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Tertullian († um 220) - Die Prozeßeinreden gegen die Häretiker (De praescriptione haereticorum)

22. Kap. Wollte man noch außerhalb der apostolischen Tradition Wahrheit suchen, so müßte man annehmen, Christus habe nicht allen Aposteln seine ganze Lehre mitgeteilt, oder diese hätten ihrerseits einiges als Geheimlehre für sich behalten.

Da jedoch diese Beweisführung so bündig ist, daß sofort, wenn sie vorgebracht wird, keine weitere Verhandlung1 mehr notwendig ist, so wollen wir einstweilen, gerade als hätten wir sie noch nicht vorgebracht, der Gegenpartei noch Raum geben, wenn sie glaubt, irgend etwas auftreiben zu können, um diese Einrede zu entkräften. Ihre gewöhnliche Ausrede ist: Die Apostel hätten nicht alles gewußt; von derselben Verblendung getrieben, in der sie das Oberste zu unterst kehren, sagen sie: Die Apostel hätten zwar alles gewußt, aber nicht allen alles mitgeteilt und hängen mit jeder der beiden Behauptungen Christus einen Tadel an, entweder er habe zu wenig unterwiesene oder er habe zu wenig aufrichtige Leute als Apostel ausgesendet. Welcher Mensch von gesunden Sinnen kann nun glauben, irgend etwas sei denen unbekannt geblieben, welche uns der Herr zu Lehrern gegeben hat, die er als unzertrennliche Gefährten in seinem Gefolge, in seinem Unterricht, in seiner Lebensgemeinschaft bei sich hatte, welchen er alles Dunkle noch besonders zu erklären pflegte, indem er [S. 328] sagte, ihnen sei es gegeben, die Geheimnisse kennen zu lernen, welche dem Volke zu verstehen nicht gegeben sei! Ist dem Petrus etwas verborgen geblieben, ihm, welcher der Fels zum Aufbau der Kirche genannt wurde, der die Schlüssel des Himmelreichs erhielt und die Gewalt, im Himmel und auf Erden zu binden und zu lösen?2 Und dem Johannes, dem geliebtesten Jünger des Herrn, der an seiner Brust lag, dem der Herr allein den Verrat des Judas vorher anzeigte, den er an seiner Stelle Maria als Sohn empfahl, ist ihm wohl etwas verborgen geblieben? Was hätte er denen verheimlichen wollen, welchen er gewährte, sogar seine Herrlichkeit zu schauen, und Moses mit Elias, und dazu die Stimme des Vaters vom Himmel zu vernehmen? Nicht, als wenn er die übrigen damit zurückgesetzt hätte, sondern weil bei der Aussage dreier Zeugen jegliche Sache feststeht3. Es sind dann auch wohl diejenigen unwissend geblieben, welchen er nach der Auferstehung unterwegs alle Schriften auf zuschließen sich würdigte4. - Er hatte allerdings früher einmal geäußert: "Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es noch nicht tragen", doch fügte er gleich hinzu: "Wenn jener Geist der Wahrheit gekommen sein wird, der wird euch in alle Wahrheit einführen"5. Damit gibt er hinlänglich zu erkennen, daß nichts denen unbekannt geblieben sei, welchen er verspricht, daß sie durch den Geist der Wahrheit in den Besitz aller Wahrheit gelangen sollen. Und er hat in der Tat auch seine Verheißung erfüllt, da die Apostelgeschichte die Herabkunft des Hl. Geistes bestätigt. Diejenigen, welche dieses Buch der Schrift nicht annehmen, die können auch nicht des Hl. Geistes sein, als solche, die noch nicht imstande sind, den den Schülern gesendeten Hl, Geist zu erkennen. Ebensowenig können sie dann aber auch behaupten, sie seien die Kirche6, da sie kein Mittel haben, um zu zeigen, wann [S. 329] dieser Leib7 gegründet worden und welches seine Wiege sei8. Daß sie keine Beweise für die von ihnen verteidigten Lehren haben, daran liegt ihnen gar nichts9; wenn nur zugleich den Widerlegungen10 der von ihnen vorgebrachten Lügen die Zulassung versperrt wird.

1: retractare heißt, wie eine Menge von Stellen beweist, verhandeln, nicht Bedenken haben.
2: Matth. 16, 18.
3: Ebd. 18, 16.
4: die Jünger auf dem Weg nach Emmaus.
5: Joh. 16, 12 f.
6: Nach der Lesart des Argobardinus und Leidensis: sed nec ecclesiam se defendere (sc. possunt); esse ist wie oft bei T. ausgelassen. s. Hoppe 144. In der anderen Lesart: sed nec ecclesiam se dicant defendere ist offenbar „dicant“ eigeschoben und dadurch der Sinn entstellt worden.
7: die Kirche.
8: da sie die Apostelgeschichte nicht anerkennen.
9: Tanti est wird meistens (auch von Aubespine) unrichtig erklärt. Es entspricht unserer vulgären Redensart: Das gilt mir keinen Pfifferling.
10: traductiones die Widerlegung, Überführung. Vgl. adv. Prax. 1 traductae; de anima 1 traducit.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger