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Tertullian († um 220) - Die Prozeßeinreden gegen die Häretiker (De praescriptione haereticorum)

38. Kap. Sie sehen sich förmlich genötigt, die Heilige Schrift, entsprechend ihrem jedesmaligen Irrtum, verschiedentlich zu fälschen.

Dorthin also wird man die Verfälschung sowohl der Schriften wie auch ihrer Deutungen verlegen müssen, wo die Verschiedenheit in der Lehre sich findet. Wer einmal den Vorsatz hatte, anders zu lehren, der war durch die Notwendigkeit gezwungen, auch die Lehrbücher anders einzurichten. Man hätte ja sonst nicht anders lehren können, wenn man nicht Lehrmittel von einer andern Beschaffenheit hatte! So wenig, wie ihnen die Verfälschung der Lehre hätte gelingen können ohne Verfälschung der dazu gehörigen Urkunden, so wenig hätte uns die Vollständigkeit und Reinheit der Lehre genutzt ohne Vollständigkeit dessen, wodurch die Lehre vermittelt wird. Gibt es etwa in unsern Urkunden etwas, das uns widerspräche? Welche eigene Zutaten haben wir gemacht, um etwas ihnen Entgegenstehendes in der Hl. Schrift Vorkommendes durch Wegnahme, [S. 348] Zusätze oder Umstellungen zu heilen? Was wir sind, das ist auch die Schrift von ihrer Entstehung an. Aus ihr sind wir, bevor etwas anderes da war, bevor ihr sie gefälscht habt. Jede Abänderung aber ist für das Spätere zu halten und geht jedenfalls aus böswilliger Gesinnung hervor, die niemals früher existiert als das, was sie anfeindet, noch ihm befreundet ist. Daher ist es für jeden Einsichtsvollen ebenso unglaublich, daß wir, die wir die Ersten und Uranfänglichen sind, den fälschenden Griffel an die Schrift gelegt haben sollen, als daß jene, welche die Spätern und feindlich Gesinnten sind, es nicht getan haben sollten. Der eine verkehrt die Texte, der andere die Erklärung des Sinnes1. Bedient sich Valentinus scheinbar der unverstümmelten heiligen Urkunde, so hat er sich doch auf eine noch verschmitztere Weise an der Wahrheit vergriffen, als Marcion. Marcion nämlich gebrauchte offen und ungeniert das Messer, nicht den Griffel; denn er vollzog nach den Anforderungen seines Lehrstoffes einen Mord an der Hl. Schrift. Valentinus hingegen verfuhr mit Schonung; denn er machte sich nicht eine Hl. Schrift nach seinem Lehrstoff, sondern sann seinen Lehrstoff nach der Schrift aus. Trotzdem nahm er mehr hinweg und setzte mehr hinzu, indem er einerseits den wirklichen Sinn selbst der einzelnen Worte beseitigte, andererseits Hineindeutungen nicht beabsichtigter Dinge hinzufügte2.

1: Nach der Lesart: manus (nicht manu) scripturas – sensus (nicht sensu) expositiones.
2: Gemeint ist die figürliche Erklärung, welche den Wortsinn beseitigte, und die allegorische Deutung der Schrift auf die Äonenlehre usw.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger