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Tertullian († um 220) - Über das Fasten, gegen die Psychiker (De ieiunio adversus psychicos)

17. Kap. Bitterer Tadel der Agapen der Psychiker. Schluß.

Du, o Psychiker, der du der Gaumenlust soviel nachgibst, hast wirklich, wenn ich die Wahrheit sagen soll, den Vorzug des Altertums und rühmst mit Recht dein höheres Alter. Ich habe allzeit gewußt, daß Esau einen Jäger nach Wildpret bedeute; gerade so wie er, bemühst du dich überall, Krametsvögel aufzutreiben, wie er, kommst du vom Felde deiner laxen Sittenzucht heim, wie er, bist du schwach im Geiste. Wenn ich dir ein mit Obstgelee rot angemachtes Linsenmus vorsetze, so wirst du sofort alle deine Vorrechte verkaufen; bei dir brodelt die Agape1 in den Kochtöpfen, der Glaube dampft in der Küche2, die Hoffnung liegt auf den Tellern. Die Agape aber wird um so höher gehalten, weil bei Gelegenheit derselben deine Jünglinge bei den Schwestern schlafen. Natürlich, Anhängsel der Gaumenlust sind Ausgelassenheit und Wollust3. Diese Verbindung kannte auch der Apostel sehr wohl; er schickte die Worte voraus: "Nicht in Trinkgelagen und Schmausereien", und ließ folgen: "auch nicht in den Kammern der Unzucht"4. Zum Sündenregister deiner Gaumenlust gehört es, daß bei euch die Ehre der Vorsitzenden in einer doppelten Portion besteht, während der Apostel ihnen nur doppelte Ehre zugebilligt hat5, einesteils als Brüdern, andernteils als Vorgesetzten. Als der Heiligste gilt bei euch immer der, welcher am regelmäßigsten mitschmaust, [S. 558] die verschwenderischsten Gastmähler veranstaltet und sich am besten aufs Bechern versteht.

Mit Recht weiset ihr als Leute, die bloß auf das Seelische und Fleischliche etwas halten, das Pneumatische von euch. Wenn die Propheten6 den Beifall solcher Leute gefunden hätten, wären sie meine Männer nicht. Warum predigt ihr nicht konsequent: Lasset uns essen und trinken; denn morgen werden wir sterben!7 Wir unsererseits tragen dagegen kein Bedenken, unumwunden die Vorschrift zu geben: Brüder und Schwestern, fastet, damit wir nicht vielleicht morgen sterben! Wir wollen offen unsere sittlichen Grundsätze vertreten!

Wir sind davon überzeugt, daß die, "welche im Fleische leben, Gott nicht gefallen können"8, nicht etwa die, welche in der Substanz des Fleisches leben, sondern in der Sorge um dasselbe, in der Liebe, in den Werken und im Willen des Fleisches. Die Magerkeit mißfällt uns nicht, denn Gott hat das Fleisch nicht nach dem Pfunde abgewogen, wie er auch dem Geist kein Maß gesetzt hat9. Ein abgemagerter Leib wird hoffentlich leichter durch die schmale Pforte des Heiles eingehen, schneller wird ein leichter Körper auferweckt werden, länger wird sich ein vertrockneter Leib im Grabe halten. Es mögen sich die Faustkämpfer und die olympischen Spieler mästen! Jenen steht das Streben nach Leibesumfang wohl an, die da der Kräfte des Leibes bedürfen, und dennoch gewinnen auch sie durch Xerophagien ihre Stärke. Unsere Kräfte aber sind anderer Art, eine andere ist unsere Stärke, wie auch andere unsere Kämpfe sind. "Unser Kampf geht nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Mächte der Welt und die Geister der Bosheit"10. Gegen sie hat man nicht mit Fleisch und Blut, sondern im Glauben und mit starkem Geiste standzuhalten. Besser gemästete [S. 559] Christen mag Bär und Löwe wohl gut gebrauchen können, nicht aber Gott; freilich wird man sich auch zum Kampf gegen wilde Tiere11 durch Magerkeit einüben müssen.

1: Agape = Liebe (in Zusammenstellung mit dem folgenden fides und spes) und Name für das christliche Mahl; vgl. Apol. 39. S. 145.
2: Nach Lesart in culinis, andere lesen culmis.
3: Diese gehässige Schilderung, die im schroffesten Gegensatz zu Apol. 39 steht, zeigt den Groll T.’s über seine Ausschließung von den Agapen.
4: Röm. 13,13.
5: 1 Tim 5,17.
6: die montanistischen.
7: 1 Kor. 15, 32.
8: Röm. 8,8.
9: Vgl. Joh. 3,34.
10: Eph. 6,12.
11: bei der Christenverfolgung.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger