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Thomas von Aquin - Summe der Theologie
Prima Pars

Quaestio 65

Prooemium

Iª q. 65 pr.
Post considerationem spiritualis creaturae, considerandum est de creatura corporali. In cuius productione tria opera Scriptura commemorat, scilicet opus creationis, cum dicitur, in principio creavit Deus caelum et terram, etc.; opus distinctionis, cum dicitur, divisit lucem a tenebris, et aquas quae sunt supra firmamentum, ab aquis quae sunt sub firmamento; et opus ornatus, cum dicitur, fiant luminaria in firmamento et cetera. Primo ergo considerandum est de opere creationis; secundo, de opere distinctionis; tertio, de opere ornatus. Circa primum quaeruntur quatuor. Primo, utrum creatura corporalis sit a Deo. Secundo, utrum sit facta propter bonitatem Dei. Tertio, utrum sit facta a Deo mediantibus Angelis. Quarto, utrum formae corporum sint ab Angelis, an immediate a Deo.

 

Fünfundsechzigstes Kapitel.
Die Erschaffung der körperlichen Natur.

Überleitung.

Bis jetzt hat Thomas die an sich wirksamen Seinsgründe in der Schöpfung behandelt. Er hat uns dargethan, wie alle Wirklichkeit in der Welt auf Gott zeigt; und danach hat Er, gemäß der verfchiedenen Art und Weise wie die Kreaturen auf Gott weisen, die Vollkommenheiten Gottes erklärt. Er ist dann auf Grund der Offenbarung in die Natur Gottes gewissermaßen eingedrungen, insoweit nämlich von der Dreieinigkeit aus erforscht werden kann, in welcher Weise in Gott das in sich ganz vollendete, von allem Äußerlichen abgeschlossene Princip des Wirkens für die Gesamtheit des Geschöpflichen sich findet; und wie dieses Princip von der vernünftigen Kreatur aus alles zu Sich selber, zur Teilnahme an seiner Herrlichkeit führt. Bis dahin hat Thomas das unmittelbare Princip des einzelnen Wirklichseins und vermittelst dieses letzteren, insoweit von der einzelnen Wirtlichkeit immer das Vermögen getragen wird, das erste Princip aller geschöpflichen Vermögen erläutert.

Darauf hat er uns unter diesen geschöpflichen Vermögen die reinen Verstandeskräfte als die gemäß ihrer Natur nur einwirkenden geschildert; die jedoch an und für sich immer nur auf ein allgemein bestimmbares Vermögen hinwirken, es disponieren; nicht aber das einzeln Wirkliche an sich wirken können. Dieses letztere entsteht nur vermittelst eines vom Vermögen her getragenen beständigen Wechsels auf Grund der unmittelbaren Thätigkeit der ersten Ursache, die allein davon den hinreichend bestimmenden Grund in sich einschließt.

Die Engel kennen ihrer Natur nach diesen Grund nicht, trotzdem [S. 211] derselbe der maßgebende ist für die Beschaffenheit ihres gesamten eigenen Einwirkens. Sie erkennen ihn nur in der Anschauung des Gewirkten und danach regeln sie in seliger Freiheit ihre Wirksamkeit auf das Geschöpfliche hin, ohne jemals eigentlich Wirkliches als die ihnen eigentümliche oder ihrer Natur entsprechende Wirkung zu haben oder auch nur ein unmittelbares Werkzeug dafür zu sein.

Diese wirkenden geistigen Vermögen sind beständige Zeugen der göttlichen Güte: die Vermögen der gefallenen Engel, trotzdem sie das einzeln Wirkliche vorher nicht schauen und deshalb nicht frei wollen; die Vermögen der heiligen Engel, weil sie ihre Natur zu Gott emportragen und beständig bekennen, sie wollten nur in und mit Gott, sowie nämlich in seinem Worte der Tag der Schöpfung fortdauernd geregelt ist, alles wirken, was ihren Kräften überlassen ist.

Bei Thomas gehören alle Teile der Schöpfung durchaus zu einander; die Gesamtheit des geschöpflichen Seins ist in lebendiger Einheit mit dem allwirkenden Grunde, dem göttlichen Wesen. Er ist sich stets bewußt, daß er „Theologie“, Gottes Wissenschaft, schreibt; er erscheint deshalb auf nichts so sehr bedacht, als nur immer alles geschöpfliche Sein durch die Vernunft und Offenbarung hindurch zu Gott zu leiten. Die Theologie ist bei ihm kein abstraktes Wissen, das da für sich abgeschlossen wäre. Die Schrift, die Väter und Gottesgelehrten sind für ihn nicht Quellen allein des Übernatürlichen. Thomas erinnert sich immer dessen, was er im ersten Kapitel gesagt hatte, durch die Offenbarung sei das Erwerben der natürlichen Wahrheiten leichter geworden, allgemeiner und keiner so langen Zeit bedürftig.

Wer wird denn auch, wenn er des Erwerbes einer Wohnung durchaus bedarf, das liebreich dargebotene Geschenk des Reichen verschmähen, das ihn in den Stand setzt, nun gleich eine angemessene Wohnung zu erstehen; — und dafür lieber Pfennig für Pfennig sich erbetteln oder mühsam erarbeiten, damit er erst wenn er alt geworden sich sagen kann, dieses Haus gehört mir, es ist mein eigen, wenn er nämlich es kaum mehr benutzen kann.

Die geoffenbarte Wahrheit und die natürliche Kenntnis bilden ein Ganzes. Von jener fließt Licht in die Natur. Und wir müssen dieses Licht benutzen; einerseits, um die Natur klar vor uns zu haben, und andererseits, um zu verstehen, wie bei aller Klarheit die ganze Natur nur um so mehr ruft, sie könne die innere Natur Gottes nicht enthüllen. Die Offenbarung ist bei Thomas das höchste Princip im Geschöpflichen, um vom Geschöpfe heraus, nachdem alle irgendwie zugänglichen Beziehungen desselben auseinandergelegt worden, in Sturmeseile zum Throne des Schöpfers emporzusteigen.

Die Natur ist für einen Zweck geschaffen, der über ihre Kräfte hinausgeht, den sie mit ihren natürlichen Kräften gar nicht erreichen kann. Das Zeichen davon ist, daß Gott im Bereiche des Geschöpflichen vernünftige Geisteskräfte niederlegen wollte, die von ihrer Natur aussagen, und zwar je erhabener sie sind, desto lauter: Wozu die beschränkten natürlichen Güter uns führen, das ist nicht unser letzter Endzweck! Gott wollte gerade seine .Güte offenbaren in der Welt. Und deshalb hat er geistige Kräfte schaffen wollen, welche der ganzen Schöpfung ihren Stempel aufprägen: Nur durch die reine, an keine äußere Natur gebundene Mitteilung der Güte Gottes können vermittelst der Vernunft die Kreaturen je nach ihrer Seinsweise an ihrem letzten Endzwecke teilnehmen.

Oder besitzen die Dämonen ihre Natur nicht ganz mit ihrem Glanze, mit ihrer Beziehung zu Gott und auch mit ihrer Leugnung, daß sie, diese hohe Natur, von sich aus zu unbeschränktem Gute führen kann? [S. 212]

Ohne Zweifel! Thomas hat es oben dargelegt. Aber eben deshalb sind sie Dämonen; weil sie nämlich dies kennen, weil sie durch die Gnade es noch tiefer erkannten wie durch ihre Natur, und weil sie trotzdem in ihrer Natur stehen blieben, in dieser selben Natur nämlich, die zum übernatürlichen Zwecke geschaffen ist. Anstatt infolge ihrer Natur gerade die Güte Gottes um so mehr zu preisen und sich ihr, die ihnen bereits so viel gegeben, ganz zu überlassen auch für die Beseligung, wollten sie in sich, wollten sie in ihren natürlichen Kräften selig sein und fielen gerade darum; denn eine solche Seligkeit giebt es nicht. Und ihre Hauptstrafe ist deshalb der Widerspruch zwischen der Beziehung zum übernatürlichen Zwecke, welcher die ganze Natur unbewußt, aber desto tiefer durchdringt, und ihrem freien Willensakte.

