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Thomas von Aquin - Summe der Theologie
Prima Pars

Quaestio 37

Prooemium

Iª q. 37 pr.
Deinde quaeritur de nomine amoris. Et circa hoc quaeruntur duo. Primo, utrum sit proprium nomen spiritus sancti. Secundo, utrum pater et filius diligant se spiritu sancto.

 

Siebenunddreißigstes Kapitel.
Über den Namen „Liebe“, den der heilige Geist trägt.

Überleitung.

„Gott hat uns gesalbt und gezeichnet und Er hat in unsere Herzen gegeben das Pfand des Geistes.“ 2. Kor.

Und welch zuverlässiges reiches Pfand ist der heilige Geist in unseren Herzen! Ein Pfand dafür, daß Gott in uns wohnt; ein Pfand dafür, daß wir über alle Feinde bereits triumphieren; ein Pfand für unseren Frieden und für unsere Freude inmitten aller Trübsale; ein Pfand für den ewigen Besitz des Dreieinigen! Der Allmächtige darf dieses Pfand nicht übersehen; Er darf es nicht vergessen; Er muß es einlösen; denn es ist selbst für Ihn über alles kostbar.

Der heilige Thomas zeigt uns so schön den Weg, auf welchem wir zur innersten, felsenfesten Überzeugung von der überaus hohen Zuverlässigkeit dieses Pfandes, der Liebe des heiligen Geistes, gelangen können. „Liebe besagt ihrer Natur nach keine Ähnlichkeit, wie dies beim Worte der Vernunft der Fall ist.“ Hier liegt unser Trost. Hier liegt die Fülle der Zuverlässigkeit für das Pfand, mit welchem der Herr die Gewißheit seiner Verheißungen verbürgt hat. Hler liegt der Grund für jene Festigkeit unserer Hoffnung, von welcher der Apostel spricht: „Wir nehmen unfere Zuflucht zum Festhalten an der vorgestellten Hoffnung, welche wir wie einen Anker fest und sicher haben, der da eingeht bis in das Innerste unseres Herzens.“

„Liebe besagt ihrer Natur nach nicht Ähnlichkeit!“ Wenn das Gegenteil richtig wäre, wir könnten niemals etwas von Gott erhoffen! Wenn LV. [S. 127] Gott uns nur liebte, weil wir Ihm ähnlich seien; wehe uns! Fliehen wir jeden Schatten solcher Meinungen und noch mehr solcher innerer Herzensüberzeugungen, die wir oft in unserer Eigenliebe uns selber unbewußt hegen; als ob Gott in uns irgend eine Wahrheit und somit irgend etwas Gutes — denn jede Wahrheit ist an sich ein Gut — sähe und deshalb in Sich beschließe, uns zu helfen. Alles das ist gegen die engelreine Lehre des Thomas. Die Liebe ist nicht gegründet auf Ähnlichkeit; sie macht ähnlich.

„Als wir in den Sünden und Missethaten tot darniederlagen,“ ruft Paulus zur Verherrlichung der ewigen Liebe aus: „als wir durch unsere Natur selber Kinder des Zornes geworden, da hat uns Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, geliebt und belebt und auferweckt und zu Genossen seines Eingeborenen gemacht.“

Was ist unähnlicher dem Sein als das Nichts? Die Liebe hat das Nichts überwunden und angetrieben zum Aufbau der wunderbaren Harmonie des Weltall. Was ist unähnlicher der Güte als die Bosheit? Die Liebe hat alle Bosheit überwunden und Verzeihung herabgebracht auf Erden. Was ist unähnlicher dem Lichte als die Finsternis? Die Liebe hat die Leuchte mitten in der Finsterniß angezündet und den verlorenen Drachmen gesucht. Nichts ist so trostvoll, als daß da oben eine volle, ganz und gar volle Liebe wacht, die nichts hier auf unserer Seite voraussetzt, aber alles geben kann.

Die geschöpfliche Liebe freilich setzt Liebenswürdigkeit auch in ihrem nächsten beschränkten Gegenstande, wenn auch oft nur eine scheinbare, voraus; denn sie ist beschränkt, sie ist bedürftig, sie will vor allem selber haben. Sie leidet unter dem Einwirken des geliebten Gegenstandes nach einer Seite hin und nach der anderen Seite hin giebt sie. Denn sie macht sich ähnlich dem, was sie liebt; und nähert sich deshalb diesem in der Weise, daß sie, dem geliebten Gegenstände in ihr entgegensteht, in sich selber bekämpft und ausrottet. Wer das Vergnügen liebt, der hält sich insoweit vom Geize fern; und wer der Ehrsucht fröhnt, der scheut nicht die körperliche Mühe und Anstrengung. LX.

Gottes Liebe aber ist für uns reine Quelle des Empfangens. Nur zu geben weiß sie. Und legt sie scheinbar oder für den Augenblick Opfer auf, so geschieht dies nur, damit wir sie mehr schätzen lernen und ihre Kraft und Schönheit mehr bewundern an den Hindernissen, die sie überwindet. Die kalte Ungläubigkeit des heiligen Paulus schmolz unter ihr in den flehentlichen Ausruf zusammen: „Was willst Du, Herr, daß ich thue?“ Das Wanken Petri befestigte sie, daß er der durch alle Zeiten hindurch unwandelbare Felsen der Kirche wurde. Doch treten wir in das Geheimnisvolle, gleichsam in das Innere dieser erhabenen Liebe ein!

Gewiß; auch die Liebe Gottes setzt die Liebenswürdigkeit ihres Gegenstandes voraus; aber nur nicht in uns, vielmehr in Sich selber. Das göttliche Wesen ist alle Vollendung, alle Liebenswürdigkeit. Was ist aber der heilige Geist, die persönliche Liebe Gottes, anderes in seiner erhabenen Kraft als das göttliche Wesen! Was ist diese Liebe anderes, als die einzig erhabene Wertschätzung, welche der Vater dem Sohne, der Sohn dem Vater zollt! Was ist sie anderes als das Wohlgefallen, welches Vater und Sohn am göttlichen allvollendeten Sein haben! Hier liegt die geheime Stärke dieser Liebe vor, die alles Nichts, alle Finsternis, Sünde und Tod überwindet! Hier liegt das tiefste Fundament für jene Festigkeit, von der Paulus sagt, wie ein Anker gehe sie hinein in das Innerste der Seele!

Fürchte nichts, meine Seele; habe keine Sorge um deine eigene [S. 128] Wankelmütigkeit. Es schrecke dich nicht dein geringer Wert Gott gegenüber. „Gott ist nicht wie ein Mensch, daß Er auf die Personen Rücksicht nehme“ und Größe oder Niedrigkeit der Kreatur füt Ihn maßgebend wäre. Er führt den Armen zum erhabensten Thtone und den Mächtigen stürzt Er hinab. „Alles macht Gott wegen Seiner selbst!“ Daß doch unendliche Zuversicht meine Seele erfülle! Daß doch jede Angst und Furcht, von wo sie auch kommen möge, mich nur von neuem zu Ihm, zu meinem Gotte, hintreibe. Bin ich blind, Er wird mich erleuchten; bin ich krank, Er wird mich heilen; bin ich tot, Er wird mich lebendig machen.

„Alles thut Gott um Seiner selbst willen.“ Gott liebt im höchsten Grade sich selbst. Er thut alles wegen Seiner Ehre. Und das gerade ist unsere Herrlichkeit! Das ist unser Reichtum! Wenn der Mensch nur um seinetwillen handelt, so ist dies schlimm für ihn und für andere; denn sein „Ich“ ist Bedürfnis; und indem Er dieses Bedürfnis zum treibenden Mittelpunlte seines Wirkens macht, erweitert Er nur dieses Bedürfnis.

Gott aber ist volles Sein; — Er ist alle mögliche Vollendung. Indem Er Sich will, kann Er nur Vollendung, kann Er nur Liebe, kann Er nur Güte, kann Er nur Macht, kann Er nur Weisheit, Freiheit, Leben, Seligkeit wollen. Will Er uns, so macht Er damit zugleich das Sein und das Gute, was wir haben. Der heilige Geist liebt uns, weil Er Sich selber liebt. Das ist der Anker unserer Hoffnung.

Wenn Er uns liebte, weil etwas in uns Ihm gefiele, weil Er in uns etwas Gutes sähe; da wären wir elend daran. Wir sind die Veränderlichkeit selbst. Es brauchte sich nur dieses scheinbar Liebenswerte zu ändern, so wäre es mit der Liebe des heiligen Geistes vorbei. Nein; Er liebt, weil Er Sich selber liebt, weil Er das unveränderliche Wesen Gottes liebt, weil Er eins ist in unverbrüchlicher Liebe mit dem Willen Gottes, mit dem Erkennen Gottes, weil Er nur deshalb als dritte Person hervorgeht, um so recht das Band und der Ausdruck des Einen nach innen und nach außen hin zu sein.

Die Liebe ist die Verbindung der Kreatur mit Gott. Weil die Liebe dazu getrieben hat zu schaffen, ohne daß von außen her irgend ein maßgebender Grund existierte; deshalb hat Gott geschaffen und zwar zu einer Zeit, für welche diese Liebe von Ewigkeit her gewollt hat. Weil die Liebe dazu getrieben, hat Gott die Schätze seiner Barmherzigkeit geöffnet und seine Geheimnisse den Menschen kundgethan. Dieser Anker „gehe hinein bis in das Innerste der Seele“, bis dahin, wo die innerste Natur der Seele nach Gott ruft; bis dahin, wo die innerste Natur der Seele sich mit keinem einzelnen Gute befriedigt erklärt, sondern alle Güter insgesamt verlangt. Bis dahin trete ein die Hoffnung, welche von solcher Liebe genährt wird. Diese Liebe wird dann nie wanken. Sie wird von da, von der innersten Natur der Seele aus anfangen, aufzubauen den Palast der Tugenden, damit sie so die Ähnlichkeit, welche sie nicht vorgefunden hat, bewirke und herstelle. Sie „salbt“ unsere Seele, damit göttlicher Friede und göttliche Seligkeit sie durchdringe. Sie „kennzeichnet“ unsere Seele, damit in uns stets die Hoffnung auf die ewige Vorherbestimmung Gottes lebe und zu Gott wende; denn es steht geschrieben: „Fest steht das Fundament Gottes, es trägt dieses Kennzeichen: Gott kennt die Seinen.“ Die ewige Liebe ist das „Pfand in unferen Herzen“, welches an Kostbarkeit alles Geschaffene hoch überragt. Von Gott geht dieses geistige Band aus, dringt durch die Kreaturen, erhebt sie aus ihrem allseitigen Nichts und führt sie ohne Schwanken ein in die Herrlichkeit des Ewigen, der alles, was Er [S. 129] thut, nicht aus einem dem Fallen und Schwanken zugänglichen Beweggrunde oder wegen eines vergänglichen Zweckes thut, sondern um Seiner selbst willen“. Das sei fortan unser höchster Trost, wie er der des Apostels gewesen ist, der da sagt: „Was auch immer Gott für Verheißungen gemacht hat; sie sind in Ihm bereits Wirklichkeit; der da uns befestigt in Christo und der uns gesalbt hat, unser Gott, der uns auch gekennzeichnet und gegeben hat das Pfand des Geistes in unseren Herzen.“

 

 

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Letzte Änderung am 1. August 2012.
Gregor Emmenegger