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Thomas von Aquin - Summe der Theologie
Prima Pars

Quaestio 25

Prooemium

Iª q. 25 pr.
Post considerationem divinae scientiae et voluntatis, et eorum quae ad hoc pertinent, restat considerandum de divina potentia. Et circa hoc quaeruntur sex. Primo, utrum in Deo sit potentia. Secundo, utrum eius potentia sit infinita. Tertio, utrum sit omnipotens. Quarto, utrum possit facere quod ea quae sunt praeterita, non fuerint. Quinto, utrum Deus possit facere quae non facit, vel praetermittere quae facit. Sexto, utrum quae facit, possit facere meliora.

 

Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Die Allmacht Gottes.

Überleitung.

„Keine Macht hättest du über mich, wenn sie dir nicht von oben verliehen worden wäre;" so sprach der Allmächtige selber vor Pontius Pilatus und kennzeichnete mit diesen Worten am besten das Wesen der Allmacht.

„Alle Macht, welche hier auf Erden besteht, ist von Gott her geordnet," so erklärt Paulus das Wort seines Herrn und Meisters, „und wer dieser Macht widersteht, der widersteht Gottes Anordnung." Jegliches Vermögen ist tot hier auf Erden, wenn ihm nicht die Allmacht von oben her die Vollendung giebt. Schön liegt die Landschaft da im Glanze der Morgensonne. Der silberne Strom durchstießt die Ebene. Dichtbelaubte, hochemporragende Bäume geben Schatten. Wie Balsam strömt aus den Wiesenblüten der zarte Duft und wie ein buntgestickter, prachtvoller Teppich breitet sich zu den Füßen die Flur aus. Oben der reine blaue Himmel, unten das wechselvolle Bild der Landschaft, die Luft in der Mitte belebt durch Tausende glänzender Insekten und buntgefiederter Vögel; — mit Lust versenkt sich das Auge in den schönen trostvollen Anblick.

Doch nimm die Sonne fort; — und alles ist tot. In sich als einem einigen Elemente enthält das Licht die Kraft, alle diese Verschiedenheiten zu beleben und eine jede in ihrer eigenen Art hervortreten zu lassen. Im Sonnenlichte erst gewinnen alle diese Vermögen ihre Vollendung, erfrischen und beleben nun selber das Auge.

Daß doch der Mensch dies immer bedächte! Daß er sagen möchte wie der Heiland zu allem jenem, was ihm begegnet, ihn ängstigt oder tröstet, ihn peinigt oder erfreut: „Du hättest keine Gewalt über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben morden wäre!" Daß er dann in allem den Finger Gottes sähe und in allem sich Gott überließe, im Troste Ihm allein dankte, in der Pein und Unruhe allein auf Ihn sein Vertrauen setzte! Wie die eine Sonne am Firmamente da oben allen den stofflichen Vermögen hier unten erst Leben, Sichtbarkeit, Fruchtbarkeit verleiht und sie so erst zu wirklichen Vermögen macht; — so begegnen sich in Gott alle geschaffenen Fähigkeiten und Kräfte und erst da, in der All-Macht, gewinnen sie wirkliche Kraft, wirkliches Sein, werden sie wirklich Macht; denn da erst werden sie verbunden, sind sie eins. Die Trennung ist Tod; die Verbindung Sein und Leben.

Darin besteht gerade das Elend der Menschen. Er will mächtig sein ohne Gott; und wird dabei durchaus machtlos. Durch wie viele Vermögen in und außer dem Menschen wird er zu Gott hingewiesen, gleichsam wie mit Gewalt nach oben gezogen! Wie viel Licht umfleßt ihn von der Natur aus! Wie viel kraft der Offenbarung! Welch große Beispiele hat er vor sich! Fast sollte man sagen, es müßte ihm unmöglich sein, den Weg nicht zu [S. 409] finden zu semem Heile. Und doch „.sind Wenige", so versichert die ewige Wahrheit, welche ihn finden!«

„Wie viele meint ihr“, predigt Chrysostomus (hom. 14 ad pop. Antioch.), „daß in dieser Stadt, wo sechshunerttausend Menschen mindestens wohnen, gerettet werden. Hundert können nicht gefunden werden, die zur ewigen Seligkeit gelangen; und ich zweifle noch, ob die Zahl diese Höhe erreicht. Wie groß ist die Schlechtigkeit bei der Jugend,die Nachlässigkeit bei den alten Leuten!“ „Wie viele sind es denn, fragt Augustin, weIche die Gebote Gottes zu beobachten scheinen? Kaum der eine oder der andere; sehr wenige und nur sie wird Gott retten, die anderen, wird Er verwerfen" (in Ps. 48.). „Zum Glauben gelangen viele," klagt der große Gregor (s. 19 in Evgl.), „zur ewigen Herrlichkeit wenige."

Im alten Gesetze seufzte der königliche Sänger (ps 15.): „Alle sind abgewichen; insgesamt sind sie unnütz geworden; keiner ist, der Gutes thun möchte." Nach der Erneuerung der Erde aber durch das Christentum klagt Salvianus (de prov. lib. 3): „Abgesehen von einigen wenigen, welche vor den Übeln fliehen, was ist anders beinahe die ganze Menge der Christen als ein Nest von Lastern!".

Und dabei entsteht die Frage, was hat der Mensch von der vorübereilenden Welt, daß er um ihretwillen seinen lebensvollsten und zuverlässigsten Interessen gar keine Aufmerksamkeit schenkt, geschweige denn daß er ihnen mit Aufopferung von allem Anderen nachginge?

„O unglückliches menschliches Geschlecht!" ruft Augustin aus (Ps. 27.): „Bitter ist die Welt und trotzdem wird sie geliebt. Wie würde sie erst geliebt werden, wenn sie süß wäre?! Der schönen und anziehenden, wiewürdest du anhängen; der du so fest umschlingst den Schmutz?! Wie würdest du Blüten sammeln wollen, der du die Hände von den Dornen nicht zurück ziehst?!"

Der Mensch fühlt eitle Freude über ein Vermögen, das wohl seiner niedrigen, mit dem Stoffe immerdar zusammenhängenden Natur entspricht; worin er aber doch wenigstens allen anderen vernünftigen Wesen einzig und gewissermaßen in maßgebender Weise gegenübersteht. Thomas hat es früher bereits berührt. „Nicht davon ist der Mensch die Ursache, daß da, wo er pflanzt, eine Pflanze der Gattung nach entsteht; sondern davon, daß diese Wanze hier ist und nicht dort." Daß die bestimmte Gattung Pflanze entsteht, dies wird verursacht durch den Samen, durch das Sonnenlicht, und die Sonnenwärme, durch die Feuchtigkeit; diese allgemeinen Ursachen hängen in ihrer besonderen Wirksamkeit vom Menschen nicht ab. Aber daß der Same an dieser Stelle in die Erde gesenkt wird, daß sonach alle diese allgemeinen Kräfte der Natur nach dieser Stelle und nicht nach einer anderen gelenkt werden: das ist die eigenste Wirkung des Menschen.

Darin liegt auch seine besondere Art zu sündigen. Er will jetzt genießen und nicht warten, bis die besonderen Umstände in Zeit und Ort dem Gesetze Gottes gemäß sich darbieten. Hier, in diesem Orte, will er seine Macht zeigen; wo er doch sie besser zusammen mit Gottes Macht zeigen könnte, wenn er etwas wartete. Wer verbietet ihm denn, reich zu werden, Ehre und Ruhm zu sammeln oder sich zu freuen? Gott am allerwenigsten. Aber er will dies an dem Orte und zu der Zeit, wo nur schattenhafter Reichtum, leere Ehre, bitlere Freude vorliegen kann. Wer ist reicher geworden: Judas mit seinen dreißig Denaren oder Paulus, der für diese irdische Zeit den Reichtum und alle weltliche Ehre für Schmutz erachtete? [S. 410]

Hier ist der Punkt, wo der Mensch einsetzen muß: „In euerer Geduld, im geduldigen Abwarten, werdet ihr euere Seelen besitzen." Hier muß er die Macht Gottes rückhaltslos anerkennen, in welcher das ihm ureigenste Vermögen, die allgemeinen Ursachen nämlich in der Natur nach bestimmten Zeit- und Ortsverhältnissen zu lenken, erst recht erhöht und bethätigt wird, anstatt däß dieses selbe Vermögen für ihn sonst mehr Schein wie Sein, mehr Tod wie Leben, mehr Trägheit wie Thätigkeit, nach allen Seiten hin unfruchtbar, im Grunde genommen das reine Nichts bedeute!

Was thut der Gärtnerlehrling, welcher die Pflanze gegen das Gebot des Meisters in einen Boden verpflanzt hat, wo sie bald verdorrt sein wird? Was er darin Gutes und Lobenswertes thut; daß er überhaupt über die betreffende Pflanze Gewalt hat; daß diese in den ersten Tagen fortzukommen scheint und Ahnliches; — das kommt vom Meister. Daß er sie nicht an der Stelle gepflanzt, wo er sollte; daß sie sich da den Tod, das Verderben holt; — das, nur das kommt von ihm.

Die Vermögen sind tot, wenn sie nicht in die Allmacht Gottes münden und von da ihre bethätigende und wirkende Kraft erhalten. Selbst das Vermögen der Vernunft, das Vermögen des freien Willens, wonach der Mensch allen Kreaturen, allen den hohen allgemeinen Kräften der Natur gegenüber vollauf selbständig und leitend dasteht; das Vermögen nach einem bestimmten einzelnen Ort und zu einer bestimmten Zeit die allgemeinen Naturkräfte hinzulenken; selbst dieses Vermögen, welches so recht eigentlich seine Freiheit ausmacht, ist tot, wenn nicht die Kraft von oben es erhält. Nur in Gott wird dieses Vermögen erst wirksam, im rein wirkenden Allvermögen nämlich.

Das Einzelne ist ja vielmehr Nichtsein als Sein, es ist nur ein Nichts-Anders-sein rücksichtlich der Kreatur. Es besteht nach dieser Seite nur im Unterschiede. Das Positive, Wirkliche im einzelnen kommt von Gott. Deshalb hat Thomas so oft hervorgehoben, daß der Herr „seine Vorsehung über alles stofflich Einzelne nach Zeit und Ort Geregelte ausübt“; daß Er „auch vom Allereinzelnsten der wirkende allein hinreichende Grund ist"; daß „der Stoff an und für sich in Gott allein seinen Grund hat". Thomas schreibt eben für Menschen; und deshalb ist die Quintessenz seiner Lehre immer die, daß wir Menschen mit unserer besonderen Eigenart, mit unserer besonderen Freiheit, mit unserer aus der stofflichen Welt schöpfenden Vernunft in Gott allein den erst wirkenden Grund all unserer Thätigkeit erblicken sollen und in seiner Allmacht die bethätigende Kraft all unseres Vermögens zu sehen haben.

„Keine Macht hättest du über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben worden wäre." Gerade hierin besteht die besondere Erlösung, die uns zu teil geworden ist. Christus hat sein ganzes Leben hindurch uns eben diesen Punkt in Wort und Beispiel eingeprägt. Wir sollen gerade dieses Vermögen, wonach wir nach den einzelnen Zeit- und Ortsumständen die allgemeinen Kräfte der Natur und der Gnade anwenden, wonach wir sie demgemäß verbinden mit dem Stoffe, an Gottes Allmacht anlehnen und in ihr lebendig machen.

Christus blickte sein ganzes Leben hindurch auf die Macht des Vaters, wie sie seine heilige Menschheit nach Zeit und Ort in den einzelnen Verhältnissen durch andere Menschen leitete. War es zuerst seine seligste Mutter und sein heiliger Nährvater, durch welche die Allmacht des Vaters sprach; so waren es später die einzelnen Bedürfnisse der Menschen, selbst die Verfolgungen, welche seine Schritte leiteten. „Aus sich thut der Sohn nichts," das findet auch nach dieser Seite hin seine Anwendung! Und als sein [S. 411] Ende herannahte, da erblickte Er die Macht des Vaters, wie sie die einzelnen Verhältnisse regelt, sogar in seinen Henkern. Da, in der Macht Gottes, da besteht immer der positive Grund für das einzelne menschliche Wirken.

„Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir von oben nicht gegeben worden wäre," so konnte Er sagen zu den Soldaten, die Ihm die Dornenkrone in das Haupt dlückten; so konnte Er sagen zu den wilden Knechten, welche Ihm das Kreuz auf die Schultern legten; so konnte Er sagen
zu den Stricken, mit denen man Ihn geißelte, zu den Nägeln, die seine Hände und Füße durchbohrten, zur Lanze, die seine heilige Seite öffnete. Und als ob Er selbst dies bestätigen wollte, daß seine Unterwürfigkeit keine bloß Äußerliche war; sondern daß Er wirklich als Mensch die Almacht anbetete, welche sich äußert, wie und wo und durch wen sie will, so erklärt Er selber laut und feierlich, daß sein Geist voll und ganz die wirksame Leitung seiner eigensten menschlichen Freiheit von seiten der Allmacht anerkenne. Er beschloß sein Leben mit den Worten: „Vater, in Deine Hände empfehle ich meinen Geist.

Hier liegt der tiefe Grund, weshalb die Thomas, die Bonaventura gleich allen übrigen heiligen Lehrern immer laut bekannten, am Fuße des Kreuzes ihre Wissenschaft geschöpft zu haben. Denn da lernten sie den wunden Punkt der menschlichen Natur so recht erkennen und würdigen, welche die eigentümliche Selbständigkeit, die Gott ihr verliehen, nun gern ohne Gott und gegen Gott gebrauchen will, die das „non serviam" des ersten Sünders wiederholt und damit nur ihre Sklaverei unter die Kräfte der Natur erklärt, nur verzichtet auf die glänzendste Gabe, die Gott ihr aus den Reichtümern seiner Güte verliehen.

Erkennt die menschliche Vernunft oder vielmehr das menschliche Herz am Fuße des.Kreuzes so recht, wie gerade die Freiheit und Selbständigkeit, die ihr eigen ist und worin sie von keiner geschaffenen Vernunft überragt wird, jene Freiheit nämlich, die allgemeinen Kräfte nach den einzelnen Zeit- und Ortsverhältnissen mit dem Stoffe zu verbinden, wie gerade diese Freiheit sie nicht aus sich allein heraus bethätigen und wirksam machen kann, sondern den ersten wirkenden Grund dafür in Gott sehen muß; — dann richtet sie auch alle Kräfte der Natur in ihr und außer ihr zum Allmächtigen auf und ruft in alle diese Kräfte und Vermögen die Allmacht als wirkenden Grund der Vollendung herab. Die menschliche Natur wird dann, je mehr Gott in ihr wirkt, mit samt den Kreaturen, die mit ihr verbünden sind, Gebet; sie wird ein wirksames Bekenntnis, daß sie Gott gegenüber nur empfangen kann und daß sie nur soweit sie von Ihm empfängt selber belebt und bethätigt wird, um aller anderen stofflichen Kreatur gegenüber je nach
deren Natur leitend, selbständig und wirksam dazustehen.

Sie fleht zu Gott: „O Gott, der Du Deine Allmacht im höchsten Grade durch Schonen und Erbarmen offenbarst," — sie sagt zu den Kreaturen, die über sie Einfluß haben: „Keine Macht hättet ihr über mich, wenn sie euch nicht von oben gegeben worden wäre;" —sie sieht in allem die leitende Hand der Allmacht; — und damit erfährt sie es am ehesten für sich selbst, daß „Gott dienen herrschen ist". [S. 412]

 

 

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Letzte Änderung am 1. August 2012.
Gregor Emmenegger