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Thomas von Aquin - Summe der Theologie
Prima Pars

Quaestio 41

Prooemium

Iª q. 41 pr.
Deinde considerandum est de personis in comparatione ad actus notionales. Et circa hoc quaeruntur sex. Primo, utrum actus notionales sint attribuendi personis. Secundo, utrum huiusmodi actus sint necessarii vel voluntarii. Tertio, utrum, secundum huiusmodi actus, persona procedat de nihilo, vel de aliquo. Quarto, utrum in divinis sit ponere potentiam respectu actuum notionalium. Quinto, quid significet huiusmodi potentia. Sexto, utrum actus notionalis ad plures personas terminari possit.

 

Einundvierzigstes Kapitel.
Das Verhältnis der Personen zu den fünf notionalen Thätigketten.

Überleitung.

„In der Kirche will ich fünf Worte lieber sprechen, wie mein wirkliches Verständnis sie mir eingiebt, damit ich Andere unterrichte, als zehntausend Worte in einer Sprache, die nicht verstanden wird.“ (1. Kor. 14, 13.)

Thomas folgt der apostolischen Mahnung genau. Er setzt das heilige Geheimnis gleichsam mitten in die Kreatur, so daß seine Strahlen, wenn es auch noch nicht der innere Glanz ist, sondern nur eine Helle, von welcher die Kreaturen allein erglänzen, hier unten bei uns gleichsam heimisch werden. — Was nützt uns die Behandlung solch hoher Wahrheiten, wenn sie nicht das Herz erwärmen und erheben; wenn sie nicht wie mit Gewalt zum Allgewaltigen führen! Thomas lehrt uns so recht im einzelnen, wie die thatsächliche Wirklichkeit hier um uns ganz übereinstimmt mit dem geoffenbarten Geheimnisse. Er scheint seine Freude daran zu haben, darzustellen, wie unsere Redeweise, unsere Art der Auffaffung, die innere Zusammensetzung 129. [S. 172] der Kreaturen in nichts dem Geheimnisse entgegen ist; wohl aber wie dies alles unsere Natur und unsere Thätigkeit mit allem, was Vollkommenes sie in sich schließt, der Veranschaulichung des Geheimnisses dienstbar macht; wie es eintaucht das Geschöpf in das Licht des ewigen Heims.

Unsere Sprache ist einmal so wie sie ist; die Art und Weise der Auffassung in uns liegt einmal thatsächlich vor uns; von allen Seiten her zeigen der aufrichtigen Vernunft die Kreaturen, aus welchen innersten Elementen sie bestehen. Die Thatsächlichkeit steht einmal so und nicht anders da. Wissen wir den Grund, warum unsere Redeweise zu allen Zeiten und in allen Sprachen in ihren wesentlichen Grundzügen immer gerade so und nicht anders war? Nein; unsere Sache ist es nur, das was thatsächlich als für alle geltend darin vorliegt, so anzuwenden, wie die einmal bestehende Wirklichkeit es erfordert. Mit dem Worte „Wesenheit“ wird man nie einen einzelnen Menschen bezeichnen; und mit dem Worte „Petrus“ nie die allgemeine Gattungsart „Mensch“. Dieser einmal bestehenden Thatsächlichkeit müssen wir uns nur richtig bedienen. Und daß in allen diesen und ähnlichen thatsächlich einmal so gestalteten Redeweisen nichts sich findet, was dem höchsten Geheimnisse entgegentritt; das ist eben ein Beweis, daß all diese Thatsächlichkeit denselben Grund am Ende hat wie das Geheimnis selber.

Jeder Mensch erkennt zuerst im Einzelnen das mehr Allgemeine und allmählich dann das minder Allgemeine. Zuerst sagt er sich, das ist ein lebendes Wesen und sieht ab von vernünftig und unvernünftig. Dann sagt er sich, das ist ein Tier und sieht ab von Größe, Figur. Und so geht es weiter. Warum die vernünftige Natur im Menschen gerade dieses Vorgehen hat und kein anderes; das ist Thatsache. Davon bietet sich kein ausreichender Grund. Und bietet sich irgend welcher Grund dafür, so basiert er nach einer anderen Richtung hin wieder auf dieser Thatsache und bringt das rein Thatsächliche uns nur näher. Wird sich diese einmal bestehende Thatsache ausweisen als auf das Geheimnis anwendbar? Jedes Fiberchen, könnte man sagen, in diesem Thatsächlichen nähert sich mit sichtbarem Wohlgefallen dem Geheimnisse. Und ist es einmal vor selbem, so tummelt es voller Behagen sich darin, wie der Fisch im strömenden Wasser; und es wirft seine Strahlen auf das andere Geschöpfliche.

Das thatsächlich Bestehende im Worte, das thatsächlich Bestehende in unserer Auffassungs- und Erkenntnisweise, das thatsächlich Bestehende in den Elementen der Natur und in ihrer Zusammensetzung; — das nimmt Thomas alles zusammen. Wird es bestehen vor dem Geheimnisse? Wird nur irgend etwas übrig bleiben, von dem man sagen müßte; hier existiert etwas wirklich und thatsächlich, worauf das Geheimnis keine Anwendung findet, ja von selbem zurückgewiesen wird? Wird irgend etwas fliehen vor der reinsten Lichtfülle? Vielleicht hat den Leser die Detaillirung des Engels der Schule bis auf die winzigsten Ausdrücke hin in etwa ermüdet. Aber der Preis ist der, daß die Menschen lernen, überall den Dreieinigen finden; daß sie lernen, wie alles, was thatsächlich besteht, da seine Verherrlichung findet. „Lieber fünf Worte sprechen und dem Verständnisse dienen.“

Haben wir nun aber damit zugleich gelernt, worin der eigentliche Grund besteht, daß unsere Redeweise so ist und nicht anders? Haben wir nun gelernt, warum der Mechanismus unserer Vernunft so vorgeht und nicht umgekehrt? Ist die wirkliche Thatsächlichkeit vor uns getreten und hat gesagt: Aus diesem Grunde bin ich hier und nicht da; trage ich diesen Stoff und nicht jenen; bin ich Pflanze und kein Tier, da doch das Vermögen zu beidem das gleiche 135. [S. 173] ist; bin ich Mensch und nicht Engel, da doch das Nichts, mein Eigentum, indifferent ist für beides?

Keineswegs! Das Geheimnis bleibt immerdar Geheimnis! Vielmehr ist es von neuem bekräftigt und durch übernatürliches Licht bestätigt, wie der einzelne entscheidende Grund von allem uns unzugänglich ist. Aber daß die Thatsächlichkeit in der Natur so ist wie sie ist; daß wir uns darüber nicht täuschen; daß sie ein sicheres Fundament abgiebt für das Emporsteigen nach oben; — das ist unwiderleglich bestätigt worden. Die Güte der uns verliehenen Natur für die Erreichung des Zweckes hat von neuem das glanzvollste Licht erhalten.

Daß das Geheimnis der Dreieinigkeit den bestimmenden und entscheidenden Grund für alle Thatsächlichkeit hier im Geschöpflichen in sich enthält; — dies kündet die Natur, erleuchtet durch die Strahlen der Offenbarung. Wie dieser Grund im Innern sei; das — so künden gleichfalls die Kreaturen — ist unzugängliches Geheimnis. Ebenso stark wie die Kreaturen in ihrem Bereiche das Dasein des Geheimnisses erläutern; ebenso stark weisen sie über sich hinaus, wenn der Weg gewählt werden soll, um zur Anschauung des Innern des Geheimnisses zu gelangen. Treue Führer sind sie nach beiden Seiten hin bis ans Ende.

Weg mit eitlen Träumereien über das innerliche Licht des Geheimnisses; weg mit allen jenen pomphaften Phrasen, die niemand versteht! Das sind „Worte in fremder Sprache“; nicht Worte der uns so treuen Kreaturen, welche durch übernatürliches Licht erhellt sind. Und mögen dieser Worte zehntausend sein; der Apostel zieht fünf vor, welche dem praktischen Verständnisse dienen. Thomas versteht die Sprache der Kreatur.

„Die Relationen, als persönliche wechselseitige Beziehungen in Gott, sind früher dem Verständnisse nach wie die notionalen Thätigleiten, das Zeugen, das Hauchen!“ Welch' reines Licht strahlt aus diesen Worten für unser praktisches Leben und für die Erkenntnis der Erhabenheit des Geheimnisses! Was ist denn das: „Zeugen“, „Ausgehen“? Was schließen alle diese notionale Thätigkeiten in sich ein? „Ein voneinander Gehen“ sagt Thomas; „einen Weg zu etwas.“ Aber nicht das ist das Tiefste in Gott. Nicht das „voneinander Gehen“ darf das Tiefste sein in der Kreatur. Nicht das darf die Kreatur in ihrer Thatsächlichkeit abstrahlen, daß ihr tiefstes Fundament als Ähnlichkeit oder Spur ihres ersten Princips „Auseinandergehen“, bloß an sich „Weg“ sei ohne Ende.

Nein; die Relationen der einen Person zur anderen; die Relationen, welche der Grund für die Personen sind; sie sind die tiefste Grundlage in Gott, der erste Quell alles Wirkens nach innen und nach außen. Was ist aber Relation? Beziehung, Verhältnis zu einander, Liebe, Harmonie, Gründ innigster Einheit. Die Relation des Vaters und des Sohnes fordern die höchste unstörbare Einheit, die höchste Ähnlichkeit, ein und dasselbe Wesen. Und Vater und Sohn sind noch ausdrücklich verbunden durch die Liebe selber. Nicht von außen, so zu sagen, vom innersten Wesen her kommt ihnen als Personen ihre Einheit. ​AIs Personen tragen sie in Sich die Neigung, nämlich die im Wesen selber ihre Wirklichkeit besitzende persönliche Neigung zu einander. Und diese persönliche Neigung in beiden ist wieder eine einzige und als eine einzige bringt sie den heiligen Geist hervor.

Hier stockt vor lauter Licht der Blick. Nicht Schwierigkeiten, nicht Verlegenheiten, nicht Widersprüche etwa halten ihn auf; nein, das Lichtmeer ist zu groß. Der Blick erwartet Stärkung vom Allmächtigen. Thomas ist besorgt, 143. [S. 174] immer weitere Nahrung ihm zuzuführen, auf daß sein Verlangen nach Stärkung von oben immer dringender werde. Er wendet den Blick wieder in unnachahmlicher Weise nach unten, zu den Kreaturen; und diese eilen her, um durch die menschliche Vernunft auch selber die Vorhöfe des Allerheiligsten zu betreten.

Einfach klingt es: „In Gott muß der geringste Unterschied sein, da Gott die Einheit alles wirklichen Seins ist; und deshalb bilden diesen Unterschied eben nur die Relationen!“ Wie erweitert sich allmählich von Gott angefangen der Unterschied, die Verschiedenheit der Kreaturen. In Gott sind es nur Wechselbeziehungen, welche den Unterschied begründen; und diese Beziehungen besagen noch dazu ihrem Charakter nach volle Einheit des Seins, volle Wirklichkeit, vollgültige Fülle. Da ist kein Sein, was deshalb nur ist, weil es ein anderes nicht ist. Da ist der Vater, weil der Sohn ist. Da ist, soweit es immer auf das wirkliche Sein ankommt, der Sohn, weil der Vater ist. Aber in den Kreaturen ist gleich das Wesen verschieden vom thatsächlichen Dasein; der Stoff ist innerhalb des Wesens verschieden von der Form; das Vermögen vom Alte; die Farbe von der Figur; der Umfang von der Beziehung. Großes und Kleines ist da; Reiches und Armes; Thörichtes und Weises.

Weißt du, Christ, wann der heilige Geist dein Herz leitet? Wenn du alle diese Verschiedenheiten versöhnst; wenn du kein auch noch so niedriges Wesen verachtest; wenn du nichts von deiner Liebe ausschließest, was Gott geschaffen. Der heistge Geist bezeichnet die Verbindung zwischen Vater und Sohn. Er wird dein Geschenk. Er wird etwas, was du gebrauchen kannst; insofern Er alles in Dir verbindet, was die Natur in den einzelnen Dingen getrennt und geschieden hat. „Die Liebe,“ so feiert der Apostel den heiligen Geist, „ist gütig, ist geduldig; sie ist nicht eifersüchtig, nicht boshaft; sie freut sich an der Wahrheit; alles duldet sie, alles glaubt sie, alles hofft sie, alles trägt sie.“ Alles verbindet sie.

So kommt der Mensch unter der unmittelbaren Führung des heiligen Geistes über alle Verschiedenheit der Kreatur im Glauben hinaus bis hin zum Widerstrahlen jener Einfachheit im Bilde, an welcher der heilige Geist mit dem Vater und dem Sohne sich freut. „Da ist der geringste Unterschied.“ Ein Unterschied bleibt, der nämlich der Beziehung des Geschöpfes zum Schöpfer. Aber wie die Beziehungen in Gott all ihre Wirklichkeit im einen göttlichen Wesen haben, so wird der Mensch vom heiligen Geiste, dem Sohne, dem Vater, die in seinem Herzen gemäß dem Glauben wohnen, geleitet werden, daß auch er Anteil habe an dieser wunderbaren Einheit, welche zuerst dem Unterschiede in Gott und dann der Verschiedenheit im Geschöpfe selber Wirklichkeit und damit Einheit und Harmonie zu verleihen versteht. Weiß der einzelne Mensch im Glauben den inneren Grund, weshalb er so gerade geführt wird und nicht anders? Nein; aber er verehrt und betet an das Geheimnis, das ihm Licht gegeben über das Nichts der Kreatur und über den vollen Wert der Macht und der Liebe des Schöpfers.

Dazu soll das Geheimnis dienen, daß die Kreatur selber in seinem Lichte uns antreibe, zu glauben, zu wirken, zu meiden, zu hoffen, zu fürchten. Das sind die fünf Worte Pauli, die sehr gut entsprechen den fünf notionalen Thätigkeiten, welche den göttlichen Personen entsprechen.

„Der Lehrer des Glaubens,“ sagt Thomas (lect. 4. ad I. Cor. 14.), „muß zuerst lehren, was geglaubt werden soll;“ wie der Apostel den Titus ermahnt: Das spreche und das ermahne, d. h. den Glauben Christi, wovon er eben gehandelt hatte. Dann muß er lehren, was gewirkt werden 150. [S. 175] muß, wie es bei Matthäus heißt: Gehet und lehret alle Völker, daß sie alles halten, was ich euch geboten habe. Ferner muß er lehren, was jeder vermeiden soll: Rufe, sagt Isaias, und höre nicht auf; wie eine Posaune erhebe deine Stimme; und verkünde dem Volke seine Missethaten und dem Hause seine Sünden. Zudem muß er darthun, was zu hoffen ist; nämlich daß ewiger Löhn verheißen ist, wie Petrus schreibt: „Davontragen werdet ihr den Zweck und die Vollendung eueres Glaubens, das Heil euerer Seelen,“ worüber die Propheten nachgeforscht haben. Endlich muß der Lehrer der Wahrheit das zu Fürchtende einprägen: „Heulet,“ heißt es bei Isaias, „denn nahe ist der Tag des Herrn, wie Verwüstung wird er vom Herrn kommen; Hört es, die ihr fern seid, wer wird zusammenwohnen können mit verzehrendem Feuer.“

Mit diesen fünf Worten müssen wir wie mit fünf aus klarem Wasser erlesenen harten Kieselsteinen die Stirne des Riesen der Bosheit treffen und mit seinem eigenen Schwerte dann töten. Denn der Sieg in der Versuchung wird unsere Kraft verdoppeln; die Geduld in der Verfolgung wird die Macht der Verfolger zu einem Ruhmestitel für uns machen.

Diese fünf Worte enthüllen und füllen das Leben des Christen. Durch den Glauben ahmen wir nach das „Ungezeugtsein“ des Vaters; denn der Glaube ist der Anfang jeden guten Werkes und er ist ein Anfang ohne Anfang in uns: „Der Glaube ist ein reines Geschenk Gottes“ sagt Paulus. „Was findet nicht der Glaube?“ sagt Bernardus (serm 2. de epipha.). „Unzugängliches berührt er, Unbekanntes enthüllt er, Ungemessenes begreift er, die Ewigkeit selber schließt er in seinem überaus weiten Busen ein.“ Durch das Wirken drücken wir aus die Fruchtbarkeit des Vaters. Durch das Meiden eifern wir nach der Weisheit des Sohnes. Durch unsere Hoffnung auf Ewiges folgen wir dem „Hauchen“ von Vater und Sohn; denn unser Hoffen richtet sich auf die Liebe und schließt in ihr ab. Durch die Furcht werden wir gleichförmig dem heiligen Geiste, „der da, wenn Er kommen wird, richten wird die Welt wegen der Sünde, wegen der Gerechtigkeit, wegen des Ratschlusses.“ 154.

 

 

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Gregor Emmenegger