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Thomas von Aquin - Summe der Theologie
Prima Pars

Quaestio 30

Prooemium

Iª q. 30 pr.
Deinde quaeritur de pluralitate personarum. Et circa hoc quaeruntur quatuor. Primo, utrum sint plures personae in divinis. Secundo, quot sunt. Tertio, quid significent termini numerales in divinis. Quarto, de communitate huius nominis persona.

 

Dreißigstes Kapitel.
Die Mehrheit der göttlichen Personen.

Überleitung.

„In einzig besonderer Weise bin ich, so lange ich vorübergehe.“ (Ps. 140.)

Es scheint manchmal, als ob es nicht möglich sei, daß die Natur von sich aus nicht zur Kenntnis der heiligen Dreieinigkeit führe, wenn man so oberflächlich die Erörterungen des heiligen Thomas liest. Die Verhältnisse in der Natur erscheinen da so geordnet gemäß der einen Natur und [S. 49] den drei Personen, daß es manchmal einem vorkommen könnte, es sei leichter, zur Kenntnis der drei Personen zu gelangen, wie zur Kenntnis der Vollkommenheiten der göttlichen Natur. Daß unsere Vernunft ein „Wort“ erzeugt, daß der Wille einen inneren Antrieb in sich hervorbringt, daß trotzdem das „Wort“ eins bleibt mit dem Erkenntnitzvermögen, die Liebe eins mit dem Wollen oder vielmehr beides eine um so höhere Einheit wird, als die betreffenden Vermögen dadurch näher hin zur Thätigkeit gerichtet werden; — ist dies nicht so klar, ist dies nicht so vollkommen, liegt nicht in diesem Unterschiede innerhalb des Vermögens weit entfernt von Ohnmacht gerade reine Stärke und Macht, da dadurch eben die Einheit somit die Quelle aller Stärke vermehrt erscheint, daß es ganz natürlich erscheint, dies alles: Einheit und Verschiedenheit auf Gott zu übertragen?

Und hier im vorigen Artikel hebt der Engel der Schule noch eigens hervor: „Das Vollkommenste in der vernünftigen Natur ist die Person;“ warum also sie nicht auf Gott übertragen?

Es wird dabei übersehen, daß diese geschöpflichen Verhältnisse erst unter dem Lichte der Offenbarung sich in solcher Klarheit darstellen, daß erst unter diesem Lichte die Schöpfung „bis auf ihre innersten Fundamente sich entblößt“ und ihre volle Hilflosigkeit zeigt. Das Auge des Geschöpfes kann sich jetzt fest richten auf das Nichts, nachdem von oben her die ganze Fülle an Sein, nicht bloß nach der Natur hin, sondern auch nach der Person oder dem Einzelnen hin sich geoffenbart, also gleichsam ein Gegengewicht geschaffen worden.

Sodann hat eben Gott geschaffen wie Er ist, mag auch die geschöpfiiche Natur unvermögend sein, die Beschaffenheit des inneren Willens Gottes zu zeigen. Immerdar hat Gott also als Dreieiniger geschaffen; und deshalb leuchten die Spuren von diesem Geheimmnisse überall entgegen, wenn einmal Gott selbst das Innere der geschöpflichen Natur zeigt.

Und warum kann in letzter Linie die Natur ohne Gottes Hilfe zum Dreieinigen nicht führen? Sie kann nur führen, soweit sie den Grund für ihr Sein in sich enthält. Sie enthält für das Einzelsein in sich keinen Grund. Also kann sie auch nicht zum Princip des Einzelseins in Gott, zu den Personen Gottes, führen. Dafür, daß der Mensch Mensch ist, dafür hat er in sich, in seinem menschlichen Wesen den inneren Grund. Aber daß er hier ist oder dort, daß er klein ist ober groß; dies hat im Wesen des Menschen keinen Grund. Denn dieses kann unter allen diesen Einzelheiten gleichmäßig sein, ohne an und für sich Schaden zu nehmen.

Nun ist aber das Einzelne gerade als solches der Grund vom Wirkichen. Nur was einzeln ist, ist wirklich. Das Einzelne schließt in sich ein das Wesen und die Vermögen des Dinges. Sobald also der erstbestimmende Grund gerade des Einzelnen als Einzelnen bekannt gemacht worden war in den göttlichen Personen, offenbarten sich auch unendlich mehr Fäden, mit denen die Natur mit Gott verbunden ist; aber zugleich, daß sie niemals aus sich heraus, da sie den bestimmenden Grund des Einzelnen nicht in sich hatte, zur Kenntnis der Personen Gottes und somit auch nicht zur vollen Kenntnis ihrer so mannigfachen, unendlich tiefen Beziehungen zu Gott gelangen konnte.

Deshalb freut sich der erleuchtete Prophet, daß nun von allen seinen einzelnen Handlungen der bestimmende Grund offen vorliege. „Herr! einen ganz einzigen Weg hast Du mir vorgeschrieben in der Hoffnnmg,“ ruft er aus. Und er freut sich seiner Sicherheit; trotzdem Gott ihn in [S. 50] einziger, von allem verschiedener Weise leitet: „Einzig stehe ich da, während ich vorübergehe.“

Isaias aber hatte die starken und zahlreichen Fäden geschaut, mit denen der Dreieinige durch alle verschiedenen Geschöpfe und ihre einzelnen Verhältnisse hindurch jeden Einzelnen von uns findet und mit unwiderstehlicher Gewalt zu Sich zieht: „Deine Fäden hast Du wie Netze ausgeworfen und sie sind gerettet worden.“ Den einen zieht Gott so an sich, den anderen so; aber immer aus Liebe, immer indem Er mit seinem Einflüsse zugleich die Freiheit und Selbständigkeit erhält und vermehrt: „Niemand kann zum Vater kommen,“ sagt der Herr selber, „wenn nicht der Vater ihn zieht.“ Und der Psalmist weist auf die Ewigkeit zurück, um die verschiedenen, aber so festen Wege der Auserwählten zu erklären: „Du hast ihnen Dein Erbe verliehen und jedem es angewiesen mit dem Faden der Verteilung“ (7, 7.); „alle ihre Wege und die Fäden, mit denen sie gezogen worden, hast Du erforscht“ „Ich habe Dich an mich gezogen,“ bestätigt Gott durch seinen Propheten, „in Erbarmung.“

Was ist denn zuerst im Künstler vorhanden? Der Wille, ein Kunstwerk zu machen und zwar es für diesen besonderen Zweck, für diesen Platz, für diese Zeit, unter ganz bestimmten Verhältnissen zu machen. Ehe selbst in seiner Vernunft die lebendige Kunstform entsteht, müssen die Einzelheiten, welche auf das Werk einwirken und unter denen es bestehen soll, ihm gegenwärtig sein. Was ist aber umgekehrt im Kunstwerke selber, in seiner Ausführung nämlich, an erster Stelle vorhanden? Das allgemeinste Vermögen: der rohe Stoff, der leere Platz, die Werkzeuge, die ausführenden Kräfte in völlig unbestimmter Weise. Nach und nach erst gewinnt das Kunstwerk immer mehr Bestimmtheit und damit größere Vollkommenheit. An letzter Stelle kommt dann die Vollendung in allen Einzelheiten. Es steht zu gegebener Zeit an seinem Platze und besitzt in allen seinen Teilen die Form, welche ihm von vornherein bestimmt war.

So können wir jetzt nach der Offenbarung der heiligen Dreieinigkeit gerade das Einzelne als solches, d. h. als maßgebendes Moment für alles Allgemeinere bis zu seinem wahren Grunde hinauf, bis zur wahren Quelle alles Einzelnen, bis zu den göttlichen Personen hin verfolgen. Diese sind ihrem wesentlichen Charakter nach einzeln; und zugleich sind sie in Wirklichkeit eins mit der allgewaltigen, allweisen und allvorsehenden Natur Gottes, dem ersten Urgründe des Universum.

Der heilige Thomas kommt immer in seinen Darlegungen, auch hier im tiefsten Geheimnisse des Glaubens, so weit, bis daß wir am Sinnlichen uns festhalten können; bis daß unsere Vernunft gleichsam wie einen Probierstein die Wahrnehmung der äußeren sinnlichen Erscheinungen als Bestätigung ihrer Wahrheiten und als Ruhepunkt besitzt. Warum? Der Sinn ist an und für sich gewisser wie die Vernunft. Der Sinn hat zum Gegenstande das Einzelne als solches, das nämlich, was außen erscheint; und er ist mit Naturnotwendigkeit an das Äußere gebunden, so daß die einzelne Wirklichkeit ihm näher steht wie der Vernunft. Letztere erkennt die einzelne Wirklichkeit nicht an sich, wie Thomas oben bemerkte, denn diese Wirklichkeit hat als solche keinen Grund in sich. Die Vernunft erkennt wohl das Wirkliche oder Einzelne; aber nur auf Grund des inneren allgemeinen Wesens und soweit es vom Wesen getragen und durchdrungen ist. Nur soweit der einzelne Mensch menschlich ist, erkennt sie ihn; denn sie kann nur vermittelst des Grundes erkennen. [S. 51]

Der Sinn jedoch erfaßt das Einzelne, Wirkliche; freilich nur als äußere Erscheinung, ohne irgendwie den Grund davon zu erfassen. Die Vernunft erfaßt mit Hilfe der Sinne unmittelbar das Wirkliche nur insoweit, als es im allgemeinen Gattungswesen begründet ist. Jeder von beiden Arten von Erkenntnis fehlt etwas und einer jeden wohnt ein Vorzug inne. Der Sinn hat höhere Evidenz. „Ich habe es mit meinen Augen gesehen,“ ist der Ausdruck der höchsten Gewißheit. Es mangelt aber dem Sinn der Grund von dem, was er erkennt. Und umgekehrt ist es bei der Vernunft der Fall. Ihre Gewißheit ist oft höchst schwach: „Ungewiß ist unsere Voraussicht;“ heißt es Sap. 9. Aber von dem, was sie erkennt, weiß sie immer irgend welchen Grund anzugeben.

Die Offenbarung verbindet die beiderseitigen Vorzüge und füllt aus den Mangel. Sie wirft ihr Licht auf das Einzelne. „Einzeln stehe ich da, während ich vorübergehe.“ Es wäre ein Irrtum, zu meinen, die Offenbarung befasse sich bloß mit einigen allgemeinen Wahrheiten. Nein; diesen Wahrheiten gerade wohnt es ihrer Natur nach inne, daß sie den ganzen Menschen, Sinn und Vernunft, mit Licht erfüllen. Sie gerade enthalten, eine jede in ihrer Weise, diese einzige, immer wiederkehrende Wahrheit, daß der Dreieinige allein für alles Einzelne hier auf Erden den vollen Grund in sich enthält und daß Er alles Einzelne leitet. „Es gehört zur Würde der Person, daß sie Gewalt hat über ihre Handlungen.“ Nun; die Personen in Gott haben allein die unumschränkteste Gewalt, die ungemessenste Weisheit. Denn sie sind eins mit der göttlichen Natur; und eben die Fülle des Reichtums dieser Natur verleiht es ihnen, daß sie voll wirkliche Personen in der höchsten Einheit der Natur sind.

Sie bestimmen in der Weisheit, in der Macht, in der Ewigkeit der Natur des höchsten Grundes alles Einzelne und regeln danach alle allgemeinen Vermögen, aus welchen je das Einzelne fließen soll. Die einzelnen verdienstvollen Handlungen der Auserwählten sind zuerst von ihnen bestimmt; und danach regeln sich die natürlichen Verhältnisse der Dinge. Die Verdienste der Auserwählten aber sind bestimmt je nach dem einzelnen Grade, in welchem sie teilnehmen sollen an der Herrlichkeit des Ewigen. Das ist der Trost des Propheten, wenn er sagt: „Allein stehe ich da, in einer einzig besonderen Weise bin ich, während ich vorüberwandle.“ Er ist allein mit Rücksicht auf die anderen Menschen. Aber der Grund all der Schicksale, die ihn treffen, bis zu den kleinsten, ist der höchst geregelte, höchst gerechte, höchst barmherzige. Seine Schritte sind geleitet von den göttlichen Personen selber, die ja nur eine einige volle unermeßliche Liebe sind. Deshalb faßt Er Hoffnung, daß Jener, der den Anfang gemacht, auch die Vollendung geben werde: „Denn Du hast in einzig dastehender Weise, verschieden in seinen Einzelheiten von allem Anderen, meinen Weg in die Hoffnung versenkt.“ (Ps. 4.)

 

 

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Letzte Änderung am 1. August 2012.
Gregor Emmenegger