Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Tertullian († um 220) - Über die Ehrbarkeit (De pudicitia)

8. Kap. In der Parabel vom verlorenen Sohn bedeutet nicht der ältere Sohn das Judenvolk und der jüngere die Christenheit, wie man gewöhnlich annimmt, sondern die Heidenwelt.

Sehr viele Erklärer der Parabeln werden aber durch das Endresultat in derselben Weise enttäuscht, wie es oft beim Besetzen von Gewändern mit Purpurstückchen geschieht. Wenn man glaubt, die Abtönungen der Farben richtig miteinander in Harmonie gebracht und meint, sie mit Geschick zu lebensvoller Wirkung untereinander zusammengestellt zu haben, dann aber beides, der Leib der betreffenden Person und das rechte Licht dazu kommt, so treten die Mißtöne zutage und lassen das Ganze als verfehlt erscheinen. In derselben Finsternis tappen die Erklärer auch bei der Parabel von den beiden Söhnen fernab vom rechten Lichte in der Deutung des eigentlichen, vom Gegenstand der Parabel verbrämten Vergleiches umher, indem einzelne Züge nur für den Augenblick mit ihrer Erklärung harmonieren.

Sie lassen nämlich mit den beiden Söhnen zwei Völker gemeint sein, mit dem älteren Sohn das jüdische Volk und mit dem jüngeren Sohn das christliche. Denn nur so können sie den jüngeren Sohn als ein Bild des christlichen Sünders, der Verzeihung erhalten werde, aufstellen, wenn sie in dem älteren Sohne den Juden abgebildet sein lassen. Wenn ich aber zeigen werde, daß der Vergleich des Juden mit dem älteren Sohne nicht ganz paßt, so wird infolgedessen ganz natürlich auch der jüngere Sohn nicht mehr als Bild des Christen gelten können. Denn mag auch das Judenvolk den Namen Sohn und älterer Sohn bekommen haben, weil es früher adoptiert wurde, mag es auch dem Christen die Versöhnung mit Gott dem Vater mißgönnen, was die Gegenpartei ganz besonders betont, so wird der Jude doch nicht zum Vater sagen können: "Siehe, so und soviel Jahre diene ich dir schon, und niemals habe ich dein Gebot übertreten". Denn wann gab es eine Zeit, wo der Jude nicht Übertreter des Gesetzes war, wo er mit den Ohren hörte und doch nicht hörte, denjenigen nicht haßte, der ihn unter den Stadttoren beschämte und das heilige Wort nicht verachtete? Weiter kann auch der Vater nicht zum Juden sagen: "Du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein". Denn die Juden bekamen den Namen abtrünnige Söhne, die wohl geboren und großgezogen seien, die aber den Herrn nicht als solchen behandelt, die ihn verlassen und den Heiligen Israels zum Zorne herausgefordert haben. Werden wir fürwahr vom Juden aussagen können, daß ihm alles zugewiesen sei, da ihm doch die angenehmsten Produkte der Schöpfung zum Genüsse versagt sind, sogar das Land der Verheißung seiner Väter selber?! Ja das Judenvolk bettelt heutzutage ebenso wie der jüngere Sohn nachVerprassung der Güter Gottes im fremden Lande umher, und es dient noch immerfort den Fürsten desselben, d.h. den Fürsten dieser Welt.

Die Christen müssen sich also nach einem anderen Bruder umsehen; denn der Jude als sein Bruder paßt nicht in die Parabel. Viel passender hätte man den Christen mit dem älteren Sohne und den Juden mit dem jüngeren gleichgestellt, indem man die Annahme des Glaubens als Vergleich heranzog, wenn nur die Reihenfolge der beiden Völker, die bei der Niederkunft der Rebekka vorgezeichnet wurde, eine solche Vertauschung zuließe. Aber auch dann stände der Schluß im Wege. Denn es wird sich geziemen, daß sich der Christ über die Wiederannahme des Juden nicht betrübt, sondern freut, da ja unsere ganze Hoffnung mit der zukünftigen Erwartung Israels verbunden ist. Wenn also auch einiges paßt, so wird doch dadurch, daß anderes dagegen spricht, die Durchführung des Vergleiches mit den Vorbildern zunichte gemacht.

Indessen, wenn auch alles einander entspräche, wie beim Bilde im Spiegel, so hüte man sich doch immer vor einer besonderen Klippe der Deutungen, nämlich vor der, daß man sich das Auffinden von Vergleichungen nicht leicht mache, weil man sie nach fremdartigen Zielen modelt, nicht wie sie der sachliche Inhalt einer jeden Parabel gebieterisch an die Hand gibt. Wir wissen recht gut, daß die Schauspieler auch ihre Gesänge mit allegorischen Gesten begleiten und dadurch Dinge, die dem jedesmaligen Stück, der Szene und Person fernliegen, sehr passend zum Ausdruck bringen. Doch lassen wir diese außergewöhnliche Erfindungsgabe, Ich pfeife auf eine Andromache, So brüten auch die Häretiker dieselben Parabeln, indem sie sie auf einen frei ersonnenen Gegenstand, nicht auf den, der sich gehört, hinrichten, ganz passend aus. Warum sage ich ganz passend? Weil sie von vornherein, je nachdem die Parabeln ihnen Gelegenheit dazu boten, den Inhalt ihrer Lehren sich erdichtet haben. Denn nachdem sie sich von der wahren Glaubensregel losgesagt hatten, stand ihnen das Feld offen, die Dinge zu suchen und zusammenzustellen, welche in den Parabeln scheinbar vorgebildet sind.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. . 1. Kap. Hoher Wert ...
. . 2. Kap. Die leeren ...
. . 3. Kap. Erwiderung ...
. . 4. Kap. Untersuchung ...
. . 5. Kap. Deklamatorische ...
. . 6. Kap. Für die Verge...
. . 7. Kap. Die Parabel ...
. . 8. Kap. In der Parabel ...
. . 9. Kap. Fortsetzung.
. . 10. Kap. Die Psychiker ...
. . 11. Kap. Die anderen ...
. . 12. Kap. Übergang ...
. . 13. Kap. Der Blutschä...
. . 14. Kap. Fortsetzung.
. . 15. Kap. Fortsetzung. ...
. . 16. Kap. Dasselbe invo...
. . 17. Kap. Auch in seinen ...
. . 18. Kap. Wenn die Psyc...
. . 19. Kap. Prüfung der ...
. . Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger