur de ses
dispositions s’oppose par exemple aux objectifs plus ambitieux de la
politique énergétique suisse.