Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Tertullian († um 220) - Über die Ehrbarkeit (De pudicitia)

6. Kap. Für die Vergebbarkeit des Ehebruchs darf man sich nicht auf das Alte Testament berufen. Denn in diesem Punkte ist dasselbe abgetan und im Neuen Bunde gilt eine neue Ordnung.

Allerdings, wenn du zeigst, auf welche himmlischen Beispiele und Vorschriften gestützt du dem Ehebruch allein und damit auch der Hurerei die Türe der Buße weit öffnest, dann wird sich unser Streit auf dieser Kampflinie bewegen. Ich muß dir jedoch vorher die Form dieses Kampfes vorzeichnen, damit du nicht die Hand nach den Dingen der Vorzeit ausstreckest und nicht hinter dich blickest. Denn das Alte ist dahin, wie Isaias sagt, und die Neuheit ist angebrochen nach Jeremias, vergessend des Früheren, strecken wir uns aus nach dem vor uns Liegenden, wie der Apostel sagt; das Gesetz und die Propheten gehen nach dem Ausspruche des Herrn bis auf Johannes,

Denn, wenn wir auch unsern Nachweis in Betreff des Ehebruches vorzugsweise mit dem Gesetze begonnen haben, so taten wir es berechtigter Weise von jenem Stand des Gesetzes aus, den Christus nicht aufgelöst, sondern erfüllt hat. Die Lasten des Gesetzes dauerten bis auf Johannes, nicht die Heilmittel. Das Joch der Gesetzeswerke ist abgeschüttelt, nicht das der Sittenzucht, Die Freiheit in Christo tut der Sittenreinheit keinen Abbruch. Stets bleibt das ganze Gesetz, soweit es die Frömmigkeit, Heiligkeit, Milde, Wahrheit, Keuschheit, Gerechtigkeit, Erbarmung, Güte und Züchtigkeit betrifft. Der Mann, der über dieses Gesetz nachdenkt Tag und Nacht, ist glücklich. Von ihm sagt David; "Das Gesetz Gottes ist untadelig und bekehrt die Seelen; die Zeugnisse Gottes sind gerade und erfreuen das Herz; das Gebot des Herrn leuchtet weithin und gibt Licht den Augen", Ähnlich sagt auch der Apostel: "So ist das Gesetz allerdings heilig und das Gebot heilig, gerecht und gut", natürlich das Gebot: "Du sollst nicht ehebrechen," Weiter oben heißt es: "Zerstören wir etwa das Gesetz durch den Glauben? Keineswegs, sondern wir bestätigen es", nämlich in dem, was auch jetzt im Neuen Testament verboten und durch gesteigerte Vorschriften untersagt wird. Anstatt: "Du sollst nicht ehebrechen", heißt es: "Wer sie ansieht, um ihrer zu begehren, hat bereits die Ehe in seinem Herzen gebrochen", und anstatt: "Du sollst nicht töten", heißt es: "Wer zu seinem Bruder sagt: Raka, wird des höllischen Feuers schuldig sein". Nun frage noch, ob das Gesetz, keinen Ehebruch zu begehen, unangetastet geblieben sei, nachdem das Gebot, nicht zu begehren, noch hinzugekommen ist!

Wenn es aber auch Fälle gibt, die euren höchsten Beifall finden, so dürften sie schließlich doch der Disziplin, die wir verteidigen, nicht entgegenstehen. Denn das Gesetz, welches sogar die Quellen der Sünde, d, i. die Begierden und Willensregungen, ebensosehr verdammt wie die Tat, wäre vergeblich hinzugekommen, wenn dem Ehebruch die Vergebung auch jetzt noch gewährt werden soll, weil sie ihm früher gewährt worden ist. Welchen Vorteil hätte es denn, daß er jetzt durch eine tiefer greifende sittliche Anleitung in Schranken gehalten wird, als vielleicht den, daß man ihm, durch dein größeres Reizmittel verlockt, eher nachgibt? Du wirst also wohl auch dem Götzendiener und jedem Apostaten Vergebung gewähren, weil wir finden, daß im Altertum das Volk, das sich solcher Dinge so vielmal schuldig machte, immer wieder in seinen vorigen Stand eingesetzt wurde! Du wirst wohl auch dem Mörder wieder Gemeinschaft gewähren, weil auch Achab das Blut Naboths durch Flehen sühnte und David sich von dem Morde des Urias nebst der Ursache davon, dem Ehebruche, durch Bekennen reinigte! Sogar die Blutschande wirst du vergeben wegen des Loth, die Hurerei mit Blutschande wegen des Juda, schandbare Eheschließungen mit Huren wegen des Osea, und nicht bloß die mehrmals wiederholten, sondern auch mehrere gleichzeitige Ehen wegen unserer Patriarchen! Wenn man auf Grund eines früheren Beispiels für den Ehebruch die Vergebung in Anspruch nimmt, ist es selbstverständlich billig, jetzt auch die Gnade die gleiche sein zu lassen in Bezug auf alles, was ehedem verziehen wurde.

Aber wir haben auch für unsere Ansicht Belege aus demselben Altertum, nicht bloß dafür, daß die Hurerei keine Verzeihung erhielt, sondern sogar für den sofortigen Eintritt des Gerichts über sie. Jedenfalls genügt es, daß die große Zahl von vierundzwanzigtausend Mann aus dem Volke, die mit den Töchtern von Moab gesündigt hatten, mit einem Schlage zugrunde ging.

Doch ich will lieber zur Ehre Christi die Kirchenzucht von Christus herleiten. Mögen denn, wenn die Psychiker so wollen, die früheren Zeiten Erlaubnis zu jeder Schamlosigkeit besessen haben. Mag vor Christus das Fleisch sein Spiel getrieben haben oder gar zugrunde gegangen sein, bevor sein Herr es aufsuchte - es war eben der Gabe des Heiles noch nicht würdig und noch nicht geeignet zum Dienste der Heiligkeit, Es wurde noch in Adam eingerechnet mit seiner Sünde, es begehrte leicht nach dem, was ihm reizend vorkam, es sah auf das tiefer Stehende und hatte von den Feigenblättern her ein Jucken zurückbehalten. Es haftete ihm noch allenthalben das Gift der bösen Begierde an - ein ihm eingeflößter Schmutz, der darnach angetan war, sich festzusetzen -, das ja auch das Wasser noch nicht abgewaschen hatte. Sobald aber das Wort Gottes in das Fleisch hinabstieg, welches noch durch keine Heirat entsiegelt war, und als das Wort Gottes Fleisch geworden, das fürs Heiraten gar nicht entsiegelt werden sollte, das bestimmt war, zu dem Baume des Leidens, nicht zu dem der Unenthaltsamkeit hinzuzutreten, nichts Süßes, sondern nur Bitteres davon zu verkosten, das nicht in der Unterwelt bleiben, sondern in den Himmel gelangen sollte, das nicht mit dem Laube der Zügellosigkeit, sondern mit den Blumen der Heiligkeit umgürtet werden und seine Reinheit dem Wasser mitteilen sollte - von da an legt alles Fleisch seine sonstigen früheren Unreinheiten in Christo ab; es ist bereits ein anderes geworden, als ein neues steigt es empor nicht aus des Samens Schlamme, nicht aus der Begierlichkeit Flamme, sondern aus dem reinen Wasser und dem Hl. Geiste.

Wozu willst du es also noch wegen des früheren Zustandes entschuldigen? Es wurde ja damals, als es noch für Ehebruch Vergebung erhielt, noch nicht Leib Christi, Glieder Christi, Tempel Gottes genannt. Wenn du demnach nach dem Zeitpunkte, wo es seinen Zustand änderte und auf Christus getauft Christum anzog, nachdem es um hohen Preis, nämlich um das Blut des Herrn und des Lammes, erkauft worden war, wenn du also von da an irgendein Beispiel, oder eine Vorschrift, oder eine Norm, oder einen Spruch vorführen kannst, daß der Hurerei und dem Ehebruch Verzeihung zuteil wurde oder zuteil werden soll, so hast du die von uns genau festgesetzte Zeitgrenze, von wo an das Alter unserer Streitfrage zu rechnen ist.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. . 1. Kap. Hoher Wert ...
. . 2. Kap. Die leeren ...
. . 3. Kap. Erwiderung ...
. . 4. Kap. Untersuchung ...
. . 5. Kap. Deklamatorische ...
. . 6. Kap. Für die Verge...
. . 7. Kap. Die Parabel ...
. . 8. Kap. In der Parabel ...
. . 9. Kap. Fortsetzung.
. . 10. Kap. Die Psychiker ...
. . 11. Kap. Die anderen ...
. . 12. Kap. Übergang ...
. . 13. Kap. Der Blutschä...
. . 14. Kap. Fortsetzung.
. . 15. Kap. Fortsetzung. ...
. . 16. Kap. Dasselbe invo...
. . 17. Kap. Auch in seinen ...
. . 18. Kap. Wenn die Psyc...
. . 19. Kap. Prüfung der ...
. . Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger