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Thomas von Aquin - Summe der Theologie
Prima Pars

Quaestio 67

Prooemium

Iª q. 67 pr.
Consequenter considerandum est de opere distinctionis secundum se et primo, de opere primae diei; secundo, de opere secundae diei; tertio, de opere tertiae. Circa primum quaeruntur quatuor. Primo, utrum lux proprie in spiritualibus dici possit. Secundo, utrum lux corporalis sit corpus. Tertio, utrum sit qualitas. Quarto, utrum conveniens fuit prima die fieri lucem.

 

Siebenundsechzigstes Kapitel.
Das Werk der Scheidung an und für sich.

Überleitung.

„Wunderbar ist das Vermögen des Stoffes“ ruft Thomas am Ende seiner Schrift über den Urstoff aus. Schon in den Fundamenten, die er eben für die Lehre über den Stoff gelegt hat, erfcheint dieses Wunderbare; und es wird sich noch mehr vor unseren Augen entwickeln, wenn nach und nach aus diesem Vermögen die Teile der sichtbaren Welt aufsteigen werden.

„Wunderbar“ ist dieses Vermögen; denn es kommt unmittelbar von jenem, der in allem, was Er thut, wunderbar ist. Gott ist im thatsächlichen Sein und demnach im Wirken ohne Beschränkung. Das Nichts empfängt deshalb von Ihm zu allererst ein endloses Vermögen, um zu werden.

Bemerken wir hier, wie Thomas sorgsam alle besonderen Fragen vermeidet. Auf seinem Fundamente, wie er es für die sichtbare Welt legt, hat die ganze moderne Wissenschaft Platz. Vielmehr weist sie mit ihren exakten Nachforschungen durchaus auf den Aquinaten. Alles ist nach ihr Bewegung; alles wird durch die Bewegung. Aber jede Bewegung im einzelnen sowie alle Bewegung im Ganzen muß sich auf einem tragenden Subjekte vollziehen; es muß ein Bewegliches vorhanden sein. Da nun aber von der Bewegung alles bestimmte sichtbare Sein hervorgerufen wird — und die Naturwissenschaft thut sich viel darauf zu gut, dies experimentell nachgewiesen zu haben —, so kann eben das zu Grunde liegende Subjekt oder der Träger der Bewegung kein thatsächlich bestimmtes Sein sein; denn all dieses Sein wird von der Bewegung verursacht und ein sie tragendes Subjekt wird von ihr vorausgesetzt. Also kann nur ein allgemeines Vermögen für das Werden allem Sichtbaren zu Grunde liegen. Ein solches Vermögen kann nie ohne thatsächlich bestimmtes Sein sich finden; es besagt aber ein solches von Natur aus nicht, sondern seine Natur ist zu allem stofflichen Sein fähig. Also muß dieses Vermögen nicht nur von der unendlichen Kraft Gottes verursacht sein, sondern es kann auch seine ersten Formen, durch die es thatsächlich zu einem Wesen und somit zu existierendem Dasein bestimmt wird, nur von der ersten Ursache erhalten. (Wir haben dies weitläufig dargelegt in „Natur, Vernunft, Gott“, 2. und 3. Kapitel; im letzteren besonders die Natur des Urstoffes behandelt; und den Vergleich mit der materialistijchen Wissenschaft durchgeführt in der „katholischen Bewegung in unseren Tagen“, 188G, Heft 12, 13, 14.)

Da ist nun ein weites Fundament vorhanden für den Aufbau der sichtbaren Welt. Ausdrücklich schrieb oben Thomas, Moses sage nicht, daß Wasser oder Erde oder Feuer das Grundelement gewesen sei, sondern er bezeichne das allgemeine Vermögen für das Werden als ein solches. Damit läßt Thomas allen diesbezüglichen Hypothesen freien Lauf. Er bestimmt nur so viel über die Grundzüge der sichtbaren Welt, wie viel die Vernunft < 232>sagt, daß dies so sein müsse. Innerhalb seiner Darlegung können die positiven Experimente der neueren Wissenschaft und ihre Ergebnisse alle insgesamt Platz finden; und wieder werden sie ihrerseits die Darlegung des Engels der Schule bestätigen.

Oder ist nicht all das Ergebnis der Spektralanalyse eine direkte Bestätigung für die Annahme, welche eben Thomas vorgetragen hat zu Gunsten des rein bestimmenden Einflusses der Himmelskörper und der Verschiedenheit der Natur des Stoffes in ihnen von der des irdischen Stoffes? Alle irdischen Elemente sind nach der Spektralanalyse in den Himmelskörpern enthalten; und demgemäß sind sie vermittelst des Lichtes die bestimmende Ursache der verschiedenen chemischen Zusammensetzungen, respektive Trennungen der Dinge. Durch die Bewegung teilen sie den irdischen Vermögen ihre Kraft in der verschiedensten Verbindung mit.

Kann nun aber ein Stoff, der nur giebt, von ebenderselben stofflichen Zusammensetzung sein, wie der andere, der erst giebt, nachdem er von der anderen stofflichen Seite empfangen hat, der also ein wechselseitiges Bestimmen und Bestimmtwerden zuläßt. Die Himmelskörper geben und bestimmen nur im Verhältnisse zur Erde; sie empfangen nichts von der Erde. Die Erde giebt erst, nachdem sie von anderem Stoffe empfangen und muß immer wieder von neuem von anderem Stoffe her empfangen, um geben zu können. Also ist die Natur des Stoffes da oben in den Himmelskörpern eine durchaus verschiedene von der des irdischen Stoffes. Sie ist vielmehr so beschaffen, daß sie in ihrer Kraft, in ihrem wirkenden Vermögen die Kraft der irdischen Wesen in sich enthält und deshalb ihr Ahnliches hier auf Erden hervorbringt.

In den Zarnkeschen Litteraturblättern wollte man bei Besprechung von „Natur, Vernunft, Gott“ darüber spotten, daß der heilige Thomas mit Rücksicht auf die Gesundheit des Leibes den Astronomen höher stellt wie den Arzt, „denn er urteile nach tieferen allgemeineren Gründen.“ Was liegt aber darin selbst vom Standpunkte der modernen Wissenschaft Lächerliches? Wenn vom Lichte der Gestirne, wie das die moderne Wissenschaft in umfassendster Weise darthut, alle Bewegungen und Veränderungen im Stofflichen kommen; so kann doch, wer dieses Licht und die in ihm verborgene Kraft, je nachdem es von diesem oder jenem Gestirne kommt, so recht zu beurteilen und zu bemessen versteht, auch in der Anwendung auf einen einzelnen Fall bestimmen, welches der allgemeine tiefere Grund einer Krankheit sei. Nun die Weiseren unter den älteren Philosophen kannten eben diese Eigenschaften des verschiedenen Lichtes, wodurch im Körper, besonders in der Phantasie eines Menschen ein besonderer Einfluß hervorgebracht wird; sie beurteilten demgemäß auch die Leidenschaften, die ja in den Sinnen ihren Sitz haben. Sie kannten dies freilich nicht auf Grund der Spektralanalyse, sondern in ihrer Weise. Und deshalb konnten sie manches, was bloß vom Körperlichen hier auf Erden, zumal vom Einflüsse der Phantasie abhängt und nicht vom vernünftigen Geiste, nach den allgemeinen Ursachen bestimmen. Hier liegt die natürliche Begründung der gesunden Astrologie.

Thomas spricht von vier Elementen und erregt so gewiß ein Achselzucken bei denen, die sich dessen rühmen, sie kannten nun in die sechzig oder gar nach anderen, es gäbe deren unendlich viele. Sie überlegen gar nicht, daß Thomas mit Aristoteles und den Alten unter Element etwas durchaus Anderes versteht wie die moderne Wissenschaft. „Solcher Elemente, die aus gleichartigen Teilen bestehen und nicht mehr in unter sich verschiedene Teile zerlegt werden können, giebt es unendlich viele;“ sagt schon Aristoteles. < 233>

Basilius aber (hom. 1. in Hexaëm.) erklärt am bestimmtesten, man müsse nicht meinen, sie verständen unter den Elementen „Wasser, Feuer, Luft, Erde“ die gleichnamigen Körper, so daß alles aus diesen vier Körpern zusammengesetzt wäre. Nein; diese vier Namen bezeichneten die vier einfachen Grundeigenschaften aller Körper: naß oder kalt, trocken oder wann, dünn, dicht. Und für das „Naß“ werde Wasser gesagt, weil da diese Grundeigenschaft am meisten vorwiege, nicht als ob die drei anderen nicht im Wasser vorhanden wären. Jeder der genannten vier Körper haben alle vier Grundeigenschaften in sich; aber das eine wiege bei dem einen entschieden vor und deshalb sei der Name davon genommen. Keines dieser vier Elemente existiere stofflich für sich, könne dies auch gar nicht; sie seien als einfache Eigenschaften nur der Auffassung der Vernunft zugänglich. Alle anderen Eigenschaften seien aus diesen zusammengesetzt, wie das Süße z. B. aus dem Feuchten und Warmen.

Endlich giebt Thomas der sichtbaren Natur jene Vollendung, die er vorher auch der Geistnatur gegeben hatte, in der, sagen wir einmal so, Centralsonne. Die moderne Wissenschaft kann dem nicht entgegen sein, was er über den Feuerhimmel sagt. Sie zeigt ja selbst, wie die Himmelskörper einerseits immer desto einfacher in ihrer Substanz werden und größer in ihrer Masse, je weiter sie entfernt sind von uns. Eine natürliche Folge davon ist nur, daß es einen rein leuchtenden Körper gebe, welcher kraft seiner Größe den Raum des Universum beherrscht, kraft seiner Unverrückbarkeit den sichtbaren Anstoß und Halt für alle Bewegung giebt und in seiner Helle von keinem abhängt, also auch in nichts nur durchscheinend, sondern selber hellleuchtend ist; der zudem von allen anderen Körpern getrennt erscheint. (Wir heben jedoch hervor, daß Thomas selbst von dem Feuerhimmel nur hypothetisch spreche; wie er nämlich zu denken sei, wenn es einen giebt.)

So findet Thomas für die sichtbare Welt einen gleichsam seligen Abschluß im Feuerhimmel, wo die Klarheit und Herrlichkeit nie aufhört. Für die Geisterwelt hatte er einen solchen Abschluß gefunden in der beseligenden Anschauung Gottes, bei welcher der Ort, auf den sich ihr seliges Wirken erstreckt, eben der Feuerhimmel ist. Für alle freien Akte findet er Halt und bestimmende Kraft einzig im Dreieinigen; dessen sichtbaren Werke alle an sich wunderbar sind, aber doch nur deshalb existieren, damit sie auf das bei weitem mehr Wunderbare seiner Einwirkung auf die innere freie Seele hinweisen.

„Wunderbar ist das Vermögen des Stoffes.“ Thomas wird uns das nun in großen Grundzügen nach allen Seiten hin zeigen. Er wird gleichsam die Umfassungsmauern der Schöpfung vor uns aufführen. Wir werden am Ende des ersten Teiles Gelegenheit nehmen, auf manche der eben gemachten kurzen Bemerkungen eingehender Bezug zu nehmen.

 

 

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Letzte Änderung am 1. August 2012.
Gregor Emmenegger