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Tertullian († um 220) - Über das Fasten, gegen die Psychiker (De ieiunio adversus psychicos)

9. Kap. Verteidigung der Enthaltung von einzelnen Speisen und der Xerophagie.

Diese Hauptart der Kasteiungen in Bezug auf Speise und Trank kann in Betreff der kleineren Betätigungen der Abstinenz bereits das Urteil begründen, daß auch sie in ihrer Weise nützlich und notwendig seien. Denn die Enthaltung von einigen bestimmten Nahrungsmitteln ist ja ein teilweises Fasten. Sehen wir uns also die Xerophagien auf ihre angebliche Neuheit und Torheit einmal an, ob nicht auch in ihnen ein ebenso alter als heilsamer Religionsgebrauch geübt werde. Ich kehre zurück zu Daniel und seinen Gefährten, welche Gemüse als Kost und Wasser als Trank den Schüsseln und Weinkrügen des Königs vorzogen. Infolgedessen [S. 537] sahen sie, damit ja niemand für ihr leibliches Aussehen bange, noch schöner aus und waren außerdem auch noch geistig geschmückt. Denn Gott gab den Jünglingen Wissenschaft und Einsicht in alle Literatur, und dem Daniel besonders noch Einsicht in jedes Wort, sowie in Traumgesichte und in alle Weisheit, wodurch er auch noch gerade die Mittel erkannte, durch die man von Gott die Kenntnis der Geheimnisse erlangt. Als er dann im dritten Jahre des Cyrus, des Perserkönigs, in die Betrachtung einer Vision verfiel, ersah er sich noch eine andere Art1 der Verdemütigung aus. "In jenen Tagen", heißt es, "trauerte ich, Daniel, drei Wochen hindurch, feines Brot aß ich nicht, Fleisch und Wein kamen nicht in meinen Mund, und ich salbte mich nicht mit Öl, bis die drei Wochen um waren"2. Nach deren Verlauf wurde der Engel ausgesandt, der ihn also anredete: "Daniel, du bist ein erbarmenswerter Mann, fürchte dich nicht; denn vom ersten Tage an, wo du deine Seele der Betrachtung und der Verdemütigung vor Gott hingegeben, wurde dein Wort erhört, und ich bin gekommen wegen deines Wortes"3. So vertreiben also die erbarmenswerte Übung und die Verdemütigung4 der Xerophagie die Furcht, neigen das Ohr Gottes herab und machen der Erkenntnis verborgener Dinge teilhaftig.

Ich kehre auch zu Elias zurück. Warum brachte jener gewisse Engel ihm zu Bersabe in Judäa, nachdem er ihn aus dem Schlafe geweckt hatte, ohne Zweifel bloß Brot und Wasser, da ihn doch die Raben gewöhnlich mit Brot und Fleisch gesättigt hatten? Fehlte es etwa an Raben, die ihm bessere Kost bringen konnten, oder [S. 538] war es dem Engel vielleicht zu beschwerlich, irgendwoher von dem Mahle eines Königs einen Diener mit einer wohlversorgten Schüssel zu entführen und sie zu Elias hinüberzutragen, wie dem hungernden Daniel in der Löwengrube das Mittagsmahl der Schnitter gereicht wurde? Nein, es mußte ein Beispiel aufgestellt werden, welches lehrte, daß man zur Zeit der Bedrängnis, Verfolgung und jeglicher Not in Xerophagie leben müsse. Durch eine solche Lebensweise brachte David seine Exomologese zum Ausdruck, indem er Asche als Brot aß, d. h. ein Brot, so trocken und grau wie Asche, und seinen Trank mit Tränen mischte, anstatt mit Wein5. Denn auch die Enthaltung vom Wein hat ihre Vorrechte; sie war es, die Samuel Gott empfahl und Aaron heiligte. In Betreff des Samuel sagte seine Mutter: "Wein und Berauschendes wird er nicht trinken"6. Sie selbst lebte nämlich in gleicher Enthaltsamkeit; so betete sie zu Gott. Und zu Aaron sprach der Herr: "Wein und Meth sollt ihr nicht trinken, du und dein Sohn nach dir, wenn ihr das Gezelt betretet oder zum Altar hinaufsteiget, damit ihr nicht sterbet"7. Also werden die des Todes sterben, welche in der Kirche Gott nicht in Nüchternheit dienen. Darum macht er auch Israel, seinem Sohne, den Vorwurf: "Meinen Geheiligten habt ihr Wein als Trank gegeben"8. Auch diese Beschränkung des Trankes ist ein Teil der Xerophagie.

Indessen, wo die Enthaltung vom Weine durch Gott vorgeschrieben oder vom Menschen gelobt wird, da muß auch eine Verminderung der Speisen vorausgesetzt werden, welche dem Trank die Ordnung vorzeichnet. Wie die Speise, so der Trank. Es ist nicht wahrscheinlich, daß jemand das Opfer seines Gaumens Gott halb bringen, bei Wasser nüchtern und im Essen schwelgerisch sein sollte. Daß auch der Apostel die Xerophagie gekannt habe, er, der Größeres durchgemacht hatte, Hunger, Durst und vieles Fasten, der Trinkgelage und [S. 539] Schmausereien verworfen hatte, dafür kann man einen hinlänglichen Beweis schon auf seinen Schüler Timotheus gründen. Indem er denselben ermahnt, wegen seines Magens und seiner anhaltenden Schwäche ein wenig Wein zu gebrauchen, dessen sich dieser nicht wegen einer Vorschrift, sondern aus Andacht enthielt (sonst würde es für den Magen besser gewesen sein, bei der Gewohnheit zu bleiben), hat er die Enthaltung von Wein als etwas Gottgefälliges anempfohlen und sie nur infolge einer Notwendigkeit widerraten.

1: die noch über die frühere hinausging.
2: Dan. 10,2 ff.
3: Ebd. 10,12.
4: Die überlieferte Lesart xerophagiarum miseratio et humiliatio metum expellunt ist beizubehalten und nicht mit der Wiener Ausgabe in „humilitati metum expellunt“ zu ändern, wie sich aus dem Vorhergehenden ergibt, wo T. diese Übung humiliatio (vgl. auch später, Kap. 12, folgenden griechischen Ausdruck ταπεινοφρόνησις) nennt und zwei Formen, eine mildere und eine strengere, unterscheidet.
5: Vgl. Ps. 101,10.
6: 1 Kön. 1,15.
7: Lev. 10,9.
8: Amos 2,13.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger