Forschung

Departement für Biblische Studien

Die "Freiburger Schule"

Ikonographische Forschung am Biblischen Institut der Universität Freiburg

Dass das Biblische Institut der Universität Freiburg heute weltweit als Zentrum der Erforschung der altorientalischen Bilderwelt bekannt ist, verdankt es vor allem Othmar Keel, seit 1967 Professor für Altes Testament und Biblische Umwelt. Schon in seiner Studienzeit war dem in der barocken Bilderwelt von Einsiedeln gross Gewordenen die enge Verwandtschaft von biblischen Sprachbildern und altorientalischen Bildsymbolen aufgefallen. Studien in Jerusalem und Chicago und das Glück, in der Lebensgefährtin Hildi Keel-Leu eine talentierte Zeichnerin an seiner Seite zu haben, führten 1972 zur Veröffentlichung des Buches Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament. In mehrere Sprachen übersetzt und jüngst auf Deutsch und Amerikanisch neu aufgelegt, gilt dieses Buch noch heute als unentbehrliches Standardwerk für Wissenschaft und Unterricht.
In den 70er und frühen 80er Jahren publizierte Keel verschiedene Monographien zu spezielleren Themen wie dem Zusammenhang von prophetischen Visionen und zeitgenössischen Bildern, der Antwort Gottes an den aufbegehrenden und die Ordnung der Welt in Frage stellenden leidenden Ijob oder der erotischen Symbolik des Hohenliedes, einer Sammlung biblischer Liebeslieder. Dabei konzentrierte sich sein Interesse zunehmend auf jene Bilder, die den Verfassern biblischer Schriften in dem an Monumentalkunst armen antiken Palästina/Israel vor Augen sein konnten: Miniaturbilder auf Siegeln und Amuletten, Elfenbeinen und Münzen. Viele dieser Objekte stammen ursprünglich aus Mesopotamien oder Ägypten, konnten wegen ihrer Kleinheit aber mit Händlern und Handwerkern, Kriegern und Diplomaten mühelos in andere Regionen wandern und dort zum interkulturellen Austausch beitragen. Die Bilderwelt der Siegel erwies sich als einzigartiger Schlüssel für das Verständnis einer vielgestaltigen, bewegten Kultur- und Religionsgeschichte, die den biblischen Texten zugrundeliegt, von ihnen aber nur zum Teil unvoreingenommen reflektiert wird.

Frau und Göttin

In den 70er Jahren kamen mit der spät errungenen politischen Gleichberechtigung der Frauen auch im Bereich der Theologie feministische Fragestellungen auf. Keel gehört zu jenen, die die Herausforderung mit Offenheit und Freimut annahmen: Er bemüht sich seit Jahren um die Wiederaufdeckung des verdrängten Erbes kanaanäischer und israelitischer Göttinnenverehrung und um ein besseres Verständnis des Monotheismus, seiner Geschichte und seiner theologischen Implikationen. Unter Keels Leitung verfasste sein damaliger Assistent Urs Winter eine Dissertation mit dem Titel Frau und Göttin (1983, 2. Aufl. 1987), die ein Grundlagenwerk der historischen Frauenforschung und feministischen Theologie geworden ist. Eine Schülerin von Keel, Silvia Schroer, heute Professorin für Altes Testament und Biblische Umwelt an der Universität Bern, gehört zu den profiliertesten feministischen Exegetinnen im deutschsprachigen Raum. In einem anderen Bereich, nämlich dem der altorientalischen Nomaden, hat sich Thomas Staubli in seiner Dissertation ebenfalls um die Erschliessung und Wiedergewinnung marginalisierter Lebenswelten bemüht.

Die Sammlungen altorientalischer Miniaturkunst des Biblischen Instituts

Die Begegnung mit Frau Erica Peters-Schmidt in Kilchberg eröffnete Keel und Winter Zugang zu einer bedeutenden Schweizer Privatsammlung altorientalischer Siegel, der zwischen 1937 und 1970 entstandenen Sammlung des Solothurner Industriellen Dr. Rudolf Schmidt. Die Begeisterung und das Interesse an der Arbeit mit den über 300 Originalsiegeln wirkten so überzeugend, dass Frau Schmidt am 17. Mai 1981 die Sammlung ihres Bruders dem Biblischen Institut übergab. Mit der Schenkung war die Auflage verbunden, dass die Universität eine spezialisierte Siegelbibliothek und angemessene Räumlichkeiten für die Unterbringung, das Studium und die Präsentation der Siegel zur Verfügung stelle, eine Bedingung, die bisher erst teilweise erfüllt werden konnte.
Die durch die Sammlung geschaffene Möglichkeit, die Welt der altorientalischen Miniaturbildkunst unter ganz neuen Bedingungen zu erforschen, gab den Anstoss für zwei entscheidende, parallel verlaufende Entwicklungen: Einerseits erweis sich die Arbeit mit Originalen als so hilfreich und kompetenzfördernd, dass Keel sich bald mit beispiellosem Eifer und Geschick um die Erweiterung der Sammlungen des Instituts bemühte. Unterstützt von verschiedenen öffentlichen und privaten Geldgebern, Kollegen und Sympathisanten gelang es ihm so, innerhalb eines Jahrzehnts eine Reihe von Sammlungen nach Freiburg zu bringen, sodass das Biblische Institut heute weit über 101000 Objekte altorientalischer und altägyptischer Miniaturkunst (Siegel, Amulette, Amulettformen, Figurinen aus Bronze und Terrakotta usw.) beherbergt.

Das Corpus der in Palästina/Israel gefundenen Stempelsiegel

Andererseits erforderte das historische Interesse an der im Lande der Bibel bezeugten Bildkunst die Erarbeitung einer systematischen Dokumentation, wie sie an keiner der traditionellen Forschungsstätten für Palästina-Archäologie zu finden ist. Da die Stempelsiegel die bei weitem umfangreichste Bildträgergattung bilden, sollten sie den Anfang machen. 1981 lancierte Keel mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds ein Forschungsprojekt, das der Dokumentation, Publikation und Interpretation der ca. 10'000 in Palästina/Israel in regulären Ausgrabungen gefundenen Stempelsiegel gewidmet war: ein Unternehmen, an dem sich im Laufe der Jahre ein gutes Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beteiligt haben und das mit über hundert Museen und Hunderten von Archäologinnen und Archäologen in aller Welt korrespondiert. Zwischen 1985 und 1994 erschienen vier Bände mit Spezialstudien, 1995 und 1997 die ersten beiden (von mindestens sechs geplanten) Bände des Corpus. Parallel dazu dokumentierte Christian Herrmann die in Palästina/Israel gefundenen Amulette (vorwiegend ägyptischer Herkunft), um sie 1994 in einem eigenen Band zu veröffentlichen.
Das Corpus ist seinerseits die Grundlage für weiterführende Projekte geworden, die sich besonders um die Erforschung der Religionsgeschichte des antiken Palästina/Israel bemühen: 1992 erschien Göttinnen, Götter und Gottessymbole von O. Keel und Christoph Uehlinger, ein Buch, das erstmals die antiken Bildquellen, welche die inschriftlichen Quellen aus Palästina/Israel sowohl qualitativ wie quantitativ weit übertreffen, zur Grundlage einer Religionsgeschichte Kanaans und Israels nahm und als bahnbrechende Studie begrüsst wurde. Eine breiter angelegte Synthese, die auch Bilder aus Mesopotamien und Ägypten berücksichtigen soll, hat Keel zusammen mit S. Schroer in Angriff genommen.

Eine "Freiburger Schule"?

Mit den Projekten und Publikationen der letzten zwei Jahrzehnte hat sich der Ruf Freiburgs als Zentrum für die Erforschung von Siegeln, Ikonographie und altpalästinisch-biblischer Religionsgeschichte gefestigt. Das Institut will dem unter anderem dadurch Rechnung tragen, dass es seit diesem Herbst in Zusammenarbeit mit der Universität Bern die Möglichkeit anbietet, in einem einjährigen Zusatzstudium ein Spezialisierungszeugnis "Bibel und Archäologie" zu erwerben.
Das internationale Echo zeigt sich auch daran, dass seit einigen Jahren in europäischen, amerikanischen und israelischen Artikeln und Bücher immer wieder der Begriff "Freiburger Schule" begegnet. Was ist davon zu halten? Von einer Schule kann insofern gesprochen werden, als mit Othmar Keel zweifellos ein ausserordentlich begabter Lehrer und Inspirator am Anfang der beschriebenen Entwicklungen steht, die ohne ihn alle nicht denkbar wären. Eine Schule mag die Gruppe seiner engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter insofern genannt werden, als diese sich in der Tat einem (ungeschriebenen) gemeinsamen Anliegen, Programm (dem Recht der Bilder, gesehen zu werden) und Forschungsansatz verpflichtet fühlen.
Verbindet man mit dem Begriff "Schule" den eines geschlossenen Schülerkreises, trifft die Charakterisierung kaum zu. Schülerinnen und Schüler von Othmar Keel lehren nicht nur in Bern und Luzern, sondern auch in Wien (Karl Jaros) und Stellenbosch (Südafrika, Izak Cornelius) in ganz verschiedenen Kontexten. Neben eigentlichen Schülerinnen und Schülern gibt es das viel weitere Netz von Sympathisantinnen und Sympathisanten, Menschen, die der in Freiburg geleistete Arbeit mit Achtung begegnen und versuchen, Eigenes zur ikonographischen und religionsgeschichtlichen Forschung beitragen.
Noch weniger wird man von einer "Schule" sprechen können, wenn man mit diesem Begriff die Vorstellung von mehr oder weniger festen, vom Meister diktierten Lehrmeinungen verbindet. Die Zeit der Universalgelehrten und Enzyklopädisten ist vorbei. Als prinzipiell interdisziplinär angelegtes Unternehmen war und ist das Freiburger Team seit über zwei Jahrzehnten auf die Sympathie und Kooperationsbereitschaft von Dutzenden bzw. Hunderten von hochspezialisierten Gelehrten aus zahlreichen Disziplinen (Bibelwissenschaft, Archäologie, Kunstgeschichte, Geschichte, Numismatik usw. - aber z.B. auch der Mineralogie für Gesteinsbestimmungen) angewiesen. Von ihnen allen kann und will das Freiburger Team lernen, und es versteht sich selbst vor allem in diesem Sinne als eine "Schule": als ein Knotenpunkt einer partnerschaftlich organisierten, internationalen Lern- und Forschungsgemeinschaft.

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