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Tertullian († um 220) - Über die Ehrbarkeit (De pudicitia)

19. Kap. Prüfung der Schriften des Apostels Johannes in Bezug auf die vorgetragene Theorie von der Unvergebbarkeit der genannten Sünden durch die Kirche.

Doch warum spreche ich beständig nur von Paulus, da ja auch Johannes, ich weiß nicht wie, die Gegenpartei zu unterstützen scheint? Er habe in der Apokalypse unumwunden der Hurerei das Hilfsmittel der Buße an der Stelle in Aussicht gestellt, wo der Geist an den Engel der Thyatirener die Bestellung ergehen läßt, er habe das gegen ihn, daß das Weib Jezabel, "die sich eine Prophetin nennt, lehrt und meine Knechte verführt, Hurerei zu treiben und vom Götzenopfer zu essen. Ich habe ihr Zeit gegeben, Buße zu tun, und sie will sie nicht antreten für ihre Hurerei. Siehe, ich werde sie auf das Krankenlager bringen und ihre Buhlen mit ihr in die größte Bedrängnis, wenn sie nicht Buße tun für ihre Werke".

Ein Glück ist es, daß die Apostel in Bezug auf die Regeln des Glaubens und der Disziplin miteinander harmonieren. "Sei es nun ich oder sie", heißt es, "so predigen wir". Es liegt im Interesse des Gesamtchristentums, nichts als von Johannes zugestanden anzusehen, was von Paulus untersagt ist. Wer an dieser Gleichförmigkeit des Hl. Geistes festhält, der wird von ihm selbst in das Verständnis seiner Worte eingeführt. Der Betreffende führte ein häretisches Weib, welches, was sie bei den Nikolaiten gelernt, zu lehren unternahm, heimlich in die Kirche ein und drang mit Recht bei ihr auf Buße, Denn wem könnte es zweifelhaft sein, daß ein Häretiker, der durch die häretische Lehre getäuscht wurde, wenn er nacher sein Unglück erkannt und durch Buße gesühnt hat, Vergebung erlangt und in die Kirche zurückgebracht wird? Daher wird bei uns der Häretiker, als dem Heiden gleich, ja noch über ihm stehend, durch die wahre Taufe von beidem gereinigt und dann zugelassen. Oder wenn du dessen gewiß bist, daß jenes Weib nach Annahme des lebendigen Glaubens in Häresie verfiel, und für sie mithin nicht als für eine häretische, sondern als für eine rechtgläubige Sünderin Vergebung durch die Buße in Anspruch nimmst, dann mag sie immerhin Buße tun, allein nur so, daß ihr ehebrecherischer Wandel ein Ende nehme, nicht so, daß sie auch die Wiederaufnahme erlange. Das wäre die Buße, deren Pflichtmäßigkeit wir noch viel bereitwilliger anerkennen, was aber die Vergebung angeht, so stellen wir diese Gott anheim.

Und so hat denn dieselbe Apokalypse in den folgenden Kapiteln auch die Schamlosen und die Hurer, so gut wie die Feiglinge, Ungläubigen, Mörder, Giftmischer und Götzendiener, welche dies nach Annahme der Taufe geworden sind, in den Feuerpfuhl verwiesen, ohne Einschränkung betreffs der Verdammung. Denn sie wird doch nicht den Anschein erwecken können, als meine sie die Heiden, wenn sie von den Gläubigen gesagt hat: "Die, welche überwinden, werden jene Erbschaft besitzen, ich werde ihr Gott sein, und sie werden meine Kinder sein", und dann also weiter fortfährt: "Die Feiglinge, Ungläubigen, Schamlosen, Hurer, Mörder, Giftmischer und Götzendiener haben ihren Anteil im Pfuhl des Feuers und Schwefels, welches der zweite Tod ist". So heißt es auch wiederum: "Selig, welche nach den Geboten handeln, auf daß sie Anrecht haben am Baume des Lebens und eingehen durch die Tore in die heilige Stadt. Die Hunde, die Giftmischer, die Hurer und Mörder sind draußen", natürlich, weil sie nicht nach den Geboten handeln. Denn nur die können hinausgeworfen werden, die darin gewesen sind. Im übrigen ging der Grundsatz voraus: "Was habe ich über die, so draußen sind, zu urteilen?"

Auch aus dem Briefe des Johannes greifen sie eine Stelle heraus. Gleich am Anfange steht: "Das Blut seines Sohnes reinigt uns von jeder Sünde". Also dürfen wir wohl ohne Unterlaß und auf jede Weise sündigen, wenn er uns immer und von jeder Sünde reinigt, wenn aber nicht immer, dann auch nicht nach Annahme des Glaubens, und wenn nicht von jedem Verbrechen, dann auch nicht von der Hurerei. Wovon war Johannes an dieser Stelle ausgegangen? Er hatte Gott als das Licht gepriesen, Finsternis sei nicht in ihm, und wir lögen, wenn wir sagten, wir hätten Gemeinschaft mit ihm und wandelten doch in der Finsternis. "Wenn wir", heißt es, "im Lichte wandeln, so werden wir Gemeinschaft mit ihm haben, und das Blut Christi, unseres Herrn, reinigt uns von jeder Sünde." Also im Lichte wandelnd, sündigen wir, und im Lichte sündigend, werden wir gereinigt? Keineswegs, Wer sündigt, der befindet sich nicht im Lichte, sondern in der Finsternis. Daher zeigt Johannes auch, in welcher Weise wir von der Sünde gereinigt werden, wenn wir im Lichte wandeln, in welchem eine Sünde nicht vorkommen kann: wir werden von Gott gereinigt, sagt er, nicht insofern, als ob wir noch sündigten, vielmehr insofern, daß wir gar nicht sündigen. Denn wenn wir im Lichte wandeln, so haben wir an der Finsternis keinen Teil und werden als Gereinigte wandeln, nicht insofern wir ein begangenes Vergehen abgelegt haben, sondern insofern wir kein Vergehen mehr begehen. Das ist die Wirkung des Blutes des Herrn, daß die, welche es von der Sünde gereinigt und von da an in das Licht versetzt hat, von da an in der Reinheit fest verharren, wenn sie fortfahren, im Lichte zu wandeln.

Aber, wendest du ein, er fügt ja bei: "Wenn wir sagen, wir hätten keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht und erläßt sie uns und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit". - Etwa auch von der Unzucht? Wenn aber dies, dann auch vom Götzendienst! Doch nein, es verhält sich mit dem Sinn der Stelle anders. Denn siehe, es heißt wiederum auch: "Wenn wir sagen, wir hätten nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns", und weiter: "Kindlein, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündiget, und wenn ihr gesündigt habt, so haben wir einen Fürsprecher bei Gott dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten, und er selbst ist die Versöhnung für unsere Sünden". Demgemäß, behauptest du, stehe es fest, sowohl daß wir sündigen, als daß wir Verzeihung finden, - Wie steht es aber, wenn ich weiter gehend finde, daß es anders gemeint ist? Johannes leugnet nämlich, daß wir überhaupt Sünden begehen, und bringt vieles zu dem Zweck vor, nichts derart zuzugeben, indem er vor Augen stellt, Christus habe ein für allemal die Sünden nachgelassen, die nachher keine Vergebung mehr finden sollen, wobei er folgende Stellen für die Ermahnung zur Keuschheit vorlegt. "Jeder", heißt es, "der diese Hoffnung hegt, der macht sich selbst keusch, weil auch er (Gott) keusch ist. Jeder, der Sünde tut, der begeht auch Ungerechtigkeit, und die Sünde ist Ungerechtigkeit. Und ihr wißt, daß jener erschienen ist, um die Sünden hinwegzunehmen", die sicherlich nur bis dahin begangen werden durften. Denn er fügt bei: "Jeder, der in ihm bleibt, der sündigt nicht, jeder, der sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt. Kindlein, niemand täusche euch! Jeder, der die Gerechtigkeit tut, ist gerecht, wie auch jener gerecht ist. Wer Sünde tut, der ist aus dem Teufel, weil der Teufel von Anfang an sündigt. Denn dazu ist der Sohn Gottes geoffenbart worden, um die Werke des Teufels zu zerstören". Er hat sie auch zerstört, indem er den Menschen befreite durch die Taufe, nachdem die Handschrift des Todes getilgt ist. Und darum "tut niemand, der aus Gott geboren ist, Sünde, weil der Same Gottes in ihm bleibt, und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist. Darin sind offenbar die Kinder Gottes und die Söhne des Teufels". Worin also? Worin anders als nur darin, daß jene keine Sünden begehen, seitdem sie aus Gott geboren sind, diese aber sündigen, da sie aus dem Teufel sind, gerade so, als wären sie niemals aus Gott geboren. Wenn er nun sagt, "wer nicht gerecht ist, der ist nicht aus Gott", wie wird dann der Unzüchtige, welcher aufgehört hat, aus Gott zu sein, es wiederum sein können?

Es läge also nahe, zu sagen, Johannes sei sich selbst untreu geworden, da er im Anfang des Briefes leugnet, daß wir ohne Sünde sind, nun aber die Gegeneinrede erhebt, daß wir überhaupt nicht sündigen, da er ferner dort in etwa mit der Hoffnung auf Vergebung schmeichelt, hier aber allen denen, welche gesündigt haben, den Namen Kinder Gottes entschieden verweigert. Doch das sei fern! Denn auch wir selbst sind uns nicht untreu geworden in dem Punkte, wovon wir ausgegangen sind, der Unterscheidung nämlich zwischen den Sünden, und hier ist die Stelle, wo Johannes sie bestätigt hat, daß es nämlich gewisse Sünden gibt, die uns täglich zustoßen, denen wir alle ausgesetzt sind. Denn wem wird es nicht passieren, daß er einmal mit Unrecht zürnt, sogar über Sonnenuntergang hinaus, daß er einmal zuschlägt, leicht flucht, leichtfertig schwört, sein gegebenes Wort nicht hält und eine Scham- oder Notlüge begeht? Im Geschäft, im Amt, im Erwerb, beim Sehen und Hören sind wir so vielen Versuchungen ausgesetzt, daß niemand zum Heile gelangt, wenn es für solche Dinge keine Vergebung gibt. Für solche Sünden wird es also Verzeihung geben durch Christus, den Fürbitter beim Vater.

Es gibt aber auch Sünden, die ganz anders geartet sind als diese, die viel schwerer und ganz verderblich sind und bei denen die Vergebung ausgeschlossen ist: Mord, Götzendienst, Betrug, Ableugnung des Glaubens, Gotteslästerung, in jedem Falle auch Ehebruch und Hurerei, und was es sonst noch für Verletzungen des Tempels Gottes gibt. Für solche Sünden ist Christus ferner kein Fürbitter mehr. Solche Sünden begeht der überhaupt nicht, der aus Gott geboren ist, und er wird aufhören, Kind Gottes zu sein, wenn er sie begangen hat. Somit wird ein Grund vorhanden sein für die verschiedene Ausdrucksweise bei Johannes, da er einen Unterschied unter den Sünden aufstellen will, wenn er bald bejaht, bald verneint, daß die Kinder Gottes sündigen. Er sah nämlich schon auf die Schlußstelle seines Briefes hin und arbeitete ihr durch die genannten Stellen vor, um gegen Ende deutlicher auszusprechen: "Wenn jemand weiß, daß sein Bruder eine Sünde begangen habe nicht zum Tode, so wird er für ihn bitten, und Gott wird dem das Leben geben, der nicht sündigte zum Tode. Es gibt nämlich eine Sünde zum Tode, und ich sage nicht, daß einer dafür bitte". Er hatte seinerseits nicht vergessen, daß dem Jeremias von Gott verboten worden war, für das Volk, welches Todsünden beging, zu beten. "Jede Ungerechtigkeit ist Sünde, und es gibt eine Sünde zum Tode. Wir wissen aber, daß jeder, der aus Gott geboren ist, keine Sünde begeht", d. h. keine Sünde, welche zum Tode ist. So bleibt dir denn jetzt nichts mehr übrig, als entweder zu leugnen, Ehebruch und Hurerei seien Todsünden, oder einzugestehen, sie seien unvergebbar und Vergehungen, für welche nicht einmal zu bitten erlaubt ist.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger