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Tertullian († um 220) - Über die Ehrbarkeit (De pudicitia)

21. Kap. Über die Gewalt, Sünden zu vergeben. Unterscheidung von Kirchenzucht und höherer Vollmacht. Die Kirche in ihren Bischöfen hat nicht die Gewalt, derartige Sünden zu vergeben, sondern nur Gott hat sie, und wenn Christas sie Matth. 16, 19 dem Petrus übertrug, so galt dies nur für dessen Person, da ein solcher Anteil an der göttlichen Machtvollkommenheit an und für sich nur pneumatischen Menschen übertragen werden kann.

Je besser dies die Apostel wußten, desto besser sorgten sie natürlich auch dafür. Aber auf diesen Streitpunkt will ich mich jetzt einlassen, indem ich zwischen der Lehre der Apostel und ihrer Vollmacht unterscheide. Die Sittenlehre leitet den Menschen, die Vollmacht drückt ihm ein Siegel auf. Eine Sache für sich ist die Geistes-Vollmacht, der Geist aber ist Gott. Was lehrte er nun? Man solle keinen Teil haben an den Werken der Finsternis. Beobachte, was er befiehlt. Wer aber war imstande, die Sünden zu vergeben? Das ist etwas, was ihm allein zusteht: Denn "wer läßt Sünden nach als nur Gott allein?" Und auf alle Fälle die Todsünden, weil sie gegen ihn sowie gegen seinen Tempel begangen sind. Denn das, was eine Schuld gegen dich enthält, wird dir in der Person Petri befohlen, sogar siebenundsiebzigmal zu vergeben. Wenn es also auch ausgemacht wäre, daß die seligen Apostel persönlich Verzeihung für etwas erteilt hätten, dessen Verzeihung nur von Gott, nicht von einem Menschen erlangt werden kann, so hätten sie es nicht in kraft der Ordnung der Sittenlehre, sondern kraft einer besonderen Vollmacht getan. Denn sie haben auch Tote auferweckt, was Gott allein kann, Kranke wieder hergestellt, was nur Christus kann, aber auch Wunden geschlagen, was Christus nicht tun wollte. Denn es paßte sich nicht, daß der, welcher gekommen war, zu leiden, Wunden schlage. Es wurden geschlagen Ananias und Elymas; Ananias mit dem Tode, Elymas mit Blindheit, damit dadurch bewiesen würde, daß Christus auch die Macht gehabt habe, solches zu tun. So haben auch früher Propheten für Mord und damit verbundenen Ehebruch denen, die Buße dafür taten, Vergebung erteilt, weil sie auch Beweise ihrer Strenge gegeben hatten.

Laß mich also jetzt, apostolischer Herr, Proben deiner prophetischen Begabung sehen, damit ich die Gottheit daran erkenne, und dann nimm für dich die Gewalt, derartige Sünden nachzulassen, in Anspruch! Wenn dir aber bloß die Amtspflichten der Lehr- und Sittenzucht übertragen sind und dein Vorsteheramt das eines Dieners, nicht eines Gebieters ist, so frage ich, wer bist du oder was hast du, daß du vergeben willst, da du weder etwas von einem Propheten, noch von einem Apostel an dir darstellst und folglichderjenigen Kraft entbehrst, der das Verzeihen zusteht?

Aber, entgegnest du, die Kirche hat die Gewalt, Sünden zu vergeben. Das erkenne auch ich an und stelle auch ich auf, und zwar in noch höherem Grade, da ich den Paraklet selbst in den neuen Propheten habe, der da sagt: "Die Kirche kann die Sünde vergeben, aber ich will es nicht tun, damit nicht auch noch andere sündigen". Wie aber, wenn ein falscher Prophetengeist diesen Ausspruch getan hätte? - Aber für den bösen Geist hätte es sich fürwahr viel eher geschickt, sich durch Milde einzuschmeicheln und die übrigen zum Sündigen anzuleiten. Oder, wenn er auch in Bezug auf diesen Punkt den wahren Hl. Geist nachäffen wollte, dann kann also der wahre Hl. Geist den Hurern wohl Vergebung erteilen, will es aber nicht tun, da es der Mehrzahl zum Nachteil gereichen würde.

Doch nun stelle ich eine Untersuchung über deine Ansicht an, woher du dieses Recht für die Kirche in Anspruch nimmst. Wenn du deshalb, weil der Herr zu Petrus gesagt hat: "Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, dir habe ich die Schlüssel des Himmelreiches gegeben", oder: "Was du binden und lösen wirst auf Erden, das soll auch im Himmel gebunden und gelost sein", wenn du also deshalb annimmst, die Bindeund Lösegewalt sei auch auf dich, d. h. auf jede Kirche, die mit Petrus (oder: mit der Kirche Petri) verwandt ist, übergegangen: wie kannst du dich erdreisten, die offenkundige Absicht des Herrn, der dieses dem Petrus Eur persönlich überträgt, umzustoßen und zu verdrehen! Auf dich, heißt es, will ich meine Kirche bauen und dir will ich die Schlüssel geben, nicht der Kirche, und was du binden und lösen wirst, nichtf was sie lösen und binden werden. So lehrt es auch der Verlauf der Sache. In ihm ist die Kirche erbaut worden, d. h. durch ihn, er selbst hat den Schlüssel zuerst gebraucht, sieh hier, welchen: "Ihr Männer von Israel, höret, was ich sage: Jesum von Nazareth, den Mann, der euch von Gott bestimmt war usw.". Er selbst hat dann zuerst den Zugang zum Himmelreiche aufgeriegelt in der Taufe Christi; durch sie werden die Sünden, die früher gebunden waren, gelöst, und jene gebunden, die nicht gelöst worden sind, entsprechend dem wahren Heil. Den Ananias hat er gebunden mit den Banden des Todes, und den Lahmen gelöst von dem Übel seiner Krankheit. Aber auch bei der bekannten Kontroverse über die Beobachtung des Gesetzes wurde Petrus zuerst von allen vom Antrieb des Hl. Geistes berührt und sprach zuerst für die Berufung der Heiden: "Und nun", sagte er, "warum habt ihr den Herrn versucht, den Brüdern ein Joch aufzuerlegen, das weder wir, noch unsere Väter zu tragen imstande waren? Durch die Gnade Christi glauben wir das Heil erlangt zu haben, so wie auch sie". Dieser Ausspruch löste das, was vom Gesetze noch geblieben war, und band das, was bestehen blieb. Mithin hat die dem Petrus übertragene Binde- und Lösegewalt nichts zu schaffen mit Kapitalvergehen der Gläubigen. Wenn ihm der Herr vorgeschrieben hatte? sogar dem siebenundsiebzigmal gegen ihn fehlenden Bruder zu vergeben, so würde er ihm sicherlich nicht später befohlen haben, etwas zu binden, d. h. zu behalten, wenn nicht gerade die Sünden, die jemand gegen den Herrn, nicht gegen den Bruder begangen hat. Denn wenn die gegen Menschen begangenen Sünden vergeben werden, so ist darin von vornherein das Urteil ausgesprochen, daß die Sünden gegen Gott nicht nachgelassen werden sollen.

Was hat dies nun mit der Kirche, und zwar erst recht mit der deinigen, zu tun, o Psychiker? Denn entsprechend der Person Petri wird die genannte Vollmacht nur pneumatischen Personen zustehen: einem Apostel oder einem Propheten. Denn auch die Kirche selbst ist ja im eigentlichen und vorzüglichsten Sinne Geist, in welchem die Dreifaltigkeit der einen Gottheit ist, der Vater, der Sohn und der Hl. Geist. Er sammelt jene Kirche, welche der Herr schon bei dreien bestehen läßt. Und so wird von da an jede beliebige Anzahl von Leuten, welche in diesem Glauben sich vereinigen, als Kirche von demjenigen erachtet, der die Kirche gegründet und eingeweiht hat. Darum wird allerdings die Kirche die Sünden vergeben, aber die Geisteskirche durch einen pneumatischen Menschen, nicht die Kirche als eine Zahl von Bischöfen. Denn Recht und bestimmender Wille sind Sache des Herrn, nicht des Knechtes, nur Gottes selbst, nicht des Priesters.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger