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Tertullian († um 220) - Über die Ehrbarkeit (De pudicitia)

22. Kap. Sehr verkehrt handeln die Kirchenobern, wenn sie den Unzuchtssündern auf die Fürbitte der Märtyrer den Kirchenfrieden erteilen, dagegen ihn denen verweigern, welche bei der Verfolgung, von Folterschmerzen überwunden, abfielen.

Du aber dehnst diese Vollmacht bereits auch auf deine Märtyrer aus! Sobald irgendeinem infolge eines vermittelten Zugeständnisses Fesseln angelegt sind, die ihn unter der neuen Bezeichnung Haft (Custodia gar nicht drücken, so machen ihm sofort die Ehebrecher ihre Aufwartung, sofort stellen sich die Hurer ein, schon ertönen Bitten, schon fließen Bäche von Tränen aller Befleckten, und niemand erkauft sich den Einlaß in den Kerker eifriger, als die den Einlaß in die Kirche verloren haben. Es drängen und drücken sich Männer und Frauen in den dunklen Orten, die man wegen der Gewohnheit, Unzucht zu treiben, wohl kennt, und suchen den Kirchenfrieden bei denen, deren eigener Friede in Gefahr ist. Andere nehmen ihre Zuflucht zu den Bergwerken und kommen als Inhaber der Kirchengemeinschaft von da zurück, wo doch bereits ein anderes Martyrium notwendig wäre wegen der nach dem Martyrium begangenen neuen Sünden. Denn wer ist auf Erden und im Fleische ohne Schuld? Wer ein Märtyrer, so lange er noch die Zeitlichkeit bewohnt, um Groschen bittet, des Arztes bedarf, und beim Gläubiger in Schuld steht? Stelle dir ihn nun vor unter dem Schwerte des Henkers, wenn sein Haupt bereits in die wagerechte Lage gebracht ist, stelle ihn dir vor am Kreuze, wenn sein Leib bereits ausgestreckt ist, stelle ihn dir vor am Pfahl, wenn der Löwe schon zum Sprung ansetzt, stelle ihn dir vor auf dem Scheiterhaufen, wenn das Feuer bereits angelegt ist, wer gibt dem Menschen selbst dann, sage ich, wenn er das Martyrium in sicherer Aussicht und sozusagen schon in der Hand hat - wer gibt ihm die Erlaubnis, zu vergeben, was Gott vorbehalten werden muß, von welchem jene Sünden ohne Entschuldigung verdammt worden sind, die nicht einmal die Apostel, soviel ich weiß, selbst auch Märtyrer, für vergebbar hielten? Hatte ja doch z. B. Paulus zu Ephesus schon gegen wilde Tiere gekämpft zur Zeit, als er dem Blutschänder den Untergang zudekretierte.

Es sei dem Märtyrer genug, sich von seinen eigenen Vergehungen gereinigt zu haben! Es ist ein Zeichen von Undankbarkeit und Hochmut, unter andere auszuteilen, was er selbst um hohen Preis erlangt hat. Wer kann den Tod anderer durch den seinigen sühnen als nur der Sohn Gottes allein? Denn auch er hat erst während seines Leidens den Räuber befreit. Er war dazu nämlich gekommen, um, selbst von Sünde rein und durchaus heilig, für die Sünder zu sterben. Also du, der du ihm nacheiferst in Vergebung der Sünden, leide ebenso wie er für mich, wenn du selbst keine Sünden begangen hast. Wofern du aber ein Sünder bist, wie wird das öl deines Lämpchens für dich und mich ausreichen können?!

Ich habe auch jetzt noch ein Kennzeichen, um Christus zu erkennen. Wenn Christus zu dem Zwecke im Märtyrer ist, damit derselbe Hurer und Ehebrecher losspreche, dann möge der Märtyrer auch die Geheimnisse des Herzens offenbaren, und unter dieser Voraussetzung möge er die Sünden vergeben, und er ist Christus. Denn in dieser Weise hat Christus der Herr seine Macht geoffenbart: "Warum denkt ihr Böses in eurem Herzen? Was ist leichter zu dem Gichtbrüchigen zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben, oder: Stehe auf und wandle? Damit ihr also wisset, daß der Menschensohn die Macht habe auf Erden, die Sünden zu vergeben, so sage ich dir: Gichtbrüchiger, stehe auf und wandle". Wenn der Herr so sehr dafür besorgt war, seine Macht zu beweisen, daß er ihre Gedanken offenlegte und dann jenem befahl, gesund zu werden, damit man nicht glaube, er besitze nicht die Macht, Sünden zu vergeben, so darf ich bei niemandem das Vorhandensein dieser Macht annehmen ohne solche Beweise, Wenn du aber für die Ehebrecher und Hurer von dem Märtyrer Vergebung erbittest, so gestehst du damit ein, daß derartige Verbrechen nur durch das eigene Martyrium zu tilgen seien, während du beanspruchst, es könne durch ein fremdes Martyrium geschehen. So viel ich weiß, ist auch das Martyrium eine andere Art Taufe. Denn es heißt: "Ich habe auch noch eine andere Taufe", weshalb auch aus der Seitenwunde des Herrn Wasser und Blut floß als Zubereitung beider Taufen. Ich muß also auch durch die erste Taufe einen anderen befreien können, wenn ich es durch die zweite kann.

Es drängt mich die Pflicht, immer und immer wieder zu Gemüt zu führen: Jede Belegstelle, jeder Grund, der dafür sprechen könnte, dem Ehebrecher und Hurer den Kirchenfrieden zurückzugeben, verlangt, daß man auch dem Mörder und dem Götzendiener, wenn sie Buße tun, zu Hilfe komme, sicher auch demjenigen, der den Glauben verleugnet, und letzterem jedenfalls dann, wenn er im Kampfe wegen des Bekenntnisses durch die Grausamkeit niedergeworfen wurde, nachdem er mit der Folter gerungen. Im übrigen wäre es Gottes und seiner Barmherzigkeit unwürdig, unwürdig der Barmherzigkeit gerade desjenigen, der die Buße des Sünders dem Tode desselben vorzieht, daß die Rückkehr in die Kirche für die leichter sein soll, die in Geilheit, als für die, die im Kampfe gefallen sind. Die Ungebührlichkeit zwingt uns, uns folgendermaßen auszudrücken: Du willst lieber von Unreinheit befleckte als mit Blut befleckte Leiber zurückrufen? Welche Buße verdient mehr Mitleid, die, welche einen von Lüsten gekitzelten Leib in den Staub beugt, oder einen von den Foltern zerfleischten? Wann ist bei allen Prozeßsachen gnädige Nachsicht mehr der Billigkeit entsprechend, wenn ein Sünder sie anruft, der freiwillig, oder einer, der mit Widerstreben sündigte? Niemand wird mit seinem Willen zum Leugnen getrieben, niemand dagegen begeht Hurerei ohne seinen Willen. Zur Wollust zwingt uns keine Gewalt, als nur die in ihr selbst liegende; das, was man aus eigenem Belieben tut, kennt keinen Zwang. Indes, wie zahlreich sind nicht die Kunstgriffe des Henkers, die zur Verleugnung treiben, sowie die Arten von Martern! Wer ist ein schlimmerer Verleugner Christi, wer ihn unter Qualen oder wer ihn unter Ergötzlichkeiten verloren hat? der, welcher bei seinem Verlust Schmerz empfand oder der, welcher dabei schäkerte? Und doch, jene Narben wurden im christlichen Streite eingedrückt, und sicherlich tun sie Christus gleichsam Gewalt an, weil sie nach dem Siege wenigstens begehrten, und auch so noch sind sie ruhmvoll, weil sie nur unterlagen dadurch, daß sie nicht siegten. Zu ihnen blickt der Teufel auch jetzt noch mit Scheu hinauf, bei ihrem Unglück, welches aber doch rein ist, bei ihrer Buße, die in Trauer, aber ohne erröten zu müssen, auf den Herrn hingerichtet ist, um bei ihm Verzeihung zu erlangen. Ihnen wird abermals vergeben werden, weil sie auf sühnbare Weise den Glauben verleugnet haben. Auf sie allein paßt das Wort: "Das Fleisch ist schwach". Hingegen ist kein Fleisch so mächtig als das, welches den Geist zu Boden wirft!

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger