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Thomas von Aquin - Summe der Theologie
Prima Pars

Quaestio 6

Prooemium

Iª q. 6 pr.
Deinde quaeritur de bonitate Dei. Et circa hoc quaeruntur quatuor. Primo, utrum esse bonum conveniat Deo. Secundo, utrum Deus sit summum bonum. Tertio, utrum ipse solus sit bonus per suam essentiam. Quarto, utrum omnia sint bona bonitate divina.

 

Sechstes Kapitel
Die Güte Gottes.

Überleitung.

„Preiset Gott, denn Er ist gut und in Ewigkeit währt seine Barmherzigkeit." Wahrlich! Jetzt erst können wir so recht aufsteigen vom Nichts der Güte, welche die Geschöpfe aus sich selbst mitbringen, zum All der Güte, welche im Schöpfer thront und von welcher Er mit höchster Freigebigkeit mitteilt. „Wenn Du, o Herr, Deine Hand aufthust, so werden sie alle mit Gutem erfüllt." „Er bringt Gras hervor auf den Bergen, Kräuter den Menschen zum Dienst; den Tieren des Feldes giebt Er ihre Speise und Futter den jungen Raben, die ihn anrufen."

Wie doch diese Gelehrten der früheren Zeiten so tief hinabstiegen in das Innere der Kreatur, um daraus wieder emporzusteigen zur Verherrlichung des Schöpfers! Je tiefer sie hinabsteigen, desto mehr finden sie als Mitgift für die Kreatur von der geschöpflichen Seite aus das Nichts; und sie haben dann ihre Freude daran, daß sie einen Gott besitzen, der so vollendet, so [S. 150] voll Güte, so voll aller Fülle ist, daß er allem im Überflüsse giebt, das Sein eines jeglichen Dinges vorbereitet, es begleitet und vollendet.

Diese Einteilung schon des Guten in Seinsweise, Form und Ordnung bietet der Vernunft des Menschen gewissermaßen eine ganze Offenbarung des Herrlichen in der Güte Gottes.

Das Geschöpf ist gut, wenn es das hat, was zur Vorbereitung seines Seins, was als Voraussetzung desselben notwendig ist. Aber kann das von ihm, vom Geschöpfe kommen? Nein. Es ist ja noch nicht. Es hat noch kein Wesen. Und doch wird diese Voraussetzung erfordert von seinem Wesen. Wie die Mutter noch vor Geburt des Kindes die Wiege und das Bettlein mit aller Sorgfalt vorbereitet, damit das Kind ihres Busens ja recht weich gebettet sei, damit es Freude habe das erste Mal, daß es die Welt erblickt; — so thut Gottes Güte mit seinen Kreaturen. Wie ist so schön vorbereitet vom Himmel aus der Boden, um das Samenkorn zu empfangen!? Die gehörige Feuchtigkeit ist in denselben gelegt; der Regen des Himmels ist bestimmt, ihn zu nähren; der Bach, der Fluß, der mächtige Strom wird ihm von seiner munteren Lebenskraft mitteilen; die Sonne steht da, um seine Entwicklung zu befördern. Und das alles ist notwendig, muß vorher geordnet sein, wenn das Samenkorn fortkommen soll. Die ewige Güte hat sich selber gleichsam die Hände gebunden; oder vielmehr, sie kann nicht machen, daß außerhalb ihrer etwas Anderes sei wie das Nichts. Jegliche Kreatur muß von ihr empfangen, was notwendig ist, auf daß sie sei; was notwendig ist, daß sie sich entwickle; was notwendig ist, daß sie vollendet werde. Wie der Boden beschaffen ist, in welchem Grade die Sonnenwärme sich geltend macht, wie kräftig die Luft wirkt, mit welcher sanften und zugleich durchdringenden Gewalt das vorbeifließende Wasser und der Regen einfleßt; — davon hängt ese ab, in welcher Weise das Samenkorn sein Sein offenbaren, in welcher Weise es seine Form erhalten, wie es vollendet werden wird. Aber diese Seinsweise kommt nicht von der Pflanze, die ja noch nicht ist. Gottes Güte bereitet dies alles vor vermittelst anderer Kreaturen.

