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Thomas von Aquin - Summe der Theologie
Prima Pars

Quaestio 46

Prooemium

Iª q. 46 pr.
Consequenter considerandum est de principio durationis rerum creatarum. Et circa hoc quaeruntur tria. Primo, utrum creaturae semper fuerint. Secundo, utrum eas incoepisse sit articulus fidei. Tertio, quomodo Deus dicatur in principio caelum et terram creasse.

 

Sechsundvierzigstes Kapitel.
Über den Anfang der Dauer der Geschöpfe.

Überleitung.

„Alle Menschen sehen Ihn: ein jeder schaut von fern.“ (Job 36, 25.) Nahe ist uns Gott, nahe wie nichts; wie die Ursache all unseres Seins; — und fern ist uns Gott, fern wie nichts Anderes wegen seines Wesens. Oder vielmehr deshalb ist uns Gott so nahe als Ursache und wirkender Grund, weil Er uns so unendlich fern steht in seinem Wesen.

Das Feuer kann nichts Anderes thun, als wärmen. Wo es nicht wärmen kann, da nützt seine verursachende Kraft nichts; sie steht fern, während das Wesen des Feuers allem Stofflichen so nahe ist. Und selbst wo es wärmt, da reicht seine verursachende Kraft nicht weit. Nur einen Zustand berührt sie; während das Wesen so nahe ist, daß es von seiner Wirkung kaum geschieden werden kann.

Die Pflanze erzeugt die Pflanze. Da ist das Wesen nicht nur nicht fern, sondern es ist ganz dasselbe. Aber ehe die wirkende Kraft derselben einwirken kann; wie viele Bedingungen müssen da erfüllt sein, wie vieles muß da vorerst in Eintracht zusammenwirken! Nicht jeder sieht diese Kräfte in ihrem Verursachen und erfährt sie an sich selbst; sie sind so sehr beschränkt in ihrer Wirksamkeit. Aber weil wir selber beschränkt sind, deshalb ist ihr Wesen uns nahe; leicht können wir es begreifen, leicht in seinen Beziehungen uns gegenwärtig halten.

Aber Gottes wirkende Kraft ist in allen Dingen. Und sie geht in allen Dingen auf den tiefsten Grund. Tiefer dringt sie in uns ein wie die Seele, tiefer wie der Stoff; inniger ist sie uns verbunden wie die Vernunft, durchdringender wie der Wille. Denn ehe der Stoff, ehe die Seele, ehe die Vernunft, ehe der Wille thatsächlich sein und wirken kann, muß die wirkende Kraft dastehen, die Sein giebt und zum Wirken anwendet. Eben deshalb aber, weil wir in allem, was ist und was thätig ist, die wirkende Kraft Gottes bis in die tiefste Grundlage des Seins hinein wahrnehmen, ist sein Wesen fern von uns. Es ist in nichts mit unserer Beschränktheit verwandt. Es muß ja, insofern die wirkende Ursache in jedem Falle vollendeter ist als das, was sie wirkt, in allem, in durchaus höherer Vollendung glänzen wie alles Sein, das von Ihm ausfließt. Sein Wesen darf in nichts mit dem Wesen des Geschöpflichen übereinkommen; denn wo da etwas Gemeinschaftliches mit einer Art von Geschöpfen wäre, da würde auch die Wirkung nicht mehr allumfassend sein. Die Pflanze erzeugt kein Tier, weil sie mit ihrer Wirkung im Pfianzensein übereinkommt. Das Feuer erzeugt keine Kälte, weil es mit seiner [S. 28] Wirkung die Wärme gemeinsam hat. Gott wirkt alles: alle Menschen sehen Ihn; weil sein Wesen mit keinem anderen Wesen etwas gemein hat: Ein jeder sieht Ihn von fern.

Thomas bedient sich der schärfsten Ausdrücke, um zu zeigen, daß Gott alles Sein wesentlich in Sich einschließt; daß Er demgemäß in gleichem Maße fern der Kreatur steht in seinem Wesen, wie das Sein fern steht dem wahren Nichts. Was bedeutet diese Aussage in den Kreaturen: Geschaffensein, Er-schaffung? „Nur die Beziehung des Geschöpflichen zu dem Princip seines Seins.“ Nicht so schafft Gott, daß Er etwa einen positiven Anteil seines Seins den Kreaturen giebt; nicht so, als ob Er einen Teil seines Seins außerhalb Seiner selbst setzte. Nein; „Nichts ist das Mittel zwischen Ihm und den Kreaturen; nur die Beziehung der Wirkung zur Ursache, ohne daß dieser Beziehung irgend welches Sein außerhalb Gottes zu Grunde läge;“ nur sie macht, daß die Kreatur ist. Gott, das Princip selber, sieht nur insoweit außerhalb Seiner selbst Sein, sei es Wirklichkeit sei es Möglichkeit, als Er sieht, daß außer Ihm Nichts ist; und wenn aus diesem Nichts etwas geworden, so sieht Er dies bloß, weil Er das Nichts zu Sich erhoben hat in dem Grade, wie Er wollte; und daß es sonach im Lichtglanze des eigenen göttlichen Seins wie Gott wollte, auch Sein hat; aber nur soweit es von diesem Lichtglanze erreicht wird. Gott sieht Sein außer Sich, weil Er Sich als Princip sieht; und weil Er sieht, wie das Nichts nur sein kann, wenn es durch sein Einwirken Beziehung zu Ihm gewinnt. Keinerlei positive Unterlage für diese Beziehung ist im Geschöpfe an sich; da ist nur Nichts Gott gegenüber. Nur insofern hat das Geschöpf eine positive Unterlage für die geschöpflichen Beziehungen in sich, als Gott Sich als Princip desselben, also als dem Wesen nach alles positive Sein in Sich umfassend schaut. „In der Beziehung allein zum Princip ihres Seins besteht die Kreatur.“ Gott allein ist alles Sein; und Anderes hat Sein nur kraft der Beziehung auf Ihn.

„Die Ursache“ so Thomas ausdrücklich „der Kreaturen sind auch die göttlichen Personen, insoweit sie in Gott ausgehen.“ Darin besteht nicht der Unterschied zwischen dem göttlichen Wesen und den drei göttlichen Personen rücksichtlich der Kreatur, daß das göttliche Wesen allein die Kreaturen wirkte, als ob das göttliche Wesen im Unterschiede von den Personen etwas Für-sich-bestehendes sei; sondern vielmehr darin, daß das göttliche Wesen die eine einigende Kraft ist, durch welche die göttlichen Personen Wirken. Sowie aber die Kreaturen nur durch das Einwirken der göttlichen Kraft etwas sind und sowie sie das sind, was sie sind, je nach dem gemäß den im Wesen Gottes enthaltenen Urbildern durch die göttliche Kraft eingewirkt worden; — so werden die Kreaturen auch nur dieser Kraft ähnlich und können aus sich heraus auch nur zu dieser Kraft führen. So führt auch das Kunstwerk nicht direkt zur Erkenntnis der Person des Künstlers oder zur Kenntnis des Grundes, warum dieser es hergestellt; sondern zum Ideal im Künstler, kraft dessen dieser gewirkt hat.

Die Kreaturen, obgleich die drei göttlichen Personen sie kraft der einen göttlichen Wesenheit gewirkt, führen nur zur Anerkennung der Allmacht, der Weisheit, der Güte Gottes. Sie führen nur dazu, daß „jeder von fern sieht“ das Wesen Gottes; — daß dieses nämlich nicht wie das unsrige sei, nicht zusammengesetzt, nicht in einem anderen stehend, nicht beschränktf denn „alle sehen und erfahren überall seine wirkende Kraft“. Wie fein drückt dies Thomas im obigen aus. Die Substanz, die Form oder Gestalt, die Beziehung zum Anderen ist eine Spur, die da nicht zeigt, wie [S. 29] Gott in drei Personen ist und nicht, daß Er in drei Personen ist, sondern die da in dreifacher Weise bekannt macht das Für-sich-bestehen Gottes; indem sie in dreifacher Weise die Ohnmacht und das Nichts der Kreatur enthüllt.

Was liegt Positives zu Grunde, wenn die Pflanze in kurzer Zeit von einer kleinen zu einer großen geworden ist? Die Pflanze als einzelne. Was liegt Positives zu Grunde, wenn die Sonne am Morgen im Osten aufgeht, am Abende im Westen? Das eine Bewegliche, die Sonne. Was liegt zu Grunde, wenn aus dem Samen die Pflanze wird? Etwa nichts, weil der Same nicht die Pflanze, nicht mehr Same ist? Etwa nichts, weil „das Samenkorn erst abstirbt in der Erde“, wenn die Pflanze werden soll? Dann wäre es nicht ein Werden. Jedes Werden hat eine gemeinsame Grundlage für seine beiden Endpunkte. Ein bloßes Vermögen liegt zu Grunde; und auf dieser Grundlage wird die Pflanze aus dem Samenkorn. Zwischen dem Sandkorn und der Pflanze besteht kein solches einiges Vermögen; aus dem Sandkorne wird keine Pflanze. Ein bloßes Vermögen liegt als Gemeinsames zu Grunde, wenn aus dem Wasser Dampf wird; wo das Wasser am Anfange nicht Dampf war, sondern nur es werden konnte, und wo am Ende nicht Wasser, sondern Dampf ist.

Zu einem einfachen bloßen Vermögen als Grundlage vom Geschöpflichen aus führt die Substanz des Geschöplichen, zu einem Vermögen, welches seiner Natur nach besagt, es könne nur sein, es könne nur werden und demnach das Für-sich-bestehen an und für sich ausschließt; sonach aber auch dieses „Können“ nicht von sich haben, es nicht von seiner Natur aus mitbringen kann. Denn ein Können kommt nur von einem, was ist, was für sich besteht; nur was ist und nur soweit etwas ist, kann es etwas. Das ist das erste Nichts der Kreatur, wozu die Substanz selber führt. Es muß diesem Nichts gegenüber ein vollendetes Sein als Princip und Ausgangspunkt alles Seins dem Wesen nach existieren.

Der Umfang, die Gestalt und Form eines Dinges kommt von der Fläche, die Fläche von der Linie, die Linie vom Punkte. Aber wer zeigt mir in der Wirklichkeit einen thatsächlich bestehenden Punkt; die Grundlage also für alle Ausdehnung? Es giebt keinen. Ein Gedankending, eine mathematische Größe ist er für sich betrachtet. Alle Ausdehnung, alle Gestalt kommt von ihm; das Teilbare vom unteilbaren Elemente; und dieses ist wieder im Verhältnisse zur Wirklichkeit ein Nichts, ist Ohnmacht, reines Vermögen, hat kein Für-sich-bestehen. Es muß ihm gegenüberstehen ein Für-sich-sein, das in Sich alle Form, alle Schönheit enthält und so alle Form, alle Schönheit, alle Gestalt wie es will mitteilen kann.

Was ist eigentlich geschaffen? fragt der Engel der Schule. „Das Zusammengesetzte.“ Da ist gleich die dritte Ohnmacht, der zufolge die Kreatur kein Für-sich-bestehen aus sich heraus haben kann; es steht das dritte Nichts der Kreatur vor unseren Augen. Die Mehrzahl ist eine Menge gemessen durch die Einheit. Jedes Ding aber fängt an zu sein als zusammengesetztes. Die Einheit des Elements in der Natur ist gleichbedeutend mit Ohnmacht; und je einfacher in der Natur das Element ist, desto nichtiger ist es in sich. Wer macht die Einheit in den Elementen, welche das Ding zusammensetzen? Nicht die Elemente; denn sie sind gar nicht für sich bestehend; und nur was für sich besteht, kann wirken. Nicht das zusammengesetzte, für sich bestehende Sein; denn es wird bereits als für sich bestehend vorausgesetzt und kann nicht eher wirken als es ist. Es giebt [S. 30] kein wirkliches einfaches Eins im Geschöpflichen; sowie es keinen wirklichen Punkt giebt und kein in Wirklichkeit allein bestehendes Vermögen, um zu sein. Dem Mangel an Einheit im Sein, die da verbinden soll die zusammensetzenden Elemente, steht gegenüber die voll wirkliche wesentliche Einheit, welche die Teile eines Dinges durch ihre wirkende Kraft zur Einheit verbindet, so daß das Ding für sich besteht; — und die da alle Dinge miteinander zum Zusammenwirken verbindet, so daß die einheitliche Harmonie des All existiert.

Überall ist die Grundlage der Kreatur Mangel, Nichts. Von überall her ergeht das Verlangen, daß alles positive Sein in Gott dem Wesen nach sich finde, der in seinen drei Personen gemäß seinem einen Sein und seiner einen Kraft immer das Sein in Sich behaltend, das Nichts befähigt, von diesem Sein erreicht zu werden und demgemäß selber zu sein. Dadurch allein, daß Gott Sich als „Princip“ der Kreaturen sieht, sind die Kreaturen.

