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Tertullian († um 220) - Arznei gegen Skorpionstich (Scorpiace)

6. Kap. Die Gefahren, welchen Gott seine Bekenner aussetzt, dienen ihnen als Gelegenheit, ihre Festigkeit im Glauben zu erproben und Fortschritte zu machen. Die schwere Sünde des Abfalls vom Christentum wird um des Martyriums willen vergeben.

Aber auch dann, wenn Gott uns das Martyrium als einen bloßen Wettkampf, in welchem wir uns mit dem Widersacher messen sollen, anheimgegeben hätte, damit der Mensch mit Tapferkeit denjenigen niederwerfe, [S. 199] von welchem er sich so leichtlich hatte niederwerfen lassen, - auch dann käme noch mehr die Güte Gottes als seine Strenge ins Spiel. Er will dem mittels des Glaubens aus dem Rachen des Teufels gerissenen Menschen dazu verhelfen, daß er des Teufels spotten könne, so daß er nicht bloß dem Feinde entwischt sei, sondern als Sieger über ihn dastehe. Der ihn zum Heile berufen hatte, beliebte ihn auch zum Siege einzuladen, damit wir zur Freude über unsere Befreiung auch den Jubel eines Siegeskranzes hinzufügten.

Mit welcher Vorliebe die eben stattfindenden Kampfspiele, diese streitvollen Festlichkeiten, diese abergläubischen Wettkämpfe bei den griechischen Religionsfesten und Ausschweifungen von der Heidenwelt gefeiert werden, ist auch in Afrika bereits männiglich bekannt. Noch immer lassen die einzelnen Städte Karthago keine Ruhe mit ihren Glückwünschen, daß, nachdem die Rennbahn etwas Altes geworden, ihm ein pythischer Wettkampf beschert ist. Es galt von jeher für etwas höchst Angemessenes, Proben seiner Leistungen abzulegen, zu wetteifern, wer in den Fertigkeiten der Körperkraft und Stimmittel am meisten vermöge1, wobei der Kampfpreis den Herold und die Schaulust den Richter macht, das Amusement aber die Entscheidung gibt. Wo ungeschützt gekämpft wird, da gibt es immer Wunden : die Fäuste werden geschwungen, die Fersen teilen Tritte aus, man wird durch die Faustriemen geschunden, durch die Peitschen zerfleischt. Niemand jedoch wird dem Vorsitzenden Kampfrichter den Vorwurf machen, er setze die Menschen gewalttätiger Verletzung aus. Klagen über Injurien gehören nicht in die Rennbahn. Nur das, was um jene blauen Flecken, Wunden und Beulen zu haben ist, behält man im Auge, die Kränze, die Ehre, die Gaben, die staatlichen Auszeichnungen, die Besoldungen seitens der Bürgerschaft, die Bilder, Statuen und jene Art von Unsterblichkeit, wie sie die Welt zu verleihen imstande ist, das ewige Leben des Ruhmes und die Auferstehung im [S. 200] Angedenken der Menschen. Der Kämpfer klagt nicht über seine Schmerzen; denn er will sie. Der Kranz schließt ihm die Wunden, die Siegespalme überschattet das Blut. Wolltest du den für einen geschlagenen Mann halten, dessen Freude du mit Augen siehest? Nicht einmal der Besiegte wird dem Preisrichter seinen Unfall zum Vorwurf machen.

Wird es nun wohl Gottes unwürdig sein, seine Künste und Leistungen in die Öffentlichkeit, auf die Rennbahn dieser Welt treten zu lassen, als Schauspiel für die Engel, die Menschen und alle Gewalten? Fleisch und Geist hinsichtlich ihrer Standhaftigkeit und Ausdauer zu prüfen? Dem einen die Palme oder die Ehre zu geben, dem andern das Bürgerrecht oder einen Ehrensold? Auch einige zu verwerfen und die Gestraften mit Schimpf und Schande auf die Seite zu bringen? Nicht wahr, du willst Gott Zeit, Art und Ort vorschreiben, wie er über seine Dienerschaft sein Urteil fällen soll, als wenn es dem Richter nicht auch zukäme, sein Urteil zum voraus zu bilden.

Wie wäre es aber, wenn Gott den Glauben dem Martyrertum ausgesetzt hätte, nicht zu bloßem Probekampfe, sondern zu eigenem Wachstum? Mußte der Glaube nicht für seine Hoffnung einen Höhepunkt haben, wohin er seinen Eifer hindrängt, dem er sich ganz weiht, wozu emporzusteigen er bestrebt ist, zumal ja auch die weltlichen Beamten nach Beförderung lechzen. Wozu wären die "vielen Wohnungen im Hause des Vaters", wenn nicht wegen der Mannigfaltigkeit der Verdienste? Wie könnte ein Stern von dem andern verschieden sein, wenn nicht wegen der Verschiedenheit der Strahlen? Wenn übrigens einem höherstehenden Glauben eine vorzüglichere Verherrlichung gebührt, so mußte dieser Gewinn in etwas bestehen, was um hohen Preis errungen wird, durch Anstrengung, Marter, Qual und Tod2. Wenn Leib und Seele daran gegeben werden - das liebste, was der Mensch besitzt, wovon ersterer das [S. 201] Werk der Hand Gottes, letztere sein Odem ist - so schaue nur den Ausgleich: was eingezahlt wird3, um Zuwachs zu bringen, erhält auch selbst den Zuwachs; was eingesetzt wird, gewinnt auch. Eins und dasselbe ist einerseits Einzahlung und anderseits Auszahlung.

Gott hat auch die andern Schwachheiten des Menschenwesens vorhergesehen, die Nachstellungen des Widersachers, die Täuschungen durch die Dinge, die Fallstricke der Welt, daß der Glauben auch nach der Taufe wieder in Gefahr geraten und viele nach erlangtem Heile wiederum verloren gehen würden, weil sie ihr hochzeitliches Kleid befleckt und für ihre Lampen kein Öl bereitet hatten, daß diese in Schluchten und auf Bergen gesucht und auf den Schultern zurückgetragen werden müßten4. Er hat also einen abermaligen Trost und eine letzte Hilfe bereitgestellt, den Kampf im Martyrium und die hieraus folgende Abwaschung durch Blut. Diese Glückseligkeit meint David, wenn er sagt: "Glückselig, deren Ungerechtigkeiten nachgelassen und deren Sünden zugedeckt sind. Selig der Mann, dem Gott seine Vergehen nicht zugerechnet hat"5. Nur den Märtyrern kann im vollen Sinne nichts mehr angerechnet werden, weil ihnen bei der Abwaschung das Leben selbst in Sicherheit gestellt wird6. So bedeckt die Liebe die Menge der Sünden7, nämlich jene Liebe, welche, Gott liebend aus allen Kräften, die sie beim Martyrium aufbietet, aus ganzer Seele, die sie um Gottes willen hingibt, den Menschen zum Märtyrer stempelt8, Diese Heilmittel, Ratschläge, Gerichte, Schauspiele, willst du sie etwa auch Härte von Seiten Gottes nennen? Ist Gott etwa nach dem Blute des Menschen begierig? Ich möchte es [S. 202] wagen, Ja zu sagen, für den Fall, daß auch der Mensch das Reich Gottes, der Mensch die Sicherheit seines Heiles, der Mensch die zweite Wiedergeburt begehrt. Kein Ausgleich erregt Mißfallen, bei dem das Verhältnis sei es des Nutzens, sei es des Schadens auf beiden Seiten gleich ist.

1: Oehler hat nach dem Agobardinus praesentia. Wisssowa folgt der Konjektur des Gelenius praestantia.
2: quod magno constaret: labore, cruciatu, tormento, morte. Nach Oehler ist im Agobardinus nach constaret eine Lücke, die mit „pretio“ ausgefüllt wird. Notwendig ist „pretio“ nicht.
3: nämlich Leib und Seele.
4: als verlorene Schafe.
5: Ps. 31, 1 f.
6: quibus in lavacro ipsa vita deponitur wird mit „da sie bei der Abwaschung ihr Leben selbst hingeben“ nicht richtig übersetzt. Der Gedanke ist: die Bluttaufe stellt das Heil sicher und erwirbt dadurch sich das Leben bei Gott. Zu „deponere“ vgl. de res. carn. 63: In deposito est (sc. caro) apud deum.
7: 1 Petr. 4, 8.
8: Vgl. Matth. 22, 37.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger