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Thomas von Aquin - Summe der Theologie
Prima Pars

Quaestio 29

Prooemium

Iª q. 29 pr.
Praemissis autem his quae de processionibus et relationibus praecognoscenda videbantur, necessarium est aggredi de personis. Et primo, secundum considerationem absolutam; et deinde secundum comparativam considerationem. Oportet autem absolute de personis, primo quidem in communi considerare; deinde de singulis personis. Ad communem autem considerationem personarum quatuor pertinere videntur, primo quidem, significatio huius nominis persona; secundo vero, numerus personarum; tertio, ea quae consequuntur numerum personarum, vel ei opponuntur, ut diversitas et solitudo, et huiusmodi; quarto vero, ea quae pertinent ad notitiam personarum. Circa primum quaeruntur quatuor. Primo, de definitione personae. Secundo, de comparatione personae ad essentiam, subsistentiam et hypostasim. Tertio, utrum nomen personae competat in divinis. Quarto, quid ibi significet.

 

Neunundzwanzigstes Kapitel.
Die drei göttlichen Personen

Überleitung.

„Und es erschienen die Wasserquellen: und offenbar wurden die Fundamente des Erdkreises.“ (Ps. 17.) Die erfrischenden Wasserquellen des Geistes strömen von oben her ihre Wasser herab; und nackt liegen da die Fundamente des Geschaffenen. Thomas führt das Licht, welches aus dem Grundgeheimnisse des übernatürlichen Glaubens strömt, hinein in das Innerste der Dinge; und kein falscher Schein vermag mehr die geschöpfliche Wahrheit zu verhüllen und den Geist zu täuschen. Dies stellt sich immer mehr heraus, je mehr er die Leuchte des Glaubens nicht zwar in ihrem inneren Glänze untersucht — dies ist von vornherein vergeblich, — wohl aber sie anwendet auf die geschöpflichen Verhältnisse und zeigt, daß von diesen aus nicht nur kein Widerspruch gegen das Geheimnis erhoben wird, sondern daß dieselben sich unter dem Geheimnisse schöner ordnen und glanzvoller klären.

Der Engel der Schule benützt, um die Würde der drei göttlichen Personen in ihrer erfaßbaren Wurzel dem Geiste vorzuhalten, das Wechselverhältnis, in welchem die Substanz im geschöpflichen Dinge zu den hinzutretenden Formen steht. Die letzteren machen die Substanz erst zu einer in der einzelnen Wirklichkeit bestehenden und ermöglichen ihr so das Thätigsein; sie selbst finden hinwieder ihrerseits in der Substanz ihr wesentliches wirkliches Sein. In der That kann die Substanz „Mensch“ von sich aus gar nicht wirklichees Sein haben; denn sie ist allgemein und jedes wirkliche Sein muß, um bestehen zu können, bis ins einzelnste hinein nach Zeit, Ort, Figur, Vermögen etc. [S. 34] bestimmt sein. Woher kommen der Substanz „Mensch“ diese einzelnen Bestimmungen? Durch die zur Substanz hinzutretenden Formen oder Eigenschaften: durch das zufällige Wirklichsein der Existenz zuvörderst selber, das mit der Substanz „Mensch“ nicht gegeben ist, sondern von außen her hinzutritt; und auf Grund dieser Existenz durch die übrigen, welche den Menschen beMigen, thätig zu sein. Die Ideen, welche ihm von außen zugeführt weNn, machen ihn zum vernünftigen Erlenntnisakt geeignet; die Zuneigungen, welche der Wille in sich aufnimmt, zum vernünftigen Wollen. Die Eindrücke der Farben ermöglichen das thatsächliche Sehen, die Einflüsse der Wärme und der Kälte das thatsächliche Fühlen. Zur Substanz „Pflanze“ tritt der Lichtstrahl von oben hinzu; und sie keimt. Dem Tiere stellt sich die Beute vor und es läuft darauf zu. Je mehrere diese zur Substanz hinzutretenden Formen der Vermögen, der Fähigleiten, der Gewohnheiten und zufälligen Eindrücke sind und je größere MannigfAltigkeit sie umfassen, desto mehr dienen sie der Thätigkeit der Substanz und desto mehr wirkt diese letztere in Wirklichkeit selber.

Andererseits aber haben diese selben Formen gar nicht einmal ein Sein für sich betrachtet; sondern ihr ganzes Sein finden sie im Sein der betreffenden Substanz. „Ihr Sein ist,“ sagt oben Thomas, „ein In-Sein, ein inosgo, ein der Substanz innewohnendes Sein.“ Sie sind nicht in der Wirklichkeit, ^ußer in der Substanz. Das Weiße an der Mauer ist nicht für sich; sein Sein ist das der Mauer, von einer weißen Mauer spricht man. Die Idec in mir ist meine Idee; sie hat wirkliches Sein nur durch meine Substanz. Von mir, von meiner Substanz hat es mein Auge, daß das Lichtbild im Auge, daß das entsprechende thatsächliche Sein existiert.

Dieses Wechselverhältnis der einen immer dieselbe bleibenden Substanz und den hinzutretenden verschiedenen Formen oder Thätigkeiten muß recht fest ins Auge gefaßt werden, damit jegliche Zweideutigkeil verschwinde. Inwiefern giebt die Substanz den ihr zufallenden Formen ihr Sein; und inwie-fer^bringen diese zur Substanz Sein? Meine Substanz „Mensch“ z. B. in wMem Verhältnisse steht sie zu meiner zufälligen einzelnen Idee und umgekehrt? Die Antwort kann gar nicht zWeiselhaft sein. Die Substanz ist an sich nur Möglichsein; von ihr aus folgt nicht die Wirklichkeit des Dinges; sonst würden unendlich viele einzelne Menschen existieren, da nach Maßgabe der Substanz keinerlei bestimmte Zahl bedingt ist. Die Substanz ist aber zugleich kein allseitig unbeschränktes Möglichsein. Die Substanz „Mensch“ z. B. kann in der thatsächlichen Wirklichkeit nicht Tier oder Holz sein. Vielmehr bietet sie dem Wirklichsein nur eine ganz bestimmte Stufe des Seins als Unterlage. Hier also liegt das vor, was von seiten der Substanz den hinzutretenden Formen, welche die Vermittlung bilden für die Wirklichkeit und für das Thätigsein, verliehen wird. Meine Idee erhält für das wirkliche Dasein von der Substanz „Mensch“ in mir den Charakter einer menschlichen Idee; und danach ist ihr ganzes Sein ein menschliches.

Und was bringen diese zufälligen Formen zur Substanz? Nicht allein daß sie dieselbe zu lebendiger Thätigkeit wecken; sie bringen ihr auch wirkliches Sein, was da von der Substanz verschieden ist, hinzu. Meine Idee z. B. ergänzt und vervollkommnet auch dem wirklichen Sein nach meine Substanz. Letztere nämlich hatte das Sein der betreffenden Idee vorher nicht in sich. Und woher kommt dieses neue Wirklichsein, welches die hinzutretende Form mit sich bringt? Offenbar von der Beziehung zur wirkenden Ursache, welche, nachdem einmal diese Formen mit der betreffenden Substanz [S. 35] vereinigt sind, dieselben nicht mehr als die ihrigen, ihrem Wesen eigenen, sondern nur als fremde ansehen kann.

So also stellt sich die Sache folgendermaßen. Welches ist das Wirklichsein dieser Formen? Ganz dasselbe wie das reine Wirklichsein der zu Grunde liegenden Substanz. Meine Idee ist eine wirkliche, weil und insoweit ich als Mensch bestehe. Nur in der Substanz gewinnen diese Formen Sein.

Ist deshalb die einzelne von diesen Formen oder Eigenschaften dem Wirklichen Sein nach ein und dasselbe wie die andere? Ist sie ein und dasselbe wie die Substanz? Ganz und gar nicht. Es existiert wohl ein und dieselbe dicke, weiße, hohe, schiefe etc. Mauer; aber deshalb ist das Dicke in ihr nicht das Weiße und nicht das Hohe oder Schiefe und noch weniger ist eine von diesen Zufälligkeiten die Mauer selbst. Meine Idee ist nicht dem wirklichen Sein nach meine Zuneigung; und mein Sehen ist nicht mein Hören und noch weniger ist etwas von allem diesem mein Menschsein. Und trotzdem besteht eine jede dieser Formen in ganz derselben einen Substanz „Mensch“; ihr Wirklichsein ist das dieser Substanz, ist mein menschliches Wirklichsein. Woher kommt dies? Weil die Substanz, soweit sie eine einzelne wirkliche, eine gewirkte ist, die Kraft hat, eine jede dieser Formen, sowie der Charakter einer jeden derselben es erfordert, zu wirklichen, thatsächlichen der bestimmten Gattung nach zu machen. Die Pflanze z. B. hat in ihrer einen substantiellen Wirklichkeit nicht die Kraft, das Lichtbild zu einem wirklichen ihr zugehörigen zu machen. Das Tier besitzt in seiner einen Wirklichkeit diese Kraft wohl; aber es kann der vernünftigen Idee in sich keine Wirklichkeit geben. Dazu hat der Mensch wieder die Kraft; aber es fehlt ihm jene andere, allem Erkennbaren zugleich kraft seiner eigenen Wirklichkeit thatsächliches Sein zu geben.

Steigen wir höher! Woher kommen diese zur Substanz hinzutretenden Formen, welche die Thätigkeit derselben ermöglichen? Es ist bereits gesagt worden. Von der Beziehung zu den wirkenden Ursachen. Diese Formen sind bloß die Vermittlung für die wirkende Ursache. Woher kommt das allen späteren, zur wirklichen Substanz hinzutretenden Formen zu Grunde liegende, an sich ebenfalls zufällige Wirklichsein der Substanz selber? Von der Beziehung zur rein wirkenden und demgemäß auf seiten der Wirkung nichts voraussetzenden ersten Seinsursache. In ihr, in dieser ersten Seinsursache, ist die innere Substanz selber aus sich heraus Wirklichkeit; diese Ursache ist wesentlich nichts als Sein.

Wie herrlich aber erscheint nun die Schöpfung als die Spur des Dreieinigen; wenn einmal es geoffenbart ist, daß auch im Ur-Sein selber Beziehungen sind! Die Kreaturen leben und wirken — das sehen wir — nur kraft der Beziehungen zu den wirkenden Ursachen und zumal zur ersten. Der Glaube sagt: in Gott selber seien derartige Beziehungen in aller Wirklichkeit vorhanden. Und nun erheben sich die Kreaturen und zeigen für unsere Vernunft von ihrem Innersten heraus, wie diese Beziehungen an sich wirkliche sein können und trotzdem der vollsten Einheit der göttlichen Substanz nicht schaden. Schäle nur das Unvollkommene von der Kreatur los, das nämlich, was ihrer innersten Natur als einem Vermögen, als Möglichkeit Gott gegenüber geschuldet ist; — und du kannst zwar nicht schauen, wie das ist, aber daß es so ist, dies zeigen in ihrem Beispiele die Geschöpfe. Die hinzutretenden Formen der Geschöpfe bringen etwas Wirkliches zur Substanz hinzu, wenn auch ihre eigene Wirklichkeit, soweit sie thatsächlich bestehen, die der Substanz ist. Denn diese geschöpflichen Substanzen, sind bloß [S. 36] Vermögen, etwas Wirkliches zu sein; und dazu sind sie bloß beschränkte, auf eine bestimmte Seinsstufe angewiesene Vermögen. Ihrem Mangel helfen die hinzutretenden Formen ab. Und weshalb? Weil sie aus der Fülle der wirkenden Ursachen und schließlich immer der ersten Ursache fließen. Die Beziehung zur ersten Ursache macht es ihnen möglich, die betreffende Substanz in deren stetiger Einheit zu vollenden.

Ein solcher Mangel besteht aber nicht in der Substanz Gottes. Dieselbe schließt keinerlei Vermögen, keinerlei Schranken in sich ein. Nur Kraft ist sie, nur Fülle ist sie, nur reine Thatsächlichkeit. Wenn also aus dem Wirklichsein der geschöpftichen Substanz die Kraft fließt, alle ihr entsprechenden hinzutretenden Formen mit ihrer einen Wirklichkeit zu durchdringen und sie dadurch selber zu wirklichen zu machen, ohne daß sie selber ihre Natur verlöre und ebenso nicht die betreffenden Formen den wirklichen Unterschied voneinander; —- wie soll dann die eine göttliche Substanz nicht die Kraft in sich enthalten, die ihr entsprechenden inneren Relationen zu wirklichen zu machen; eben weil dieselben an der einen Wirklichkeit der Substanz teilnehmen! Sie ist ja die höchste Wirklichkeit; sie ist in erster Linie der Grund, daß alles außer ihr Wirklichkeit hat, soweit ein jedes Wirklichkeit besitzt. Wenn schon das rein Mögliche, das Nichts, kraft des Einflusses der göttlichen Substanz die Nebenformen und Nebenbeziehungen durch die Teilnahme an ihr zu etwas Wirklichem macht; welche umfassende einheitliche Wirklichkeit wird dann nicht von dieser Substanz aus in die Relationen fließen, die keineswegs an sich nichts, die nicht von außen hinzutreten, die vielmehr durchaus in ihr selbst bestehen! Wie wird sie nicht kraft ihrer höchsten einzigen Wirklichkeit den Unterschied der Relationen auf Grund der Natur einer jeden derselben als einen durchaus wirklichen gestalten; so zu einem wirklichen, daß mitten im Stoffe die Spur des Dreieinigen im Wirklichen wiederstrahlt!

Man muß da wohl richtig verstehen, wenn gesagt wird, die Natur Gottes als eine einige sei das Princip der Thätigkeit Gottes nach außen hin. Das will nicht sagen, die göttliche Natur sei an und für sich ein Princip des Handelns, des Wirkens. Nein; aber die drei Personen wirken durch die eine und einige göttliche Natur nach außen. Die Person ist immer das erste Princip des Wirkens. In Gott nun ist die Natur so reich, daß in dieser einen Natur drei Personen bestehen, die da alle drei das eine göttliche Wesen haben. Deshalb ist die ganze Schöpfung in unlösbarer Einheit geschaffen, wie es Gottes Wille vorschrieb, und wird auch so regiert. Deshalb führt die Kreatur auch nur bis zur Kenntnis des Daseins der göttlichen einen Natur. Denn das Werk spiegelt die Form ab, nach der und durch die es gebildet worden und diese Form ist nur eine; wie die Sixtinische Madonna nicht zur Kenntnis Raphaels führt, sondern zur Kenntnis der entsprechenden Kunstidee in Raphael. Trotzdem aber erscheint, wenn der Schleier von oben her gelüftet worden, nun allsogleich dem übernatürlich erleuchteten Auge, bis tief in die Fundamente der Kreatur, bis tief in ihr Innerstes hinein die allwwatende und allordnende Spur des Dreieinigen. Was da oben in der Fülle des thatsächlichen reinen Seins in aller Klarheit thatsächlichen Seins thront; das erscheint unten in der Spur des geschöpflichen Vermögens, das da zur Bethätigung immer des wirkenden Einflusses von oben bedarf.

Die Substanz ist das Vermögen für die Wirklichkeit gemäß einer bestimmten Seinsstufe; die Fähigkeiten, welche aus der Substanz selber [S. 37] fließen, um die Beziehungen zu den einwirkenden Ursachen und zumal zur ersten herzustellen, sind die der Substanz notwendigen Vermögen, damit sie thatsächlich sei und durch ihr Wirken vollendet werde; das Princip für das Einzelsein, in den vernünftigen Wesen Person geannt, ist das Vermögen, alle von außen kommenden Einflüsse einheitlich zum Bestände der einzelnen Substanz als einer einzelnen zu leiten. Das ist die tiefste Spur in der inneren Grundlage eines jeden geschöpflichen Dinges, die da sich selber unbewußt nach der Einwirkung des Dreieinigen ruft, um je nach ihrer Weise zu seiner Verherrlichung thatsächlich beizutragen.

Und wie spiegelt sich da das Eine in der Dreiheit; wie klärt sich die Dreiheit im Einen! Die einzelne Person des Menschen ist ganz, der ganzen Substanz nach Mensch; und die ganze Substanz ist, getragen von der Person, eine durchaus einzelne. Die Vernunft, der Wille und alle anderen Fähigkeiten, die ja das Eine mit der Dreiheit vermitteln, die Substanz mit der Person, durchdringen sich gegensettig in ihrer Thätigkeit, verfolgen der Person gemäß der Richtschnur der Substanz. Die Person leitet; kraft der Substanz. Die Substanz wird vollendet mittels der Person. Die wesentlichen Fähigkeiten dienen der Substanz als einer einzelnen. Und geht eines von diesen drei Elementen zu Grunde, so bestehen auch die beiden anderen nicht mehr.

Was ist selbständiger als die Person; was mitteilbarer als die Substanz! Ihrer Natur nach will die Substanz in vielen sein; ihrer Natur nach ist die Person etwas von allem Getrenntes! Wie schön versöhnt sich aber dieser Gegensatz! Der Dreieinige versöhnt ihn zuerst in Sich selber in vollkommenster Weise. Vom Vater wird die ganze göttliche Substanz nicht im geringsten beschränkterweise etwa nur der Gattung nach, sondern die der Zahl nach eine göttliche Substanz wird dem Sohne mitgeteilt; vom Vater und Sohne aus geschieht dasselbe gegenüber dem heiligen Geiste. Da ist keine Wesensgemeinschaft mit anderem Sein mehr möglich. Keine Wechselbeziehung mit anderen Dingen ist da mehr statthaft. Nicht der mindeste Einfluß von außen darf da irgendwie maßgebend eindringen. Ist mir doch nichts mehr eigen als meine Person. Nichts schließt von meinem Sein alles Andere so aus und trennt von allem Anderen so, wie meine Person. Ich will wohl die Verbindung mit anderem Sein; aber nur weil meine Natur der Vollendung bedarf und dabei immer so, daß ich als von allem Anderm getrennt Person vollendet werde.

Die Natur Gottes nun ist Allmacht; die Natur Gottes ist Wille; die Natur Gottes ist Wissen; die Natur Gottes ist Bestimmen, Wirken. Diese ganze Natur aber in ihrer vollen Vollendung wird von der Person des Vaters dem Sohne mitgeteilt. Also kann gar nichts Anderes aus sich selber Gott ähnlich sein. Denn „Person“ besagt Abgeschlossenheit. Nur der Sohn ist kraft seiner Natur ähnlich dem Vater. Die ganze göttliche Natur wird vom Vater und dem Sohne dem heiligen Geiste mitgeteilt. Also kann niemand rein aus sich selber, aus der eigenen Natur heraus Gott lieben. „Person“ bedeutet Abgeschlossenheit. Nur der heilige Geist liebt traft seiner Natur den Vater und den Sohn; denn Er hat die eine selbe göttliche Natur. Keine Macht außer dem Dreieinigen; keine Weisheit ohne Ihn; keine Güte ohne Ihn!

„Es sind erschienen die Quellen; und offenbar sind worden die Fundamente des Erdkreises;“ sagt der Psalmist. Die absolute Unfähigkeit aller Natur, in welch hohem Grade des Seins sie sich such fände, [S. 38] ist überaus klar, gemäß der sie nicht im entferntesten in sich die erste Quelle für die thatsächliche Selbstbestimmung haben kann. Gottes Natur allein ist Wille; seine Natur allein ist Kraft. Und diese Natur ist die eine durchaus und allseitig unmitteilbare Kraft der drei Personen, die in ihr subsistieren; denn Person sein heißt: unmitteilbar sein. Nur der Wille Gottes allein — Er selbst kann sich dies nicht nehmen, sowie der Mensch es sich nicht nehmen kann, daß er von Natur vernünftig ist — der Wille Gottes allein darf bestimmen nach der Richtschnur, wie dies in seinen ewigen Ideen enthalten ist; und nur kraft seines Einwirkens bestimmt sich im Einzelnen Falle ein anderer Wille.

Gottes Natur allein ist Wahrheit; und diese Natur ist durchaus unmitteilbar kraft der drei Personen, die in ihr subsistieren. Gott sieht außerhalb Seiner selbst keinerlei Wahrheit, die unabhängig von Ihm da bestände, von der Er nicht die Ursache und Stütze wäre. Dieses Fundament des Erdkreises ist festzuhalten. Das Nichts ist das Fundament des Erdkreises vom Geschöpflichen selber aus. Der Wille Gottes, die Weisheit Gottes allein ist es für die positive, thatsächliche Wirklichkeit. „Er wird die Erde zerstreuen und sie nackt hinstellen bis in ihre Fundamente hinein,“ ruft der Prophet aus. Gott hat dies erfüllt in der Offenbarung des Grundgeheimnisses alles übernatürlichen Glaubens. Daß Er auch vor den Augen unseres Geistes den irdischen täuschenden Schein zerstreue und vor uns nackt hinstelle unser Nichts und seine Macht!

Mögen dann die Feinde immerhin rufen: „Vernichtet diese Seele bis auf die Fundamente in ihr.“ Sie können den Leib töten, aber das feste Fundament, dessen Zeichen ist, „daß Gott kennt die Seinigen;“ das kann keine Kraft der Welt und der bösen Geister zerstören. Unglück, Leid, Tod stellen es nur nackter und gebietender vor aller Augen. Es wird dann um so mehr die Macht des Dreieinigen gesehen, wenn die Stützen der Kreaturen vor aller Augen zusammensinken.

Der Mensch sehnt sich nach nichts in höherem Grade, als nach freier Selbständigkeit. „Ihr werdet sein wie Gott;“ dies war die erste Versuchung. Der Mensch übersieht die Fehler in den Personen oder in den Dingm, zu denen er persönliche Zuneigung hat. Er läßt sich zu gern von seinen persönlichen Neigungen oder Abneigungen leiten, anstatt nach der Richtschnur des Wesens und der Natur der Dinge, anstatt nach Maßgabe seiner eigenen vernünftigen Natur zu verfahren. Er verwechselt seine Persönlichkeit mit der Gottes. In Gott allein ist Natur dem wirklichen Sein nach Person; in Ihm allein ist sein persönlicher Wille entscheidende Richtschnur.

Den Personen in Gott allein ist es eigen, zu bestimmen, zu wollen, was ihnen gefällt, ohne nach einer anderen Richtschnur fragen zu müssen. Ihnen gehört es, „zu verhärten, wen sie wollen und Barmherzigkeit zu üben, an wem sie wollen,“ ohne Rücksicht auf irgend etwas Anderes. Denn den heiligen göttlichen Personen allein eignet es zu, über eine Natur zu verfügen oder vielmehr mit einer Natur ein und dasselbe in Wirklichkeit zu sein, die da alle Macht, alle Weisheit, alles Gute in Sich enthält; und welche gerade sie eben auf Grund der Persönlichkeit von allem Anderen abschließen, so daß außerhalb ihrer selbst keine Macht, keine Weisheit, keine Güte besteht, als insoweit sie wollen und bestimmen.

Der Mensch aber ist an die Natur der Vermögen gebunden, die in ihm sind; er ist an die Natur der Substanzen gebunden, die ihn umgeben; [S. 39] die Richtschnur des Weges ihrer und seiner Vollendung ist ihm außerhalb seiner selbst gezogen. Und nur gemäß dieser Richtschnur darf er wandeln. Ist dies ein Zwang für ihn? In keinem Falle! Wer zieht denn diese Richtschnur? Da oben im Schoße der Dreieinigkeit ist sie gezogen. Wohin also kann sie nur führen? Nur zum Dreieinigen. Aber eben der Dreieinige allein schließt alle Macht und alle Güte und alle Fülle, alle Freiheit und Selbständigkeit in Sich ein. Folgt also der Mensch dieser Richtschnur nicht; möchte er die freie Selbständigkeit Gottes nur dem trügenden Scheine gemäß nachahmen und in dieser Weise „wie Gott sein“; so gelangt er notwendig nur zu Schwäche, Bosheit, Mangel, Sklaverei. Und noch dazu hat er dann das, was an positivem Sein in ihm bleibt, immer wieder von Gott. Zerrissen im Innersten will er sich selber und will sich wieder nicht.

Folgt er aber der Richtschnur, welche infolge des geheimen Ratschlusses der heiligen Dreieinigkeit ihm die Kreaturen, die Gebote Gottes, die Beispiele Christi und die besonderen Gnadeneinsprechungen vorschreiben, so gelangt er zur Freiheit der Kinder Gottes, zur Teilnahme an jener freien Güte und Selbständigkeit, von der die drei göttlichen Perjonen das Princip sind. Was an Güte, Kraft, Weisheit, Selbständigkeit in den Kreaturen sich vorfindet, das kommt allein von der ihnen, den drei heiligen Personen, wohnenden Güte, Kraft, Weisheit, Freiheit. Sie zeigen uns damit den Weg zu ihrer reinen Seinsfülle. Von diesem Fundamente spricht der Psalmist, wenn er sagt: „Wasserquellen sind von oben her erschienen und offenbar sind worden die Fundamente des Erdkreises!“ Thomas beginnt nun, auf Grund der Relationen die Herrlichkeit der göttlichen Personen zu beschreiben.

 

 

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Letzte Änderung am 1. August 2012.
Gregor Emmenegger