> universitas friburgensis juin 2002

 
 

 


frauen in der hooligan-szene

Gewalttätige Ausschreitungen an Sportanlässen sind fast ausschliesslich Männersache. Eine Untersuchung in der Hooligan-Szene zeigt, mit welchen Rollenzuteilungen Frauen in dieser Subkultur konfrontiert werden.

Von Elena Konstandinidis

Innerhalb der Welt der Fussballfans bilden die "Hooligans" eine relativ klar umrissene Gruppe; im Zentrum ihrer Aktivitäten steht die gewalttätige Auseinandersetzung mit gegnerischen Hooligans. Frauen sind in den Augen der Hooligans oder für Kenner dieser Szene "allenfalls als Anhängsel" dabei. In der Hooliganszene wird Subkultur auf verschiedene Arten inszeniert: durch Präsenz an bedeutsamen Orten, in den Interaktionen der Gruppenmitglieder und durch gemeinsame, symbolisch bedeutsame Akte. Einige Szeneaktivitäten der Frauen, wie beispielsweise an zentralen Orten präsent sein, sind im "Anhängsel-Sein" aber durchaus auch inbegriffen. Bedeutet der "Anhängsel-Status" also eine für Frauen reservierte Form des "Dazugehörens"?

Subkulturen – von Frauen gemieden?
Es gibt verschiedene Erklärungen für das "Fehlen" der Frauen in dieser und ähnlichen Subkulturen. Zunächst ist es möglich, dass sich die Forschung bisher nur für die Aktivitäten der männlichen Gruppenmitglieder interessierte und diejenigen der Frauen einfach nicht zur Kenntnis nahmen. Denkbar wäre aber auch, dass Mädchen und Frauen von den Männern in solche Gruppen explizit nicht "hineingelassen" werden. Die Entwicklung unterschiedlicher Formen des Sozialverhaltens in der Pubertät könnte auch dazu führen, dass Mädchen "den Anschluss nicht finden" können, oder dass Frauen aufgrund geschlechtsspezifischer Sozialisation gar kein Interesse daran haben.

Gerade die Subkulturen der Postadoleszenten sind allerdings Orte, die aufgesucht werden mit dem Ziel, sich eine Identität zu schaffen, die zumindest teilweise vom "Gewöhnlichen" abweicht. Die aktuelle Genderforschung geht davon aus, dass "Weiblichkeit" wie "Männlichkeit" zugleich Produkt und Prozess von Interaktionen ist. In diesem Sinn ist "Identitätsbildung" die Entwicklung subjektiver Vorstellungen von den Geschlechtern, eines Selbstkonzeptes, das sich auf diese bezieht; und der Fähigkeit, dementsprechend zu handeln. Darin entstehen die Weiblichkeitskonzepte wieder neu. Dieser Prozess läuft in einer Szene im Rahmen der subkulturellen Werte ab.

Weibliche Zugehörigkeit von Männern bestimmt
Die auf Interviews basierende Untersuchung ging der Frage nach, inwiefern die unklare Zugehörigkeit der Frauen in der Hooligan-Szene, die Weiblichkeitskonzepte der Szene und die Selbstbilder der Frauen zusammenhängen.

Zunächst zeigte sich, dass die Mehrheit der Frauen ein eigenständiges Interesse am Sport hat. Trotzdem kamen Frauen erst über ihre Partner in die eigentliche Hooligan-Szene. Diese Vermittlung des Zugangs durch den Partner bedeutet, dass die Männer Definitionsmacht über die Zugehörigkeit der Frauen erhalten. Sie steuern den Zugang der Frauen zu allen oder einzelnen zentralen Szene- Aktivitäten durch expliziten Ausschluss oder durch das Vorenthalten von Informationen.

Die Freundin als Gegenpol
Zentralstes Weiblichkeitskonzept ist die Zuweisung an die Frauen, als Partnerinnen ein Gegenpol zur Hooligan-Gruppe zu sein. Während die Hooligan-Gruppe von den Männern bedingungslose, jedoch nur situationsbezogene Loyalität fordert, ist die Beziehung zur Freundin durch Kontinuität und Intimität gekennzeichnet. Sie bietet den Rahmen, um die Ambivalenzen zu verarbeiten, die aus der Diskrepanz zwischen dem Druck des Kollektivs zur Beteiligung an Gewalt und der persönlichen Identität entstehen. Die Verantwortung für die Herstellung dieser Verbindlichkeit in der Paarbeziehung liegt bei der Frau. Interveniert sie aber in ihrer Rolle als Gegenpol zu stark gegen die Szeneaktivitäten ihres Partners, wird sie als "Störerin“ angesehen. Einer Frau kann aber auch unterstellt werden, eine Beziehung nur eingegangen zu sein, um Zugang zur Szene zu haben. Sie fällt dann schnell unter ein Stereotyp „sexueller Verfügbarkeit“. Dies wird zwar ausgenutzt, aber negativ bewertet, und letztlich erhält sie keinen wirklichen Zugang - weder als Gruppenmitglied noch als "Freundin von".

