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Thomas von Aquin - Summe der Theologie
Prima Pars

Quaestio 5

Prooemium

Iª q. 5 pr.
Deinde quaeritur de bono, et primo de bono in communi; secundo de bonitate Dei. Circa primum quaeruntur sex. Primo, utrum bonum et ens sint idem secundum rem. Secundo, supposito quod differant ratione tantum, quid sit prius secundum rationem, utrum bonum vel ens. Tertio, supposito quod ens sit prius, utrum omne ens sit bonum. Quarto, ad quam causam ratio boni reducatur. Quinto, utrum ratio boni consistat in modo, specie et ordine. Sexto, quomodo dividatur bonum in honestum, utile et delectabile.

 

Fünftes Kaptel.
Das Gute im allgemeinen.
Überleitung.

Nun ist „gut“ zu untersuchen, zuerst Gut im allgemeinen, dann die „Gutheit“ in Gott. Ersteres gehen sechs Fragen an.

„Und Er sah, daß alles gut war," sagt die Schrift vom Herrn, nachdem Er die Schöpfung hergestellt. „Nichts ist gut, außer Gott," so sprach die ewige Wahrheit selbst; und enthüllte damit den wahren wesentlichen [S. 137] Charakter der geschöpflichen Güte oder des Guten im allgemeinen. „Nein,“ heißt es hier wieder ausdrücklich seitens der Kreatur, wenn sie gefragt, wird, ob sie gut sei aus sich selbst, ob sie gut sei für sich selbst, ob das Gute bei ihr darin bestehe, daß es ihr notwendig und kraft ihrer Natur zukomme. Keine Kreatur hat solches Gute an sich, um sich selbst zufriedenzustellen. Alles Gute, was in der Schöpfung vorhanden ist, besteht nur darin, daß jegliche Kreatur einen Vorzug besitzt, ob dessen sie von anderen begehrt und ihr Besitz von anderen erstrebt wird. „Gut ist," sagt Thomas mit Entschiedenheit und führt es mit aller Schärfe durch, „Gut ist, was alle begehren." Wo in einem Sein ein Abglanz der ewigen Güte sich findet, die alle Geschöpfe begehren und welche selber nach nichts verlangt und die nichts will als Sich selbst; — da ist etwas Gutes im Geschöpfe; da wird es erstrebenswert. Und zwar wird es in der Weise erstrebenswert, daß von selbst bereits der unbewußte Zug nach dem Besitze der überaus erstrebenswerten Fülle mit ihm gegeben ist.

Der Mensch braucht nicht unmittelbar über den Schöpfer selbst nachzudenken, um nach Ihm zu streben und Ihn zu verherrlichen; die Kreaturen selbst sagen ihm mit der einer jeden eigenen hochverständlichen Sprache: „Nicht in uns bleibe stehen; in uns ist keinerlei Gutes, was aus sich heraus befriedigt." Oder bleibt der Mensch ruhig, wenn er solch geschaffenes Gute genießt und dabei jenes wahrhaft Gute außer acht läßt, wovon alles Teilgut kommt? Er braucht nur einen Augenblick dem Gedanken zu folgen: „jener Genuß ist bloß für mich;" — oder er braucht dem Genusse sich nur einen Augenblick hinzugeben, als ob dieser irgend etwas Gutes für sich allein hätte; so wird die innere Unruhe und oft die innere Pein alsbald folgen. „Nein; nein!" sagt Geld und Gut: ich bin kein Gut für mich: „Der Geizige wird nie gesättigt durch seinen Besitz." Je mehr er hat, desto unglückseliger ist er. Nur wenn Geld und Gut die gehörige Stelle angewiesen und der Zug zu jenem Guten, von dem nur ein Schatten in diesem Teilgute ruht, anerkannt wird; nur dann wird es mit wahrer Ruhe und Freude genossen.

«Nein; nein!" sagt der Gegenstand der sinnlichen Lust, die Körperschönheit, Speise und Trank: „ich bin kein Gut für mich; folge vielmehr dem Schatten, den ich werfe; und es wird nicht mehr heißen: das Auge wird nicht satt zu sehen." Auch diese Gegenstande werden, wenn man dem von ihnen ausgehenden Schatten folgt, ihr wahres Innere aufthun und je nach ihrem Maße Ruhe und Freude verbreiten gemäß dem Ursprunge, den sie haben; anstatt daß sie, maßlos genossen, die Ursache von Pein und Qual sind.

Ein geheimnisvoller Zug geht durch die Geschöpfe. Sie haben alle insgesamt ihre eigene Natur und mit dieser Natur besitzen sie eine gewisse Hinneigung. Diese Hinneigung nun richtet sich zuvörderst zu dem hin, der sie ins Sein gerufen und sie mit ihrer Natur beschenkt hat; dann aber richten sie sich kraft ihrer natürlichen Hinneigung aufeinander. Kein Geschöpf ist gut für sich allein. Bleibt es allein; dann ist es arm, elend und bedürftig. Das ist die Grundlage für einen zweiten geheimnisvollen Zug in der Schöpfung. Jegliches Geschöpf will einem anderen nützlich sein oder es ergötzen. Keines verleugnet seinen erhabenen Ursprung: „Das wahrhaft Gute nämlich, was alle verlangen," was allen nützt, alle erfreut. „Ein dreifach gewundenes Seil wird schwer zerrissen." Es liegt noch ein dritter geheimnisvoller Zug in den Geschöpfen vor. Arm sind sie, wenn sie jenes Gute nur sehen, was ihrer eigensten besonderen Natur entspricht. Wollen [S. 138] sie jedoch aanderem dienen, mit ihrem Sein anderes stützen oder vielmehr ihre Substanz langsam verschwinden lassen, damit nur anderes besser und herrlicher sei; dann werden sie selbst reicher. So weit sie anderes stützen, werden sie selber gestützt. Am Reichtum des Alls nehmen sie dann teil; denn gerade so reich ist jeder, als er wahre Freunde hat, deren Besitz auch der seinige ist. Sie nehmen teil nicht nur ihrem Vermögen nach, sondern auch in ihrer Thätigkeit an dem wahrhaft Guten, wie es persönlich und substantiell, dem Wesen nach nur Gott selber ist: „Das Gute erstreben alle.“ „Nein" rufen diese Kreaturen mit aller Kraft, wenn man in ihnen selber etwas sucht, um da endgültig stehen zu bleiben. Aber gerade dadurch gewinnen sie das wahre Gute, das Gute durch Mitteilung, von dem es heißt: „Und Gott sah, daß alles gut war."

Das Wasser ist rein, klar, frisch, leicht beweglich! Ist es dies Alles nur
deßhalb, damit es die zu seiner eigenen Vollkommenheit erforderten Eigenschaften habe? „Nein!" sagt es. „Ich bin nicht für mich. Meine Güte besteht nicht darin, daß ich die meinem Wesen dienenden Vorzüge besitze. Durch diese Eigenschaften aber werde ich erstrebenswert. Andere verlangen nach mir und werden thätig um meinetwillen. AIs Glied des Ganzen habe ich diese Vorzüge." '

In der Natur ist alles mit Freuden thätig, weil alles Naturnotwendige von der Freude kommt. Die Natur verachtet ihre Mühe; sie ist angezogen, in ihrer ganzen natüllichen Neigung von einem anderen Sein. Mit Freuden stürzt der Strom berghoch herunter, stößt seine gewaltigen Fluten durch Mur und Feld und verliert sich, nachdem er noch einmal gleichsam seine ganze Größe gezeigt, in den Ocean. Er ist zufrieden, seine Pflicht gethan zu haben, wenn auch sein ganzer Bestand gewissermaßen spurlos in die Unermeßlichkeit der Meeresfluten verschwindet. Er hat erfreut durch seine Schönheit die Augen des Beschauers; er hat Flur und Feld fruchtbar gemacht und noch vor seinem Ende hat er beide Arten Güte in besonders hohem Grade besessen. Aber auch in sich selber wie geordnet war sein Lauf, seine Wassermassen wie regelmäßig zusammengesetzt, mit welcher Geduld trug er die Lasten, die man ihm anvertraute!

Die eine Substanz ist innerhalb der Welt nur ein Glied; und sie steht nur fest kraft der Verbindung mit den anderen. Scheint nicht der hehre Wald seine kraftvolle Schönheit gleichsam zu fühlen! Wie ruhmgekrönte Riesen ragen seine Bäume fast in das Firmament hinein; wie ein Dom wölbt es sich in ihm über dem Haupte des Wanderers; wie im trauten Heim singen da die Vögel, grasen die Hirsche, brummen die Käfer; welche majestätische Ordnung in seinem Samen, in seinem Wachstum, in seinen Früchten! Aber auch er, der schöne Wald, lebt davon, daß er begehrenswert, daß er nützlich, daß er angenehm ist für Menschen, Tiere und Pflanzen. Ohne dieses Begehrenswerte geht er selber unter.

Die Schöpfung vollendet sich in sich selber eben deshalb, weil die eine Kreatur gemäß ihrer innersten Natur und deshalb von Herzen gern danach strebt, der anderen zu nützen. Mit Aufwand aller Kraft wächst die Pflanze. Warum? Damit sie zur Nahrung diene. Und niemand trauert über ihren Untergang. Das ist kein Tod, das ist Freude, wenn geerntet wird. Denn dieses ist eben ein Gut auch für die Pflanze, daß sie begehrenswert, daß sie anderen nützlich, daß sie ein Glied in der Kette des Ganzen ist. Darum hat sie ihre Organe; darum nimmt sie Nahrung; darum hat [S. 139] ihr der Schöpfer Schönheit verliehen. Jegliches Ding ist mit einer solchen Natur ausgestattet, daß dasselbe, wenn es erlaubt wäre die Worte zu gebrauchen, naturgemäß nicht sucht, was „sein beschränkter Vorteil erfordert, sondern was zum Besten des andern Seins dient“. Nichts ist auf sich angewiesen gut. Gott allein ist für sich gut. Er allein muß sich selber wohlgefallen. Und weil Er das Princip alles Seins ist, so ist alles andere gut, soweit es von Ihm es hat, gut zu sein. Und es nimmt in dem Grade daran teil gut zu sein, wie es infolge seiner Vorzügeals des Strebens von seiten anderen Seins dasteht. Das eine dient in der Schöpfung dem anderen; und alles zusammen wird in der Hand der menschlichen Vernunft geleitet zum Urquell und verbunden in der Gnade und später in der Herrlichkeit mit dem Urgute. „In der Vernunft seiner Hände, d. h. dessen, waß Er gewirkt, geleitete Er sie,“ sagt Psalm 77. Da ist es Zeit zu sagen: „Und Gott sah, daß alles sehr gut war,“ nämlich in die gegenseitige Liebe und Anhänglichkeit getaucht, so daß die Herrlichkeit der ewjg wirkenden Güte überall durchscheint und so „Gott alles in allem“ vor aller Augen in seiner Güte sichtbar ist.

Ein so aufgefaßtes Gute im allgemeinen, wo das Gute der Anstoß zu lebendiger freudiger Thätigkeit, von der Verbindung des einen mit dem anderen und des Ganzen mit Gott ist, ein solches Gute beschreibt Thomas in den folgenden Artikeln:

 

 

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Letzte Änderung am 1. August 2012.
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