Das gute halbe Jahrhundert, das in dieser Vorlesung behandelt wird, firmiert als „Zeitalter der Aufklärung“. Selten sind kühnere Ideen über den Fortschritt des Menschengeschlechts und der Humanität entwickelt worden als in diesen Jahrzehnten – verändert aber hat sich in Staat und Gesellschaft wenig. Aus diesem Gegensatz zwischen Geist und Institutionen, wie er für das Europa des späten Ancien regime so typisch ist, resultieren am Ende einige vereinzelte revolutionäre Impulse und um so mehr Frustration. Am Ende der Aufklärung steht der Kult der Nation und die Hinwendung zu einer verklärten Vergangenheit. Harte bzw. unbewegliche politische Realitäten, die sozialen Verhältnisse der Ständegesellschaft und die Welt der neuen Ideen: damit sind die Leitmotive der Vorlesung bezeichnet, die in eine Epoche des Stillstands sowie der enttäuschten Erwartungen einführt – mit mancherlei Nutzanwendung für eine nicht unähnliche Gegenwart.
Lektüre zur Einführung: M. Erbe, Deutsche Geschichte 1713-1790. Dualismus und aufgeklärter Absolutismus, Göttingen 1985 .
Wie tot ist die Aufklärung? Nicht dass es an Philosophen (Habermas u.a.) fehlt, die ihre Fahne hochhalten. Andererseits ist das Wunder auf allen Fernsehkanälen in Form von Hexerei oder anderem „Übernatürlichen“ längst als Realität deklariert. Unsere Schuld oder die Schuld der Aufklärer, die sich doktrinären Illusionen hingegeben, d.h. den Menschen zum Verstandeswesen degradiert und peinlicherweise die Denkfigur des Fortschritts erfunden haben – und das alles mit unbegrenzter Verachtung des Volkes und seiner Vorstellungswelten? Um hier abzuwägen, muss man die Gedankenwelt des 18 Jh. erst einmal kennen. Als eine solche vertiefte Introduktion ist das Seminar gedacht – doch auch als Gelegenheit zum Gespräch über Nutzen und Nachteil der europäischen Aufklärung.
Einführende Lektüre:
T. Blanning, Das Alte Europa 1660-1789. Kultur der Macht und Macht der Kultur, Darmstadt 2005 .
Wozu sind Epochen gut? Dass die Renaissance nicht am 29. Mai 1453 mit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen beginnt, versteht sich von selbst. Ebenso dürfte außer Frage stehen, dass sich mehr als die Herrschaft über eine Stadt oder auch ein ganzes Land ändern muss, um einen neuen Geschichtsabschnitt abzugrenzen. Doch wieviel Wandel auf welchen Ebenen ist dafür nötig? Warum sprechen wir von Renaissance als einer „vollgültigen“, alle Lebensbereiche umfassenden Epoche, obwohl die meisten Menschen der zeit von diesen Erscheinungen des Wandels kaum oder gar nicht unmittelbar berührt wurden – und nicht von einer „Epoche“ des Rokoko oder gar des Expressionismus? Um die Fragen nach Sinn bzw. Unsinn einer Geschichtsgliederung im großen einer Antwort näher zu bringen, sollen im Seminar die wichtigsten Konzepte von „Mittelalter“ und „Renaissance“ vorgestellt, erörtert und kritisch geprüft werden.
Zur Einführung: V. Reinhardt, Die Renaissance in Italien. Geschichte und Kultur, München 2002 (in der Bibliographie weitere Titel zur Epochendebatte).
Die Niederlande des späten 16. und 17. Jahrhunderts zählten zu den faszinierendsten Wachstumszonen Europas. Auf die intellektuellen, wirtschaftlichen, politischen und natürlich militärischen Herausforderungen ihrer Gegner (namentlich Spaniens und Frankreichs) reagierte das amorphe Bündnis von Provinzen, mit einer furiosen Gegenoffensive. Amsterdam wurde binnen weniger Jahrzehnte zu einem expandierenden Zentrum von globaler Ausstrahlungskraft. Wirtschafts- und Sozialgeschichtlich, aber auch kultur-, ideen- und wissenschaftsgeschichtlich, wurden hier Weichenstellungen hin zum bürgerlichen Zeitalter vorgenommen, deren Folgen noch im 19. Jahrhundert spürbar sein sollten. Mit den Niederlanden hatte sich erstmals eine protestantische Republik in den Kreis der Großmächte eingereiht. Es hatte ein bedeutendes Kolonialreich errichtet und zugleich jegliche Ansprüche auf eine Universalmonarchie in Europa erfolgreich in das Reich der Träume verbannt. Das Proseminar wird Grundlagen und Folgen dieser atemberaubenden Entwicklung untersuchen und sie in einen internationalen Kontext stellen.
Einführende Lektüre: Schama, Simon: Überfluß und schöner Schein. Zur Kultur der Niederlande im Goldenen Zeitalter, München 1988.
Nachdem Sie in den vier Methodenkursen der Grundlagenmodule die Pflicht absolviert haben, - nämlich eine Einarbeitung in die Knochenarbeit der HistorikerIn und eine gründliche Auseinandersetzung mit den verschiedenen methodischen Schulen - folgt nun die Kür: Wir lesen und diskutieren wissenschaftliche Texte des 19. und 20. Jahrhunderts, die aus verschiedenen Gründen nachhaltig gewirkt haben und mittlerweile den Status von "Klassikern der Geschichtsschreibung" beanspruchen können. Zum Einen werden wir es mit Aufsätzen zu tun haben, wie jenem über Konfessionalisierung und Staatsbildung von Wolfang Reinhard oder dem Traktat Pierre Bourdieus über die verschiedenen Kapitalsorten, zum Anderen auch mit ganzen Büchern, wie dem "Strukturwandel der Öffentlichkeit" von Jürgen Habermas oder der "Kultur der Renaissance in Italien" von Jacob Burckhardt.