Studientag

 

Der Zeit voraus. 50 Jahre Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft an der Universität Freiburg

Zweisprachiger Studientag des Instituts für LIturgiewissenschaft

Universität Freiburg/Schweiz, 21. April 2007

Der Studientag

In der theologischen Fachwelt hat die Universität Freiburg mit ihrer Geschichte des Faches Liturgiewissenschaft Bemerkenswertes aufzuweisen, das über ein gutes Jahrhundert hinweg vom Wandel theologischer Konzepte in Lehre und Forschung zeugt. Kürzlich wurde an einem Studientag unter dem Titel „Der Zeit voraus / Devancer son époque" an das 50-jährige Bestehen des Lehrstuhls für Liturgiewissenschaft an der hiesigen Universität erinnert.

„Liturgik" als Lehrstoff der Pastoraltheologie

Doch schon zuvor wurde „Liturgia", wie es meistens im Vorlesungsverzeichnis hiess, gelehrt. Dabei handelte es sich — der Zeit entsprechend — primär um eine „Rubrikenkunde" im Rahmen der Priesterausbildung. Seit Gründung der theologischen Fakultät 1890 hatten dies zuerst der Kirchenrechtler Thomas Esser OP (bis 1895), dann der Pastoraltheologe Josef Beck (1895-1900 und 1912-1934) übernommen. Auch nach Beck galt die „Liturgia" zunächst noch als Subdisziplin der Pastoraltheologie, so dass deren Fachvertreter Alphons Meier (1934-1939), Pius Emmenegger (1940-1956) und Xavier von Hornstein (1944-1953/56) zuständig blieben. Allerdings zeigten sie kein ausgeprägtes Interesse daran, und auch die Lehrpläne gaben der Liturgik nur einen unbedeutenden Platz im Theologiestudium.

Das Lehrstuhl-Intermezzo mit Prinz Max von SachsenErstaunlicherweise bestand zwischenzeitlich von 1900-1912 ein eigener Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft, den der deutsche Gelehrte Prinz Max von Sachsen innehatte. Als Königssohn arbeitete er ohne Bezahlung und genoss deshalb grosse Freiheiten in der Ausgestaltung seiner akademischen Tätigkeit; so konzentrierte er sich, neben der Bewältigung von Standardthemen wie Kirchenjahr, Messe und Brevier, auf die Liturgie der Ostkirchen. Sein ökumenischer Einsatz führte dazu, dass ihm 1912 wegen einer in damaliger Sicht unbedachten Äusserung die theologische Lehrbefugnis entzogen wurde. Nach Tätigkeiten an mehreren anderen Stätten kehrte er 1921 nach Freiburg zurück und unterrichtete bis zu seinem Tod (1951) in der Philosophischen Fakultät.

Theologische Neuansätze

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde im Zuge der sogenannten „Liturgischen Bewegung" das Studium der Liturgie als vorrangiger Ausdruck des christlichen Glaubens in vielen europäischen Ländern mit neuen theologischen und historischen Ansätzen betrieben, allerdings ausserhalb der universitären Schultheologie. Von der intensiven Diskussion um Selbstverständnis und Aufgaben der „Liturgiewissenschaft", wie das Fach als selbständige Disziplin nun hiess, ist lange Zeit weder an der Freiburger Fakultät noch an den meisten etablierten akademischen Lehreinrichtungen etwas zu verspüren. Anfang der 50er Jahre greifen jedoch die Schweizer Bischöfe die zeitgenössische theologische Diskussion auf und drängen auf einen eigenen Lehrstuhl und die Errichtung eines Liturgischen Instituts an der Freiburger theologischen Fakultät. Die Einrichtung eines Lehrstuhls für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Fakultät Trier (Deutschland) im Jahre 1947 und die dortige Gründung eines Liturgischen Instituts bot den Bischöfen ein mustergültiges Beispiel, auf das sie sich gegenüber der Universität beriefen.

Erster Lehrauftrag

Doch die Fakultät mit ihrer thomistisch geprägten systematisch-theologischen Schwerpunktsetzung zeigte anfangs kaum Bereitschaft, sich den neuen theologischen Entwicklungen und dem Desiderat der Bischöfe zu öffnen. Mit Mühen wurde schliesslich 1953 eine Lehrstelle eingerichtet, auf die mit dem Luxemburger Benediktiner Jean Hild ein in der Fachwelt anerkannter Liturgiker berufen wurde; aber er hatte nicht die akademischen Qualifikationen, um eine Professur übernehmen zu können. So blieb es vorerst bei einem Lehrauftrag, weiterhin unter Verantwortung des Pastoraltheologen.

Anton Hänggi als erster Professor für Liturgiewissenschaft

In dieser Situation beauftragten die Bischöfe den in Kirchengeschichte promovierten Anton Hänggi (1917-1994), sich an den Fachinstituten in Trier und Rom auf die Übernahme der neu zu errichtenden Professur in Freiburg vorzubereiten. Zum WS 1956/57 wurde er als neuer Professor für Liturgiewissenschaft berufen. Um seine Anerkennung in der Fakultät musste er mitunter mühsam ringen, doch setzte er bis heute geschätzte Akzente vor allem in der liturgiegeschichtlichen Lehre und Forschung, bis er im Dezember 1967 zum Bischof von Basel gewählt wurde. Wie kein anderer Professor der Fakultät wurde Hänggi in die Arbeiten des II. Vatikanischen Konzils (1962-1965) einbezogen und trug Entscheidendes zur anschliessenden Durchführung der Liturgiereform bei.Dasselbe Konzil bezeichnete die Liturgiewissenschaft neuerdings als Hauptfach der Theologie und skizzierte das Fachverständnis, was entsprechende Änderungen der Lehrpläne verlangte. Doch erlebten weder Hänggi noch sein Nachfolger diesen Schritt, denn was weltweit in der Regel spätestens in den 70er Jahren verwirklicht wurde, musste in Freiburg mehr als drei Jahrzehnte auf seine Realisierung warten.

Jakob Baumgartner als Pastoralliturgiker

Hänggis Nachfolger Jakob Baumgartner (1926-1996), Professor von 1969-1991, setzte seine Schwerpunkte stärker in der Pastoralliturgie; er prägte auf seine Weise die liturgische Ausbildung der Studierenden und damit auch das gottesdienstliche Leben in der Schweiz und über die Grenzen hinaus. Immer wieder schlug er als Deutschschweizer auf einem zweisprachigen Lehrstuhl in Publikationen und Lehre Brücken zur frankophonen Fachwelt. Wie schon Hänggi engagierte sich Baumgartner für die ökumenische Zusammenarbeit, die sich unter anderem in der beständigen Zusammenarbeit mit dem reformierten Theologen Bruno Bürki, seit 1982 Privatdozent, 1997 von der Theologischen Fakultät zum Titularprofessor ernannt, zeigte.

Heutige Positionierung

Innerhalb der nach Fächern ausdifferenzierten Theologie hat die Liturgiewissenschaft in Freiburg heute ihren Platz gemäss internationalem Standard. Verschiedene Aspekte sind dabei zusammenzubringen: Liturgiegeschichtliche Forschung steht neben der theologischen Begründung des Gottesdienstes und pastoralliturgischen Anforderungen. Besonders in der Lehre verlangt dies eine grosse Weite. Insofern Liturgie von ihrem Wesen her eng mit Kulturen und Mentalitäten verbunden ist, stellt auch die Zweisprachigkeit des Lehrstuhls vor besondere Herausforderungen; die ökumenischen Kontakte werden in der Tradition der Vorgänger gepflegt.Unter den Forschungs- und Publikationsprojekten ist das von Anton Hänggi mitbegründete „Spicilegium Friburgense" hier genauso verankert wie die international führende Fachzeitschrift „Archiv für Liturgiewissenschaft", die im Auftrag des Abt-Herwegen-Instituts der Abtei Maria Laach herausgegeben wird. Hinzu kommt die Herausgabe des 11-bändigen Handbuchs der Liturgiewissenschaft „Gottesdienst der Kirche" und der Quellenbände „Dokumente zur Erneuerung der Liturgie", die vom Nationalfonds und anderen wissenschaftlichen Fördereinrichtungen unterstützt werden. Regelmässig kooperiert wird mit Fachvertretern und einschlägigen Institutionen in Deutschland, Österreich, Frankreich, Belgien, Italien und Polen. Auf nationaler und internationaler Ebene besteht eine enge Kooperation mit kirchlichen Verantwortungsträgern und Einrichtungen, so zum Beispiel mit dem Liturgischen Institut der Schweizer Bischofskonferenz (Freiburg) und dem Deutschen Liturgischen Institut (Trier).Bei all dem ist es der Liturgiewissenschaft aufgegeben, mit einem offenen Ohr für die Gegenwart und zugleich in Treue zur Tradition als integrative Disziplin innerhalb der Theologie zu wirken. Die unterschiedlichen Wege, die dabei in der Vergangenheit beschritten wurden, zeugen zugleich von innertheologischen und von kirchlichen Entwicklungen, wie sie auch auf Zukunft hin eine Herausforderung bleiben werden.

Martin Klöckener ist seit 1994 ordentlicher Professor auf dem zweisprachigen Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft der Universität Freiburg und trägt die Verantwortung für das Institut für Liturgiewissenschaft.

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