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Tertullian († um 220) - Die Prozeßeinreden gegen die Häretiker (De praescriptione haereticorum)

23. Kap. Widerlegung der ersteren Annahme.

Sie machen also, um den Aposteln ein gewisses Nichtwissen aufmutzen zu können, den Umstand geltend, Petrus und seine Gefährten seien von Paulus getadelt worden1. Folglich mangelte ihnen etwas, sagen sie, um darauf auch den weiteren Schluß zu bauen, es habe ihnen nachher eine reichlichere Wissenschaft zuteil werden können, wie sie Paulus zuteil geworden sei, als er seine Vorgänger tadelte. Leuten, welche die Apostelgeschichte verwerfen, wäre ich diesem Einwurf gegenüber berechtigt zu entgegnen: Erst müßt ihr mir angeben, wer dieser Paulus ist, wie er Apostel geworden und was er vorher war2, - zumal da sie sich seiner auch bei andern Fragen sehr viel bedienen. Denn der Umstand, daß er sich selbst als einen bekennt3, der aus einem Verfolger ein Apostel geworden, genügt keinem, der prüft, was er glaubt, da ja auch der Herr selbst kein Zeugnis von sich ablegt4.

Mögen sie indes glauben ohne die Hl. Schrift, um zu glauben im Widerspruch zur Schrift, so haben sie doch aus dem von ihnen angerufenen Umstande, daß [S. 330] Petrus von Paulus getadelt worden sei, den Beweis zu führen, daß Paulus eine andere Form des Evangeliums neu hinzugefügt habe, die verschieden war von der, welche zuvor Petrus und die übrigen aufgestellt hatten! - Nun wird aber doch der in einen Glaubensboten umgewandelte Verfolger von den Brüdern zu den Brüdern geleitet, wie einer der Brüder, und zwar von solchen, welche von den Aposteln den Glauben angenommen hatten, zu eben solchen. Darauf steigt er, wie er selber erzählt, nach Jerusalem hinauf, um Petrus kennen zu lernen, wozu ihm selbstverständlich die Gleichheit des Glaubens und der Predigt das Recht und die Pflicht gab. Denn wenn seine Predigt und Lehre eine abweichende gewesen wäre, so hätten jene keine Ursache gehabt, sich zu wundern, daß er aus einem Verfolger ein Glaubensbote geworden sei, und hätten auch den Herrn nicht deshalb verherrlichen können5, weil Paulus, ein Gegner, sich eingefunden habe. Deshalb also gaben sie ihm auch ihre Rechte als Zeichen der Eintracht und Übereinstimmung und veranstalteten unter sich eine Teilung der Arbeit, nicht eine Trennung des Evangeliums, so daß nicht etwa der eine so, der andere anders, sondern der eine diesen, der andere jenen predigte, Petrus für die Beschneidung, Paulus für die Heiden6. Schließlich, wenn Petrus getadelt wurde, daß er sich aus menschlichen Rücksichten, obwohl er früher mit den Heiden in Gemeinschaft gelebt hatte, nachmals von ihrer Gemeinschaft zurückzog, so war das jedenfalls nur ein Fehler im Verhalten, nicht in der Lehre. Denn es wurde darum von der Zeit an kein anderer Gott gepredigt als der Schöpfer, kein anderer Christus als der aus Maria geborene und keine andere Hoffnung als die Auferstehung.

1: Gal. 2, 11.
2: was man ohne die Apostelgeschichte nicht imstande ist anzugeben.
3: Gal. 1, 13.
4: Joh. 5, 31.
5: vgl. Gal. 1, 18 ff.
6: Gal. 2, 9.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger