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Tertullian († um 220) - An Scapula (Ad Scapulam)

2. Kap. Die Christen mit Gewalt zur Annahme des Heidentums zwingen zu wollen, ist unvernünftig. Abwehr des Vorwurfs der Reichsfeindschaft.

Wir verehren nur einen Gott, den ihr alle von Natur aus kennt, vor dessen Blitz und Donner ihr zittert und an dessen Gaben und Wohltaten ihr euch erfreut. Ihr glaubt auch noch an weitere Götter, welche, wie wir jedoch wissen, Dämonen sind. Jedoch es ist ein Menschenrecht und eine Sache natürlicher Freiheit für jeden, das zu verehren, was er für gut hält, und die Gottesverehrung des einen bringt dem andern weder Schaden noch Nutzen. Nicht einmal Sache der Gottesverehrung ist es, zur Gottesverehrung zu zwingen, da sie von freien Stücken unternommen werden muß und nicht aus Zwang; denn auch Opfer werden nur von einer willigen Gesinnung gefordert. Wenn ihr uns also auch wirklich zum Opfern treiben wollt, so würdet ihr euren Göttern keinen Dienst damit erweisen. Denn von Widerwilligen werden sie wohl keine Opfer verlangen, es sei denn, daß sie händelsüchtig wären; händelsüchtig aber ist Gott nicht. Der, welcher der wahre Gott ist, gewährt alle seine Gaben den Gottlosen sowohl als seinen Anhängern in gleicher Weise1, und darum hat er auch ein ewiges Gericht angeordnet für die Dankbaren und die Undankbaren, - Ihr haltet uns für Heiligtumsschänder, habt uns aber noch niemals bei einem Diebstahle betroffen, geschweige denn bei einem Tempelraub. Alle die, welche Diebstähle in den Tempeln verüben, schwören bei [S. 266] den Göttern und verehren sie; sie sind keine Christen, werden aber doch auf Tempelraub ertappt. Es wäre zu weitläufig, wenn wir wiederholen wollten, auf wie vielfache Weise sämtliche Götter sonst noch von ihren eigenen Verehrern verhöhnt und beschimpft werden.

Ähnlich werden wir auch in Hinsicht der kaiserlichen Majestät verleumdet, obwohl doch niemals Christen gefunden werden konnten, die Anhänger des Albinus, Niger oder Cassius gewesen wären, sondern es waren eben dieselben Leute, die tags zuvor noch bei deren Genien geschworen hatten, die für das Wohlergehen derselben Opfer veranstaltet und Gelübde gemacht hatten; Leute, welche schon oft Christen verurteilt hatten, wurden als Feinde der Kaiser erkannt. Die Christen sind niemandes Feinde, am wenigsten des Kaisers. Da sie wissen, daß derselbe von ihrem Gott eingesetzt worden ist, so müssen sie ihn notwendig lieben, fürchten, ehren und seine Erhaltung wünschen mit der des gesamten römischen Reiches, solange die Welt steht. Denn so lange wird letztere auch bestehen2. Wir verehren daher den Kaiser, aber auf eine Weise, wie es uns erlaubt ist und ihm selbst nützt, als einen Menschen, der nach Gott der zweite ist; der, was er ist, von Gott erhalten hat und nur Gott nachsteht. Das wird auch wohl sein eigener Wunsch sein. Denn dann ist er größer als alle, wenn er allein geringer ist als der wahre Gott. Dann ist er sogar größer als die Götter selber, da diese sich ja in seiner Gewalt befinden. Daher bringen wir denn auch für das Wohl des Kaisers Opfer dar, aber nur unserem Gotte, der auch der seinige ist und, so wie es Gott vorgeschrieben hat, mit bloßem Gebet3. Denn Gott, der Schöpfer des Weltall, bedarf keiner Wohlgerüche oder irgendwelches Blutes; dies ist das Futter der Dämonen. Die Dämonen aber verwerfen wir nicht allein, sondern wir überführen und beschämen sie auch jeden Tag und treiben sie aus den Leuten aus, wie vielen bekannt ist. So beten wir in besserer Weise für das Wohlergehen des Kaisers, indem wir es von demjenigen erbitten, der es [S. 267] geben kann. Es könnte euch fürwahr klar sein, daß wir handeln, wie es die göttliche Langmut lehrt, wenn eine so große Menge von Menschen wie wir, fast die größere Hälfte in jeder Stadt, ruhig bleiben und uns loyal verhalten. Als Einzelpersonen sind wir vielleicht mehr bekannt als in unserem Gemeinschaftsleben, und wir sind auch an nichts anderem zu erkennen als an der Ablegung unserer früheren Fehler. Es sei fern von uns, daß wir das mit Widerwillen ertrügen, was wir ja zu leiden begehren, oder daß wir auf irgendeine Wiedervergeltung von unserer Seite sännen, die wir vielmehr von Gottes Hand erwarten.

1: ex aequo s. Hoppe, 101.
2: Vgl. Apol. 32
3: ohne Weihrauch und Opfertier.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger