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Thomas von Aquin - Summe der Theologie
Prima Pars

Quaestio 64

Prooemium

Iª q. 64 pr.
Consequenter quaeritur de poena Daemonum. Et circa hoc quaeruntur quatuor. Primo, de obtenebratione intellectus. Secundo, de obstinatione voluntatis. Tertio, de dolore ipsorum. Quarto, de loco poenali ipsorum.

 

Vierundsechszigstes Kapitel.
Die Strafe der Dämonen.

Überleitung.

„Macht und Schrecken ist bei Ihm, der da Frieden herstellt im Erhabenen.“ (Job 35, 21.)

Was anders ist dieses Erhabene wie die hohe Geisterwelt! Und wer anders hat da den Frieden hergestellt, wie jener Mächtige, von dem Schrecken ausgeht, wenn das Nichts vor seinem Antlitze etwas sein will, was Er nicht gegeben; und unmeßbare Herrscherkraft, wenn das Geschöpf zu Ihm flieht und sich freut, sein Nichts vor Ihm zu enthüllen.

„Aber bis in die Hölle wirst du hinabstürzen und bis in die Tiefen des Sumpfes!“ Schreckvoll folgte dem Engel die Strafe auf dem Fuße. Mehr als für irgend welchen Verdammten gilt es für ihn und seinen Anhang: „Reißet ihn entzwei, dividite eum.“ Wahrhaft in seinem Innern entzweigerissen ward der Unglückselige. Seine ganze Natur wollte nach Gott, drang nach der hochmächtigen Seinsquelle, stürmte wie der Wasserfall nach hoch oben hin über alle Hindernisse zu Gott! Und er, der erhabene Geist, sperrte selber diese seine Natur mit freiem Willen von Gott ab. Er hatte seine Ruhe und Seligkeit finden wollen da, wo Gott sie nicht bestimmt hatte; er meinte sich stark genug, aus eigenen Kräften selig zu sein! Und mitten in seiner Unseligkeit ist er selbst das ausdruckvollste Zeichen, daß nur Gott der allbestimmende Ausgang jeglicher Ruhe ist; in ihm selber verkündet die Gnade, welche er freventlich gemißbraucht, daß Gott ihn befähigt hatte, an seiner heiligen Wonne Anteil zu nehmen. Daß das Verdienst des gefallenen Engels nicht den Zweck und den Lohn erreichte, der selbem gebührt hätte, das hat er selber gethan; „er hat es ertötet,“ wie der Engel der Schule oben sagte. Er hat es verhindert, zu Gott zurückzukehren. Aber siehe da, er hat nur verhindert, daß es ihn zu Gott zurückbrachte; es selber, dieses Verdienst, ruft mitten im Elende der Person des gefallenen Engels, die Macht und Gewalt und die Liebe Gottes, mit der er seine Kreaturen umfaßt, laut hinaus in die Schöpfung. Es kehrt zum Lobe Gottes zurück und wird eben dadurch zur unendlichen Qual des Sünders. Er erkennt, der Unglückselige, daß Gott allein mächtig, Gott allein heilig ist; Er erkennt, daß von Ihm allein alles Wahre, Gute, alles Sein kommt und daß deshalb Ihm allein dafür Dank gebührt. Wie mit Windesflügeln möchte seine Vernunft eilen zum Sitze aller Wahrheit. Und sie kann nicht! Der freie Wille fesselt sie im Herzen. Wohl verkündet sie die Ehre Gottes auch im Teufel und sie verkündet dieselbe auch [S. 201] für den Teufel; aber nicht daß seine Person am Lichte der Wahrheit sich tröste, sondern daß sie in bitterster Verzweiflung sich selbst zerfleische. Aber selbst der Wille richtet jene Neigung, die allein an und für sich Kraft hat, auf nichts anderes wie auf Gott. Der Teufel selbst will, daß Gott seine Macht und seine Herrlichkeit habe; denn sonst wäre er ja selber, er, der Teufel, wäre nicht. Aber wo dieser Wille die eigene Person des gefallenen Unglücklichen mit in diese Richtung hineinziehen möchte, da steht diese Person mit ihrer Freiheit entgegen. Sie will das Gute, was in ihr ist; aber sie selbst will darin nicht eingeschlossen sein. Überallhin erstreckt sich die Kraft dieses Willens. Nach Gott hin will er Gottes Macht, Weisheit, Güte. Und mag nach den Geschöpfen hin dieser Wille noch so heftig auftreten, noch so sehr verfolgen; die Schläge, mit denen er die Auserwählten quälen will, werden diesen selbst zu Segen und Heil; nur der Person des Wollenden werden sie unnennbare Qual. „Eine Grube will er anderen graben.“ Seine Weisheit, seine Kraft sollen dazu dienen, ihn in seinem Vorrange vor anderem zu zeigen; er will andere durch seine Schlauheit zu Grunde richten. „Aber er fällt selbst hinein!“ Seine Anstrengung dient nur dazu, die Unüberwindlichkeit der außerhalb seiner selbst stehenden Kraft zu beweisen.

Der Teufel hat alle Vorzüge seiner Natur behalten; und alle diese Vorzüge sind auf Gott gerichtet! Er allein aber bleibt vom Genusse derselben ausgeschlossen. Was er will, ist nicht für sein Wohl. Was er weiß, trägt nichts bei zu seinem Wohle. Was er kann und wirkt, ist nichts für ihn. „Nichts“ ist seine Sünde für ihn selber; und Gutes kommt am Ende immer aus den so mißbrauchten Kräften für Gott und für alles Andere. „Zerreißet ihn und leget einen Teil zu den Heuchlern.“ Was nichts ist an ihm, das allein bleibt ihm zu eigen, dem Heuchler. Was aber ist in ihm, das quält ihn, weil es die Ehre Gottes und das Wohl anderer Geschöpfe vermehrt. „Mit den Zähnen wird er knirschen und dahinsinken,“ heißt es im Psalm. „Werfet ihn hinaus in die äußerste Finsternis, da wird Heulen und Zähneknirschen sein,“ sagt der Herr!

„Macht und Schrecken ist in ihm: der da Eintracht herstellt im Erhabenen.“ O süße Eintracht, dauernder Friede, der von dieser Macht ausfließt. Und wie soll solcher Friede nicht dauerhaft sein; da der „Tod“ ihn herstellt! Wie soll solche Eintracht nicht süß sein; da dieser „Tod“ thatsächlich getragen wird aus reinster Liebe vom fleischgewordenen Worte Gottes. „In seinem Tode sind wir,“ ist die ganze Schöpfung „getauft“.

Hat die Gnade Gottes den Engeln etwas genommen und vielleicht etwas Höheres an die Stelle gesetzt? Der Teufel fürchtete bei dem inneren Anblicke des toten Leibes am Kreuze als seines sichtbaren Herrschers einen Vorrang zu verlieren. Seine Furcht war eitel. „Er ertötete sein Verdienst“ beim Anblicke dieses Herrschers; und gewann durchaus nichts. Die Engel vernichteten sich selbst, ertöteten ihre natürliche Weisheit und Kraft, sie betrachteten als Finsternis ihren Glanz. „Mitten in der Nacht stand ich auf,“ so konnten sie mit dem Psalmisten sagen. Und was sahen sie im übernatürlichen Glänze dieser Nacht, „die da wie der Tag erleuchtet war?“ Sie sahen, daß durch ihre scheinbare Erniedrigung nur die volle Gerechtigkeit und Liebe bis ins einzelste hinein offenbart worden war. „In der Nacht stand ich auf: und siehe, deine Rechtfertigungen betrachtete ich.“ „Ich habe erkannt, alle deine Ratschlüsse sind Gleichmäßigkeit: und in der Wahrheit hast du mich erniedrigt.“

