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Tertullian († um 220) - Vom Kranze des Soldaten (De corona militis)

11. Kap. Über die Soldatenkränze im besonderen. Christen sollten überhaupt den Soldatenstand gar nicht ergreifen.

Um die Frage in Betreff des Soldatenkranzes in Angriff zu nehmen, so muß man, glaube ich, erst untersuchen, ob es sich überhaupt für den Christen schicke, Soldat zu werden. Denn was hieße es, über Nebendinge zu verhandeln, wenn die Grundlage nicht in Ordnung ist? Halten wir es für erlaubt, einen menschlichen Fahneneid auf den göttlichen1 zu setzen, uns noch einem andern Herrn nach Christus zuzugeloben und von Vater und Mutter und unserem Nächsten uns loszuschwören, die doch das Gesetz zu ehren und nächst Gott zu lieben vorschreibt2, und welche auch das Evangelium so sehr geehrt hat, sie bloß nicht höher stellend als Christum?3 Wird es erlaubt sein, mit dem Schwerte zu hantieren, da der Herr den Ausspruch tut, "wer sich des Schwertes bedient, werde durch das Schwert umkommen"?4 Soll der Sohn des Friedens in der Schlacht mitwirken, er, für den sich nicht einmal das Prozessieren geziemt? Wird er Bande, Kerker, Foltern und Todesstrafen zum Vollzug bringen, er, der nicht einmal die ihm selber zugefügten Beleidigungen rächt? Wird er ferner für andere Stationen halten als [S. 253] für Christus5, oder auch am Sonntage, an welchem Tage er sie nicht einmal für Christus hält? Wird er vor den Tempeln Wache stehen, denen er widersagt hat, da speisen, wo es der Apostel nicht gestattet?6 Wird er diejenigen, welche er am Tage durch Exorzismen vertreibt, bei Nacht beschützen, gestützt und ruhend auf der Lanze, womit die Seite Christi durchbohrt wurde? Wird er auch die Fahne tragen, diese Nebenbuhlerin Christi, und sich vom Feldherrn die Losung geben lassen, da er sie schon von Gott empfangen hat? Wird er nach seinem Tode von der Trompete der Spielleute aufgeschreckt, er, der darauf wartet, von der Posaune des Engels auf erweckt zu werden? Wird auch der Christ soldatischem Herkommen gemäß verbrannt werden7, er, dem das Verbrennen nicht erlaubt war, und dem Christus die verdiente Feuerstrafe nachgelassen hat.

Wie viele andere Übertretungen kann man noch in den Verrichtungen des Kriegslebens ausfindig machen, die einem Abfall gleichzustellen sind! Schon daß er aus dem Heerlager des Lichtes zum Heerlager der Finsternis übergeht, ist eine Handlung der Fahnenflucht. Allerdings bei solchen, die dem Soldatenstande schon angehörten und die Gnade des Glaubens nachher fanden, ist die Sache eine andere, wie z. B. auch bei denen, welche Johannes zur Taufe zuließ, wie bei jenen so gläubigen Hauptleuten, dem nämlich, welchen Christus lobte, und dem, welchen Petrus unterwies8. Trotzdem muß man nach Annahme des Glaubens und der Taufe entweder den Kriegsdienst sofort verlassen, wie viele auch wirklich getan haben, oder, um nichts, was auch durch den Soldatenstand nicht zu etwas Erlaubtem wird9, tun zu müssen, alle möglichen Ausflüchte suchen, [S. 254] oder zuletzt für Gott das dulden, was in gleicher Weise der heidnische Glaube zudiktiert10. Denn weder Straflosigkeit bei Versündigungen noch Freibleiben vom Märtyrertode stellt der Soldatenstand in Aussicht.

Der Christ wird nirgendwo ein anderer, als er ist. Es gibt nur ein Evangelium, und Jesus ist einer und derselbe; er verleugnet einen jeden, der Gott verleugnet, und bekennt einen jeden, der Gott bekennt; er wird die Seele retten, die für seinen Namen verloren wurde, und im Gegenteil diejenige verderben, die wider seinen Namen erhalten wurde11. Bei ihm gilt der gläubige Nichtsoldat als Soldat, und der gläubige Soldat nicht mehr als eine Zivilperson12. Der Standpunkt des Glaubens läßt keine Berufung auf Notwendigkeiten zu. Es gibt keine Notwendigkeit zu sündigen für die, für welche es nur eine Notwendigkeit gibt, jene, nicht zu sündigen. Zum Opfern und direkten Ableugnen des Christentums wird man durch die zwingende Gewalt der Foltern oder Strafen gedrängt, und doch nimmt die Kirchenzucht auf diesen Zwang keine Rücksicht, weil die Notwendigkeit, die Ableugnung zu fürchten und den Märtyrertod zu erleiden, größer ist als die, dem Leiden zu entgehen und den Opferdienst zu verrichten. Im übrigen aber untergräbt eine derartige Entschuldigung das ganze Wesen es Taufbundes in einer Weise, daß sie auch zu absichtlich gewollten Sünden die Fessel lösen würde. Denn auch das Wollen kann eventuell als Notwendigkeit ausgegeben werden, wenn etwas vorliegt, was von zwingendem Einfluß auf dasselbe ist. Ich möchte aber gerade durch ihn vorbauen13, auch in Bezug auf die übrigen Anlässe, [S. 255] von Amtswegen Kränze zu tragen, bei denen die Berufung auf die Notwendigkeit so sehr beliebt ist14, da man eben deswegen die Ämter fliehen soll, um nicht in Versündigungen zu verfallen, oder den Märtyrertod erleiden muß, um mit den Ämtern zu brechen. In Bezug auf den ersten Punkt des fraglichen Gegenstandes, die Unerlaubtheit des Soldatendienstes an sich, will ich weiter keine Worte verlieren, um den zweiten wieder aufnehmen zu können. Fürwahr, wenn ich mit allen zu Gebote stehenden Hilfsmitteln den Soldatendienst beseitige, so wäre es zwecklos, noch zum Streite über die Kränze der Soldaten herauszufordern. So nimm denn also an, der Kriegsdienst sei erlaubt bis auf den Punkt des Kränzetragens!

1: den Taufbund.
2: Exod. 20,12; Lev. 5,16.
3: Matth. 10,37.
4: Matth. 26,52.
5: stationes steht hier im Doppelsinne von Feldwache und der besonderen Art des Fastens, welche bei den Christen statio hieß.
6: in oder vor den Götzentempeln, wo er Posten zu stehen hat. 1 Kor. 8,10.
7: seine Leiche. – cremare non licuit, Weihrauch beim Opfern.
8: Matth. 8,10; Apg. 10,1 ff.
9: Oehler widerspricht mit Unrecht der Deutung dieser Stelle bei Rigaltius. Ob seine Lesart extra militiam besser sei als ex militia, mag ich nicht entscheiden.
10: den Tod.
11: Matth. 10,39.
12: „paganus“ wird unrichtig mit „Bauer“ oder „Heide“ übersetzt. Es bezeichnet im Gegensatz zu Militärperson die Zivilperson und T. will sagen, vor Gott sind Militär- und Zivilpersonen gleich.
13: ipsam praestruxerim kann sich nur auf substantiam sacramenti beziehen, und der Sinn ist: Der Taufbund baut vor, daß ein solches Wollen eintrete, das sich auf dergleichen Notwendigkeiten beruft, und stellt deshalb die Forderung, man solle die Ämter und den Kriegsdienst fliehen. Vgl. cap. 13.
14: Die richtige Lesart scheint hier zu sein familiarissima est advocatio.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger