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Thomas von Aquin - Summe der Theologie
Prima Pars

Quaestio 40

Prooemium

Iª q. 40 pr.
Deinde quaeritur de personis in comparatione ad relationes sive proprietates. Et quaeruntur quatuor. Primo, utrum relatio sit idem quod persona. Secundo, utrum relationes distinguant et constituant personas. Tertio, utrum, abstractis per intellectum relationibus a personis, remaneant hypostases distinctae. Quarto, utrum relationes, secundum intellectum, praesupponant actus personarum, vel e converso.

 

Vierzigstes Kapitel
Das Verhältnis der göttlichen Personen zu den Relationen oder Eigenßeiten.

Überleitung.

„Geteilt sind worden vom Liebeseifer seine Züge: und sein Herz nahte heran.“ (Ps. 54.)

Was bedeuten diese Züge des Antlitzes Gottes nach der Redeweise des Psalmisten anders denn die Kreaturen, die da kraft der Liebe Gottes jene Vollkommenheiten getrennt und geteilt besitzen, welche in Gott ein einziges Sein haben! Und das Herz Gottes ist „die Liebe“ selbst, der heilige Geist das Geschenk im eigentlichsten Sinne. Geteilt besitzen die Kreaturen, was Gott in Sich volleinheitlich ist. Und deshalb führen sie in verschiedener Weise zwar; aber doch mit allen ihren Vermögen und Kräften, Eigenschaften und Zuständen, mit ihrem Wesen und Einzelsein, mit allem, was sie haben und besitzen zur Kenntnis Gottes.

„Züge des Antlitzes Gottes“ nennt sie der begeisterte Psalmist; denn aus den Zügen strahlt die Güte, die Macht, die Ruhe des Innern hervor. Und wenn man auch nicht aus den Zügen eines Menschen dessen innere Gedanken und Willensbeschlüsse erkennen kann, so führen sie doch dazu, daß man Vertrauen zu ihm faßt oder Abscheu vor ihm fühlt. Sie offenbaren, was 15. [S. 160] notwendig ist, um sich dem einzelnen Menschen zu nähern oder ihm fern zu bleiben.

Thomas versteht es, uns diese „Züge Gottes“ in den Geschöpfen so klar zu machen, sie so annehmbar und lieblich hinzustellen, daß wir nicht anders können als mit vollem Herzen uns aus der Kreatur heraus Gott mit Vertrauen zu nähern. Die innersten Fibern des Geschöpfes scheinen da unter dem Lichte des Geheimnisses klar zu liegen; ihre eigene Armut zugleich und den Reichtum des Schöpfers vorzustellen: ihre Armut, damit wir sie nicht um ihrer selbst willen begehren; den Reichtum des Schöpfers, damit wir da schöpfen Macht, Weisheit, Güte, woher sie selber all ihr Vermögen, ihre harmonische Ordnung in sich und mit den anderen, ihre alles unter sich und mit Gott verbindende Schönheit und Zweckordnung, ihren Beginn und ihre Vollendung haben.

„Die Geschöpfe,“ so Thomas, „können nicht die Personen selber deutlich machen; aber die Vollkommenheiten des göttlichen Wesens lehren sie erkennen und so ist uns Gelegenheit geboten, je nachdem die Personen etwas an Eigenem haben, ihnen diese Vollkommenheiten gemäß einer gewissen Ähnlichkeit mit dem einer jeden Person Eigenen zuzueignen.“ So erfüllen die Geschöpfe, „aus denen allein wir zur Kenntnis Gottes aufsteigen können,“ unter dem Lichte der Offenbarung ihre doppelte Obliegenheit. Sie tragen dazu bei, nach Kräften die göttlichen Personen bekannt zu machen; und deshalb enthüllen sie ihre Nacktheit und Ohnmacht bis in ihr Tiefinnerstes hinein; — dann aber erklären sie zugleich, bis ins Innere der göttlichen Natur selber, bis zur unmittelbaren Kenntnis der hochheiligen Personen nicht vordringen zu können. Schweigen umhüllt sie gegenüber dem Dreieinigen; helles Licht geht von ihnen aus, unerschöpfliche Beredsamkeit für uns gegenüber den geschöpflichen Verhältnissen.

„Geteilt sind vom Liebeseifer Deine Züge.“ Vermögen nur ist gegenüber dem Dreieinigen das gesamte geschöpftiche All. Und jedes Ding hat so viel Vermögen, als ihm die Liebe Gottes zugeteilt hat. Keines kann weiter, als sein Vermögen es trägt. Jedes Ding ist so es selbst, daß es nicht das andere ist. Erst jene Vernunft, welche in keiner Weise so ist, dah sie irgend ein Sein nicht wäre; jene Vernunft erst, welche alles Sein in sich enthält, alles Sein ist und deshalb auch von allem Sein als der wirkende, dem Wesen nach voll von ihm getrennte Grund erscheint; jene Vernunft erst kann diese einzelnen Vermögen, von denen keines das andere, von denen also ein jedes in sich beschränkt ist und nur sich allein zu berücksichtigen vermag, zusammen verbinden und so bethätigen, daß in jedem sich ein „Zug“ des Allmächtigen gleichsam, eine Spur seiner Herrlichkeit abzeichnet und aus allen zusammen ein Abglanz des göttlichen Seins wie ein Antlitz des Höchsten widerstrahlt.

Noch mehr! In jedem Dinge ist das eine Vermögen wieder so, daß es nicht das andere ist. Das Wesen ist so, daß es nicht das Princip des Einzelseins ist. Das Weiße ist so, daß es nicht die Figur ist. Soll jegliches Ding widerstrahlen seinen „Zug des Antlitzes Gottes“, so muß das in ihm geteilt und getrennt Bestehende zusammen verbunden und zu einer Gesamtthätigkeit geführt werden, wo jedes einzelne Vermögen seinem Charakter gemäß sein Wohl verfolgt, aber alle Vermögen zusammen den Charakter und das Wohl des ganzen Dinges ausdrücken.

Wie ist es nicht da nach allen Seiten hin nötig, daß „das Herz sich nähert“, daß jene selbe Liebe, der zufolge alles dies als Vermögen dasteht und 22. [S. 161] geschaffen ist, nun auch die wirkliche Thätigkeit und Vollendung gebe. Merkwürdige Erscheinung! Wir meinen eine Wahrheit klar vor Augen zu haben; wenn wir sie an der Wirklichkeit, die vor unseren Sinnen liegt, erproben können. Wir sind ruhig, wenn ein Beispiel aus der Sinnenwelt die vorgetragene Wahrheit zu erläutern vermag. Hier ist gerade ein Mysterium für unsere Kenntnis; man möchte fast sagen, ein Mysterium im Bereiche der Natur: der beste Beweis für die Existenz des wahren, über alles erhabenen Mysteriums!

Schneide Brot in viele Stücke: Ist jedes, auch das millionste Stückchen, der ganzen Substanz nach Brot? Gewiß. Das begreift jeder, daß er wahres, wirkliches, ganz Brot ißt, wenn er auch nur einige Gramm zu sich nimmt; ebensogut wie jener nichts Anderes wie wahres, wirkliches, ganz Brot ißt, der ein Pfund oder noch mehr verzehrt. Jedes Kind ist darüber im Klaren. Denke daran, wenn du dir das Geheimnis des heiligen Altarssakramentes erläuterst, daß eben jenes Moment, was da macht, daß Brot Brot ist, die Substanz nämlich, verwandelt wird und nichts Anderes; daß somit immer in jedem Partikelchen der heiligen Hostie immer ganz der Leib des Herrn bleiben muß, sowie jedes Stückchen Brot, das ich vom ganzen Brot abbreche, wahrhaft und ganz ohne Verminderung Brot ist. Du wirst damit nach dieser Seite hin den fragenden Geist beruhigen. Er hat dann eine gewisse Ähnlichkeit vor den Augen seiner Sinne, in der stofflichen Wirklichkeit selber.

Fragen wir aber wie das im Brote nun ist, daß die Substanz nie geteilt werden kann, trotzdem daß die Form und Figur geteilt wird; so ergiebt sich die volle Unmöglichkeit einer Antwort rein von selbst. Fragen wir nach dem Positiven in der Substanz Brot; fragen wir danach, warum wir dieselbe nicht sehen, nicht hören, nicht schmecken können; alles Einzelne kann sich ja da ändern, die Farbe, der Geschmack, der Geruch u. s. w., und immer bleibt die Substanz „Brot“ dieselbe. Fragen wir danach und nach ähnlichen Dingen, so verliert der Geist nicht seine Ruhe, wenn er auch nicht anders antworten kann als: Die einzelne Wirklichkeit ist einmal so und nicht anders. Da liegt der Schatten des Urgeheimnisses. Die Vernunft ist zufrieden — wir haben das bei Thomas schon so oft bis jetzt erfahren — sie ist zufrieden, wenn die Wahrheit, welche sie festhält, in einem sinnlichen Beispiele, d. h. in der wirklichen Einzelheit widerstrahlt. Sie behält dieselbe dann um so fester in sich. Sie dringt mit Anlehnung an dieses Beispiel weiter vor in der Erkenntnis der geistigen Wahrheit selber.

Was ist denn das, daß der Sinn der Vernunft hilft; die einzelne Wirklichkeit, die doch so schnell vorübergeht, zur geistigen Durchdringung des Wesens beiträgt, was immer bleibt?

Es ist das natürliche Geheimnis der Wirklichkeit. Es darf hier nicht leichtsinnig vorübergegangen werden. Der heilige Thomas hat schon oben den Schleier in etwa gelüftet; nicht um das Geheimnis zu schauen, sondern um frei zu bekennen: hier muß ein Geheimnis sein. Er bringt das früher Gesagte im folgenden Kapitel nun in Sicherheit. Wie? Die Vernunft, welche so sehr gewöhnt daran ist, nach dem Grunde zu forschen; sie beruhigt sich, wenn der Sinn ihr die Wahrheit im Glanze der einzelnen Wirklichkeit zeigt? Aber der Sinn fragt doch nie nach dem Grunde! Und wo ist in solcher Wirklichkeit der Grund, daß sie so gerade ist und nicht anders?

Die menschliche Vernunft steht hier mit ihren Schranken vor der ewigen Vernunft. Daß etwas Wirklichkeit hat, daß es wirklich besteht; das allein ist für die Natur unserer Vernunft Grund genug, um daraufhin festzustehen; und mag auch diese Kenntnis die Sinne allein zur Grundlage haben. 29. [S. 162] Auf Grund dessen, daß etwas thatsächlich Sein hat, ist, forscht die Vernunft weiter nach; — und zu diesem Grunde kehrt sie wieder zurück. Die geschaffene Vernunft ist da in ihrer eigensten Heimat. Daß das Wirkliche im Einzelnen so ist und nicht anders; davon ist allein der Grund die ihrem ganzen Sein nach wesentlich und substantiell wirkliche Vernunft, die reine in sich bestehende Wirklichkeit. Kommt die menschliche Vernunft an das Wirkliche, sowie es besteht; so fühlt ihre ganze Natur, ihr ganzes geschaffenes Wesen, daß sie hier vor dem unmittelbarsten Ausflüsse der ewigen, der schöpferischen Vernunft steht. Stimmt ihre Forschung mit der Wirklichkeit, wie sie einmal besteht, dann steht fest ihr Fundament; sie geht weiter.

Das einzeln Wirkliche hat als solches seinen Grund niemals in sich; dasselbe ist wie wir sagen, rein zufällig; sein ausreichender Grund ist nur im Innern der ewigen Vernunft. Das Wirkliche an sich ist Gegenstand der Sinne hier für uns; denn es hat keinen Grund in sich. Es ist die Stütze und die außer dem Bereiche der geschöpftichen Vernunft selber befindliche feste Grundlage für deren Erkennen; denn der Grund der einzelnen Wirklichkeit ist in der ewigen Weisheit allein. Die einzelne Wirklichkeit hier unten ist die Spur des ewigen Grundgeheimnisses, der offenbarste Beweis für dessen Unerfaßbarkeit der beschränkten Vernunft gegenüber. Denn sie hat keinen ausreichenden Grund in sich; sie ist in ihrer Beschränktheit nicht vernünftig; und ist trotzdem Träger des vernünftig Erkennbaren. Also liegt außerhalb der einzelnen Wirklichkeit ihr ausreichender Grund und damit ihre Vernünftigkeit. Und so liegt aber auch dieser ausreichende Grund in seiner Substanz selber, die reine Vernünftigkeit also außerhalb der Grenzen jeglicher geschöpflichen Vernunft.

Die letztere hat zur Richtschnur das allgemeine Wesensvermögen „Mensch“. Aber aus diesem ergiebt sich noch lange kein einzeln wirklicher Mensch. Sie hat zur Richtschnur die Natur des Willensvermögens. Aber aus diesem ergiebt sich noch kein einzelner Willensakt. Die Vernunft selbst ist Vermögen; ihre Richtschnur in den Dingen ist immerdar Vermögen; das Wesen der Dinge selbst, ihre tiefste Richtschnur ist nur immer Vermögen für das Sein. Aber aus einem Vermögen, was nur etwas kann, folgt niemals, daß etwas einzeln ist. Die ganze Natur, Stoff, Vernunft, Wille: alles ist nur Vermögen gegenüber dem Dreieinigen. Und worin steht das Wesen des Dreieinigen fest? In den drei Personen. Und worin bestehen diese drei Personen? In nichts Anderem als in Beziehungen, in Relationen zu einander. Hier ist die reine Wirklichkeit, die Quelle und der Grund aller einzelnen Wirklichkeit, die dann wieder die geschöpflichen Vermögen, Wesen, Zustände, Eigenschaften trägt und zu wirklichen, also zu erkennbaren macht, welche die zuverlässigste Stütze alles vernünftig Erkennbaren ist.

„Beziehungen;“ das ist da oben das Feststehende in der reinen Wirklichkeit! Nun wird es klar, wie hier in der Schöpfung alle Wirklichkeit nur in der Beziehung des einen zum anderen, in der Harmonie, in der Liebe besteht. Feststehen mag bei uns das Vermögen, das Wesen. Da oben steht fest die Wirklichkeit. Und trotzdem diese Wirklichkeit da oben gewissermaßen in beständigem Fließen ist, d. h. ihre unerschütterliche Festigkeit nur in den Beziehungen der Gegensätze zu einander hat, ist hier auf Erden das Einzelne wirklich für sich. Denn die Grundlage des Geschöpflichen ist reines Vermögen, was nur so das eine werden kann, daß es nicht das andere ist. Oben aber ist die Grundlage die reine Thatsächlichkeit, die in keiner Weise Nichts ist, weil sie nie etwas werden, nie leiden; die da nur sein, nur geben kann.

Diese Möglichkeit hier unten sollst du mehr und mehr verlassen, die dich 35. [S. 163] beschränkt und dir es benimmt, etwas Anderes zu sein. Der Liebe sollst du folgen, die von oben her dich einladet. Ihr gemäß sollst du erkennen die Kreaturen, damit du gleich ihr sie miteinander verbindest. Die Beziehungen, welche die Kreaturen zu einander haben kraft ihrer Vermögen, sollst du, bethätigt durch die ewige Güte, zu lebendigen thatsächlichen machen, die da jenen Beziehungen oben in der ewigen Weisheit entsprechen.

„Geteilt sind von Liebeseifer aus die Züge seines Antlitzes; und genähert hat sich sein Herz.“ Oder wie auch übersetzt werden kann; „Geteilt sind worden von seinem Zorne die Züge seines Antlitzes.“ Es kommt auf dasselbe hinaus. „Wo überfloß die Sünde, da überfloß auch die Gnade,“ sagt Paulus. Der Sünder bleibt stehen im Vermögen der Natur, in seinem eigenen Vermögen. Aber nur sich selber schadet er; nur sein eigenes Verderben befördert er. Die „Kreaturen werden damit nur noch mehr geteilt“. Gott läßt die Sünde zu im Zorne seiner Gerechtigkeit. Und die Kreaturen zeigen da ganz ihrer Natur gemäß noch mehr ihre Ohnmächt, ihre Thorheit. Von noch viel mehr Seiten her rufen sie zum Herrn. Der Zorn der Gerechtigkeit hat die „Züge“ geteilt. Aber „sein Herz nähert sich“. Die Liebe der Barmherzigkeit läßt noch tiefer erglänzen von allen diesen Seiten her die Güte, die Weisheit, die Macht seines Antlitzes.

Thomas hatte oben einen auf den ersten Blick etwas sonderbaren Ausdruck gebraucht. Er erscheint jetzt voll gerechtfertigt. Auch „worin die Kreatur unähnlich ist den göttlichen Personen, offenbart und veranschaulicht sie deren Herrlichkeit“. Die Unähnlichkeit wird von Gott entfernt; oder vielmehr ihr Gegenteil Gott zugeschrieben. „Die Macht wird dem Vater zugeeignet, weil auf Erden die Väter ihres Alters wegen der Natur nach schwächer sind.“ „Die Güte wird dem heiligen Geiste zugeschrieben, well der irdische Geist seiner Natur nach nicht selten Zwang und blinder Antrieb, also keine freie Güte ist.“ Alles muß Gott dienen und vordringen bis zur Offenbarmachung der drei göttlichen Personen: Ähnlichkeit mnd Unähnlichleit, Wirklichkeit und Möglichkeit, Einheit und Mehrheit, Gleichheit und Ungleichheit, Sünder und Gerechte. In allen Beziehungen der Geschöpfe untereinander, in all ihrer einzelnen Wirklichkeit strahlt durch das Antlitz Gottes: „Geteilt sind seine Züge von seinem Liebeseifer aus und sein Herz hat sich genähert.“ 39.

 

 

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Letzte Änderung am 1. August 2012.
Gregor Emmenegger