Sie sollen ihrer Natur nach das Stoffliche gemäß den Ideen Gottes leiten. Das Stoffliche aber ist gerade als Stoffliches geeignet, nur als einzelnes zu sein; es kann ein stoffliches vergängliches Geschöpf niemals eine ganze allgemeine Gattungsstufe ausfüllen wie dies die Engelsnatur kann. Dieses Einzelne aber kennen die Dämonen infolge ihrer Natur nicht; sie sind also jetzt nach dieser Seite hin nur von außen her gezwungene Werkzeuge in der Leitung des All. Die Engel aber haben ihre Natur mit Gott verbunden. Das Wesen Gottes ist kraft der Gnade in sie eingetreten. Sie schauen es im Worte und alle Dinge schauen sie in selbem als einzelne, als ihrer Leitung unterworfen; deshalb sind sie über die Dämonen hinaus, so tief manche von ihnen ihrer Natur nach unter den Dämonen gestanden haben mögen, in Freude und Freiheit jetzt die höchsten bestimmenden Principien unter den geschöpflichen.

Und sie werden noch reicher werden! „Trunken werden sie werden,“ über allen Begriff der Natur hinaus angefüllt von lichtvoller Kenntnis, „im Reichtume des Hauses Gottes; fett werden sein die blühenden Gefilde der irdischen Wüste.“ Der Sohn Gottes wird persönlich den Stoff als den Gegenstand ihrer Wirksamkeit heiligen. Aber das tritt nicht in die notwendigen leitenden Principien der geschöpflichen Entwicklung ein. Der Tod Christi hat die Natur der Geister und ihre Ideen nicht geändert. Er wird bloß ihre Wirksamkeit reicher und voller machen.

Hier kommt das also nicht in Betracht. Erst wenn die in der Natur wirksamen Kräfte, wie sie sind und thätig sind, nach allen Seiten hin geprüft sein werden; erst dann wird die Fülle der Natur in der Erlösung zur Sprache kommen. Jetzt wendet sich Thomas von den bestimmenden, einwirkenden zu den bestimmbaren Vermögen im Geschöpflichen: zum Stoffe; er wird dann den ersten Teil schließen, indem er das Zusammenwirken des dreieinigen Gottes, der Engel und des Stoffes darlegt und so die Leitung des Universum behandelt. Die Darstellungsweise wird ein durchaus lichtvolles Resultat haben. Warum? Weil sie nicht Gott abschließt von der Welt, oder einen reinen Natur-Gott annimmt, wie dies der Teufel that, der mit seiner überaus erhabenen Gewalt jetzt dienen muß, da er nicht dienen wollte; sondern weil sie Gott so nimmt wie Er in Wahrheit ist, wie Ihn die Engel nahmen, als sie ihre Natur zu seinem Lobe wandten. Sie wurden aus „Abend“ heller „Morgen“; während der Teufel mit der Trennung der Natur vom „Worte“, vom Dreieinigen „Nacht“ wurden, Nacht der Verzweiflung.

Nun wollen wir die Körpernatur behandeln. In der Hervorbringung derselben erwähnt die Schrift drei Werke: 1. Die Schaffung in den Worten: „Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde;“ 2. die Scheidung [S. 213] in den Worten: „Er schied das Licht von der Finsternis und die Wasser, welche unter dem Firmamente waren, von denen über dem Firmamente;“ 3. die Ausschmückung, da gesagt wird: „Es werden Leuchten am Firmamente.“

Zuerst sei also gesprochen vom Werke der Erschaffung; dann von dem der Scheidung; endlich von dem der Ausschmückung.

 

 

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Letzte Änderung am 1. August 2012.
Gregor Emmenegger