Und nun die Wesensform selber, von welcher alle Schönheit, alle Kraft, alles Wirken in der betreffenden Kreatur kömmt; von der diese letztere in stets sich gleichbleibender Weise, mag die Kreatur schon groß, oder noch klein, bedürftig oder reich sein, fortwährend begleitet wird?! — Kann sich die Kreatur etwa eine solche Wesensform von sich allein aus geben? Aber gerade durch diese Wesensform allein ist die Kratur erst, kann sie wirken, steht sie als Glied dieser und nicht jener Gattung da. Es würden ja, falls diese Form von der einzelnen Kreatur käme, letztere sein, ehe sie wäre; sie würde wirken, ehe sie wirken kann. Nein; die Güte des Schöpfers verleiht von neuem rein von sich aus die Wesensform und alle Form überhaupt, wonach die Kreaturen etwas zu leisten vermögen. Sie alle insgesamt, diese Formen, sind nichts als ein Ausfluß der Schönheit des Ewigen, ein ständiges Merkzeichen auf die göttliche Herrlichkeit hin: „Wenn sie so viel thaten, um die Schönheit der vergänglichen Geschöpfe zu erforschen und hochzuhalten; wie hätten sie doch nicht noch um so viel leichter den. Urheber all dieser Schönheit finden können;" der jedenfalls überaus schöner sein muß als all dies zusammen!

Mit dem aber begnügt sich noch nicht die unerschöpfliche Güte Gottes. Erscheint nicht die Schöpfung wie ein riesig großes Arbeitsfeld, in welchem jegliche Kreatur unaufhörlich ohne Rast thätig ist, sei es auf die eine sei es auf die andere Weise? Die Sonne leuchtet, das Wasser fließt, das [S. 151] Feuer steigt, der Stein fällt, der Boden sproßt, das Grün erfrischt. Welch
Leben pulsiert im kleinsten Grashalm! Welch wunderbare Einrichtungen zur Fortpflanzung im Innern der Pfanze! Jegliche Pflanze, jegliches Tier nährt sich und jedes hat eine andere Nahrung. Alles ist thätig, alles arbeitet, „nicht im wirden Kampf ums Dasein" (das sind Lästerungen des .Schöpfers); nein; in der freudigen Bethätigung der so verschiedenen Fähigkeiten und Neigungen, die aus dem Wesen und der Form der Geschöpfe herausquellen und die da unter so großem Wechsel und so mannigfacher Veränderung die schönste Ordnung und Harmonie erzeugen.

Und wieder ist es hier die Güte des Schöpfers, welche aus sich heraus Ströme der Freude in das Innere der Kreatur eingießt, Ströme der Freude, um mit Lust thätig zu sein. Der Stoff ist träge; er möchte immer nach der Tiefe. Und die Form, die ihm verliehen, nimmt, sobald sie mit selbem vereinigt ist, die Natur des Stoffes an, wie der Lichtstrahl die Farbe des Glases annimmt, durch das hindurch er leuchtet. Sich selbst überlassen weiß alle Kreatur nur zu fallen, nur dahin zurückzusinken mit allem, was ihr gegeben, woher sie genommen worden. Die Güte Gottes öffnet von neuem ihre Schleusen und nachdem sie dem Geschöpfe gegeben, was erforderlich war, damit es überhaupt sei, nachdem sie ihm sein Wesen verliehen, damit das Sein gemäß der gehörigen Stufe ihm als eigen zugehöre, stößt sie nun frische Thätigkeit in die geschaffenen Wesen und Fähigkeiten.

