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Die Psychologie des Wohlbefindens

Viele Menschen fragen sich, wie unser Wohlbefinden entsteht und leider wieder vergeht. Bezüglich positiver Emotionen und Erlebnissen in unserem Leben wissen wir alle eins: Glück und Wohlbefinden sind erstrebenswerte menschliche Güter.

 

Ein Erlebniszustand wie Glück oder Wohlbefinden kann jedoch ohne das zeitweilige Vorhandensein eines anderen negativen Zustandes nicht existieren. «Alles auf der Welt läßt sich ertragen. Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen», so formulierte Goethe diese Erfahrung. Hin und wieder wird Kritik laut, daß sich die Psychologie zu viel mit den negativen und Mangelzuständen menschlichen Lebens beschäftigt, anstatt sich denjenigen 94% zu widmen, die sich laut einer Studie aus dem Jahr 1984 zur Lebensqualität in der Bundesrepublik Deutschland als sehr oder relativ zufrieden mit ihrem Leben einschätzen. Psychologische Forschungen zum Thema «Subjective Well-Being» sollen diese Lücke schließen. Die Beschäftigung mit Begriffen wie Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit und Glück ist natürlich keine Erfindung der modernen Psychologie sondern hat eine lange Tradition. Schon Demokrit, Aristoteles oder Epikur machten sich über das höchste für den Menschen erreichbare Gut, die «Eudaimonia», Gedanken.

Was ist Wohlbefinden?

Im Versuch einer umfassenden Definition wird Wohlbefinden in der Psychologie als Einheit von psychischem, physischem und sozialem Wohlbefinden beschrieben. Dies schließt mit ein, daß sich eine Person ausgeglichen und kompetent, gesund und fit, sowie gebraucht und geliebt fühlt. Alleine das reibungslose körperliche Funktionieren reicht als Definition nicht aus. Wohlbefinden kann als eine Art Ueberbegriff für viele positive Erlebnisqualitäten angesehen werden. Folgende empirische Ergebnisse stützen diese Ueberlegung. In einer Forschungsarbeit (Mayring, 1987) wurde einer Stichprobe von Versuchspersonen eine Batterie verschiedener Meßinstrumente für Wohlbefinden vorgelegt. Faktorenanalytisch wurden dann Gruppen von Testitems gebildet. Wohlbefinden besteht aus vier verschiedenen Dimensionen. Abb. 1

l. Freiheit von subjektiver Belastung: Wohlbefinden wird hier in der Negativdefinition als Balance zwischen positiven und negativen Lebensereignissen gesehen. Positiv ausgedrückt hieße das «Es geht mir gut, da ich im Moment über nichts klagen kann».

2. Freude: Freude ist eine positive, kurzfristige Komponente des Wohlbefindens, oft auch bezeichnet als «peak-experience». Freude kann das Ergebnis sowohl zweckgebundener als auch zweckungebundener Tätigkeiten sein (letztere bezeichnet der amerikanische Psychologe Csikszentmihalyi als autotelische Aktivitäten, dazu gehört z.B. das Spiel oder totales Aufgehen in der eigenen Arbeit).

3. Zufriedenheit: Die Bewertung der eigenen Zufriedenheit in unterschiedlichen Lebensbereichen ist das Ergebnis eines kognitiven (erkenntnismäßigen) Urteilsprozesses, z.B. das Abwägen positiver und negativer Lebensereignisse im Vergleich mit anderen oder im Vergleich mit eigenen Lebenszielen.

4. Glück: Während die Zufriedenheit als kognitiver Faktor des Wohlbefindens gilt, ist Glück der emotionale Faktor. Glück kann sich sowohl auf «Lebensglück», in der Psychologie bezeichnet man diese Eigenschaftskomponente mit dem englischen Begriff «trait», oder auf ein kurzfristiges intensives Glücksgefühl (engl.: «state») beziehen.

Glück

Der Glücksbegriff ist für das Wohlbefinden die wichtigste Komponente und allen anderen übergeordnet. Der Begriff «Glück» (mittelhochdeutsch: «gelücke» = Geschick, günstiger Ausgang, guter Lebensunterhalt) hat im Deutschen drei Bedeutungsfacetten. Alle beziehen sich jedoch auf ein positives, erstrebenswertes Erlebnis. Zum einen versteht man unter Glück den Glücksfall (entspricht dem lateinischen «fortuna» oder dem englischen «luck»), worunter man ein unerwartetes positives Ereignis versteht. Wer jedoch Glück (luck) und Erfolg (success) hat, ist nicht unbedingt glücklich. Auf diese Facette gehen die folgenden Bedeutungsvarianten ein. Glück (happiness) kann auch ein angenehmes Erlebnis von kurzer Dauer sein. Diese Empfindung ist affektiver Art und kann sowohl bei meditativer Verinnerlichung und Entspannung, als auch bei euphorischen Zuständen entstehen. Die dritte Bedeutung von Glück bezieht sich auf ein langfristiges stabiles Gefühl der Zufriedenheit und ist demnach weniger affektiv sondern kognitiv geprägt. Es handelt sich bei letzterem oft um eine Bewertung des gesamten Lebens.

Gibt es den glücklichen Menschen?

Allgemein können glückliche Menschen beschrieben werden als Personen mit positivem Selbstbild, hoher Selbstachtung und befriedigendem Identitätsgefühl. Ihr Selbstbild ist schwer zu verunsichern und gleichzeitig realitätsnah. Natürlich gibt es kaum jemanden, der behaupten kann, immer glücklich gewesen zu sein. Glück und Unglück sind zyklische Prozesse. Psychologische Forschung beschäftigt sich nun vor allem auch mit der Frage, warum Menschen in ähnlichen Lebenssituationen so unterschiedlichen Genuß am Leben empfinden. Auslöser von Glücksgefühlen sind sehr individueller Natur. Für das Glücksempfinden relevant waren zum Beispiel Faktoren wie Qualität der menschlichen Beziehungen, Offenheit der Sinne oder Ruhe und Entspannung.

In einer Studie zur sogenannten «Relativitätstheorie des Glücks» zeigte sich, daß sich Menschen sehr schnell an neue Situationen gewöhnen. Im Längsschnitt wurde die Glückseinschätzung von Lotteriegewinnern (Hauptgewinn) und Unfallopfern (Querschnittlähmung) erhoben. Die Glücksgefühle pendelten sich nach etwa einem halben Jahr wieder ein, was die Glückseinschätzung bezüglich Vergangenheit und Zukunft anging. Ein Erklärungsversuch findet sich in der «Adaption-level-theory», nach der Glückseinschätzungen jeweils an einem individuellen Maßstab orientiert sind. Ein herausragendes positives oder negatives Ereignis kann anfangs die Glücks- einschätzung verändern, diese Einschätzung relativiert sich jedoch schnell und Menschen sind dann wieder an ihrem «alten Glücksniveau» angelangt.

Determinanten positiver und negativer Affekte

Positive und negative Gefühle werden von mehreren Variablen beeinflußt, die hier nur Ausschnittsweise dargestellt werden können. Es finden sich hier sowohl psychologische Persönlichkeitsvariablen, wie Extraversion, Neurotizismus und Selbstwertgefühl als auch soziodemographische Variablen, wie Status, Geschlecht, Ausbildung und Beruf. Weiterhin spielen soziales Netzwerk, Lebensereignisse und Gesundheit als Quellen und Determinanten von Subjektivem Wohlbefinden eine Rolle. Es zeigte sich, daß hohe Soziabilität als wichtigster Faktor des Persönlichkeitsmerkmals Extraversion und niedrige Werte auf der Neurotizismusdimension (Ängstlichkeit, Feindseligkeit, Impulsivität und psychosomatische Beschwerden), eine hohe Stabilität in den Glückswerten zur Folge hatte. Weiterhin ließ sich feststellen, daß Menschen, die sehr starke positive Affekte erleben, auch eher zur hohen Intensität der negativen Gefühle neigen und umgekehrt.

Ein interessantes Konzept brachte die Psychologin Kobasa schon 1979 in die Diskussion ein. Kobasa entwickelte das Konzept der «hardiness» als Persönlichkeitsvariable. Personen, die von der Wirksamkeit ihrer Handlungen überzeugt sind, sich eigenen Zielen verpflichtet fühlen und Aufgaben als Herausforderung sehen, scheinen über eine hohe Ausprägung protektiver Faktoren zu verfügen und daher weniger anfällig für psychische Belastungen zu sein.

Zufriedenheit

Befassen wir uns nun näher mit dem Begriff der Zufriedenheit. Im Englischen finden wir Begriffe wie «satisfaction» oder «contentment». Zufriedenheit stellt zunächst den kognitiven Vergleichs- und anschließenden Bewertungsprozeß von Ist- und Sollzustand dar. Erst danach tritt die affektive Komponente hinzu, das Gefühl des Mit-sich-zufrieden-seins stellt sich ein. Die Betonung auf dem Vergleich von Ist- und Sollzustand bei Zufriedenheit ist deswegen von Bedeutung, weil diese Bewertung für das Empfinden von Glück irrelevant ist. Glück ist der Zufriedenheit übergeordnet, denn Zufriedenheit ist maßgeblich am Glücksgefühl beteiligt. Demgegenüber heißt es noch lange nicht, daß ein zufriedener Mensch immer glücklich ist. Glück und Unzufriedenheit schließen sich nahezu aus, wie in einer älteren Befragung von Noelle-Neumann zutage trat. «Zufrieden, aber nicht glücklich» waren 113 der Befragten, jedoch nur 5% gaben an, «glücklich, aber nicht zufrieden zu sein».

Einflußfaktoren der Zufriedenheit

Es ist eine generelle Frage, ob ein anhaltendes Glücksgefühl möglich ist. Wohl aber erleben Menschen längere Perioden der Zufriedenheit. Eigenartigerweise läßt sich in Studien aus der Zufriedenheit in den Einzelbereichen, z. B. Einkommen oder Vermögen, schlecht das globale Wohlbefinden vorhersagen. Am besten kann die Lebenszufriedenheit statistisch aus der Zufriedenheit mit dem Familienleben und der Ehe vorhergesagt werden. Ungeachtet der statistischen Vorhersagbarkeit steht jedoch an erster Stelle der individuellen Wichtigkeit für Menschen die Gesundheit. Auch wird beschrieben, daß sich Ledige und Verwitwete signifikant weniger glücklich einschätzen als Verheiratete. Jedoch wird darauf hingewiesen, daß diese Effekte heute geringer eingeschätzt werden dürften, da auch andere Sozialbeziehungen als Quelle der Unterstützung und Zufriedenheit angesehen werden.

Auch der Lebenszyklus hat Einfluß auf die Ehezufriedenheit von Männern und Frauen. Hohe Zufriedenheit ergab sich bei Paaren, die verheiratet, deren Kinder aber außer Haus sind. Ehepaare mit jüngeren Kindern jedoch waren verglichen mit kinderlosen Ehepaaren besorgter, hatten mehr Eheprobleme und fühlten sich als Partner weniger adäquat. Dieses Beispiel zeigt die sogenannte Unabhängigkeit positiver und negativer Affekte. Einerseits kann das Zusammenleben mit dem Partner und Kindern viel Aufwand, Konflikte und Belastungen, jedoch gleichzeitig Freude und Glück bedeuten. Das heißt, innerhalb eines Lebensbereiches ist das Auftreten von sowohl positiven als auch negativen Affekten möglich. Weiterhin kann es Lebensbereiche geben, die positiv besetzt sind (z.B. glückliche Beziehung), und gleichzeitig einen anderen Bereich der eher negative Gefühle erzeugt (z.B. Ärger am Arbeitsplatz).

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß objektive Indikatoren für Wohlstand (günstige materielle und soziale Umstände) kein Garant für subjektives Wohlbefinden (Lebensfreude und Wohlfühlen) sind. Es scheint große inter- und intraindividuelle Unterschiede in der Fähigkeit zu geben, objektiv günstige Lebensumstände auch in Lebensfreude zu transformieren. Weitere wichtige Einflußfaktoren sind soziale Unterstützung, der Gesundheitsstatus und der tägliche Kleinärger (Daily hassles), der sich besser als kritische Lebensereignisse (wie z.B. Tod oder Scheidung) zur Vorhersage von Wohlbefinden eignet.

Untersuchung zu Wohlbefinden im Tagesablauf

Ergebnisse aus einer Untersuchung, in der 80 Personen über einen längeren Zeitraum ihren Tagesablauf protokollierten, ergaben, daß unabhängig von der Art der Tätigkeit signifikant mehr positive (16,4%) als negative (2,2%) Episoden erlebt werden. Dies stimmt mit den eingangs erwähnten Ergebnissen in demoskopischen Umfragen überein. Ob eine Episode als positiv und mit Wohlbefinden verbunden erlebt wird, läßt sich durch die folgenden Variablen vorhersagen. Als entscheidende Einflußfaktoren für das Gesamtwohlbefinden ergaben sich vor allem die Valenz einer Tätigkeit (wie gerne oder ungerne wurde die Tätigkeit ausgeführt), die momentane Stimmung, ein optimales Anregungspotential der Tätigkeit, Selbstbestimmtheit und ein mittleres Erregungsniveau.

Dies steht im Einklang mit der Flow-Theorie des amerikanischen Psychologen Csikszentmihalyi. Flow bezeichnet das Gefühl des Fließens, des Aufgehens in einer Tätigkeit. Dieses Gefühl entsteht vor allem dann, wenn eine Balance zwischen Anforderungen und Fähigkeiten besteht. Bei einem optimalen Spannungsniveau kann jede Tätigkeit als belohnend empfunden werden. Sind wir unterfordert oder gelangweilt, oder umgekehrt überfordert, befinden wir uns außerhalb des Kanals (Flow-Channel)Abb. 2 der uns uneingeschränktes Wohlbefinden ermöglicht.

Aktive Gestaltbarkeit von Wohlbefinden

Zusammen mit anderen Ergebnissen aus empirischen Studien könnte man eine moderate Intensität der positiven Affekte, häufig schöne soziale Erlebnisse, angenehme körperliche Empfindungen und allgemeine Lebensfreude als förderlich für höheres Wohlbefinden nennen. Eine «Sich-wohl-fühlende» Person wäre jemand, die das Leben gut «meistert», genießen kann und zusätzlich zu einem gut ausgeprägten Selbstwertgefühl, Autonomie und Kontrollüberzeugung auch noch Sinn für die Realität hat und aktiv im Leben steht. Dies sind Einflußfaktoren für Wohlbefinden, deren Vorteile darin liegen, daß sie subjektiv aktiv steuerbar und gestaltbar sind. Der Nachweis längerandauernder Effekte von existierenden Programmen speziell zur Förderung von Glück und Wohlbefinden konnten zwar bislang nicht nachgewiesen werden, jedoch finden sich Aspekte der Wohlbefindensförderung in vielen evaluierten psychologischen Präventionsprogrammen wieder.

Muna El-Giamal

Assistentin am Lehrstuhl für Klinische Psychologie

 

Abbildung 2. Das Flow-Modell nach Csikszentmihalyi (1985).


Universitas Friburgensis avril 94

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