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Thomas von Aquin - Summe der Theologie
Prima Pars

Quaestio 2

Prooemium

Iª q. 2 pr.
Quia igitur principalis intentio huius sacrae doctrinae est Dei cognitionem tradere, et non solum secundum quod in se est, sed etiam secundum quod est principium rerum et finis earum, et specialiter rationalis creaturae, ut ex dictis est manifestum; ad huius doctrinae expositionem intendentes, primo tractabimus de Deo; secundo, de motu rationalis creaturae in Deum; tertio, de Christo, qui, secundum quod homo, via est nobis tendendi in Deum. Consideratio autem de Deo tripartita erit. Primo namque considerabimus ea quae ad essentiam divinam pertinent; secundo, ea quae pertinent ad distinctionem personarum; tertio, ea quae pertinent ad processum creaturarum ab ipso. Circa essentiam vero divinam, primo considerandum est an Deus sit; secundo, quomodo sit, vel potius quomodo non sit; tertio considerandum erit de his quae ad operationem ipsius pertinent, scilicet de scientia et de voluntate et potentia. Circa primum quaeruntur tria. Primo, utrum Deum esse sit per se notum. Secundo, utrum sit demonstrabile. Tertio, an Deus sit.

 

Zweites Kapitel.
Das Dasein Gottes.

Überleitung.

Da nun die hellige Lehre hauptsächlich durch die Absicht beherrscht wird, die Kenntnis Gottes zu verbreiten, und zwar nicht nur, insoweit Er in Sich ist, sondern auch insoweit Er als Urgrund und Endzweck aller Kreatur dasteht und zumal der vernünftigen, so werden wir handeln

I. über Gott,

II. über die Hinbewlgung der vernünftigen Kreatur zu Gott,

III. über Christus, der als Mensch für uns der Weg zu Gott hin ist.

Die Untersuchung über Gott teilt sich wieder in drei Teile. Denn erstens wird erwogen werden müssen das, was auf das Wesen Gottes Bezug hat; zweitens die Verschiedenheit der drei göttlichen Personen; drittens das Ausgehen der Geschöpfe von Gott.

Die Behandlung des Wesens Gottes schließt in sich
1. die Frage, ob Gott ist,
2. wie Er ist oder vielmehr wie Er nicht ist,
3. alles jenes, was erforderlich ist, um zu wirken, also sein Wissen,
Wollen und Können.

„Wie die ungestüme Gewalt vieler Wasser, die da überschwemmen und sich verbreiten über die weite Erde" (Is. 28), so erscheint überflutet die Erde mit allen ihren Geschöpfen von den Wassern des Heiles nach der oben gegebenen Erörterung über den Umfang und Zweck und die Verfahrungsweise der heiligen Wissenschaft. „Die Schleusen des Himmels sind geöffnet und ausbrechen alle Quellen des Abgrundes." Unter dem Herabströmen des fruchtbaren Regens der Offenbarung eilen die Kreaturen herbei, um desgleichen Quellen heiliger Kenntnis und Träger göttlichen Lichtes zu werden. Weit öffnet Thomas in den vorhergehenden Artikeln die Thore der Schöpfung und die Kreaturen bereiten sich vor, „einzutreten in den himmlischen Palast mit lautem Jubel und zu bekennen mit Freudegesängen" das Dasein und die Herrlichkeiten des Dreieinigen.

„Soweit etwas Beziehung hat zum Urgründe und zum Endzwecke, gehört es zu dieser Wissenschaft." So hatte Thomas den Umfang der Heiligen Theologie bezeichnet. Aber was hat nicht Beziehung zum Urgründe und zum letzten Zwecke? Vom höchsten der erhabenen Geister an bis zum letzten Wurme, der kaum am Boden zu kriechen vermag; von der glänzenden Sonne und den gewaltigen Fixsternen an bis zum Staubkörnchen, das jeder Hauch des Windes bewegt; Licht und Finsternis, Leben und Tod, Anfang und Ende; überall bewegt, lebt, wirkt der allbarmherzige Urgrund. „Das Himmelreich ist gleich einer Frau, welche einen Drachmen verloren und die das Licht anzündet und in jede Ecke von oben bis unten hineinleuchtet." So, geradeso leuchtet hinein in die Schöpfung die geoffenbarte Wahrheit. Wo auch immer etwas Geschöpfliches, wo auch immer ein wenn auch noch so schwaches Sein ist, wo auch immer sich etwas regt, in die verborgensten Winkel hinein leuchtet die ewige Leuchte. Die Frau, welche die Leuchte hineinhält in alle Ecken und Winkel der Schöpfung, ist die heilige Wissenschaft. Der freie Willensakt erscheint in ihr angethan mit dem Herrschergewande der Gnade; die Vernunft glänzt und strahlt da im Hochzeitskleide des Glaubens; die natürliche Klugheit wird Weisheit, die Gerechtigkeit Liebe, die Stärke unüberwindliche Beharrlichkeit, die Mäßigkeit Herrschaft über sich selbst und alle Kreaturen. Heilige Theologie! Leuchte nur immer [S. 102] hinein in die tiefsten Tiefen der Kreatur; du bringst dem Wissen vermehrte Herrlichkeit und dem Wollen vollendete Festigkeit. Der flüchtige Gedanke selber entflieht dir nicht. Du sagst ihm: „Wir sind nicht imstande, etwas wie aus uns selber zu denken." Das leicht gesprochene Wort, du hältst es fest und sagst ihm: „Für jedes Wort müssen wir Rechenschaft geben." Und selbst die Sünde erscheint schamvoll vor dir. Du verkündest dem Sünder Erlösung und zeigst in der Sünde selber, wie Gott sie nur zugelassen, damit Er sich aller erbarme. „Gott hat alles in Unglauben eingeschlossen, damit Er sich aller erbarme!"

Daß niemand erwarte, die Offenbarung werde sich der natüllichen Forschung feindlich zeigen, die Gnade werde die Freiheit zerstören und das Gesetz Gottes alle übrigen Gesetze überflüssig machen. Was auch immer von Gott kommt, das kann nur jenes erhalten und stärken, was Gott selber geschaffen. Und wenn der Dreieinige nicht etwa bloß einzelne Geheimnisse, sondern geradezu Sich selber, sein eigenes Sem und Wesen offenbart, so kann in der geoffenbarten Wahrheit für alle andere Wahrheit und für alles Sein nur das schließliche Heim und die endliche Vollendung geboten werden.

Wonach strebt das Wissen? Nach Zuverlässigkeit, nach Klarheit. Hier nun in der Theologie wird ihm als tiefster Grund und als durchdringende Stütze geboten die göttliche Autorität, das Wesen Gottes selber. Wonach strebt die Freiheit? Nach Selbständigkeit. Nun hier, in der Theologie, giebt ihr die Hand das ewige Selbst, die Selbständigkeit von innerster Natur aus. Wonach strebt der Sinn? Nach Freude. Hier, in der Theologie, tritt mit der sinnlichen Natur in Gemeinschaft die ewige Freude und verheißt, indem sie sich selbst als Pfand anbietet, dem Fleische sogar unvergängliches Wohl. Nein; unser Gott ist kein Fremder für uns. Er ist kein Fremder für irgend welche Kreatur. Was Er thut, was Er offenbart, das ist jedem seiner Geschöpfe innerlich, innerhalb der ihm verliehenen Natur. „Mein Gott," ruft der Psalmist aus, „auf Ihn habe ich gehofft." .Und wiederum: „Dein bin ich, errette mich."

Er selber, unser Gott, hat die Schleusen des Himmels geöffnet und siehe da; überschwemmt ist worden die Erde, und zwar wunderbarerweise nicht nur von oben her, sondern auch von unten auf. Schaue den heilsamen Regen, wie er vom Himmel herabströmt: Träger jener Fruchtbarkeit ist er, welche die leuchtenden Substanzen da oben für die wartende Erde enthalten. In den Boden überall dringt er hinein, in jeden Winkel, in jede Ecke; es vereinigt sich mit ihm die dort befindliche irdische Feuchtigkeit, von ihm läßt sie sich durchdringen, seine Kraft nimmt sie an und hält sich nun bereit, hundertfältige Frucht zu bringen. So etwa geht es mit den hochgewaltigen Wassern der Offenbarung. Kein Zwang, keine Öde, keine Pein kann von da oben kommen, wo nur Freiheit, Freude, Seligkeit ist. Wohl aber macht die Einwirkung von oben erst zu etwas Wirklichem das, was vorher nur vermögend war; nur in ihr ist wahrhaft Ruhe; sie allein verleiht jenen „Frieden, den niemand nehmen kann".

Sieh'; wie selbst die geringsten Kreaturen Glanz erhalten durch die geoffenbarte Wahrheit; ja wie nach den Worten des heiligen Dionysius gerade die niedrigeren Kreaturen als bevorzugt erscheinen, um das Göttliche zu verdeutlichen, zu befruchten, zu veranschaulichen. Einfaches Wasser tilgt alle Sünde; einfaches Brot dient zur Sättigung der Seele; gewöhnlichster Wein dringt bis ins Herz, um da unversiegliche Freude zu bereiten. Kein Wunder, wenn nun alle Künste gleichsam vom Todesschlafe aufwachen und [S. 103] freudig beginnen, den übrigen niedrigen Stoff so zu formen, daß er „die Ehre Gottes erzählt und seinen Ruhm laut verkundet".

Auch der Sünde wird ihr schmutziges Gewand gewissermaßen abgezogen und es wird stofflich ausgedrückt, wie auch sie, soweit sich in ihrem positiven Sein Gottes Einwirken offenbart, dem Ewigen und seinem Zwecke dient. Die Kunst hat begriffen den Wert der göttlichen Offenbarung. Drachen halten den Taufstein fest. Bevor der Christ das Innere der herrlichen Kathedrale sehen darf, muß er auf „Schlangen und Basilisken treten", welche vor dem Portal am Boden ausgemeißelt sind. .Die Sinnbilder der Sünde verrichten Sklavendienste im Hause Gottes; denn gezwungen dient der Sünder Gott.

So ist wahrlich „weit geworden die Erde, über welche sich in heilsamer Überschwemmung", um alle Ode fruchtbar zu machen und „alles zu retten, was verloren war", „die von oben gesandten Wasser der Offenbarung ergießen." „Jene Wasser, die über dem Firmamente waren," vereinigen sich in der heiligen Wissenschaft mit jenen, „die unter dem Firmamente sind," und vollenden nun sowohl die Geisterwelt als auch die Menschennatur sowie den dunklen Stoff selber.

Der heilige Kirchenlehrer hat durch die glänzende Zeichnung der Vorzüge der heiligen Theologie uns mit Begierde erfüllt, kennen zu lernen, was nun unter so erhabener Führung die Kreaturen uns verkünden werden. „Gott ist!" Das ist ihr erster, über alles klarer Ruf. „Gott ist!" Dies wiederholen sie so oft und mit solcher Entschiedenheit, daß die Väter lehren, die Kenntnis Gottes sei in unsere Natur eingepflanzt, miterzeugt, oder wie Damascenus sagt (de fide orth. c. 3.), „eingesäet," Gott ist!" Das ist die Kenntnis, welche nach den Worten Gregors des Großen „jeder Mensch aus der Thatsache selbst, daß er ein vernünftiges Wesen ist, schöpfen muß" (moral. 27. c. 3.). Allsogleich daß der Mensch zum Bewußtsein gekommen, melden ihm zu allererst diese Wahrheit die Geschöpfe und wie etwas Selbstverständliches schließt er sie aus ihnen. Fällt er von dieser Wahrheit ab, so ist es seine Schuld. „Das ist ein Kapitalverbrechen," sagt Cyprian (de venit. idoli), „denjenigen nicht anerkennen wollen, über den du nicht in Unkenntnis sein kannst." „Denn," fügt Augustin hinzu, „überall ist Gott unsichtbarerweise; aber überall ist er offen erkennbar. Niemand kann Ihn erkennen so wie Er ist; und niemandem ist es erlaubt; von Ihm nichts zu wissen" (in psal. 83.). Deshalb klagt die Schrift: „Gieße aus Deinen Zorn über die Völker, die Dich nicht kennen und über die Reiche, die Deinen Namen nicht anrufen." (Ps. 78.) Und sie giebt den Grund der Schuld an: „Aus der Größe und Schönheit der Natur konnte vermittelst der Vernunft auf den Schöpfer geschlossen werden." (Sap. 9.)

Der heilige Thomas geht in der Beweisführung betreffs der Existenz Gottes wie immer den Mittelweg. Gott ist nicht vom inneren Wesen der Kreatur selbst heraus erkennbar; der Mensch erkennt nicht mit natürlicher Notwendigkeit, nicht a priori Gott. Er erkennt vielmehr Gott, weil die Kreaturen als Wirkungen Gottes auf die Existenz ihrer Ursachen schließen lassen. Im erst«n Falle wäre ja das „Sprechen im Herzen: Es ist kein Gott" (Ps. 10.), unmöglich. Im zweiten Falle ist die Behauptung, es gäbe keinen Gott, wohl möglich; jedoch mit der größten Leichtigkeit kann aus den Kreaturen nachgewiesen werden, daß dieselbe völlig grundlos ist, und daß die gegenteilige von allen Kreaturen und den allgemeinsten kreatürlichen Zuständen und Eigenschaften aus einstimmig aufgestellt wird. [S. 104] Ehe Thomas an diese Darlegung herangeht, giebt er an, wie er seine ganze Summa einteilt.

 

 

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