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Das Mittelalter - ein finsteres Zeitalter ?

Vom Roman zum Fernsehfilm: Geschichten um den St. Galler Mönch Ekkehard

 

Die Verfilmung des Romans von Umberto Eco «Der Name der Rose» hat Millionen von Zuschauern «Mittelalter» hautnah erleben lassen. Der Wirkung einer Zeitmaschine nicht unähnlich, wurde das Leben in einer grossen Benediktinerabtei des 14. Jhs. nahezu perfekt inszeniert. Authentizität wurde angestrebt, obgleich der Film auf reiner Fiktion beruht. Welches Bild vom Mittelalter schaffen Filme wie dieser durch ihre Kunst-Welt in den Zuschauern des ausgehenden 20. Jhs.? Besteht ein Zusammenhang mit dem Zeitgefühl der Gegenwart? Stimmt die suggerierte Mittelalter-Vorstellung mit unserer wissenschaftlichen Kenntnis vom Mittelalter überein? Diese Fragen seien hier an einem etwas weniger berühmt gewordenen Mittelalter-Film mit «schweizerischem» Thema skizziert, am Fernsehfilm «Ekkehard», welcher Geschichtenstoff um den Mönch Ekkehard II. von St. Gallen (gest. 990) behandelt und anlässlich der tausendsten Wiederkehr von Ekkehards Todesjahr produziert worden ist 1.

Leben und Nachleben des Mönchs Ekkehard II.

Drei «Ekkeharde» prägten den literarischen Glanz des alemannischen Klosters St. Gallen im 10. und 11. Jh.; der mittlere von ihnen, Ekkehard II., beschritt eine für einen Mönch ganz ungewöhnliche Laufbahn. Den hochgebildeten Leiter der Klosterschule holte sich die schwäbische Herzogin Hadwig als Privatlehrer auf die Burg Hohentwiel am Westende des Bodensees. Hier unterrichtete er die selbstbewusste, wohl auch attraktive Herzoginwitwe in klassischer Sprache, las mit ihr Vergil und Horaz. Später führte Hadwig ihren Lehrer am Kaiserhof ein. Den Lebensabend verbrachte Ekkehard als Dompropst in Mainz, seine hohe Gönnerin auf Hohentwiel überlebte ihn um vier Jahre.

Ekkehards Persönlichkeit, seine ungewöhnliche Laufbahn und nicht zuletzt seine privilegierte Beziehung zu einer hochgestellten Frau stiessen bei den Mitbrüdern in St. Gallen auf reges Interesse. Geschichten und Anekdoten machten die Runde, wurden an die jüngeren Mönche weitererzählt und gewannen dabei zusehends an Farbigkeit. Zwei Generationen nach Ekkehards Tod nahm Ekkehard IV. sie in seine St. Galler Klostergeschichten (Casus sancti Galli) auf. Der Stoff bot dem begabten Erzähler reiche Nahrung. Der einstige Namensvetter galt für ihn als einer der glänzenden Vertreter der «guten alten Zeit». Dementsprechend ungetrübt erscheint das Bild, das er von ihm zeichnet. Ekkehard habe körperliche Schönheit und Ausstrahlung, künstlerische Fertigkeit, Weisheit und Bildung besessen.

Der Chronist idealisiert. Aber im Kern wird seine Charakterisierung richtig sein. In seltener Verbindung von Mönchtum und Gelehrsamkeit mit Eleganz und Weltgewandtheit muss Ekkehard die Zeitgenossen beeindruckt haben. Seine Wirkung wird er auch auf die schwäbische Herzogin nicht verfehlt haben. Diese ist ebenfalls eine Lieblingsfigur des Chronisten; ihr sind, verknüpft mit der Laufbahn des schönen Mönchs, mehrere Kapitel gewidmet. Die Erzählung berichtet vom Leben auf der Herzogsburg, schildert das hochfahrende Temperament und den Bildungseifer der Fürstin, lässt zwischen den Zeilen auch etwas von einer Romanze zwischen ihr und dem mönchischen Lehrer durchschimmern. Streckenweise liest sich der Bericht wie ein Roman.

Kein Wunder, dass aus solchem Stoff ein historischer Roman geformt wurde. Im Jahr 1855 erschien das berühmte Werk «Ekkehard» von Joseph Victor von Scheffel (1826-1886). In der Person Scheffels waren in idealer Weise die Voraussetzungen für ein solches Unternehmen vereint. Der musisch begabte junge Mann liess sich für Kunst und Geschichte mehr begeistern als für die vorbestimmte Juristenlaufbahn. Am Bodensee und in St. Gallen verweilend, vertiefte er sich in das Studium des Ekkehard-Stoffes. Die Klostergeschichten Ekkehards IV. und eifrig zusammengetragene weitere Geschichtsquellen boten ihm «wie eine wohnliche Herberge» alles, was das Herz begehrte. Seinen Roman versah er mit wissenschaftlichen Anmerkungen und Quellenbelegen; denn er war davon überzeugt, in der Verbindung von Geschichtsschreibung und Poesie selbst ein historisches Werk zu schaffen. Ja, mehr noch als die Wissenschaft, die sich in der Einzelanalyse, im Abstrakten und Begrifflichen verliere, könne die dichterische Intuition von der mittelalterlichen Vergangenheit ein lebendiges, umfassendes, in einem höheren Sinn auch «wahres» Bild zeichnen.

Der Roman «Ekkehard» erlebte nach zögernden Anfängen eine stürmische Verbreitung. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870 schoss seine Auflagen-Zahl gewaltig in die Höhe und übertraf alles, was vergleichbare historische Romane erreichten. Das Werk wurde zum Gemeingut und Lieblingsbuch des deutschen Bürgertums, zum Kultbuch des wilhelminischen Zeitalters. Man feierte Scheffel überschwänglich als den «Lieblingsdichter des neuen Deutschland» und war der Überzeugung, der «Ekkehard» werde für alle Zeiten eine Zierde der Weltliteratur bleiben.

Der Roman wurde in der Tat von Generationen eifrig gelesen und blieb in Kreisen des Bildungsbürgertums bis zur Mitte unseres Jahrhunderts lebendig. Auf eine Phase des Vergessens folgte in den achtziger Jahren im Sog der «Mittelalter-Renaissance» eine Wiederentdeckung des Romans, der nun neu aufgelegt wurde. Ein findiger Kopf, seines Zeichens Germanist, gründete ein Institut für «ganzheitliche Kulturanimation» und führte Ausflüge auf Ekkehards Pfaden zum Hohentwiel und nach St. Gallen durch. Belebende Wirkung hatte auch die Wiederinbetriebnahme der «Hohentwiel», des letzten Salondampfers aus der «Belle-Epoque» auf dem Bodensee. Nicht zuletzt trug die Verfilmung in der Fernsehserie zur Wiederbelebung des «Ekkehard»-Stoffes bei.

Mittelalterlicher Lebensraum im Wandel

Die Geschichten um den St. Galler Mönch und Höfling Ekkehard bieten nahezu ideale Voraussetzungen für eine vergleichende Untersuchung. Auf der einen Seite verfügen wir mit den Berichten in den St. Galler Klostergeschichten über eine breite mittelalterliche Quellengrundlage. Auf der anderen Seite der Vergleichskette befinden sich mit dem historischen Roman aus dem 19. Jh. und dem Fernsehfilm unserer Tage zwei Werke, die beide den Anspruch erheben, ihrer Zeit ein in einem tieferen Sinn «wirkliches» Bild von der Wirklichkeit des Mittelalters zu vermitteln. Aus der Fülle des Stoffes sei hier als Beispiel ein Thema herausgegriffen, das heute einen hohen Sensibilisierungsgrad besitzt: Natur und Umwelt.

Die Verpflichtung der Benediktinerregel zur Ortsgebundenheit hinderte leitende Mönche einer Abtei nicht daran, in Geschäften häufig unterwegs zu sein. Unter ihnen gab es reiselustige Männer, die Länder und Städte weitherum kannten. Zu den weltgewandten Mönchen zählte in späteren Jahren Ekkehard II. Als Knabe ins Kloster St. Gallen gekommen und hier aufgewachsen, soll er schon früh als Pförtner auch mit der Welt in Berührung gekommen sein. Dieses Amt übte er nach dem Bericht der Chronik aus, als die Herzogin Hadwig der Abtei ihren Besuch abstattete. Einzelheiten des hohen Besuchs werden freigebig mitgeteilt, anschliessend wird auch der Aufenthalt auf der Herzogsburg eingehend geschildert. Doch über den Weg von St. Gallen zum Hohentwiel verliert der Chronist kein Wort. Wie Ekkehard die Strecke zwischen Kloster und Burg bewältigt hat, die in der Luftlinie immerhin gegen 60 km misst und mehrere Reisetage erforderte, war nicht der Erwähnung wert.

Die Natur als solche, landschaftliche Besonderheiten, der Zustand von Weg und Steg waren nicht Gegenstand des Geschichtsschreibers. Sein geistiger Ort ist die wohlgefügte Welt des heimischen Klosters, daneben erscheinen die Bischofsstadt Konstanz, andere Klöster, der Königshof und befestigte Adelssitze als Schauplätze des Geschehens. Naturerfahrung wird nicht direkt mitgeteilt. Das Unterwegssein in der ungeschützten Welt liefert lediglich den Hintergrund für aussergewöhnliche Begebenheiten oder Unfälle, die einem Mönch auf Reisen zustiessen.

Anders ist das Erlebnis der Natur bei Joseph Victor von Scheffel. Als froher Wandersmann zieht Ekkehard aus dem Kloster seiner Jugend aus und begibt sich zu Fuss, allein und leichten Herzens auf den Weg zum Hohentwiel. Überall glänzt ihm eine schöne, heile und kultivierte Welt entgegen. «Ekkehard hob sein Auge. Hoch aus der Ferne, wie reiche Zukunft, glänzte des Bodensees Spiegel herüber (...). Von mächtiger Haselstaude schnitt er sich einen festen Wanderstab (...). Vergnügt schlug ihm das Herz, wie er einsam fürbass zog. Wie hoffnungsgrün und beseligt ist der Mensch, der in jungen Jahren auf unbekannten Pfaden unbekannter Zukunft entgegenzieht, - die weite Welt vor sich, der Himmel blau und das Herz frisch, als müsst' sein Wanderstab überall, wo er ihn ins Erdreich einstösst, Laub und Blüten treiben und das Glück als goldenen Apfel in seinen Zweigen tragen. Wandre nur immer zu! (...)» In lieblicher Schilderung verschmilzt Scheffel «Mönchtum und Landschaft miteinander, als wäre die Gegend am (Boden-) See immer eine Augenweide für Zugvögel (...) gewesen und hätte auch im Mittelalter hauptsächlich Sinnenfreude gespendet».

Und der Film - wie stellt er die mittelalterliche Umwelt dar? Ekkehard verlässt als einstiges Findelkind zum ersten Mal überhaupt in seinem Leben den schützenden Lebensraum des Klosters. Er wandert durch Dickicht, kommt nur mühsam voran, ein Weg ist kaum zu erkennen. Erschöpfung, Angst und Hunger bedrücken ihn. Im Hintergrund Stimmen wilder Tiere. Im Vorbeigehen pflückt und isst der Mönch hastig Waldbeeren. Während einer Verschnaufpause erblickt er im Gebüsch eine verwesende Leiche. Grauen packt ihn, er muss sich übergeben. Plötzlich taucht ein wilder Bär auf, Ekkehard flieht in Panik, versteckt sich im Gehölz. Es wird Nacht. Der einsame Wanderer ist am Rand seiner Kräfte.

Am nächsten Morgen macht sich Ekkehard wieder auf den Weg, watet durch lehmigen Boden einem Seeufer entlang, den schwarzen Mönchshabit mit Dreck bespritzt. Unterwegs entdeckt er eine Leiche im Wasser, geht verängstigt weiter. Plötzlich wird er aus dem Geäst eines Baumes heraus von oben überfallen; Zweikampf in Wasser und Schlamm. Ekkehard gerät in Todesangst; Geschrei, Blut. Im letzten Augenblick greift ein Retter ein, ein einstiger Mitbruder, der jetzt als Pfarrer wirkt. Der Angreifer wird getötet, Ekkehard ist verletzt. Die Leichen werden begraben. - Nichts ist hier von Scheffels zukunftsfroher Wandervogelromantik mehr zu spüren!

Von der Gegenwart der mittelalterlichen Vergangenheit

Der Film «Ekkehard» setzt dem Fernsehpublikum ein anderes Bild vom Mittelalter als Scheffels Roman vor. Von der «vergnüglichen und einen jeden (...) anmutenden Zeit im südwestlichen Deutschland», wie Scheffel in seinem Vorwort schreibt, ist kaum mehr etwas vorhanden. Die «ehrlichen groben Gesellen, (...) die in rauher Hülle einen tüchtigen, für alles Edle empfänglichen Kern» bergen, sind einem verletzlichen, verängstigten Menschenschlag gewichen. Von überall her drohen Gefahren und machen das Leben unsicher. Die Natur hat ihren Scheffel'schen Liebreiz eingebüsst, ausserhalb der schützenden Mauern von Kloster und Burg sind Schmutz und Unwegsamkeit, lauern wilde Tiere, Wegelagerer und Horden fremder Krieger. Der Erfahrungsraum Natur ist für den Menschen zur Bedrohung geworden.

Auch das Zusammenleben der Menschen ist beherrscht von der Gewalt des Stärkeren und der Ohnmacht der Schwachen, vom Gegensatz zwischen der Lebensführung der Herren und der Armut in den Hütten. Freuden und Lustbarkeiten fehlen zwar nicht, das Leben ist auf das Sinnliche ausgerichtet. Doch um den Zuständen des Glücks Dauer zu verleihen, dazu bietet die Gesellschaft nur ungenügenden Schutz. Die Wirkung des Staates ist gering und der Einfluss des Christentums auf das Verhalten bleibt an der Oberfläche.

Weshalb stellt der Film im Unterschied zu Scheffels hellem Mittelalter ein so dunkles Zeitalter dar? Die Ursachen für diesen Wandel sind auf zwei Ebenen zu suchen, auf der Ebene der Befindlichkeit der betreffenden Gegenwart und im Bereich der historischen Erkenntnis. Der historische Roman des 19. Jhs. hielt seinem Publikum mit der Schilderung der guten alten Zeit ein Idealbild vor Augen: So war es einst, wie die angeführten Quellen belegen sollen; entsprechend dieser Rekonstruktion der fernen Vergangenheit soll und kann die eigene Wirklichkeit umgestaltet werden.

Das heutige Mittelalterbild wird nicht mehr von Idealen und vom Glauben an die Veränderbarkeit der Gegenwart durch die Lehren aus der Geschichte bestimmt. Es hält dem Betrachter wie in einem Spiegel die Probleme und Bedrohungen der eigenen Zeit vor Augen. Das Mittelalter sei, wie Umberto Eco sagt, ein «Modell unserer Zeit (...), durchzogen von Endzeiterwartungen, chiliastischen Weltuntergangsvisionen, breiten Ketzerströmungen, Banden, die zur Verbesserung der Menschheit Blutbäder anrichten, beherrscht von apokalyptischen Vorstellungen». Im Vergleich zu Eco fügt der «Ekkehard»-Film dem Mittelalter-Modell noch ein weiteres Element hinzu: die Bedrohung der Menschheit durch die Umwelt. So ergibt sich hier, im Fernsehfilm «Ekkehard», aber auch in der Verfilmung vom «Namen der Rose», ein verfinstertes Mittelalterbild. Aus der «guten alten Zeit» ist eine «böse alte Zeit» geworden - die Folie eines an seinem Ausgang zutiefst verunsicherten 20. Jahrhunderts.

Das veränderte Bild vom Mittelalter stützt sich zum Teil auch auf neue Ergebnisse der historischen Forschung. Im Film wird dokumentarische Treue angestrebt, mittelalterliche Lebensweise im Einzelnen sorgfältig und manchmal gelungen inszeniert. Der Blick «von unten» gibt Einsichten frei, die einem Scheffel noch verborgen geblieben waren oder ihn nicht interessiert hatten. Doch ist mit Scheffel daran festzuhalten, dass das Mittelalter auch ein «heiteres» Mittelalter war. Die Menschlichkeit war diesem Zeitalter nicht fremd, und zum Humanum gehörten, nach dem Zeugnis von Ekkehards II. Vetter und jüngerem Mitbruder Notker Labeo, auch die Fröhlichkeit und das Lachen.

Ist das Bild von einem «finsteren» Mittelalter also ein Zerrbild? Erliegt es einem Fehlurteil über das Wesen dieses Zeitalters? Ein Ausweg aus dem Dilemma könnte sich eröffnen, wenn wir die Widersprüchlichkeit und Vielfalt jenes letztlich auch uns fernen Säkulums stehen lassen. Nur in ihrem Bezug zur Gegenwart, zu den Interessen, Wünschen und Sehnsüchten, aber auch zu den drängenden Fragen und Sorgen der heutigen Zeit, hat die Erforschung der fernen, vergangenen Welt einen Sinn.

 

PD Dr. Ernst Tremp

Mediävistisches Institut

 

1 Diese Zeilen fassen eine Studie zusammen, die aus einer im SS 1990 gemeinsam mit Kathrin Utz Tremp und Rosmarie Zeller durchgeführten interdisziplinären Lehrveranstaltung herausgewachsen ist.


Universitas Friburgensis février 93

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