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Tertullian († um 220) - Die Prozeßeinreden gegen die Häretiker (De praescriptione haereticorum)

7. Kap. Die Häresien haben ihren Ursprung aus der Philosophie, indem philosophische Ansichten mit christlichen Lehren vermischt wurden.

Das sind jene Lehren von Menschen und Dämonen1, die da zum Kitzeln der Ohren aus der Erfindungsgabe irdischen Wissens entsprungen sind. Letzteres hat der Herr als Torheit bezeichnet, und das, was [S. 313] vor der Welt töricht ist, erwählt, um auch die Philosophie selbst zu beschämen2. Denn sie ist eben das Feld, auf dem die Weisheit der Welt sich bewegt3, sie, die voreilige Erklärerin der Natur und der Ratschlüsse Gottes. Auch die Häresien selbst empfangen durch die Philosophie ihre Ausrüstung. Von ihr stammen die Äonen und weiß Gott welche unzählige Gestaltungen, sowie die Dreiteilung der Menschen bei Valentinus - er war nämlich Platoniker gewesen; von daher stammt Marcions besserer Gott, besser infolge seiner Ruhe - Marcion war von den Stoikern herübergekommen; daß der Untergang der Seele behauptet wird - man hat es den Epikureern abgelauscht; daß die Wiederherstellung des Leibes geleugnet wird - man hat es der übereinstimmenden Lehre sämtlicher Philosophenschulen entlehnt; wenn von irgendeinem die Materie Gott gleichgestellt wird - es ist die Lehre des Zeno; wo etwas von einer feurigen Gottheit vorgebracht wird - Heraklitus steckt dahinter. Dieselben Gegenstände werden bei Häretikern und bei Philosophen behandelt, dieselben verwickelten Verhandlungen werden angestellt: Woher das Böse und warum ist es da? Woher der Mensch und wie ist er beschaffen? und Woher ist Gott? eine Frage, die kürzlich Valentinus aufgeworfen hat, um die Antwort zu geben: aus der Enthymesis und dem Ektroma. Du armer Aristoteles! Du hast sie die Dialektik gelehrt, die Meisterin im Aufbauen und Zerstören, die so verschmitzt ist in ihren Sätzen, so gezwungen in ihren angeblichen Schlüssen, so hart in ihren Beweisen, so geschäftig im Wortstreit, die, sogar sich selbst zur Last fallend, alles behandelt, um schließlich gar nichts behandelt zu haben. Von dort kommen jene Fabeln und endlosen Genealogien, die unersprießlichen Untersuchungen4 und die krebsartig fortschreitenden Reden5, von welchen der Apostel uns fernzuhalten bemüht ist und dabei ausdrücklich [S. 314] die Philosophie als das bezeichnet, wovor man sich hüten müsse, indem er an die Kolosser schreibt: "Sehet zu, daß euch niemand täusche durch die Philosophie und durch leeren Trug, nach der Überlieferung der Menschen"6 gegen die Vorsehung des Hl. Geistes. Er war in Athen gewesen und hatte diese Menschenweisheit in Zusammenkünften kennen gelernt, diese Nachäfferin und Verfälscherin der Wahrheit, die selbst auch vielgeteilt ist in ihre Häresien durch die Mannigfaltigkeit der Schulen, welche einander bekämpfen. Was hat also Athen mit Jerusalem zu schaffen, was die Akademie mit der Kirche, was die Häretiker mit den Christen? Unsere Lehre stammt aus der Säulenhalle Salomos, der selbst gelehrt hatte, man müsse den Herrn in der Einfalt seines Herzens suchen7. Mögen sie meinethalben, wenn es ihnen so gefällt, ein stoisches und platonisches und dialektisches Christentum aufbringen! Wir indes bedürfen seit Jesus Christus des Forschens nicht mehr, auch nicht des Untersuchens, seitdem das Evangelium verkündet worden. Wenn wir glauben, so wünschen wir über das Glauben hinaus weiter nichts mehr. Denn das ist das erste, was wir glauben: es gebe nichts mehr, was wir über den Glauben hinaus noch zu glauben haben.

1: von denen der Apostel spricht; vgl. 2 Tim. 4, 3.
2: Vgl. 1 Kor. 1, 27.
3: Vor Augen schwebt das Wort des Apostels: Nonne stultam fecit Deus sapientiam huius saeculi 1 Kor. 1, 20, verbunden mit 1 Kor. 1, 27.
4: 1 Tim. 1, 4.
5: 2 Tim. 2, 17.
6: Kol 2, 8.
7: Weish. 1, 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger