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Integrative Schulung: Vernetzung von Regel- und Heilpädagogik durch Zusammenarbeit

Heilpädagogik ist nichts anderes, als Pädagogik unter erschwerten oder erschwerenden Bedingungen1. Traditionsgemäss beschäftigt sie sich mit der Erziehung und Förderung behinderter Kinder. Wie jede praxisorientierte Wissenschaft ist die Heilpädagogik mit dem gesellschaftlichen Wandel gefordert, sich den jeweiligen Entwicklungen, Veränderungen und gesellschaftlichen Strömungen anzupassen. Eine Frage, mit der sich die Heilpädagogik in den zwei letzten Jahrzehnten stark beschäftigt, ist die Problemstellung, ob sogenannt behinderte Menschen durch Sonderschulung wirklich bestmöglich in die Gesellschaft integriert werden können.

 

Menschen, die irgendwie anders sind, und damit auch behinderte Menschen, waren und sind seit jeher eine Herausforderung für die Gesellschaft. Verschiedene Tendenzen sind erkennbar, wie mit dieser Herausforderung umgegangen werden kann. Seit dem Ende des letzten Jahrhunderts wurden behinderte Menschen vor allem in Sondereinrichtungen betreut. Ziel dieser Sonderschulung war und ist, diese Menschen bestmöglich zu fördern und zu schulen und ihnen damit einen optimalen Einbezug in gesellschaftliche Bezüge zu ermöglichen.

Integrative Schulung anstatt Separation

Seit etwa den 70er Jahren wird das Erreichen integrativer Ziele mittels separativer Schulung immer mehr in Frage gestellt. Eltern begannen sich vermehrt zu weigern, ihre Kinder in Kleinklassen oder Hilfsschulen zu schicken. Dort schienen oft alle schwierigen Kinder der Umgebung zu landen. Zudem mussten die Kinder meist lange Anfahrtswege bewältigen. Dies hatte einen starken Rückgang der Schülerzahlen in den sogenannten Hilfsschulen zur Folge. In den Schuljahren zwischen 1977/78 und 81/82 nahmen in der Schweiz die Schülerzahlen in den Regelklassen um 9%, diejenigen der Hilfsschulen um 28% ab2. Elterndruck gab unter anderem den Ausschlag, dass - zunächst vor allem für die sogenannt lernbehinderten Kinder - vermehrt nach integrativen Lösungen gesucht wurde. Eine Folge ist das Modell des Heilpädagogischen Stützunterrichts: Die Kinder besuchen den Regelunterricht, werden aber während einigen Lektionen pro Woche - innerhalb oder ausserhalb der Klasse - von einer Heilpädagogin3 betreut. In verschiedenen Gemeinden Deutschfreiburgs wird dieses Modell seit 1989 praktiziert, im französischen Kantonsteil in etwas anderer Form seit ca. 1985.

In einem Quartierschulhaus der Stadt Freiburg - dem Schönbergschulhaus - wird ein weiteres Modell erprobt. Dort begann 1987 auf Initiative des Heilpädagogischen Instituts das Pilotprojekt Heilpädagogische Begleitung in Kindergarten und Regelschule4. Kindergarten und Primarschule sollen so gestaltet werden, dass alle Kinder zusammen spielen und lernen können, unabhängig davon, welche Möglichkeiten und Bedürfnisse sie mitbringen. Um dies besser gewährleisten zu können, arbeitet - je nach Bedürfnissen der Klasse und der einzelnen Kinder - ein Heilpädagoge in der Klasse mit.

Kinder mit den verschiedensten Fähigkeiten und Möglichkeiten sollen voneinander und miteinander lernen. Ihre Verschiedenheit gehört zum Reichtum menschlichen Lebens und soll in Kindergarten und Schule Platz haben5.

Ob eine Vernetzung von Regel- und Heilpädagogik gelingt und damit eine integrative Schulung zielführend ist, darüber ist nebst anderen Rahmenbedingungen die Zusammenarbeit zwischen den Fachpersonen, d.h. von Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Heilpädagogen, Logopäden, Schulpsychologinnen usw. von zentraler Bedeutung.

Zusammenarbeit: eine Begriffsbestimmung

In integrativen Kindergärten und Klassen sind die verantwortliche Lehrperson und die begleitende Heilpädagogin zu zweit im Klassenzimmer, eine Situation, die an unseren Schulen noch lange nicht üblich und auch nicht immer leicht zu verwirklichen ist. Zusammenarbeit wird erforderlich. Dabei ist Zusammenarbeit nicht eine einmalig erlernbare Fähigkeit, auf die jederzeit zurückgegriffen werden kann. Sie muss vielmehr als Prozess gemeinsamen Arbeitens verstanden werden, der in einem Spannungsfeld zwischen Dauer und Wechsel, Nähe und Distanz stattfindet Abb. 1.

Die Kunst der Zusammenarbeit besteht darin, dass sich zwei verschiedene Individuen in diesem Spannungsfeld mit Blick auf das gemeinsame Ziel - die bestmögliche Förderung und Entwicklung der Kinder - bewegen: aufeinander zu, voneinander weg, nebeneinander, miteinander, hintereinander. Der Prozess der Zusammenarbeit bewegt sich immer zwischen den beiden Polen Kooperation (im Sinne von Gemeinsamkeit) und Konflikt (im Sinne von Abgrenzung). Es geht darum, dass die Beteiligten ihre Position als eigenständige (Fach)Person finden und nicht aufgeben.

Zusammenarbeit - Chance oder Schwierigkeit?

Gelingt es kooperierenden Personen, den dargestellten Prozess zu gestalten und lebendig zu erhalten, so ist Zusammenarbeit eine Bereicherung und eine Chance für Kindergarten- und Schulalltag. In der einschlägigen Literatur ist jedoch überwiegend von Kooperationsproblemen die Rede. Und das scheint sich auch in der Praxis zu bestätigen. Zumindest zeigen dies die Ergebnisse eines Teilprojekts des Integrationsforschungsprogrammes Integration-Separation des Heilpädagogischen Institutes, in dem Kindergärtnerinnen, Heilpädagoginnen und Regelschullehrer, die in einem integrativen Schulmodell arbeiten, zu ihrer Zusammenarbeit befragt wurden6.

In der erwähnten Befragung wurde als eine Quelle für Kooperationsprobleme im Kindergarten- und Schulalltag von den Betroffenen selber das Einzelkämpferdasein der Lehrperson genannt.

Lehrpersonen gelten oft als Einzelkämpfer. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie am liebsten allein in ihren vier Wänden arbeiten würden und sich nicht gern in die Karten schauen liessen. Dieses Einzelkämpfertum liegt aber nicht einfach als Grundstruktur in der Persönlichkeit der Lehrpersonen. Es wird durch unterschiedliche Bedingungen verursacht bzw. aufrechterhalten. Somit sind auch die Ursachen für konkrete Zusammenarbeitsprobleme auf verschiedenen Bedingungsebenen zu suchen. Dies soll anhand von konkreten Beispielen kurz dargestellt werden.

Bedingungen auf der Ebene der einzelnen Persönlichkeit

Lehrpersonen sind unsicher über den Wert ihrer Leistung und stellen sich deshalb immer wieder in Frage. Genüge ich den Anforderungen, die an mich gestellt werden, kann ich ihnen nachkommen? Durch die Zusammenarbeit mit einem Heilpädagogen kommt erschwerend hinzu, dass jemand von aussen kommt und der Lehrperson «in die Karten schaut». Das verunsichert zusätzlich und macht Angst.

«Und am Anfang hatte ich total Angst, weil ich eben wusste, jetzt kommt die Heilpädagogin. Und dann dachte ich mir, jetzt kommt jemand Kluges von der Uni - und ich habe doch keine Ahnung. Jetzt kommt die schauen7».

Durch «Besserwisser-Verhalten» des Heilpädagogen (oder jeder anderen Fachperson) wird das Problem verstärkt:

Ein Lehrer berichtet:

«... das (die Zusammenarbeit) hat in der Logopädie gar nicht geklappt. ... Das war für mich eher schwierig. Die sass hinten im Schulzimmer, drei Mal höher als ein Schulinspektor, und jedes Wort und jeder Strich und alles was an der Wandtafel stand, wird kritisiert. Da habe ich dann natürlich mehr Mühe8».

Bedingungen auf der Ebene des Konzeptes Schule und Kindergarten

Lehrpersonen sind nicht als Einzelkämpfer geboren, sie sind dazu gemacht worden9. Sie sind dazu ausgebildet worden, die Verantwortung für das Geschehen im Klassenzimmer alleine zu tragen. Der Wert ihrer Arbeit wird oft an Aeusserlichkeiten gemessen, etwa daran, wieviele Kinder eingeschult werden oder den Sprung in eine höhere Schule schaffen, ob Ruhe und Ordnung herrscht im Schulzimmer usw.

Kommt hinzu, dass die Lehrpersonen gelernt haben, die Zweiersituation im Schulzimmer unweigerlich mit Kontrolle und Kritik zu verbinden.

«Und es war für mich schon eine rechte Veränderung [die Zusammenarbeit mit einer Heilpädagogin], also irgendwie hatte man das Gefühl, man kommt aus dem Seminar, jetzt hat man eine eigene Klasse und schaltet und waltet, wie man will ... und dann kam die Heilpädagogin, das brauchte schon ein wenig einen Anlauf. Und irgendwie fühlte ich mich anfänglich ans Semi zurückversetzt. Es sitzt jemand da, schaut einem zu, und sie wüsste besser, was man sollte oder wie man sollte...»10

Zusammenarbeitsprobleme können auch durch starre Konzepte bedingt sein, die die Rolle des Regelschullehrers als Generalist und diejenige der Heilpädagogin als Spezialistin klar festlegen.

«Der Sonderschullehrer hat einen Schüler und kann mit dem so ein wenig... Er macht eine Sprachübung mit ihm, und ich mache mit den anderen Schülern dasselbe, renne im Schulzimmer umher, habe es «bös» und er macht das so ruhig mit einem. Vielleicht nimmt er noch das Rucksäckli mit, ein wenig Orangensaft und macht ein kleines Znüni dazu...» 11

Bedingungen auf der Ebene der Gesellschaft

Zusammenarbeitsprobleme sind auch durch gesellschaftliche Bedingungen verursacht. Unsere Gesellschaft und unser Schulsystem sind von marktwirtschaftlichem Denken geprägt. Darin enthalten sind hierarchische Strukturen. Sie umfassen von oben nach unten Gesetzgeber, Behörden, Lehrpersonen, Schülerinnen.

Diese Struktur erschwert eine symmetrische Beziehung zwischen den kooperierenden Personen und damit eine Zusammenarbeit unter Gleichberechtigten, wie sie eingangs definiert wird.

Wie wird Zusammenarbeit zur Chance?

Zusammenarbeitsprobleme sind veränderbar. Um Veränderungen zu erreichen, gilt es jedoch zunächst zu analysieren, durch welche Bedingungen auf welcher Ebene die Probleme verursacht sind. Nur so kann anschliessend gezielt und mit den entsprechenden Massnahmen interveniert werden und Schwierigkeiten können zu Chancen werden.

 

Elisabeth Moser Opitz,

Elisabeth Jenny-Fuchs

lic. phil., dipl. Heilpädagoginnen, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Heilpädagogischen Institut

 

Referenzen

1vgl. Haeberlin 1985

2 Haeberlin, Bless, Moser 1987, 580

3 In diesem Text wird in loser Folge zwischen weiblicher und männlicher Schreibweise abgewechselt.

4 vgl. dazu Freiburger Projektgruppe 1993

5 vgl. ebd.

6 vgl. dazu Haeberlin, Jenny-Fuchs, Moser Opitz 1992

7 aus einem Gesprächsprotokoll

8 Haeberlin, Jenny-Fuchs, Moser Opitz, 1992, 99

9 vgl. z.B. Ehringer, Mattmüller, 1986

10 aus einem Gesprächsprotokoll

11 Haeberlin, Jenny -Fuchs, Moser Opitz, 1992, 108

12 aus einem Gesprächsprotokoll

Literatur

Haeberlin, U., Bless, G., Moser, U.: Schulleistungsschwache Schüler in Hilfsschulen oder in Regelschulen unterrichten? VHN 56 (1987) 4, 580-599

Ehringer, M., Mattmüller, F.: Teamarbeit und Doppelstellen. Gegen die Einsamkeit an der Schule. Bern/Stuttgart (Haupt) 1986

Freiburger Projektgruppe. Heilpädagogische Begleitung in Kindergarten und Regelschule. Dokumentation eines Pilotprojektes zur Integration. Bern/Stuttgart/ Wien (Haupt) 1993

Haeberlin, U.: Allgemeine Heilpädagogik. Einführung in die Heilpädagogik Band 1. Mit Ergänzungen von J.L. Lambert. Bern/Stuttgart/Wien (Haupt) 1985

Haeberlin, U., Jenny-Fuchs, E., Moser Opitz, E.: Zusammenarbeit. Wie Lehrpersonen Kooperation zwischen Regel- und Sonderpädagogik in integrativen Kindergärten und Schulklassen erfahren.

Schley, W., Boban, H., Hinz, A.: Integrationsklassen in Hamburger Gesamtschulen. Hamburg,Curio,1989

 

Abb. 1. (nach Schley, W., Boban, I., Hinz, A., 1989, 343ff)

 

 


Universitas Friburgensis février 94

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