Deshalb ist das Thätigsein der Kreatur so natürlich; deshalb erfüllt es überall mit Freude und vermehrt die Schaffenskraft; deshalb geschieht es mit so großer Bereitwilligkeit. Das wahre Heim der Kreaturen ist Gott, die Güte Gottes. Was von da kommt, das ist ihnen so echt und recht natürlich. Was von oben kommt, das ist ihnen so echt und recht zu eigen, .gehört ihnen zu; denn Gott allein kann wahrhaft etwas schenken, er ist das Sein. Die Trägheit, das Nichtsthun, das Abfallen von ihrer innern Natur wird ihnen selber etwas Fremdes und Unnatürliches; mag auch immer der Stoff, den sie in sich tragen, seiner Natur nach träge und zum Sinken und Fallen geneigt sein. Denn die Natur ist, soweit ihr ein bestimmtes Sein zugehört, vom allein mächtigen Gott; und welche Thätigkeit von Gott kommt, die kann dieser Natur, die Er gegeben, nur gemäß sein, die muß dem Stoffe ganz und gar den Stempel ihrer Kraft aufdrücken. Gott kann Sich nicht selbst verleugnen. Er hat die gewisse Natur mit ihren bestimmten Fähigkeiten verliehen. Er kann von sich aus keine Thätigkeit verleihen, die in diese Natur einen Ihm selber fremden Widerspruch brächte, die da wider die Richtung dieser Natur wäre; mag letztere im einzelnen für sich allein genommen werden oder in ihrer natürlichen Verbindung resp. Unterordnung unter andere.

O wahrlich! „Preiset Gott, denn Er ist gut." Nicht das oder jenes Gut ist Er; Er ist gut." „Nimm hinweg dieses, nimm hinweg jenes; und du hast das unumschränkte Gut, das Gute selber, den Ursprung alles dessen, was gut ist in der Welt;" sagt Augustin und nach ihm Anselm.

Je höher du hinaufsteigst, o Mensch, in der Würde und im Range der Kreaturen; desto eindringender offenbart sich die Güte Gottes; desto mehr empfangen die Kreaturen von der Güte Gottes. Denn sie stehen eben deshalb höher im Range, weil sie mehr dem Ausdrucke der göttlichen Güte unterliegen. Die unvernünftigen Geschöpfe durchdringt Gott in der Weise mit der Wirkung seiner Güte, daß das eine derselben die Grenze seines Seins und seiner Thätigkeit und ebenso die bestimmende leitende Kraft für [S. 152] das Thätigsein vom anderen Geschöpfe her erhält. Aber in den vernünftigen freien Willen steigt Gott selbst mit seiner Verursachenden Kraft gleichsam hinab; denn unmittelbar, ohne Dazwischenkunft eines anderen Seins, gießt er da aus die Schätze seiner Güte und Gnade. Seine eigenste Wirkung bereitet da ohne vorhergehende Vermittlung irgend welchen anderen Seins alles vor, verleiht die innere Form und vollendet bis zur wirklichen Thätigkeit. Und eben deshalb, weil in dieser Weise die Wirkung Gottes den freien Akt ohne weitere Vermittlung erreicht, formt und vollendet, deshalb ist dieser innerlich wahrhaft frei, deshalb wirkt ihn die vernünftige Kreatur selbständig und ist er ihr Verdienst. Denn nur Gott ist die Freiheit, Selbständigkeit und Seinsfülle. Er allein kann in dieser Weise vermittelst seiner unmittelbaren Einwirkung machen, daß der Akt in keinerlei Abhängigkeit und Beschränkung seitens der anderen beschränkten Kreaturen stehe und daß er zugleich wie nichts anderes dem Wirkenden zugehöre.

Im freien Akte wird die vernünftige Kreatur emporgehoben bis zur Güte Gottes selber, da Er ja seinem Wesen nach die Güte ist.

 

 

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Letzte Änderung am 1. August 2012.
Gregor Emmenegger