Der Status als "Gegenpol" erlaubt den Frauen aber auch, auf ihre Partner Einfluss zu nehmen. Weil sie zudem nicht dem Druck zur kompromisslosen Beteiligung an allen Gruppenaktivitäten unterworfen sind, können sie sowohl mit der Paarbeziehung wie mit der Szenenzugehörigkeit flexibel umgehen. Sie gestalten ihre Beziehung zur Gruppe wie eine individuelle Zugehörigkeit zu einer Freundesclique und machen bei Aktivitäten mit, welche sie interessieren. In diesem Fall bezeichnen sie sich selber als „Nicht- Zugehörig“. Diese Form der Beteiligung stimmt bei ihnen überein mit Selbstkonzepten, welche die eigene Anwendung von Gewalt ausschliessen.

Weiblichkeit mit Gewalt unvereinbar
Wesentlich seltener findet eine Frau den Zugang zur Szene ohne Vermittlung über einen Partner. Manchmal übernimmt sie eine ihr zugewiesene Aufgabe, z.B. die Gruppenaktivitäten zu fotografieren. Damit signalisiert sie ihre eigene Gewaltbereitschaft.

Allerdings gibt es in der Szene einen Ehrenkodex, der das Ideal des "fairen Kampfs" festhält: Waffen sind nicht erwünscht, Nicht-Hooligans werden in Ruhe gelassen. Er enthält auch eine Ritterlichkeitsnorm: Eine Frau darf nicht angegriffen werden - andernfalls ist sie zu verteidigen. Hinter dieser Norm steht die Vorstellung, Frauen seien Männern grundsätzlich physisch unterlegen. Daraus abgeleitet wird die Idee, Frauen seien zu physischer Gewalt gar nicht fähig und entsprechend auch nicht zu Aggressionen. Dies wiederum führt zur Regel, dass eine Frau einen Mann auch gar nicht angreifen darf. Denn: Wäre nur die physische Unterlegenheit der wirkliche Grund für die Ritterlichkeitsnorm – ginge es nur um das Resultat des Kampfes - so wäre es ja denkbar, dass eine Frau Waffen benutzt oder mehrere Frauen zusammen angreifen. Dies entspricht jedoch wiederum nicht dem Ideal des "fairen Kampfes" und wäre höchstens bei Kämpfen unter Frauen erfüllt, welche jedoch sehr viel seltener sind.

Männliches Monopol auf Gewalt
Durch die Ritualisierung der Gewalt gelingt es den Männern, diese zu monopolisieren. Frauen, die gewalttätig sind, werden in ihrer Weiblichkeit angezweifelt. Möchte eine Frau sich an zentralen Aktivitäten der Gruppe beteiligen, so muss sie die an sie herangetragenen Weiblichkeitskonzepte, ihren eigenen Wunsch, ein "richtiges" Mitglied zu sein, und ihr Verhalten in der Gruppe sorgfältig ausbalancieren. Dies erzeugt entgegen dem ursprünglichen Beteiligungswunsch eher einen „Sonderstatus“. Dessen Ambivalenz sowie individuelle Strategien der „Freundinnen“ zeigen, dass es zwar möglich ist, innerhalb der Geschlechterkonzepte Freiräume zu schaffen, dass aber gerade der „Sonderstatus“ der Frauen die Geschlechterkonzepte nicht wesentlich verändert.

Elena Konstantinidis ist Sozialarbeiterin und verfasste im März 2001 ihre Lizentiatsarbeit zum Thema "Frauen in der Hooligan-Szene. Zur Konstruktion von Geschlecht in subkulturellen Praxen“. Sie ist Co- Gewinnerin des Preises für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Freiburg 2002.

 


Les femmes sur la scène des hooligans

Les débordements de violence lors des manifestations sportives sont presque exclusivement une affaire d’hommes. Une étude réalisée auprès des hooligans montre quels sont les rôles attribués aux femmes dans ce milieu. A leurs yeux, elles apparaissent comme des " accessoires". Ce statut constitue-t-il pour les femmes une forme d’appartenance au groupe ? Ce sont les hommes qui la déterminent en leur accordant l’entrée sur la scène. Il arrive qu’ils leur confient des tâches (photographier les activités des groupes). On peut alors se demander quels sont les rapports que les hooligans établissent entre leurs concepts de la féminité et l’image que les femmes se font d’elles-mêmes.

 


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Mise à jour: juin 2002 par nf
 
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