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Thomas von Aquin - Summe der Theologie
Prima Pars

Quaestio 119

Prooemium

Iª q. 119 pr.
Deinde considerandum est de propagatione hominis quantum ad corpus. Et circa hoc quaeruntur duo. Primo, utrum aliquid de alimento convertatur in veritatem humanae naturae. Secundo, utrum semen, quod est humanae generationis principium, sit de superfluo alimenti.

 

Hundertneunzehntes Kapitel.
Die Fortpflanzung des Menschen mit Rücksicht auf den Körper.

Vorbemerkung.

„Und sein Ausgang ist vom Anfange, von den Tagen der Ewigkeit.“ (Mich. 5, 2.) Der Engel der Schule hat sich das Thor der Schöpfung weit geöffnet; — so weit, daß überall die Macht des einen heiligen Gottes durchscheint. Der „Ausgang“ der Kreaturen zum Sein hin war weit „im Anfange“; — so weit wie die Allmacht Gottes, welche sie begründete. Ihr „Ausgang“ ist weit zu ihrer Vollendung hin; so [S. 674] unendlich weit wie die ewige Liebe und Güte Gottes. Derselbe Gott, der mit unendlicher Macht unmittelbar „im Anfange“ die Kreaturen aus dem Nichts zog und die geeigneten allgemeinen Kräfte in sie legte; — der nämliche Gott steht in unendlicher Liebe mitten im einzelnen Stoffe, auf daß Er selber diese Kräfte unmittelbar leite und lenke zum Besten des Ganzen so wie zum Besten jeder einzelnen Kreatur. „Daß das Feuer brennt, das ist seine Natur; daß etwas Stoffliches verbrennt, das ist wieder dessen Natur; daß aber dieser Stoff gerade und nicht jener vom Feuer getroffen wird, das ist außerhalb der ganzen Natur;“ so Thomas oben. Das Einzelne an sich ist von Gott unmittelbar geleitet, der da alle allgemeinen Kräfte der Natur in Bewegung setzt. Wie „von den Tagen der Ewigkeit her“ ist nun der „Ausgang“ der Kreaturen aus sich selber in ihrem angemessenen Wirken. Zu Gott führen alle allgemeinen Ursachen in der Natur schließlich als zur unmittelbaren Ursache des Einzelnen, von dem sie selbst in ihrer thatsächlichen Wirklichkeit getragen werden.

Was Anderes hat Thomas in diesen letzten Kapiteln gethan als daß er die Bahn frei machte durch alle geistigen und stofflichen Kreaturen hindurch für das unmittelbare Einwirken Gottes auf den Stoff und den menschlichen freien Geist. Fürwahr der Psalmist kann jubeln: „Singen will ich Dir, o Herr, lobsingen und verstehen will ich es auf unbeflecktem Wege; wann du zu mir kommst. Frei und ohne alle Hindernisse werde ich dann herumwandeln in der Unschuld meines Herzens, inmitten meines Hauses.“ (Ps. 100.) Der dunkle Stoff leuchtet hell in der Herrlichkeit der Kraft Gottes; und unsere armseligen Fähigkeiten werfen, durchdrungen von der Kraft des Allmächtigen, ihre Strahlen hinein bis in die selige Geisterwelt. Der Psalmist hat recht, wenn er so oft wiederholt: „Die Herrlichkeit und Vollendung ihrer (der Kreaturen) Kraft bist du, o Herr.“ Was für den Menschen anscheinend eine Quelle der Niedrigkeit war; um dessentwillen er vom stolzen Lichtengel verachtet wurde; das selber, nämlich seine natürliche Einheit mit dem Fleische, ist unter Gottes Wirken Herrlichkeit geworden. Und „wenn der Feind unsere Seele verfolgt und ergreifen will; wenn er das Leben unseres Leibes auf Erden zertreten möchte: und diese unsere Herrlichkeit zu Staub machen“; da rufen wir nur: „Stehe auf, o Herr, in Deinem Zorne und zeige Dich in Deiner vollen Erhabenheit, wenn der Feind mit all seinem Wüten am Ende ist.“ (Ps. 7.) Unser Körper ist schwach; aber der ihn stärkt und der ihn zum Werkzeuge der Seele macht, ist unendlich gewaltig. Er selber hat es ja gesagt: „Fürchtet nicht jene, die den Leib töten und nachher nichts mehr thun können; — aber der da Leib und Seele in die Hölle stürzen kann, den fürchtet, hunc timete.“ Denn Er kann nicht nur in die Hölle stürzen, sondern auch in seinen Himmel führen: „Er tötet und macht lebendig.“ Und ein „sterblicher Leib wird zwar gesäet (wie man ein Samenkorn in die Erde versenkt); aber ein unsterblicher Leib wird auferstehen“ und „selbst das Fleisch wird das Heil Gottes schauen“.

Welchen Trostes beraubt die Wissenschaft jener, der die Freiheit, das Edelste, was der Mensch hat, von ihrem Quell, von Gott entfernt; anstatt gerade auf ihren Flügeln wie auf starken Adlersschwingen sich zu Gott tragen zu lassen. Jetzt erscheint so recht am Schlusse des Ganzen, wie, je näher das Geschöpf im Sein und Wirken Gott steht, es desto herrlicher ist; und ist es unmittelbar Gottes Einwirken unterstellt, dann ist es eben deshalb ganz frei und selbständig. Das All wird zum Schemel seiner [S. 675] Füße, zu Stufen an seinem Throne; und es selber, das arme staubgeborene Geschöpf, ruht im Busen des Dreieinigen in unbegreifbarer Wonne.

Wie trägt Thomas Sorge, von allen Seiten her darzuthun, was im Stoffe Gott schließlich Sich selber als Gegenstand seines unmittelbaren Eingreifens vorbehalten muß. „Die Wesensformen im Stoffe,“ also das an erster Stelle Maßgebende im Stoffe, wonach jegliches Stoffliche Ding Sein und Namen hat, „ist unmittelbar von Gott“. „Die geistigen Kräfte bereiten vermittelst der Bewegung der Himmelskörper nur vor, daß der Stoff seine Wesensform erhalte und danach wirklich und selbständig, an und für sich sei.“ „Das Körperliche auf Erden wirkt nur auf die Wesensform hin, insoweit dieselbe unter bestimmten Zeit- und Ortsverhältnissen sein soll.“ Deshalb also und insoweit ist ein Wesen selbständig, weil und insoweit es unter Gottes unmittelbarem Einwirken steht. Deshalb ist etwas einem Wesen zu eigen, es gehört ihm selbständig zu, es ist sein; weil und insoweit das selbe unmittelbar von Gott kommt. Und weil der freie Willensakt im Menschen ganz und gar, mit Vermögen und Thätigkeit, unter Gottes unmittelbarem Einwirken sich vollzieht und das Willensvermögen selber erst wirkt, soweit es von Gott bethätigt ist innerhalb seiner selbst; — deshalb ist der Mensch insoweit in seinem Innern thatsächlich frei. So sagt Thomas ausdrücklich: „Der Mensch wäre nicht freien Willens, er hätte vielmehr bestimmtes Wirken in natürlichen Schranken, wie der Stein z. B. sich selbst überlassen nichts Anderes kann als fallen; wenn derselbe unter dem wirken den Einflüsse niederer geschöpflicher Ursachen in erster Linie stände.“ Wenn also der freie Wille als ein geschöpflicher, also als beschränkte Ursache, sich selbst bestimmte, ohne Gott nämlich, oder vor Gott oder irgendwie unabhängig von Gott, so wäre dies ein Widerspruch in den Ausdrücken selber; er wäre ebendeshalb dann nicht frei.

Demnach kann auch genau bestimmt werden, auf welchen Gegenstand präcis die Freiheit, so wie sie im Menschen ist, sich richtet. Der Mensch erkennt die allgemeine Wesensform im Stoffe, soweit diese unter einzelnen d. h. unter Zeit- und Ortsverhältnissen sich findet; und kraft und vermittelst dieser Wesensform erkennt er die einzelnen Güter. Sein sinnliches Begehrungsvermögen richtet sich auf Einzelnes als Einzelnes. Also richtet sich die Freiheit präcis auf die einzelnen Güter dieser Welt als einzelne, d. h. unter Zeit und Ort gestellte, inwieweit dieselben nach der Richtschnur der Wesensform am Guten im allgemeinen teilnehmen, insoweit sie also gut sind; und demgemäß, insoweit sie unter dem Einwirken Gottes stehen, der von seiner Ewigkeit aus Alles zusammenhält, dessen Ewigkeit das Maß für seine Macht und das Maß für seine Liebe ist, weil diese Ewigkeit besagt, daß die göttliche Macht dem thatsächlichen Sein nach Liebe, und Liebe in Gott Macht ist, daß eben nur reines thatsächliches Sein sich in Gott findet: „O Herr,“ betet die Kirche, „dessen Wille Allmacht ist.“

Gott thront kraft der Freiheit mitten im menschlichen Herzen! Von da aus verbindet Er mit ewigem unverrückbaren Blicke die beiden umfassendsten Arten von Ursächlichkeiten im Bereiche der Natur: jene allgemeinen Kräfte der Geister und der Himmelskörper, deren Wirlungen niemals mit ihnen in der Gattung übereinkommen, die causae equivocae; — und die stofflichen Ursachen, welche das Einzelne als solches vorbereiten und deshalb etwas sich in der allgemeinen Gattung Ähnliches oder Gleiches erzeugen, die causae univocae. Da, vom menschlichen Herzen aus, verbindet Gott durch alle Zwischenursachen hindurch die allgemeinen Wesensformen im [S. 676] Stoffe dem thatsächlichen wirklichen Sein nach mit dem Einzelnen. Er löst vermittelst des Lichtes der „einwirkenden Vernunft“ im Menschen den Schleier des Stoffes von dem, was Er gemacht, damit es als leitende Erkenntnis-Richtschnur im Geschöpflichen auch wirklich erscheine und zwar im einzelnen freien Akt. Weil nun die reinen Geister ihr Erkennen auf diese Formen richten gemäß dem daß sie in Gott selber, als dem Einzelsein dem Wesen nach, die entsprechenden „Idealformen“ als Richtschnur erkennen; und weil ihre Thätigkeit vermittelst der Himmelskörper auf die Vorbereitung dieser selben Formen für deren wirkliches Sein im Stoffe gerichtet ist; ihre Thätigkeit aber als rein erkennende Geister ohne die Himmelskörper auf die Vorbereitung des menschlichen Erkennens; — deshalb hält Gott im menschlichen freien Akte die gesamte Thätigkeit der ganzen Natur, alle Thätigkeit von Geist und Körper, von Vernunft und Stoff, von Leben und Sein in seiner Ewigkeit durchaus gleichmäßig, je wie eine jede Seinsart es verlangt, zusammen. Und darum jubelt der Psalmist: „In Deiner (Alles gleichmäßig abmessenden) Gerechtigkeit werden sie frohlocken; denn Du bist die herrliche Krone ihrer Kräfte.“

„In den vielen Wassern“ der Vergänglichkeit und des Wechsels „findest Du den Pfad und Dein Weg ist im unermeßlichen wogenden Meere“. In mare via tua et in semitae tuae in aquis multis. Frei hindurch schreitet der Ratschluß Gottes durch die Geschöpfe. Was beherrscht zuletzt die Geschöpfe? Der „Zufall“, das Unberechenbare. Was „zufällig“ geschieht, ist immer die Richtschnur, nach welcher der Mensch rechnen muß; es ist die thatsächliche Grundlage, auf der er bauen muß. Was „Thatsache“ einmal ist, danach muß der Mensch selber sich regeln. Was aber ist „Zufall“? Oben hatte es Thomas gesagt. „Zufällig ist, was in keiner Ursache vorherbesteht.“ Danach ist Zufall schließlich dasselbe wie Freiheit. Welche Ursache allein aber hat kein Vorher und Nachher, kein „Gewesen“ und kein „Wird sein“? In welcher Ursache allein besteht, soweit sie selber in Betracht kommt, nichts vorher? In der Ewigkeit? Wessen Maß allein nun ist die Ewigkeit? Gottes Sein allein wird gemessen durch die Ewigkeit; diese ist, wie Thomas Kapitel 10 sagte, das reine einfache Auffassen dessen, was nie im Wechsel und Wandel von Sein zu Nichtsein, von Nichtsein zu Sein inbegriffen ist. Gott vermittelst der Ewigkeit als seiner metaphysischen Grundvollkommenheit beherrscht souverän alles Sein im Ganzen und jegliches Ding im besonderen: den freien Willen ohne Zwischenursache unmittelbar; alles Andere vermittelst freier oder unfreier, immer aber beschränkender Ursachen. Treffend sagt deshalb der Prophet: „Sein Ausgang ist wie im Anfange; von den Tagen der Ewigkeit her.“ Und der Psalmist preist die frei machende Ursächlichkeit Gottes: „Lobsingen will ich, wenn Du zu mir kommst; dann werde ich unbeengt lustwandeln in der Unschuld meines Herzens.“

Doch dieses „Ausgehen“ des Geschöpfes vermittelst der natürlichen Freiheit ist nur wie die Morgenröte. Es wird ein anderer „Ausgang“ kommen, der sein wird wie der der Sonne. Jener Herrscher wird „ausgehen“ vom Stoffe her, der die wahre „Herrlichkeit unseres Leibes“ als Werkzeug der Vernunft und der Freiheit sichtbar gleichsam vorstellen und so das Fleisch unübersehbar verherrlichen wird. „In der Sonne“ der Gottheit „wird Er wohnen“ und Er „wird ausgehen“ von der Jungfrau „wie der Bräutigam von seinem Gemache. Wie ein Riese wird Er laufen. Von Gott ist sein Ausgehen, zu Gott wird Er alles führen; und keiner wird sich verbergen können vor den Strahlen seiner wärmenden Liebe“. „Das Wort wird [S. 677] Fleisch annehmen“ und so selber in Person die herrlichste Frucht des Fleisches sein. Das ist das weiteste, unendlich weite Thor der Schöpfung, weiter als die Schöpfung selber, wie der Prophet Ezechiel es versinnbildet, der in der Beschreibung des ewigen Palastes, den die Geschöpfe in der Herrlichkeit bilden werden, das Thor höher sein läßt wie das Gebäude. Auf dieses Thor weist der Engel der Schule hin als Ergebnis des ersten Teiles seiner Summa. Dieses Thor meint im geistigen Sinne der Prophet, wenn er sagt: „Sein Ausgang ist wie vom Anfange an, von den Tagen der Ewigkeit her.“

Namens unseres gebenedeiten Herrn kann der Psalmist mit vollster, für uns unerreichbarer Wahrheit sagen, nicht nur: „Lobsingen will ich, wenn Gott zu mir kommt;“ sondern:

„Lobsingen will ich, weil Gott immerdar und untrennbar in mir ist; deshalb wandle ich unbeengt herum in dcr Unschuld meines Herzens;“ nämlich in jener Unschuld, die Schuldige unschuldig macht.

 

 

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Letzte Änderung am 1. August 2012.
Gregor Emmenegger