Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Tertullian († um 220) - Die Prozeßeinreden gegen die Häretiker (De praescriptione haereticorum)

30. Kap. Die zeitigen Häresien sind erst lange nach den Zeiten der Apostel entstanden; andere verdanken gar noch lebenden Personen ihren Ursprung.

Wo war damals Marcion, der Schiffsreeder aus Pontus, der Verehrer der Stoa? Wo Valentinus, der Anhänger des Platonismus? Es ist ja eine bekannte Sache, daß sie unlängst erst gelebt haben, etwa unter der Regierung des Antoninus, und in der römischen Gemeinde unter dem Episkopat des lobwürdigen1 Eleutherius sich erst zu der katholischen Lehre bekannt haben, bis sie wegen ihrer unruhigen Zweifelsucht, womit sie oftmals auch die Brüder ansteckten, mehrfach exkommuniziert - Marcion, trotz seiner zweihunderttausend [S. 337] Sesterzien, die er der Kirche eingebracht hatte - zuletzt zu einer beständigen Ausschließung verurteilt, das Gift ihrer Lehren ausgebreitet haben. Späterhin übernahm Marcion die Kirchenbuße, aber als er sich der ihm auferlegten Bedingung - er sollte nämlich die Gemeinschaft alsdann wieder erhalten, wenn er auch die übrigen durch seine Lehre ins Verderben Geführten der Kirche wiedergewänne - unterziehen wollte, wurde er vom Tode überrascht. Denn es mußte ja Häresien geben. Doch sind die Häresien darum, weil es deren geben muß, noch nicht etwas Gutes. Das würde klingen, als wenn es nicht auch Übles hätte geben müssen. Der Herr mußte auch verraten werden, - aber wehe dem Verräter! So kann mir daher niemand die Häresien verteidigen.

Sollen wir auch des Apelles Stammbaum durchgehen, so gehörte er so wenig der alten Zeit an als Marcion, sein Lehrer und Bildner, sondern sich an eine Frauensperson hängend, lief er, der marcionitischen Enthaltsamkeit2 untreu geworden, aus den Augen seines so heiligmäßigen Lehrmeisters weg nach Alexandrien. Von da kam er nach Jahren zurück, um nichts gebessert als darin, daß er kein Marcionite mehr war, und geriet an eine andere Weibsperson, jene bekannte, obengenannte3 Jungfrau Philumene, die nachher auch eine entmenschte Hure wurde, durch deren Zauberkünste umgarnt er die Offenbarungen, die er von ihr enthielt, niederschrieb4. Noch leben Leute in der Welt, die sich ihrer entsinnen können, sogar ihre eigenen Schüler und Nachtreter, so daß sie nicht leugnen können, daß sie später sind5. Jedoch sie werden auch, wie der Herr gesagt hat, durch ihre Werke widerlegt6. Denn wenn Marcion das Neue Testament von dem Alten absondert, [S. 338] so ist er später als das, was er absonderte, da er ja nicht hätte trennen können, was nicht vorher vereint war. Die ehemalige Vereinigung vor stattgefundener Trennung und die nachmalige Trennung beweist, daß der Trennende später lebte. Ebenso wenn Valentinus eine andere Deutung und ohne Zweifel eine Verbesserung (der Hl. Schrift) lieferte, so beweist er durch eben diese Verbesserung, daß das, was er, als vorher fehlerhaft, verbesserte, das Eigentum eines anderen war7.

Wir führen gerade die Genannten auf, da sie als Verfälscher der Wahrheit die hervorragendsten sind und die meisten Anhänger haben. Aber auch ein gewisser Nigidius, Hermogenes und viele andere laufen noch jetzt herum und verderben die Wege des Herrn. Möchten sie mir doch angeben, von welcher Autorität sie ausgegangen sind! Wenn sie einen andern Gott verkünden, wie sind sie imstande, sich der Geschöpfe, Schriften und Namen des Gottes zu bedienen, gegen den sie auftreten? Predigen sie denselben Gott, warum denn auf eine ganz andere Weise? Mögen sie es beweisen, daß sie neue Apostel sind, und vorgeben, Christus sei wiederum herabgestiegen, habe wiederum gelehrt, sei wiederum gekreuzigt, wiederum gestorben und auferstanden. Denn auf diese Weise pflegt er, wie der Apostel es beschreibt8, Apostel zu machen und ihnen außerdem auch die Macht zu geben, die Zeichen zu tun, die er selbst tat. Ich verlange also auch ihre Wunderkraft zu sehen. Als ihre größte Wunderkraft bemerke ich aber nur, daß sie die Apostel in umgekehrter Weise nachahmen. Jene pflegten aus Toten Lebendige zu machen, sie machen aus Lebendigen Tote.

1: Benedictus, entsprechend dem griechischen μακάριος scheint eine Titulatur für die Bischöfe gewesen zu sein. Vgl. de pudic. c. 13. Benedictus Papa contionaris; Hippol. Philosoph. XI, 12 τὸν μακάριον Οὐίκτορα. Eleutherius regierte 174/5 – 189 n. Chr.
2: Marcion verbot die Ehe.
3: Kap. 6.
4: Unter dem Titel Φανερώσεις.
5: ne posteriores negare possint. Zur Konstruktion vgl. Hoppe 144. Die Übersetzung: „damit ja die Nachwelt es nicht leugnen könne“, ist unrichtig. Zum Gebrauch von „ne“ vgl. Hoppe 82.
6: Matth. 7, 16.
7: alterius fuisse, andere wollen lesen anterius fuisse.
8: Der Zusatz; apostolus descripsit ist zweifelhaft. Der Sinn ist: Er machte die Apostel zu Zeugen seines Lebens und seiner Auferstehung. T. denkt an Apg. 1, 21 f.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Bilder Vorlage

Navigation
. . Mehr
. . 22. Kap. Wollte man ...
. . 23. Kap. Widerlegung ...
. . 24. Kap. Fortsetzung.
. . 25. Kap. Die Apostel ...
. . 26. Kap. Fortsetzung. ...
. . 27. Kap. Wenn auch ...
. . 28. Kap. Wenn die Kirc...
. . 29. Kap. Wenn die Lehr...
. . 30. Kap. Die zeitigen ...
. . 31. Kap. Die ursprüng...
. . 32. Kap. Auch hohes ...
. . 33. Kap. Selbst wenn ...
. . 34. Kap. Stammt eine ...
. . 35. Kap. Fortsetzung.
. . 36. Kap. Wie das Tradi...
. . 37. Kap. Die Häretiker ...
. . 38. Kap. Sie sehen ...
. . Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger