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Tertullian († um 220) - Über die Ehrbarkeit (De pudicitia)

13. Kap. Der Blutschänder, der im ersten Korintherbriefe genannt wird, ist nicht, wie die Psychiker glauben, dieselbe Person mit dem Sünder, der im zweiten Korintherbriefe Verzeihung erhält.

Die falschen Vermutungen, denen sie sich auch in Bezug auf diesen Punkt hingeben, sind uns freilich genugsam bekannt. Sie machen in Wirklichkeit die törichte Annahme, der Apostel Paulus habe im zweiten Korintherbriefe demselben Hurer Vergebung erteilt, über den er im ersten die Sentenz gesprochen hatte, er sei dem Satan zum Verderben des Fleisches zu übergeben, er, der ruchloserweise als Erbe in die Ehe seines Vaters eintrat. Also hätte er seine früheren Worte später ausgestrichen, als er schrieb: "Wenn jemand Ursache zur Betrübnis gegeben hat, so hat er sie nicht mir gegeben, sondern zum Teil - ich will nicht beschwerlich sein - euch allen. Es genügt für einen solchen jene Züchtigung, die von vielen ausgeht, so daß ihr im Gegenteil vielmehr vergebet und tröstet, damit ein solcher nicht durch übermäßige Traurigkeit verschlungen werde. Darum bitte ich euch, daß ihr ihm Liebe zuwendet. Denn ich habe auch deswegen an euch geschrieben, um eure Bewährung zu erkennen, ob ihr mir in allem gehorcht. Wenn ihr aber jemand Vergebung habt zuteil werden lassen, dann auch ich. Denn auch ich habe, wenn ich etwas nachgelassen, es in Christo nachgelassen, damit wir nicht vom Satan hintergangen würden; denn seine Einflüsterungen sind uns nicht unbekannt".

Wo ist hier etwas, was auf den Hurer, was auf den Verunreiniger des Ehebettes seines Vaters, was auf den Christen, der die Schamlosigkeit der Heiden überboten hatte, zu beziehen wäre? Der Apostel würde jedenfalls einen, den er in spezieller Entrüstung verurteilt, doch auch ebenso in spezieller Vergebung losgesprochen haben. Er ist ja in seiner Barmherzigkeit undeutlicher als in seiner Entrüstung! Er ist in seiner Strenge besummier als in seiner Milde! Nun aber pflegt sich doch der Zorn mehr versteckt zu halten als die Nachsicht. Man zögert mehr mit traurigen als mit freudigen Dingen. Es handelte sich nämlich nur um eine Nachlassung in einer geringen Sache, die vielleicht nicht einmal besondere Aufmerksamkeit erregte, während doch die Nachlassung bei den größten Verbrechen nicht einmal ohne feierliche Verkündigung zu geschehen pflegt, geschweige denn gar ohne bestimmte Bezeichnung.

Selbst du, wenn du die Brüder in die Kirche einführst, um für den büßenden Ehebrecher Fürbitte zu leisten, läßest ihn im härenen Bußgewand, in Asche, im schimpflichen und schauerlichen Aufzuge sich in der Mitte niederwerfen vor den Witwen und vor den Priestern; allen sucht er Tränen zu entlocken, aller Fußstapfen küsset er, aller Knie umfasset er, und auf ein solches Schicksal dieses Menschen predigst du, mit allen möglichen Reizmitteln des Mitleidens als "guter Hirt und preiswürdiger Vater", und suchst dann im Gewände der Parabel vom verlorenen Schaf deine Ziegen, damit ferner dein Schaf nicht noch einmal von der Herde fortlaufe - als ob erst von nun an nicht gestattet wäre, was keinmal gestattet war -, flößest du auch den übrigen Schafen Furcht ein, in dem Augenblick, wo du doch in Wirklichkeit die größte Nachsicht übst: der Apostel dagegen soll es mit Verzeihung der verbrecherischen Lust der Hurerei, die noch durch Blutschande erschwert war, so leicht genommen haben, daß er von ihm nicht einmal die geschilderten gesetzmäßigen Übungen der Buße, die du doch von ihm erlernen sollst, verlangt, keine Drohungen für die Zukunft gemacht und keine Ermahnungen für die Folgezeit hinzugefügt hätte?! Ja er geht noch weiter, er beschwört die Korinther, sie sollen dem Betreffenden Liebe zuwenden, wie einer, der etwas wieder gut macht, nicht wie einer, der verzeiht! Und doch, ich höre nur das Wort Liebe, nicht das Wort Kirchengemeinschaft. Ebenso spricht er auch im Briefe an die Thessalonicher: "Wenn einer nicht hört auf mein Wort in diesem Schreiben, den weiset zurecht und verkehret nicht mit ihm, damit er in sich gehe, aber haltet ihn nicht wie einen Feind, sondern tadelt ihn wie einen Bruder". Also hätte er wohl sagen können, daß auch dem Hurer nur Liebe zuteil geworden sei, nicht aber die Kirchengemeinschaft; dem Blutschänder aber auch nicht einmal Liebe, da er ihn nämlich aus ihrer Mitte - noch viel mehr also aus ihrem Sinne - zu entfernen befohlen hatte.

Aber er fürchtete wohl, sie würden vom Satan betrogen werden, durch das Verlorengehen einer solchen Person, die er selbst dem Satan übergeben hatte - oder der werde durch übergroße Traurigkeit verzehrt werden, den er doch selbst dem Verderben des Leibes preisgegeben hatte?! Nun deuten sie schon in der in Rede stehenden Stelle das "Verderben des Leibes" auf die Leistung der Bußübung, die durch Fasten, schmutzige Kleidung, durch jegliche Selbstvernachlässigung und absichtliche Selbstpeinigung das Fleisch gleichsam aufreibe und Gott dadurch Genugtuung leiste, um daraus den Schluß abzuleiten, der Apostel habe den Hurer, ja sogar jenen Blutschänder nicht dem Satan zum Verderben übergeben, sondern zur Besserung, als werde er nachher wegen dieses Verderbens, d. i. wegen der Kasteiungen seines Leibes Verzeihung erlangen und habe sie also auch erlangt. - Allerdings hat derselbe Apostel den Hymenäus und Alexander dem Satan übergeben, damit sie gebessert würden und nicht mehr lästerten, wie er an seinen Timotheus schreibt. Allein er sagt auch, daß ihm selbst "ein Pfahl beigegeben sei, ein Engel des Satans, der ihm Backenstreiche versetze, damit er sich nicht überhebe". Wenn sie auch auf diese letztere Stelle den Finger legen, auf daß wir die von ihm dem Satan Überlieferten als nur zur Besserung, nicht zum Verderben ihm übergeben ansehen sollen, so frage ich, welche Ähnlichkeit hat denn Gotteslästerung und Blutschande mit einer Seele, die von diesen Dingen rein ist, ja, die aus keinem anderen Grunde als wegen ihrer höchsten Heiligkeit und vollkommenen Keuschheit hoch erhobenist, die beim Apostel allenfalls durch Backenstreiche gezügelt werden sollte, das ist, wie man glaubt, durch Ohren- und Kopfschmerzen? Blutschande und Lästerung aber verdienten es, daß jene Menschen ganz dem Satan selber, nicht etwa bloß seinem Engel als Besitz überliefert wurden. Auch darin liegt ein Unterschied, ja darauf kommt sehr viel an, daß die Genannten, wie wir lesen, vom Apostel dem Satan förmlich übergeben wurden, dem Apostel selbst aber ein Engel des Satans nur beigegeben war.

Schließlich, als Paulus zum Herrn rief, was bekam er zu hören? "Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft vollendet sich in der Schwachheit". Das kann man zu denen, die dem Satan übergeben sind, nicht sagen. Wenn aber das Vergehen des Hymenäus und Alexander, nämlich die Blasphemie, unvergebbar ist, sowohl in dieser als in jener Welt, dann hat sicherlich der Apostel sie, die sich vom Glauben ab- und der Blasphemie zugewendet hatten, nicht, entgegen der Vorschrift des Herrn, mit der Hoffnung auf Verzeihung dem Satan übergeben. Darum hat er sie auch für schiffbrüchig im Glauben erklärt, für Leute, die bereits den Trost des Schiffleins der Kirche nicht mehr besitzen. Denn die Vergebung wird denen verweigert, welche vom Glauben aus in die Blasphemie gefallen sind. Die Heiden und Häretiker dagegen erheben sich jeden Tag aus der Blasphemie. Wenn er aber auch gesagt hat: "Ich habe sie dem Satan übergeben, damit sie lernen, nicht zu lästern", so hat er das auf die anderen berechnet, welche, nachdem jene dem Satan übergeben, d. h. aus der Kirche hinausgestoßen waren, lernen sollten, daß man nicht lästern dürfe. So also hat er auch den Blutschänder dem Satan, zu dem er durch seine mehr als heidnische Sünde bereits übergetreten war, nicht zur Besserung, sondern zum Verderben überliefert, damit man an ihm lerne, keine Unzucht zu treiben.

Endlich sagt er: zum Untergang, nicht zur Peinigung des Fleisches, und verurteilt die Substanz selbst, mittels derer jener abgefallen war, welche von da an bereits dem Untergang verfallen war durch den Verlust der Taufe. "Damit der Geist", heißt es, "gerettet werde am Tage des Herrn." Denn auch in Bezug auf diesen Punkt muß man die Frage stellen, ob der Geist desselben Menschen gerettet werde? Gerettet also soll werden ein mit einem solchen Verbrechen befleckter Geist, nachdem der Leib deshalb zugrunde gerichtet worden ist? Gerettet soll er sein in der Strafe? Folglich würde die entgegengesetzte Meinung eine Bestrafung ohne Leib annehmen: damit geben wir die Auferstehung des Fleisches preis. Es bleibt also nur eins übrig, nämlich daß er dem Geist, der unter der Kirche verstanden wird, Rettung zugesprochen habe, d. h. daß er am Tage des Herrn rein dastehen soll von der Befleckung jeglicher Unlauterkeit, nachdem der blutschänderische Unzüchtige hinausgeworfen ist. Denn er fügt hinzu: "Wißt ihr nicht, daß ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert?" Die blutschänderische Hurerei war aber doch nicht ein wenig Sauerteig, sondern eine ganze Masse.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger