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Thomas von Aquin - Summe der Theologie
Prima Pars

Quaestio 36

Prooemium

Iª q. 36 pr.
Post haec considerandum est de his quae pertinent ad personam spiritus sancti. Qui quidem non solum dicitur spiritus sanctus, sed etiam amor et donum Dei. Circa nomen ergo spiritus sancti quaeruntur quatuor. Primo, utrum hoc nomen spiritus sanctus sit proprium alicuius divinae personae. Secundo, utrum illa persona divina quae spiritus sanctus dicitur, procedat a patre et filio. Tertio, utrum procedat a patre per filium. Quarto, utrum pater et filius sint unum principium spiritus sancti.

 

Sechsunddreißigstes Kapitel.
Über die Person des heiligen Geistes.

Überleitung.

„Von mir aus verschwindet der Geist in mir und Du hast gekannt meine Pfade.“ (Ps. 141.) Das ist das „dritte Zeichen“; das nämlich, in welchem der Mensch „vor sich selber zwar verschwindet“, aber vom Geiste Gottes belebt und aufgerichtet wird. Wie schnell die Heiligen ihren Trost zu finden wissen! In einem anderen (118.) Psalm singt der königliche Prophet: „Deiner Ratschlüsse habe ich gedacht; und getröstet bin ich worden.“ Und so groß war dieser Trost, daß bald darauf von den Lippen des Sängers die wunderbaren Worte fließen: „Ein fröhlicher Gesang wurden mir Deine Rechtfertigungen: am Orte meiner Pilgerfahrt.“ Aber diese selige Freude im Herzen mitten in den Prüfungen, durch welche „die Seele geführt wird wie das Gold durch Feuer“, fühlt er nicht; ehe er nicht gefühlt, wie sein Geist in ihm vor seinen Augen schwindet: „Hinschwand meine Kraft und festgehalten ward ich durch dieses Hinschwinden: für die Sünder, die Dein Gesetz verlassen.“

Hier nun im Ps. 141 befolgt der Psalmist denselben Gedankengang: „Mit meiner Stimme habe ich zum Herrn (nicht etwa gebetet, nicht etwa gerufen; nein) geschrieen: mit meiner Stimme habe ich flehentlich mich zum Herrn gewandt. Ergossen habe ich vor seinem Angesichte mein Gebet: und meine Drangsal habe ich vor Ihm ausgesprochen.“ Und bis wie weit ging diese Drangsal? Bis zum äußersten Punkte: „Hinschwand mein Geist aus mir.“ Aber im Augenblicke, daß der Mensch vor sich selber ein Nichts wird; tritt auch schon der Geist des Trostes in die Seele. Oben sagte er: „Und getröstet ward ich; freudevoller Gesang wurde meine Drangsal.“ Hier aber fügt er den Grund hinzu, warum der „Tröster“ sogleich nach dem Gefühle des Nichts im Menschen seinen lieblichen Trost daselbst ausgießt: „Du hast gekannt meine Wege.“ Und nun tritt im Lichte des einwirkenden Gottes erst recht nach allen Seiten sein Nichts vor die Seele des Auserwählten: „Auf meinem Wege, wo ich wandelte, haben sie mir Fallstricke gelegt. Ich sah nach rechts und nach links: und nicht war, wer mich kennen wollte. Nicht fliehen konnte ich vor mir selber: und nicht ist, wer um meine Seele sich kümmerte.“ So ruft dann die Seele um so stärker, gefestigt durch die Kenntnis Gottes, geklärt durch das ewige Wort: „Ich habe geschrieen zu Dir, o Herr: ich habe gesprochen: Du bist meine Hoffnung, Du bist mein Anteil im Lande der Lebendigen.“ [S. 115]

So schrie ja auch der Völkerapostel einst zu Gott, Er möge von Ihm hinwegnehmen den Stachel des Fleisches; und er hörte: „Es genügt Dir, Paulus, meine Gnade: die Kraft wird vollendet in der Schwäche.“ Dann erscheint voll die Kraft, welche aufrichtet, wenn der Mensch so recht seine allseitige Schwäche vor Augen hat.

In dieser Weise haben alle Heiligen gewandelt; und die verborgenen Fallstricke vermochten sie nicht zu fangen. Nichts war da weder rechts noch links, um ihnen beizustehen. Keiner dachte daran, ihrer Seele sich anzunehmen. Vor sich selber hätten sie fliehen müssen und es war keinerlei Kraft dazu in ihnen; ja eben vor ihrer eigenen Kraft mußten sie die Flucht ergreifen. Aber mit welcher Kraft dann fliehen, mit welcher Kraft die eigenen Gaben und Fähigkeiten, die Gott geschenkt, auf Gott richten, daß sie da vollendet würden und ihre volle reine Wirklichkeit im „Worte“ fänden; wenn alles, was in ihnen, um sie herum und selbst unter ihnen war, auf dem Wege nämlich, den sie wandelten; wenn alles dies nichts zu ihrem Wohle beitragen konnte! Die Kirche deutet es an.

Wie schön sie den heiligen Geist feiert: „Komme, heiliger Geist, Schöpfer!“ Fürwahr allmächtig muß dieser Geist sein, schaffen muß er; denn nichts findet Er vor, nur Ohnmacht, nur Tod, nur und rein Nichts. Er muß der Seele alles sein. Und so preist ihn auch die Kirche als „Licht“ in der Finsternis: „Komm', heiliger Geist und sende einen Strahl Deines Lichtes vom Himmel.“ Sie preist Ihn als „Vater der Armen“, als „Geber reicher Geschenke“, als „Leuchte der Herzen“. Kein „Tröster“ kann mit Ihm verglichen werden; kein „Gast“ ist so liebewert wie Er für die Seele; keine „Labsal“ so süß und erfrischend wie seine Gegenwart. Nichts Gutes ist in uns ohne Ihn. „Schmutz“ sind wir; Er reinigt. „Trocken“ sind wir; Er wäscht unsere Seele in Thränen der Zerknirschung. „Kalt“ sind wir; Er wärmt. „Hart“ sind wir; Er beugt und erweicht. „Krank“ sind wir; Er heilt. „Auf Irrwegen“ wandeln wir; Er führt auf den rechten Weg. Auf alle Wirkungen des göttlichen Wortes läßt Er Sich nieder, um alle zu befruchten. Da ist Er schnell, da langsam; dort härtet Er, hier erweicht Er; dort beugt Er nieder, hier richtet Er auf; da fließen aus dem Felsen, auf den Er geschlagen, Thränenquellen; dort zaubert Er das holde Lächeln geistigen Frohlockens auf das Antlitz der Seele.

Wie reich muß dieser Geist sein, von dem die erhabensten Seelen so gesättigt werden, daß sie immermehr dürsten; und so dürsten, daß sie immer voll gesättigt sind! „Hauchen“ nennt die deutsche Sprache das Ausgehen des heiligen Geistes vom Vater und Sohn. Der Hauch, das Atmen kommt aus dem innersten Herzen. Mögen alle Glieder, alle Sinne wie tot erscheinen; ist der Atem da, so lebt noch im Innersten der Mensch. So kommt aus dem Innersten des Wesens Gottes der heilige Geist, wie volles allreiches Leben. Der Vater liebt den Sohn; denn seine ganze Natur ist Güte, Liebe, Vollendung; „gut ist ja etwas, insoweit es vollendet ist,“ Gott aber ist die absolute Vollendung, Er ist die absolute Güte und Liebe. Der Sohn liebt den Vater mit der Natur, die der Vater Ihm gegeben. Aus jeder Liebe entsteht im Herzen ein Trieb, eine Neigung zum geliebten Gegenstande. Wie groß muß die Neigung sein im Vater und Sohn, die auf Grund dieser Liebe hervorgeht! Und welchen Gegenstand betrifft sie? Wieder die göttliche Natur: das Wesen Gottes, den Vater und den Sohn, die göttlichen Vollkommenheiten, seine Liebe, seinen Willen, seine Weisheit, die im Wesen Gottes enthaltenen Kreaturen. Diese Neigung, welche den [S. 116] Namen des heiligen Geistes trägt, neigt den Vater zum Sohne, den Sohn zum Vater, beide zu Sich selbst, zur göttlichen Natur, zur göttlichen Güte, zu den Kreaturen. Welch ein Meer der Liebe flutet da! Kraft der Liebe des Vaters zum Sohne geht der heilige Geist aus; und Er ist wieder persönlich Liebe und Er liebt wieder die reinste Liebe in Vater und Sohn und in sich selbst. O wahrlich, das ist ein „Hauchen“, das nicht mehr von einer gewissen Hitze des Herzens ausgeht, wie das unsrige; sondern wo die ganze volle Natur Gottes in Liebe zu Sich selber gleichsam überströmt.

Beständig müssen wir zwar Atem holen, wenn wir nicht untergehen wollen. Aber es besteht doch zwischen dem einen Atemholen und dem anderen ein kurzer Zwischenraum, wenn es auch nur der eines Augenblickes ist. In Gott jedoch wogt dieser heilige Hauch unaufhörlich, von Ewigkeit her ganz und gar ein und derselbe. Erfrischung führt der Atem in das warme Herz; und dieses würde vor Hitze vergehen, wenn nicht der kühlende Atem es erfrischte. O möchte für unsere Seele der heilige Geist eine solche Erquickung immer bringen. Wir haben wohl jeden Augenblick notwendig, mit der Lunge zu atmen, um das Leben des Leibes zu erhalten. Aber wir haben es noch weit nötiger, mit der Seele zu atmen, d. h. den heiligen Geist in unser Herz zu ziehen, um das Leben der Seele zu erhalten. Die wildesten Leidenschaften brennen in unserer Seele; und meinen wir die eine in etwa beschwichtigt zu haben, so brennt um so heftiger nicht selten die andere. Hat sich die Leidenschaft der Wollust, der Gaumenlust, der körperlichen Trägheit in etwa gelegt, so stammt oft genug um so heftiger der innere Stolz, die Selbstzufriedenheit, die Eitelkeit auf. Und nur gar zu oft vereinigen sich am Ende alle zusammen. Nachdem die Feinde unseres Heiles nach einigen Siegen, die wir über den Körper davontragen, unsere Seele in falsche Sicherheit eingewiegt haben mit ihrem „euge euge, wir haben es gesehen“, wie du stark und mutig bist; heißt es: „devoravimus eam;“ sie verzehren dann vermittelst der eitlen Selbstgefälligkeit ihr Opfer, indem sie alle alten totgeglaubten Leidenschaften wiedererwecken.

Da heißt es mit dem Psalmisten zu sagen: „Meinen Mund habe ich geöffnet und Geist habe ich eingesogen.“ Das können wir aber nur, wenn wir so recht das Gefühl unserer Ohnmacht, die kraftvolle Überzeugung von unserem Nichts in uns lebendig halten. Nur soweit unser Geist uns verläßt, der Geist des Fleisches; soweit zieht der heilige Geist in uns schaffend und neugestaltend ein. „Mein Geist schwand von mir: Du o Herr, hast meine Pfade erkannt.“ „Deiner Ratschlüsse gedachte ich: Trost erfüllte meine Seele.“

 

 

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Letzte Änderung am 1. August 2012.
Gregor Emmenegger