Was kann denn der Tod nehmen? Was kann aber nicht alles das [S. 202] göttliche Wort geben? Die heiligen Engel hatten sich unter die Herrschaft des Todes gestellt; und die Folge war, daß dieser Tod ihnen nichts nahm, wohl aber alle ihre Macht verherrlichte und ihr neues Leben verlieh. „Das war jener Tod, in dem die Toten, die da ihr Nichts erkennen und sich selber abgestorben sind, wieder aufleben.“ Nun gingen die Engel nicht bloß mehr in ihrer reinen Natur aus von Gott und hatten nicht nur von Natur Gott zum Gegenstande ihrer Liebe. Auch ihre Wirksamkeit im Einzelnen wurde auf jenen Leib gerichtet, der da Gottes Wort, die zweite Person in der Gottheit trug und so göttliches Leben auch jener Wirksamkeit der Engel einhauchte, welche den Stoff beherrschte. Nun fanden die Engel im Stoffe selber jene Bestimmung für einzelne Thätigkeit, welche sie nicht in ihrer Natur hatten. Denn der Tod Christi hatte in sich eingeschlossen alle Kräfte der Natur. Dieser mystische Leib enthielt in sich alles, was in der sichtbaren Welt an Gewalt und Macht bestand. Er enthielt es in sich und er durchdrang es dazu mit göttlichem Leben.

Die Hölle hatte alle ihre Kräfte erschöpft am Leibe Jesu. Und wie jener Stein sich als stärker offenbart als alle Hämmer, der von keinem Hammer bezwungen werden kann; so hatte der Leib des Herrn dadurch daß er in Geduld bis zum Tode aushielt, die Schwäche der Hölle geoffenbart. „Er hat entleert die Gewalten und Fürstentümer.“ In ihm, im Leibe Christi, traten den Engeln die erlösten und in erhöhtem Glänze schimmernden Gaben und Kräfte ihrer unglücklichen Brüder entgegen. Es war der Lohn für ihre Ausdauer; zwar nur der nebensächliche, aber ein überaus reichlicher Lohn. Sie leiteten nun unter der Herrschaft des Todes Christi an endgültig entscheidender Stelle zugleich mit den Heiligen die ganze sichtbare Natur.

Hier gilt es in einem erhabeneren Sinne: „Der Gerechte wird sich freuen, wenn er die Rache sieht: seine Hände wird er reinigen im Blute des Sünders.“ Es war die Rache des Allbarmherzigen. Seinen Sohn hat Er dahingegeben, damit wir nicht zu Grunde gehen. „Zur Sünde hat Er seinen Eingeborenen gemacht,“ wie Paulus sagt. Dieser Sohn ruft am Kreuze: „Weit von meinem Heile sind die Worte meiner Sünden;“ denn sein mystischer Leib sind wir geworden. In diesem Blute haben die Engel ihre Hände gereinigt. Mit der Hand wirkt man, sie ist das Organ der Thätigkeit und Kunstfertigkeit. Was sind die Hände der Engel anders als ihre auf die sichtbare Welt gerichtete Wirksamkeit. Im Blute Christi haben sie gereinigt, tief haben sie hineingetaucht die mißbrauchten Kräfte ihrer Brüder in das Blut Christi; und nun ersteht von allen Seiten Friede und Eintracht. „Von den ewigen Bergen her,“ die durch den Fall in die Tiefe gezogen worden, von den Kräften der gefallenen Engel selbst her, die sie von Gott erhalten, aber zu ihrem Verderben gemißbraucht hatten, „wird die Welt wunderbar erleuchtet,“ illuminans mirabiliter a montibus aeternis. Wo wäre da nicht Frieden; wo wäre nicht Eintracht!

O unglückselige Sünde! Wie zeigst du dich in deinem Nichts! Schau' da; wie jeden Tag der Tod Christi seine Herrschaft ausübt. Was ist denn das heilige Meßopfer anders als die immerwährende sichtbare Vorstellung des wirklichen Todes Christi. Gerade die sichtbare Welt, die der Teufel leiten wollte und um derentwillen er sank, ist unterworfen vor aller Augen, die sehen wollen, dem Tode Christi. Die sichtbaren Gestalten, unter denen der Leib und das Blut des Herrn verborgen ist, sind getrennt voneinander in der heiligen Messe. Der Leib und das Blut, wie sie im Tode voneinander getrennt wurden, sind hier unter den Gestalten von Brot und [S. 203] Wein getrennt, aber nur, soweit gerade das Sichtbare, die Gestalten, in Betracht kommen. Unter der Gestalt des Brotes verborgen ist ebenso der ganze Christus wie unter der Gestalt des Weines der ganze Christus verborgen ist. Aber nach der sichtbaren Welt hin, um zu zeigen, daß sie gerade zu den Füßen des Todes liegt und einen Fußschemmel für die Herrschaft dieses Todes bildet, sind die Gestalten getrennt. Der Tod herrscht da auf dem Altare; und dieser sichtbaren Trennung der Gestalten liegt zu Grunde der wahre Leib Christi, seine Seele, seine Gottheit.

Wahrlich hier heißt es im besten Sinne: „Und wie Kot erachtet er das Gold.“ (Job 4.) Schätze strömen zusammen, um diesen alle Herrschaft einschließenden Tod zu feiern, Schätze, wie sie noch nie früher gesehen worden. Die Kunst und Wissenschaft scheut nichts, um zur Verherrlichung dieses Todes, wie er im Meßopfer sichtbarerweise vorgeführt wird, beizutragen. Die herrlichsten Kathedralen wölben sich, um dieses Geheimnis zu feiern.

Wie muß der Teufel wüten, daß er nicht nur durch einen doch immer wirklichen, wenn auch toten Leib seine Herrschaft gebrochen sieht, sondern sogar durch einfache Gestalten von Brot und Wein! Und will er hindern, will er verfolgen, will er Tod und Verderben in die Reihe der Priester tragen; will er, was noch schlimmer ist, die Priester verleiten, unwürdig oder mit ostensibler Nachlässigkeit das heilige Mysterium zu feiern; — er bringt es nur dazu, daß die Liebe und Opferwilligkeit zu Ehren desselben auf der anderen Seite steigt; daß die Vorzüge der heiligen Messe heller erklärt werden; — er ist der Knecht, der widerwillig seine Arbeit am Geistesbau des Tempels der Auserwählten leistet.

„Eintracht macht Er im Erhabenen.“ Wahrhafte Eintracht, wozu auch der Teufel beiträgt! Der Tag, da dies geschrieben wird, ist der Allerheiligentag. Siehe da, diese Scharen von Heiligen, welche um das geopferte Lamm sich scharen! Alle mit dem Zeichen des Todes auf der Stirne! Alle hat der Teufel verfolgt und allen hat er Ruhmeskränze geflochten. Der Priester grüßt das Volk mit „der Herr sei bei euch“, nur, nachdem er den Altar geküßt hat. Er bringt einen Gruß vom Tode her. Denn an der Stelle, wo er küßt, da liegt das Gebein eines Heiligen. Und von welchem Tode her bringt er Grüße dem gläubigen Volke? Für Christus, kraft des Todes Christi, kraft der Liebe des Allmächtigen haben sie gelitten und sind gestorben, sei es mit Gewalt sei es eines natürlichen Todes. Immer kommt der Gruß vom Tode, von der gekreuzigten Liebe.

„Schrecken und Macht ist in diesem Tode.“ Schrecken für die innere zerfleischende Wut der Hölle und ihrer Anhänger; Macht für jene, die in ihm sich heiligen: für die Engel, denn sie erhalten in ihm die Gaben, die ihre gefallenen Brüder gemißbraucht; — für die Menschen, denn Engel werden in Christo ihre Diener und stehen ihnen bei, daß sie den Platz einnehmen, den ihre unglücklichen Brüder verlassen haben. So fehlt nichts mehr in diesem heiligen Frieden. Was dem Teufel bleibt, ist nur dies, daß alles, was er hat, nicht ihm nützt, sondern Gott verherrlicht in seiner immer gleichen Gerechtigkeit und den Ruhm und die Ehre der auserwählten Engel und Menschen vermehrt. Ihm, dem stolzen Geiste, bleibt für ihn persönlich als ihn zum Zwecke habend, nur sein Nichts, seine Leere. Er ist deshalb außerhalb jenen Friedens, den Job verherrlicht mit den Worten: „Er macht Frieden und Eintracht im Erhabenen.“ [S. 204]

 

 

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Letzte Änderung am 1. August 2012.
Gregor Emmenegger