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Tertullian († um 220) - Die Prozeßeinreden gegen die Häretiker (De praescriptione haereticorum)

14. Kap. Was außerhalb der Glaubensregel liegt, darf an sich wohl Gegenstand der Untersuchung werden, in Wirklichkeit aber ist es den Häretikern nicht um das Forschen zu tun, sondern nur darum, Anhänger zu gewinnen.

Wofern aber nur ihre Form in ihrer Ordnung bestehen bleibt, magst du untersuchen und verhandeln, soviel du willst, und aller Lust des Forschens ihren freien Lauf lassen, wenn dir etwas unbestimmt gelassen oder an Dunkelheit zu leiden scheint. Jedenfalls ist ein Mitbruder da, ein Lehrer, der mit der Gnade der Wissenschaft begabt ist, einer, der sich des Verkehrs mit solchen erfreut, die besser bewandert sind, einer, der dann mit dir - aber mit mehr Sorgfalt - untersucht. Schließlich ist es besser, unwissend zu sein, um nicht kennen zu lernen, was [S. 321] man nicht soll; denn, was du wissen mußt, daß weißt du ja. Dein Glaube, heißt es, hat dir geholfen1, nicht die Vertrautheit mit der Hl. Schrift. Der Glaube ist in der Glaubensregel niedergelegt; er umschließt das Gesetz und, infolge der Beobachtung des Gesetzes, das Heil. Die Vertrautheit mit der Schrift aber wurzelt im Grübelgeiste und erwirbt nichts weiter als Berühmtheit infolge des Strebens nach Kenntnissen. Die Wißbegierde weiche dem Glauben, die Ruhmsucht weiche dem Seelenheil! Wenigstens sollen sie ihm nicht hinderlich sein, oder wenigstens Ruhe halten. Nichts gegen die Glaubensregel wissen, heißt alles wissen. Gesetzt wirklich, die Häretiker wären keine Feinde der Wahrheit, gesetzt, wir wären nicht gewarnt worden, sie zu fliehen, was soll es heißen, sich mit Menschen zu besprechen, die gestehen müssen, daß sie selber noch suchen? Denn wenn sie wirklich noch suchen, so haben sie ja noch nichts Gewisses gefunden, und was sie mithin auch immer vorläufig fest zu besitzen scheinen - sie verraten ihre eigene Unsicherheit, so lange sie noch suchen. Du also, der du ebenso suchest und auf solche schaust, die selber auch noch suchen, ein Zweifelnder auf Zweifelnde, ein Schwankender auf Schwankende2, du wirst notwendig als ein Blinder von den Blinden in die Grube geführt werden. Da sie jedoch, nur um zu täuschen, vorgeben, noch untersuchen zu wollen, um uns in unruhige Spannung zu versetzen und uns so ihre Lehren beizubringen, schließlich aber, sobald sie Zutritt zu uns erlangt haben, sofort die vorgeblich erst noch zu untersuchenden Dinge als gewiß verteidigen, so müssen wir sie gleich so zurückweisen, daß sie wissen, wir seien nur ihnen, nicht Christus gegenüber Leugner. Denn so lange sie noch suchen, besitzen sie noch nicht; wenn sie aber noch nicht besitzen, so haben sie den Glauben noch nicht; wenn sie aber den Glauben noch nicht haben, so sind sie keine Christen. Allein sie geben vor, sie müßten, obgleich sie besitzen und glauben, doch noch der Verteidigung halber untersuchen. Bevor es zur Verteidigung kommt, [S. 322] leugnen sie das, wovon sie ja eingestehen, daß sie es noch gar nicht im Glauben angenommen haben, so lange sie suchen. Da sie also noch nicht einmal für sich selber Christen sind, um wieviel weniger werden sie es für uns sein! Welchen Glauben mögen Leute vortragen, die gleich mit einer Täuschung ankommen. Welche Wahrheit mögen die vertreten, welche sich einer Lüge bedienen, um sie einzuführen? Aber sie verhandeln doch auch auf Grund der Hl. Schrift und suchen auf Grund der Schrift zu überzeugen. - Freilich, wie könnten sie auch anders über Gegenstände des Glaubens sprechen, als nur wenn sie aus den hl. Schriften des Glaubens schöpfen?

1: Luk. 18, 42.
2: Nach der Lesart: dubius ad dubios, incertus ad incertos.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger