INternationales Kolloquium

 

Betende Menschen - Betende Kirche

Tagzeitenliturgie in den Kirchen der Schweiz im 20. Jahrhundert

Fribourg/Schweiz, 30. September - 2. Oktober 2002


Vorstellung

Unter diesem Titel veranstaltete das Institut für Liturgiewissenschaft der Universität Freiburg/Schweiz unter der Leitung der Professoren Martin Klöckener und Bruno Bürki vom 30. September bis zum 2. Oktober 2002 ein internationales liturgiewissenschaftliches Kolloquium mit knapp 70 Teilnehmern aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Österreich und Griechenland, das sich mit der jüngeren Geschichte dieser Gottesdienstform sowie Fragen der Gegenwart, insbesondere mit Blick auf die Schweiz, auseinandersetzte.

Seit der frühesten Zeit existiert in der Kirche mit der Tagzeitenliturgie eine Form gemeinschaftlichen Betens und Feierns, deren Vollform jedoch seit dem Mittelalter beinahe ausschließlich in (monastischen) Gemeinschaften und von einer „religiösen Oberschicht" (Angelus A. Häußling) praktiziert wurde und ansonsten fast nur als „(Kleriker-)Brevier" der katholischen Kirche fortbestand. In jüngerer Zeit läßt sich wieder ein verstärktes theoretisches wie praktisches Interesse an der Tagzeitenliturgie als Feier der betenden Kirche feststellen, das zu einer langsamen Wiederentdeckung der spirituellen und theologischen Fülle und nicht zuletzt der ökumenischen Chancen dieser Form des Betens in Gemeinschaft führt.

Das Kolloquium „Betende Menschen - Betende Kirche", das im Rahmen eines länger angelegten Projektes zur Erforschung der gottesdienstlichen Entwicklung in den verschiedenen Kirchen der Schweiz im 20. Jahrhundert stand, hatte eine kritische Analyse der gegenwärtigen Situation der Tagzeitenliturgie ebenso wie die wissenschaftliche Reflexion der genannten Gottesdienstform vor dem Hintergrund der veränderten gesellschaftlichen, kulturellen und kirchlichen Situation zum Ziel. Die Auswahl der Referenten und Themen zeigte ein breites Spektrum, in dem grundsätzliche Fragen ebenso ihren Platz fanden wie spezielle Aspekte der Tagzeiten-liturgie. So kamen neben den wissenschaftlichen Zugängen auch Erfahrungen aus der liturgischen Praxis zur Sprache; durch Vertreter verschiedener Konfessionen und Kirchen war das Kolloquium wesentlich ökumenisch geprägt. Neben mehreren Hauptreferaten, die sich mit den biblischen Grundlagen und der kirchlichen Tradition der Tagzeitenliturgie sowie deren kritischer Reflexion auseinandersetzten und Impulse für neue Wege aufzeigten, kamen in Arbeitsgruppen mit verschiedenen Kurzreferaten unter anderem Fallbeispiele aus der Praxis der christlichen Kirchen zur Darstellung.


Die Vorträge

Die Hauptreferate behandelten folgende Themen:

  • „Eines Christen Handwerk ist Beten" - Menschen auf Gottessuche im Gebet (Bischof Dr. Kurt KOCH, Solothurn);
  • Prière quotidienne - personnelle, communautaire. Perspectives de théologiens suisses du 20e siècle (Prof. Dr. Bruno BÜRKI, Freiburg/Schweiz - Neuchâtel);
  • Tagzeitenliturgie - Wege und Irrwege in den verschiedenen Kirchen vor dem Hintergrund der Geschichte (Prof. Dr. Dr. h.c. Angelus A. HÄUSSLING OSB, Maria Laach);
  • Du bréviaire clérical à la liturgie des Heures de tous les baptisés (Dr. des. Arnaud JOIN-LAMBERT, Freiburg/Schweiz);
  • Monastische Tagzeitenliturgie im Wandel - Die Situation in den schweizerischen Benediktinerklöstern vor und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (Abt em. Dr. Georg HOLZHERR OSB, Einsiedeln/Seedorf);
  • La prière communautaire dans les maisons de rencontres réformées - l'exemple de Crêt-Bérard (Vaud) (Pasteur Pierre-André POULY, Crêt-Bérard);
  • Volkstümliche Formen von Tagzeitenliturgie im Wandel der Zeit (Prof. Dr. Patrick DONDELINGER, Luzern);
  • Les conditions et les chances de la prière en semaine, dans un milieu paroissial réformé (Pasteure Francine CARRILLO, Champel-Malagnou GE);
  • Betende Menschen - Betende Kirche. Utopie oder Zukunft christlicher Existenz? (Prof. Dr. Martin KLÖCKENER, Freiburg/Schweiz).

Kurzreferate wurden zu nachstehenden Themen gehalten:

  • Die Hymnen von Silja Walter im katholischen „Stundenbuch" (Dr. Ulrike WOLITZ, Solothurn);
  • La liturgie dominicaine des Heures. Continuité et réforme au 20e siècle (Dr. des. Philippe DE ROTEN OP, Fribourg);
  • Zur Praxis von ökumenisch gefeierten Tagzeitenliturgien aus evangelisch-reformierter Sicht (Pfarrer Dr. Alfred EHRENSPERGER, Niederuzwil SG);
  • Die Tagzeitenliturgie in der Kathedrale von Freiburg/Schweiz im 20. Jahrhundert (Martin CONRAD, Freiburg/Schweiz);
  • Zwei Jahre Domvesper mit der Gemeinde. Erfahrungsbericht aus St. Gallen (Domkapellmeister Hans EBERHARD, St. Gallen - Urs LÄNZLINGER, Luzern);
  • Célébrer la Liturgie des Heures avec des moyens simples: le nouveau manuel „Chants notés de l'assemblée" et le „Bréviaire noté" de Joseph Gelineau (Dr. Jean-Claude CRIVELLI CR und Mitarbeiter/innen des Centre Romand de Pastorale Liturgique, Bex VD);
  • Les vêpres dominicales selon le rite de l'Eglise Orthodoxe. Pratiques et perspectives pour la vie liturgique des orthodoxes en Suisse (Markos VIDALIS, Fribourg);
  • Tagzeitenliturgie in der Christkatholischen Kirche der Schweiz (Prof. Dr. Urs VON ARX, Bern);
  • Entwicklung der Andachten und Gebetsgottesdienste in den Pfarreien Brig, Glis und Naters (Oberwallis) nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (Dr. des. Josef-Anton WILLA, Luzern);
  • Das Projekt „Freitagsvesper" in der Predigerkirche Zürich (2002) (Pfarrer Dr. Peter WITTWER, Zürich);
  • Kirche in der Kirche. Neue Tendenzen im Kirchbau (Dr. Johannes STÜCKELBERGER, Therwil BL, Präsident der Schweizerischen St. Lukasgesellschaft).

In seinem Eröffnungsreferat, das sich mit Grundfragen des Betens befasste, wies Bischof Kurt Koch darauf hin, daß die gegenwärtige Krise des Gebetes vor allem „eine Krise der Zeit und des modernen Zeitgefühls", aber auch der „modernen Funktionalität" und des „biblischen Gottesbewusstseins" sei. Es gelte daher, das Gebet als Sprache des Glaubens, als seinen Urvollzug wiederzuentdecken, und damit seine befreiende, versöhnende, reinigende Kraft. Im Gebet werde der Mensch befähigt, in den Willen Gottes einzuwilligen und so „heilig zu werden".

Den Blick auf die Schweiz lenkte Bruno Bürki mit seinem Überblick über den Beitrag Schweizer Theologen des 20. Jahrhunderts zum Thema „tägliches Gebet", in dem er Hans Urs von Balthasar, Alfred de Quervain, Geneviève Micheli, Jean-Jacques von Allmen und andere zu Wort kommen ließ.

Einer der besten Kenner der Tagzeitenliturgie, Angelus A. Häußling OSB (Maria Laach), forderte im Hinblick auf eine Tagzeitenliturgie der Gegenwart die tatsächliche Öffnung dieser Gebetsform über die „religiöse Oberschicht" hinaus für das ganze Volk Gottes. Tagzeitenliturgie, so die These, müsse „in den Glauben einüben und zum (Mit-)Beten helfen".

Die Entwicklung „Vom ‚Klerikerbrevier' zur Tagzeitenliturgie aller Getauften" zeichnete Arnaud Join-Lambert in seinem Referat nach. Eine „echte Fundierung der von Laien gefeierten Tagzeitenliturgie", welche oft wenig überzeugend allein mit dem Argument der Heiligung der Zeit geschieht, sieht er im Pascha-Mysterium: jede Feier der Tagzeitenliturgie ist geprägt von „Übergängen" (etwa im Bild der Finsternis und des Lichtes, durch den Wechsel von Tag und Nacht), die dem täglichen Rhythmus des Menschen entsprechen und ein „Eintreten in das Pascha des Herrn" ermöglichen.Patrick Dondelinger befasste sich mit „Volkstümlichen Formen von Tagzeitenliturgie", die bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts in Orientierung an der Regelmäßigkeit des traditionellen Lebenswandels breit gepflegt wurden, seitdem jedoch mehr und mehr verschwanden. Dondelinger betonte die pastoralliturgische Notwendigkeit, neue Formen einer volkstümlichen Tagzeitenliturgie zu schaffen.

Auf die Situation der Tagzeitenliturgie in den Schweizer Benediktinerklöstern wies Abt em. Georg Holzherr OSB hin, wobei er das Augenmerk insbesondere auf die als Reaktion auf Defizite und verbreitete Mißstände erhobenen Fragen zu Gestalt und Gestaltung der Tagzeitenliturgie sowie auf die im 20. Jahrhundert vielfältigen Reformversuche richtete.

Die Realisierung der Tagzeitenliturgie in verschiedenen evangelisch-reformierten Ausformungen war auch Thema der Referate von Pasteur Pierre-André Pouly und Pasteure Francine Carrillo.

In seinem zusammenfassenden Schlußvortrag machte Martin Klöckener noch einmal darauf aufmerksam, daß die Kirche nicht ohne Gebet und ohne Gebetsordnung existieren könne. Voraussetzung für alles Beten aber sei das persönliche Gebet, das - wie jedes Gebet - „Regelmäßigkeit und zeitliche Strukturierung" verlange. In der Praxis jedoch fehle der Kirche oftmals eine solche Gebetsordnung. Durch die Aufgabe überkommener Formen ohne adäquaten Ersatz sei die Kirche „ein Stück weit orientierungslos geworden". Die Erneuerung der Tagzeitenliturgie nach dem Konzil sei zwar sachlich zumeist gut gelungen, im Hinblick auf die „Verankerung im ganzen Volk Gottes aber (...) weithin gescheitert". Klöckener sieht in der Tagzeitenliturgie eine bedeutende Herausforderung, zugleich aber auch Chance christlich-gläubiger Existenz, nicht zuletzt als ökumenische Liturgie. Für eine künftige Form der Tagzeitenliturgie zeigte er viele mögliche Ansatzpunkte und Perspektiven auf, die auf die Tagzeitenliturgie als einen „Weg zu einer spirituell vertieften Gottesdienstkultur" weisen.

 

Feier der Tagzeiten

Neben der wissenschaftlichen Arbeit hatte die gemeinschaftliche Feier der Tagzeiten ihren Platz: Morgenlob und Vesper wurden gemeinsam gefeiert. Die Gebetszeiten wurden von Teilnehmern verschiedener Konfessionen vorbereitet und boten durch ihre Gestaltung nach der für die jeweilige Konfession üblichen Weise (katholisch, reformiert, christkatholisch) Möglichkeiten zu ökumenischem Kennenlernen.

 

Veröffentlichung

Die Beiträge des Kolloquiums sind veröffentlicht in:

Tagzeitenliturgie. Ökumenische Erfahrungen und Perspektiven – Liturgie des Heures. Expériences et perspectives œcuméniques. Hg. von Martin KLÖCKENER – Bruno BÜRKI. Fribourg: Academic Press, 2004. ISBN: 3-7278-1461-6

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