Gewalttätige Ausschreitungen an Sportanlässen sind fast ausschliesslich
Männersache. Eine Untersuchung in der Hooligan-Szene zeigt, mit
welchen Rollenzuteilungen Frauen in dieser Subkultur konfrontiert werden.
Von Elena Konstandinidis
Innerhalb der Welt der Fussballfans bilden die "Hooligans" eine relativ
klar umrissene Gruppe; im Zentrum ihrer Aktivitäten steht die gewalttätige
Auseinandersetzung mit gegnerischen Hooligans. Frauen sind in den Augen
der Hooligans oder für Kenner dieser Szene "allenfalls als Anhängsel"
dabei. In der Hooliganszene wird Subkultur auf verschiedene Arten inszeniert:
durch Präsenz an bedeutsamen Orten, in den Interaktionen der Gruppenmitglieder
und durch gemeinsame, symbolisch bedeutsame Akte. Einige Szeneaktivitäten
der Frauen, wie beispielsweise an zentralen Orten präsent sein, sind
im "Anhängsel-Sein" aber durchaus auch inbegriffen. Bedeutet der "Anhängsel-Status"
also eine für Frauen reservierte Form des "Dazugehörens"?
Subkulturen – von Frauen gemieden?
Es gibt verschiedene Erklärungen für das "Fehlen" der Frauen in dieser
und ähnlichen Subkulturen. Zunächst ist es möglich, dass sich die Forschung
bisher nur für die Aktivitäten der männlichen Gruppenmitglieder interessierte
und diejenigen der Frauen einfach nicht zur Kenntnis nahmen. Denkbar
wäre aber auch, dass Mädchen und Frauen von den Männern in solche Gruppen
explizit nicht "hineingelassen" werden. Die Entwicklung unterschiedlicher
Formen des Sozialverhaltens in der Pubertät könnte auch dazu führen,
dass Mädchen "den Anschluss nicht finden" können, oder dass Frauen aufgrund
geschlechtsspezifischer Sozialisation gar kein Interesse daran haben.
Gerade die Subkulturen der Postadoleszenten sind allerdings Orte, die
aufgesucht werden mit dem Ziel, sich eine Identität zu schaffen, die
zumindest teilweise vom "Gewöhnlichen" abweicht. Die aktuelle Genderforschung
geht davon aus, dass "Weiblichkeit" wie "Männlichkeit" zugleich Produkt
und Prozess von Interaktionen ist. In diesem Sinn ist "Identitätsbildung"
die Entwicklung subjektiver Vorstellungen von den Geschlechtern, eines
Selbstkonzeptes, das sich auf diese bezieht; und der Fähigkeit, dementsprechend
zu handeln. Darin entstehen die Weiblichkeitskonzepte wieder neu. Dieser
Prozess läuft in einer Szene im Rahmen der subkulturellen Werte ab.
Weibliche Zugehörigkeit von Männern bestimmt
Die auf Interviews basierende Untersuchung ging der Frage nach, inwiefern
die unklare Zugehörigkeit der Frauen in der Hooligan-Szene, die Weiblichkeitskonzepte
der Szene und die Selbstbilder der Frauen zusammenhängen.
Zunächst zeigte sich, dass die Mehrheit der Frauen ein eigenständiges
Interesse am Sport hat. Trotzdem kamen Frauen erst über ihre Partner
in die eigentliche Hooligan-Szene. Diese Vermittlung des Zugangs durch
den Partner bedeutet, dass die Männer Definitionsmacht über die Zugehörigkeit
der Frauen erhalten. Sie steuern den Zugang der Frauen zu allen oder
einzelnen zentralen Szene- Aktivitäten durch expliziten Ausschluss oder
durch das Vorenthalten von Informationen.
Die Freundin als Gegenpol
Zentralstes Weiblichkeitskonzept ist die Zuweisung an die Frauen, als
Partnerinnen ein Gegenpol zur Hooligan-Gruppe zu sein. Während die Hooligan-Gruppe
von den Männern bedingungslose, jedoch nur situationsbezogene Loyalität
fordert, ist die Beziehung zur Freundin durch Kontinuität und Intimität
gekennzeichnet. Sie bietet den Rahmen, um die Ambivalenzen zu verarbeiten,
die aus der Diskrepanz zwischen dem Druck des Kollektivs zur Beteiligung
an Gewalt und der persönlichen Identität entstehen. Die Verantwortung
für die Herstellung dieser Verbindlichkeit in der Paarbeziehung liegt
bei der Frau. Interveniert sie aber in ihrer Rolle als Gegenpol zu stark
gegen die Szeneaktivitäten ihres Partners, wird sie als "Störerin“ angesehen.
