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Thomas von Aquin - Summe der Theologie
Prima Pars

Quaestio 63

Prooemium

Iª q. 63 pr.
Deinde considerandum est quomodo Angeli facti sunt mali. Et primo, quantum ad malum culpae; secundo, quantum ad malum poenae. Circa primum quaeruntur novem. Primo, utrum malum culpae in Angelo esse possit. Secundo, cuiusmodi peccata in eis esse possunt. Tertio, quid appetendo Angelus peccavit. Quarto, supposito quod aliqui peccato propriae voluntatis facti sunt mali, utrum aliqui naturaliter sint mali. Quinto, supposito quod non, utrum aliquis eorum in primo instanti suae creationis potuerit esse malus per actum propriae voluntatis. Sexto, supposito quod non, utrum aliqua mora fuerit inter creationem et lapsum. Septimo, utrum supremus inter cadentes, fuerit simpliciter inter omnes Angelos summus. Octavo, utrum peccatum primi Angeli fuerit aliis aliqua causa peccandi. Nono, utrum tot ceciderint, quot remanserunt.

 

Dreiundsechzigstes Kapitel.
Über die Sünde der Engel.

Überleitung.

„Feuer fiel über sie herab und sie sahen nicht die Sonne.“ (Ps. 57.)

„Die Gnade kann man ungebraucht liegen lassen,“ hatte oben Thomas gesagt. Die Engel insgesamt erhielten die Gnade in ihrer Erschaffung. Aber ein Teil derselben ließ sie ungebraucht. Das Feuer der Liebe Gottes fiel über sie herab als Krone ihrer ganzen glanzvollen Natur; aber da erklärte sich erst ihre innere Finsternis, ihre Blindheit: „Sie sahen die Sonne nicht.“ Warum ließen sie die Gnade liegen und wollten deshalb nicht die „Sonne der Gerechtigkeit sehen“? „Fremd waren sie geworden ihrem Ursprunge; abgewandt von der Quelle ihres Seins und deshalb sprachen sie Falsches.“

Jene war nicht fremd geworden ihrem Ursprünge, die da gesagt hatte: „Ich bitte dich, o Sohn, blicke Himmel und Erde an und alles was darin enthalten ist und erwäge es tief, daß aus Nichts alles Gott gemacht hat und auch das Menschengeschlecht.“ (2. Makkab. c. 7.)

Das ist der Ursprung des Übels in den bösen Engeln. Das ist der Ursprung des Übels in den menschlichen Seelen. „Da du etwas sein willst und doch nichts bist;“ sagt der Apostel. Der Mensch sucht nach allen möglichen Vorwänden und Auslegungen, damit nur nicht zwischen ihm und der Allgüte Gottes als die einzige Vermittlung immerdar die wirkende Kraft Gottes sich darstelle. Was soll anders der Aufbau der scientia media; was soll anders die sogenannte, der Gnade vorhergehende Erhebung der menschlichen Natur als auf seiten der Natur etwas ausstellen, was zur ersten Gnade geeignet macht, was das Empfangen derselben von der Natur aus vorbereitet? „Das Wirken Gottes allein geht der Gnade vorher,“ sagte oben Thomas. Und das erste, was sie hervorbringt, das ist das Gefühl, die innere Überzeugung, daß man nichts ist. So lehrt die Mutter der Makkabäer.

Sie weist ihren letzten Sohn darauf hin, daß wir nichts sind und daß deshalb Gott allein in allem über uns Gewalt habe, der, was wir in seinem Dienste verloren, wiedererstatten kann. Und der gefallene Engel hat in nichts anderem den Ursprung seiner Sünde, als daß er „Ungerechtigkeit in seinem Herzen sann“. Er wollte von sich aus etwas sein: „Ich will hinaufsteigen und meinen Thron neben den Gottes, des Allerhöchsten, setzen und ähnlich will ich sein dem Allerhöchsten.“ Das sann er, so „sprach er Falsches“ tief in seinem Herzen. Und der Glanz der Gnade erleuchtete ihn nicht; er ließ sie unbenutzt liegen.

Es ward ihm vorgestellt der Tod des Sohnes Gottes als das Heil der Welt, als der leitende Herrscher in der ganzen stofflichen Entwicklung. „Und es sollen Ihn anbeten alle Engel Gottes.“ (Hebr. 1.) Die Kraft dazu ward allen Engeln von oben gegeben. Das Feuer der heiligen übernatürlichen Liebe zu ihrem einzigen Gotte, zu welchem sie ihre ganze Natur bereits hinzog, fiel auf sie. Und die Ungerechtigkeit, die bereits im Herzen war, ward [S. 186] offenbar. Sie, die Engel, mit ihren erhabenen Naturen, die da Leiter waren der ganzen sichtbaren Welt, sollten einem toten Leibe dienen und der Träger seines Ruhmes und seiner Herrlichkeit werden!? „Und Wut entbrannte in ihnen, wie die Wut der Schlange; wie die Wut des tauben Drachen, der nicht hören will die Worte des weise Singenden.“ Sie ließen die Gnade liegen. Michael mit den guten Engeln rief; er sang voll heiligem Eifer laut: „Wer ist wie Gott?“ Von wem habt ihr euere Natur? Wer allein hat Gewalt zu bestimmen nach seinem Willen? Wer ist sein eigener Wille, seine eigene Weisheit, seine eigene Macht? Der starke Engel zerschlug alle Vorwände, alle Gründe, mit denen wie der Löwe mit den Zähnen der Engel der Finsternis die sichtbare Welt als ihm angehörig und seiner höchsten Leitung Unterthan festhalten wollte. Der unglückselige Geist schaute in sich alle die kostbarsten erhabenen Gesetze, welche das stoffliche Sein leiten; alle sichtbare Natur war in ihm gemäß ihrem tiefsten Seinsgrunde; er sah in sich die gewaltige Kraft, um nach diesen Gesetzen, nach diesen Naturen alles Sichtbare zu leiten und dessen Ruhe und Trost zu sein. Michael aber rief: „Wer ist wie Gott?“ „Was hast du, das du nicht empfangen!“ Gott die Ehre, uns die Schande! In Furcht und Zittern sollst du dein Heil wirken. „Die Himmel der Himmel gehören Gott; die Erde hat Er den Menschenkindern gegeben;“ auf daß ein Mensch durch seinen Tod sie an erster Stelle gemäß göttlicher Weisheit leite.

„Gott wird zerbrechen die Zähne derselben in ihrem Munde; die Kinnbacken der Löwen wird er zermalmen.“ „Siehe da; wie aus Nichts Gott alles geformt hat.“ Gott steht es zu, die sichtbare Welt in ihren wirklichen Erscheinungen so zu leiten, wie Er will. Keinem Geschöpfe hat Er es eingeprägt, daß es von der einzelnen Wirklichkeit, auch nicht von einem einzigen einzelnen Akte den hinreichenden Grund in sich enthalte. Der Engel, „der da Ungerechtigkeit in seinem Herzen sann,“ ohne daß es ihm noch recht thatsächlich gegenwärtig war; er meinte im Anblicke seines Glanzes, im Anblicke all der Alles umfassenden Gesetze, welche das Universum leiten und die er klar durchschaute; er meinte, nun könne es gar nicht anders gehen, als daß von ihm alle einzelne Wirklichkeit in der sichtbaren Welt ausginge. Was er in sich hatte, das bekannte er als von Gott herrührend; und danach liebte er Gott mehr wie sich selbst als seinen Urheber. Aber versunken darin, ohne dich es ihm selbst recht klar war, lebte er der Überzeugung, es sei nun nichts weiter nötig, um nunmehr ganz nach den ihm von Gott verliehenen Ideen das All zu leiten.

Und siehe; da strahlte die Gnade in sein Herz. Sie offenbarte ihm auf der einen Seite, daß Christus durch seinen Tod an die Spitze der sichtbaren Welt gestellt sei und auf der anderen Seite bekam er in der Gnade die Kraft, an die Güte Gottes und seine verborgene Weisheit zu glauben; in der Gnade lag das Vertrauen, Gott, der Urheber der Natur, könne sein eigen Werk nur vollenden; der Geist sollte sich selbst mit allem, was er hatte, wie ein Nichts hinstellen und zu Gott sagen: „Deinem Willen ist alles Unterthan;“ Dir gehört es zu, die einzelne Entwicklung im Weltall zu leiten wie du willst und dich zu bedienen, wessen du willst. Oder „sagt denn der Thon zum Töpfer: Warum hast du mich so gemacht?“ Anbeten sollte er nun die menschgewordene Weisheit im Tode. Anbeten sollte er, was gar keinen sichtbaren maßgebenden Grund für die einzelne Wirklichkeit in sich enthielt. Anbetend sollte er niederfallen vor dem toten Gottessöhne. Da stellte sich ihm erst so recht klar vor Augen, da ward ihm erst selber so recht [S. 187] gegenwärtig die Macht seiner Natur, der Glanz der in ihr niedergelegten Seinsgründe — und dem gegenüber die Armut des Kreuzes. Nein; das konnte nicht sein. Die Ungerechtigkeit in ihm ward offenbar. „Er sprach Falsches!“ Das konnte nicht der Sohn Gottes sein. Er ließ die Gnade ungebraucht liegen; — und im Augenblicke sank er in die Tiefe. Kaum hatte er sich selber die Ehre vor sich gegeben, anstatt Gott seinem Herrn; so ward auch seine Missethat eine wirkliche, sie ward vom Herrn erlaubt. „Und zum Nichts ward er, der mächtige Engel, wie das Wasser, das herabfließt.“ Gott hatte seinen Bogen gespannt und machtlos schwand der Engel hin. Wie das Wachs, das unter der Glut zerfließt, so sank er dahin: „Das Feuer der Gnade war auf ihn gefallen“ und im Augenblicke ward sein Unrecht offenbar, „er sah nicht die Sonne.“ Ehe noch er so recht in dem Bewußtsein seiner Macht erstarkt war; ehe er sich deren wirklich freuen konnte, ward er weggerafft vom Zorne: „Ehe die weichen Stengel, die emporwachsen, fest und widerstandsfähig werden, und ihre Kraft verstehen und sich deren freuen in der Hervorbringung: wie Lebendige hat der Zorn sie hinweggerissen.“ (Ps. 57.)

Er wollte die einzelne Wirklichkeit bestimmen, sowie die in ihm bestehende Natur es besagte; er, der Teufel mit seinen Engeln; — und siehe da! Gott leitet alles Einzelne, Er lenkt alle Wirklichkeit gemäß seiner Gnade. Der Teufel wollte die Gnade nicht; er muß ihr nun gegen seinen Willen dienen. Alle Herrschaft hat er verloren, weil er die Herrschaft nicht erhielt, wie er sie wollte. Alle Freude hat er verloren, weil er die Freude nicht wollte, die Gott ihm bereitete. Gegen den Zug seiner Natur, gegen den Zug seiner Vernunft, gegen den Drang seines natürlichen Willens wütet er nun; weil er die Stimme nicht hören wollte: „Blicke an den Himmel und die Erde und alles, was darin ist; siehe, Gott hat dies alles aus Nichts gemacht.“ Die Gnade zeigte ihm das volle Nichts der Natur für die Bestimmung zum einzelnen Wirken. Sie zeigte ihm von seiten der sichtbaren Welt den Tod an der Spitze der Leitung des Universum; — er aber sann „Ungerechtes in seinem Herzen und sprach Falsches“. Die Engel jedoch gewannen neues Leben, neue Frische in ihren Kräften, neue Lebendigkeit in ihrem Verstande, weil sie vertrauten auf die Liebe Gottes über die Natur hinaus. Sie wollten nicht bestimmen außer auf Grund des göttlichen Willens; und in Herrlichkeit leiten sie jetzt die Natur unter dem menschgewordenen Worte selber, unter unserem Herrn Jesu Christo, der da selber Gott ist, gebenedeit in Ewigkeit. Sie glaubten und beteten an; das Feuer der Gnade siel über sie und sie schauten die Sonne und lobsingen nun in Ewigkeit:

„Der Gerechte wird sich freuen, wenn er die Rache Gottes sieht: seine Hände wird er waschen im Blute des Sünders. Und er wird sagen: Jawohl; die Gerechtigkeit bringt ihre Frucht: es giebt einen Gott, der da richtet auf Erden.“

 

 

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Letzte Änderung am 1. August 2012.
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