In Gott sind die Personen rein Relationen, rein Beziehungen; aber ihr wirkliches Sein, ihr Wesen ist gemeinsam. Das göttliche Sein bleibt durchaus eines. Auch die Kreatur ist nichts Anderes als Beziehung zu Gott sagt Thomas; und hier ist der offenbare Grund, warum Thomas die Behandlung der Dreieinigkeit der des Geschöpflichen voranschickt. Die ganze Grundlage, das ganze Wesen beider ist aber nicht dieselbe. Von seiten der Kreatur ist da Nichts in der Grundlage und von seiten Gottes alle Seinsfülle. Die Beziehung der Kreatur ist nur die Beziehung des Nichts zum Princip alles Seins; und somit ist die Kreatur, nur wie und wann Gott will. In beiden Fällen, sei es daß das Ausgehen der „Personen“, sei es daß das Ausgehen der Kreatur in Betracht kommt, bleibt immerdar das eine göttliche Sein in Sich durchaus dieselbe eine Seinsfülle. Die Kreatur muß deshalb aus sich heraus wohl zum Dasein des Princips führen, zum Dafein einer Seinsfülle. Aber sie kann auch nicht weiter; denn ihre Grundlage ist das Nichts und nicht das göttliche Wesen oder die von Gott selber und somit von dem allein, der darüber volle Gewalt hat, der sein Wesen selber ist, ausgehende Offenbarung göttlichen Wesens.

Alle Schwierigkeiten, die der moderne Pantheismus überwinden will und die von der Notwendigkeit der Einheit des Seins herkommen, hat Thomas überwunden. Die Kreaturen zeigen ihm notwendig das Dasein einer unbeschränkten Seinsfülle, der nichts fehlen darf. Und in der That nimmt er dieser Seinsfülle nichts. Sie enthält alles positive kreatürliche Sein; und dieses bleibt in ihr unverändert. Zugleich aber auch teilt er den Kreaturen wahre Wirklichkeit zu; denn sie sind aus sich Nichts. Also besteht all ihr Sein „in der Beziehung zum Princip ihres Seins“. Dieses Princip ist die reine Wirklichkeit; es ist Allgemeinheit und Einzelheit oder besser allumfassende Einzelheit. Also ist auch auf Grund seines Einwirkens als des Princips die Beziehung des Nichts zu Ihm eine wirkliche; und somit sind die Kreaturen mit ihren allgemeinen Vermögen wirkliche Kreaturen.

Wer das abschwächen will, indem er in irgend welche Vermögen unabhängig bestimmendes Sein oder entsprechende Thätigkeit legt, der muß folgerichtig das Princip des modernen Pantheismus anerkennen, daß das Allsein ein Werden ist, ein von sich aus sich entwickelndes Vermögen. Denn was einem kreatürlichen Vermögen zukommt, dies muß je in ihrem Grade allen Vermögen als kreatürlichen zukommen. Thätigsein ist mehr und steht höher als bloßes Sein. Kann ein Vermögen sich von sich selbst aus zur Thätigkeit entwickeln; so kann es auch um so mehr zum thatsächlichen Sein von [S. 31] sich aus werden; da ja alles Thätigsein sich ganz nach dem zu Grunde liegenden Sein richtet.

Die vernünftigen Kreaturen jedoch erkennen, wenn sie recht zusehen, ähnlich in etwa wie Gott das volle Nichts der Kreatur, und daß ihr kreatürliches Sein nur „in der Beziehung zum Princip ihres Seins“ besteht; — dieser Kenntnis entquillt ihr Verlangen nach der Vereinigung mit diesem Princip. Woraus allein können sie diese thatkräftige Erkenntnis schöpfen? Aus keiner Kreatur; denn jede ist beschränkt und kündet nur sich selbst. Nur aus dem, der alle Kreaturen durch sein Wirken zusammenhält. In der Vernunft des Menschen erst erscheint das Nichts der Kreaturen insgesamt und wie sie nur sind, weil „das Princip ihres Seins“ ihnen die Beziehung zu Ihm selber giebt. Der Mensch wird das Bild der heiligen Dreieinigkeit. Die heiligen drei Personen selber bewirken schließlich durch die Gnade in Ihm diese Kenntnis, diesen Willen; sie wirken es in Ihm, daß er so erkennt und daß er selber so will und daß so sein Erkennen ähnlich sei dem Erkennen und Wollen Gottes. Je mehr der Mensch erkennt wie er in allem und jedem der wirkenden Kraft Gottes bedarf und wie diese überall, wo etwas ist, wirkt und thätig ist; desto mehr erkennt er, wie er seinem Wesen und seinem nichtigen Ursprünge nach fern steht vom Wesen Gottes: „Alle Menschen sehen Ihn: aber Jeder schaut Ihn (eben deshalb) von fern.“

 

 

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Letzte Änderung am 1. August 2012.
Gregor Emmenegger