Einer Frau kann aber auch unterstellt werden, eine Beziehung nur eingegangen
zu sein, um Zugang zur Szene zu haben. Sie fällt dann schnell unter
ein Stereotyp „sexueller Verfügbarkeit“. Dies wird zwar ausgenutzt,
aber negativ bewertet, und letztlich erhält sie keinen wirklichen Zugang
- weder als Gruppenmitglied noch als "Freundin von".
Der Status als "Gegenpol" erlaubt den Frauen aber auch, auf ihre Partner
Einfluss zu nehmen. Weil sie zudem nicht dem Druck zur kompromisslosen
Beteiligung an allen Gruppenaktivitäten unterworfen sind, können sie
sowohl mit der Paarbeziehung wie mit der Szenenzugehörigkeit flexibel
umgehen. Sie gestalten ihre Beziehung zur Gruppe wie eine individuelle
Zugehörigkeit zu einer Freundesclique und machen bei Aktivitäten mit,
welche sie interessieren. In diesem Fall bezeichnen sie sich selber
als „Nicht- Zugehörig“. Diese Form der Beteiligung stimmt bei ihnen
überein mit Selbstkonzepten, welche die eigene Anwendung von Gewalt
ausschliessen.
Weiblichkeit mit Gewalt unvereinbar
Wesentlich seltener findet eine Frau den Zugang zur Szene ohne Vermittlung
über einen Partner. Manchmal übernimmt sie eine ihr zugewiesene Aufgabe,
z.B. die Gruppenaktivitäten zu fotografieren. Damit signalisiert sie
ihre eigene Gewaltbereitschaft.
Allerdings gibt es in der Szene einen Ehrenkodex, der das Ideal des
"fairen Kampfs" festhält: Waffen sind nicht erwünscht, Nicht-Hooligans
werden in Ruhe gelassen. Er enthält auch eine Ritterlichkeitsnorm: Eine
Frau darf nicht angegriffen werden - andernfalls ist sie zu verteidigen.
Hinter dieser Norm steht die Vorstellung, Frauen seien Männern grundsätzlich
physisch unterlegen. Daraus abgeleitet wird die Idee, Frauen seien zu
physischer Gewalt gar nicht fähig und entsprechend auch nicht zu Aggressionen.
Dies wiederum führt zur Regel, dass eine Frau einen Mann auch gar nicht
angreifen darf. Denn: Wäre nur die physische Unterlegenheit der wirkliche
Grund für die Ritterlichkeitsnorm – ginge es nur um das Resultat des
Kampfes - so wäre es ja denkbar, dass eine Frau Waffen benutzt oder
mehrere Frauen zusammen angreifen. Dies entspricht jedoch wiederum nicht
dem Ideal des "fairen Kampfes" und wäre höchstens bei Kämpfen unter
Frauen erfüllt, welche jedoch sehr viel seltener sind.
Männliches Monopol auf Gewalt
Durch die Ritualisierung der Gewalt gelingt es den Männern, diese
zu monopolisieren. Frauen, die gewalttätig sind, werden in ihrer Weiblichkeit
angezweifelt. Möchte eine Frau sich an zentralen Aktivitäten der Gruppe
beteiligen, so muss sie die an sie herangetragenen Weiblichkeitskonzepte,
ihren eigenen Wunsch, ein "richtiges" Mitglied zu sein, und ihr Verhalten
in der Gruppe sorgfältig ausbalancieren. Dies erzeugt entgegen dem ursprünglichen
Beteiligungswunsch eher einen „Sonderstatus“. Dessen Ambivalenz sowie
individuelle Strategien der „Freundinnen“ zeigen, dass es zwar möglich
ist, innerhalb der Geschlechterkonzepte Freiräume zu schaffen, dass
aber gerade der „Sonderstatus“ der Frauen die Geschlechterkonzepte nicht
wesentlich verändert.
Elena Konstantinidis ist Sozialarbeiterin und
verfasste im März 2001 ihre Lizentiatsarbeit zum Thema "Frauen in der
Hooligan-Szene. Zur Konstruktion von Geschlecht in subkulturellen Praxen“.
Sie ist Co- Gewinnerin des Preises für Frauen- und Geschlechterforschung
der Universität Freiburg 2002.

Les femmes sur la scène des hooligans
Les débordements de violence lors des manifestations
sportives sont presque exclusivement une affaire dhommes. Une
étude réalisée auprès des hooligans montre
quels sont les rôles attribués aux femmes dans ce milieu.
A leurs yeux, elles apparaissent comme des " accessoires".
Ce statut constitue-t-il pour les femmes une forme dappartenance
au groupe ? Ce sont les hommes qui la déterminent en leur accordant
lentrée sur la scène. Il arrive quils leur
confient des tâches (photographier les activités des groupes).
On peut alors se demander quels sont les rapports que les hooligans
établissent entre leurs concepts de la féminité
et limage que les femmes se font delles-mêmes.